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Band I (1990)Spalten 236-238 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz

ARNOLD, Eberhard, Begründer der Bruderhöfe, * 26.7. 1883 in Hufen bei Königsberg (Preußen) als Sohn des Gymnasiallehrers Carl Franklin A., † 22.11. 1935 in Darmstadt. - Seine Kindheit und Schulzeit verlebte A. in Breslau, wohin sein Vater 1888 als Professor für Kirchengeschichte berufen worden war. Konfirmandenunterricht und Konfirmation gaben ihm nichts, was seinen inneren Hunger stillen konnte. Ernst Ferdinand Klein lud seinen Neffen Eberhard für die Sommerferien 1899 zu sich ein. Hier im märkischen Landpfarrhaus lernte der 16jährige A. durch seinen Onkel und gläubige Bauern der Gemeinde etwas ganz Neues kennen: ein fröhliches Christentum als Frucht der Sündenvergebung und der Heilsgewißheit und die Freude im Dienst dessen, der sein Leben für uns Eberhard gelassen hat. Es kam zu einer radikalen inneren Wendung und durch den Dienst im Christlichen Verein junger Männer und in der Gemeinschaft in Breslau zu einer bewußten Hingabe an Christus. A. studierte in Breslau, Halle und Erlangen Theologie, Philosophie und Pädagogik. In Halle (Saale) leitete er die Gruppe der Deutschen Christlichen Studentenvereinigung (DCSV). In Erlangen promovierte A. 1909 zum Dr. phil. mit der Dissertation »Urchristliches und Antichristliches im Werdegang Friedrich Nietzsches«. In demselben Jahr verheiratete er sich mit der ihm gleichgesinnten Emmy von Hollander, der Tochter eines Juristen, die ihm die rechte Mitarbeiterin an seinem Lebenswerk wurde. A. war als Schriftsteller tätig und wurde viel zu öffentlichen Vorträgen geladen. Die Verbindung der Kirche mit dem Staat und dem Besitz und ihre Taufpraxis machten ihm viel Not und drängten ihn dazu, in den kirchlichen Fragen eine klare Entscheidung zu treffen. A. ließ sich taufen und trat aus der Landeskirche aus. Angeregt durch die Schriften des religiös-sozialen Schweizer Pfarrers Hermann Kutter, wandte er nun sein besonderes Interesse der Arbeiterfrage zu und trat entschieden für das Proletariat und alle anderen Unterdrückten ein. Das hatte manche Auseinandersetzung mit Eltern und Kirchenbehörden zur Folge. Wegen schwerer Erkrankung an Lunge und Kehlkopf siedelte A. mit seiner Familie 1913 nach Bozen in Südtirol über und verlebte hier eine stille Zeit innerer Besinnung und eifriger schriftstellerischer Arbeit. 1914 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen, aber nach einigen Wochen wegen seiner schwachen Gesundheit wieder entlassen. Von Halle (Saale) aus folgte A. 1915 dem Ruf nach Berlin als Sekretär der DCSV und wurde dort 1916 zugleich literarischer Geschäftsführer des in diesem Jahr gegründeten Furche-Verlags. Auf der Pfingsttagung der DCSV in Marburg 1919 stand die Bergpredigt Jesu im Mittelpunkt der Referate und Aussprachen. Mit allem Nachdruck betonte A., daß ihre Forderungen für den Jünger Jesu verpflichtend seien und keinen Kompromiß dulden. Der Tagung in Marburg folgten in Berlin im Hause A.s offene Abende, zu denen oft 80 oder 100 Menschen aus den verschiedensten Kreisen kamen: Jugendbewegte, Proletarier, Studenten, Offiziere, Atheisten, Pietisten, Anarchisten, Quäker. Auch hier stand im Mittelpunkt der Aussprachen die Bergpredigt Jesu. Auf der christlichen Studentenkonferenz in Bad Oeynhausen 1919 traten Marburger Studenten auf in leidenschaftlichem Widerspruch gegen den Krieg und den kapitalistischen Staat und erklärten: »Wir wollen Salz der Erde sein, die Ethik Jesu ungebrochen einströmen lassen in die verwirrte Zeit.« In der erregten Debatte vertrat A. den Standpunkt, den man damals »Edelkommunismus« bezeichnete. Die Aussprache wurde in Bad Saarow (Brandenburg) fortgesetzt. Auch A. gehörte zu dem Kreis der Jugendbewegung, der sich 1919/20 viele junge Menschen aller politischen und religiösen Richtungen anschlossen. Er sammelte einen Freundeskreis und rief mit Normann Körber, Heinrich Schultheis u. a. die Neuwerkbewegung ins Leben, eine religiös-soziale Vereinigung, deren Zusammenschluß auf der Pfingsttagung 1920 in Schlüchtern (Hessen) erfolgte. Sommer 1920 bezog A. mit seiner Frau und seinen fünf Kindern drei kleine Stuben im Hinterhaus einer Gastwirtschaft in Sannerz bei Schlüchtern, später eine größere Wohnung. Der kleine Kreis, der im Anfang nur aus sieben Erwachsenen und fünf Kindern bestand, wurde von vielen Gästen aufgesucht. Als die Gemeinschaft an Zahl und Aufgaben wuchs, wurde der Platz in Sannerz bald zu klein. Darum erwarb A. 1926 ein sehr ärmliches und heruntergewirtschaftetes Gut bei Neuhof (Kreis Fulda), aus dem dann der Rhönbruderhof wurde. Er gedieh aber durch die fleißige Arbeit seiner Bewohner. A. schuf in Sannerz und auf dem Bruderhof in der Rhön einen Mittelpunkt brüderlichen Lebens in Arbeits- und Gütergemeinschaft, eine Siedlung mit einer allzeit offenen Tür für alle, die eine Heimat und Zuflucht suchten. Hier lebte und wirkte A. als ein Mann, »in dem die Flamme der Urchristenheit loderte«, wie Erich Stange im Gedenken an seinen ehemaligen Mitarbeiter in der DCSV schreibt, »und der in liebenswürdiger Demut und tiefer Innerlichkeit einen Weg quer durch die verschiedensten christlichen Prägungen suchte«. A. nahm sich der Kindererziehung und des Schulwesens an, hielt Vorträge in verschiedenen Städten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz und entfaltete eine reiche schriftstellerische und verlegerische Tätigkeit mit eigener Druckerei. Mit den huterischen Bruderhöfen (s. Huter, Jakob) in Nordamerika knüpfte A. Verbindungen an und besuchte 1930 sie alle. Der Amerikareise folgte eine besonders gesegnete Zeit des inneren und äußeren Wachstums. November 1933 wurde der Rhönbruderhof von der Geheimen Staatspolizei besetzt und die Schule geschlossen. A. mietete auf der Alp Silum im Fürstentum Liechtenstein ein leeres Kurhaus und bezog es März 1934. Es kam zur Gründung des Almbruderhofs, dessen Gemeinschaft durch Zuzug der jungen deutschen Brüder etwa 100 Seelen zählte. In Deutschland blieben nur Schweizer, Engländer und Schweden mit nur wenigen Deutschen zurück. Frühjahr 1935 unternahm A. eine Vortragsreise nach Holland und England, konnte aber den Plan der Gründung eines Bruderhofs in England nicht mehr verwirklichen, weil er ganz plötzlich infolge einer Operation starb. In seinem Geist arbeiteten seine Gattin und seine Söhne weiter, die die Leiter der Bruderhöfe in Primavera, Alto Paraguay wurden, wo auch A.s Witwe lebt.

Werke: Urchristliches u. Antichristliches im Werdegang Friedrich Nietzsches (Diss. Erlangen 1909), 1910; Lebensweise lebendiger Gemeinden, 1913 u. 1934; Der Krieg, ein Aufruf zur Innerlichkeit (Urform des späteren Buches »Innenland«), 1914; Die drei Bücher im Felde, 1915; Innenland. Ein Wegweiser in die Seele der Bibel, 1918 (19364 ... und in den Kampf um die Wirklichkeit; 481 ff.: Lebensabriß); Die Religiosität der heutigen Jugend, 1919; Liebesleben u. Liebe, 1921: Zum Kampf der Jugend um das Liebesproblem, in: Friedrich Wilhelm Foerster u. die wirkl. Welt, hrsg. v. Alfred Dedo Müller, 1927, 89 ff.; 1. u. 2. Sendbrief an die hutterischen Bruderhöfe Nordamerikas. 1931/32; Die Kindergemeinde des Bruderhofes u. der Geist der Erziehung, 1932; Der Almbruderhof Silum in den Liechfensteiner Alpen, 1934;, Vom Leben der Bruderhöfer, 1934; 14 Lieder, in: Sonnenlieder I, Sannerz 1924; II, Bruderhof 1933: III. Ashton Kevnes 1938. - Gab heraus: Junge Saat. Lebensbuch einer Jugendbewegung (mit Normann Körber), 1921.

Quellen: Lebensbücherei christl. Zeugnisse aller Jh.e, 20 Bde. u. 2 Vorbde., 1926-31 (I. v. A.: Die ersten Christen nach dem Tode der Apostel. Aus sämtl. Qu. der ersten Jh.e zus.gest., 1926); Zschrr.: Die Furche, 1915-19; Das neue Werk, 1920-23; Die Wegwarte, 1926-28.

Lit.: Gerda Soecknick, Religiöser Sozialismus der neueren Zeit, 1926; - Hans Zumpe, E. A., sein Leben für die Bruderhöfe, seine Sendung für das kommende Reich Gottes u. die Ausrichtung völliger Gemeinschaft unter den Menschen, Almbruderhof 1935; - E. A. Aus seinem Leben u. Schrifttum. Ein Zeugnis für völlige Gemeinschaft, Bromdon, Bridgnorth, Shropshire (England) 1953; - NDB I, 384 f.; - RGG I, 633.

Friedrich Wilhelm Bautz

Literaturergänzung:

2004

Markus Baum, Stein des Anstoßes. Eberhard Arnold 1883-1935, Moers 1996; - Wer war Eberhard Arnold? im Internet: http://www.eberhardarnold.de/ea/de/index.htm (20.2.2004).

Letzte Änderung: 30.12.2009