AUREA von Ostia (Aurea Ostiensis, Chryse, Aura), Märtyrerin (Fest 24.8., 20.5.), 23.8. 268 (252?), Ostia. - Laut Passio I ist A. (die weitgehend identische Passio Censurini I nennt sie stets Aura; Vergleich der beiden Fassungen: Lanzoni 1927), Römerin kaiserlicher oder königlicher (!) Herkunft, als Christin aufgewachsen, wird wegen Verweigerung des heidnischen Opfers in Rom verhaftet, sieben Tage ohne Nahrung eingekerkert, gefoltert, in Ketten nach Ostia auf ihr Gut deportiert, besucht den gefangenen Prätorianerpräfekten Censurinus, wohnt der Bekehrung der Gefangenenwärter und eines Schusters und der Erweckung seines Sohnes Faustinus bei, die Bischof Quiriacus von Ostia, Presbyter Maximus und Diakon Archelaus vollbringen, und wirkt jeweils als Taufpatin. Priester und Täuflinge werden auf Befehl des Vicarius (mit richterlicher Funktion erst ab 4. Jh.) Ulpius Romulus hingerichtet (8.8.), die Leichen ins Meer geworfen, A. mit einem Stein um den Hals im Meer versenkt (23.8.). Die angeschwemmte Leiche wird von einem Christen namens Nonnosus (oder Nonnus oder Hippolytus), Bischof von Porto, geborgen und auf ihrem eigenen Gut am 29.8. begraben (Passio Censurini I: 24.8.). Eine Woche später (5.9.) wird Hippolytus-Nonnus in Porto hingerichtet (andere Chronologie im Martyrologium Hieronymianum: Hinrichtung A.s am 20.5., der Gefährten der "Aura" am 22.8.). A. erlitt das Martyrium unter Claudius Gothicus (268-270, Passio I, Passio Censurini I, davon eine griechische Fassung in einer Turiner Handschrift, nach der Passio Censurini II unter Trebonianus Gallus, 251-253, nach Passio II-III unter Alexander Severus, 222-235, der aber als christenfreundlicher Herrscher nicht in Frage kommt). An der Richtstätte der Märtyrer von Ostia, die "beim Bogen (des Caracalla) gegenüber dem Theater" hingerichtet wurden, wurde ein Oratorium errichtet (älteste Teile 4./5. Jh., als "Kirche des Cyriacus" bekannt, 1910 entdeckt, unter den Funden der Sarkophag des Quiriacus), wo noch im 12. Jh. Messe gelesen wurde (Bericht des Kanonikers Walther von Arrouaise), während A.s Grab wie üblich außerhalb der Mauern lag. Dort wurde eine Kirche für A. errichtet, die jedoch nicht, wie man früher annahm, mit der im Liber Pontificalis erwähnten, von Konstantin und Konsul Gallicanus gestifteten, Petrus, Paulus und Johannes dem Täufer geweihten Basilika identifiziert werden kann, da die seit 1996 durchgeführten Grabungen diesen monumentalen Bau innerhalb der Stadt (im Süden von Regio V) nachwiesen. Das 1981 in unmittelbarer Nähe der Kirche aufgefundene Marmorfragment einer Grabplatte mit der typisch christlich formulierten lateinischen Inschrift CHRYSE HIC DORM[IT] ("Chryse ruht hier", 3. Jh., jetzt im Kastell von Ostia Antica) gehörte wohl zu A.s Grab oder wurde nachträglich so gedeutet (Broccoli 1986; beide Namen bedeuten "die Goldene"), so daß hier der Kern des Kults zu finden wäre. Auf Kulttradition für A. (oder Aura, dann aber nicht identisch mit Chryse) weist erstmals mit Sicherheit die 1950 bei der ursprünglichen Apsis der Kirche (auf der jetzigen Eingangsseite) aufgefundene kleine Marmorsäule des 5. Jhs. mit auf dem Schaft angebrachter Inschrift S. AVR. (wohl Stütze einer Altarmensa, jetzt als Osterleuchter neben dem Hochaltar; nicht zu verwechseln mit dem Steinmetzzeichen AVR auf dem Säulenkapitell aus den antoninischen Thermen in Ostia, CIL XIV Suppl. 1 Nr. 5248). Als Augustinus, wie er in den "Confessiones" berichtet, im Herbst 387 seine in Ostia verstorbene Mutter Monika begrub, wählte er den der Kirche der A. anliegenden christlichen Friedhof (1945 Auffindung der Grabinschrift; jetzt in der rechten Seitenkapelle). Umbauten und Restaurierungsarbeiten an der Kirche erfolgten laut dem Liber Pontificalis unter den Päpsten Sergius I. (687-701), Leo III. (795-816) und Leo IV. (847-855). Beim Bau des Kastells Gregoriopolis durch Gregor IV. nach 831 zum Schutz vor den Sarazenen, die um 800 die konstantinische Basilika in der Stadt zerstört hatten, bildete S. Aurea, inzwischen Kardinalssitz, das Zentrum der Neugründung. Als die Kirche nach dem zerstörerischen Überfall des neapolitanischen Königs Ladislaus von Durazzo 1408 allmählich verfiel, wurden die in einer Urne aufbewahrten Reliquien am 9.4. 1430 von Maffeo Vegio mit den Reliquien Monikas nach Rom in die Kirche S. Trifone in Posterula transferiert, später (S. Trifone wurde 1750 abgerissen) nach Albano Laziale (bei Castel Gandolfo) in die Kapelle des 1714 gegründeten Ordens der Suore Oblate di Gesù e Maria (Beisetzung unter dem Hochaltar). Pius II., der sich 1463 auf Einladung des Kardinalbischofs von Ostia, Guillaume d'Estouteville (1461-1483), nach Ostia begab, beschreibt in den "Commentarii" den lamentablen Zustand der Bischofskirche. 1479 ließ der baufreudige Kardinal die Kirche abreißen und beauftragte den Florentiner Festungsarchitekten Baccio Pontelli mit einem antikisierenden Neubau innerhalb der erneuerten Stadtbefestigung, der aber erst unter Estoutevilles Nachfolger Giuliano della Rovere, dem späteren Papst Julius II., vollendet wurde (Weihinschrift am Triumphbogen); dabei wurde die (inzwischen wieder aufgefundene) Kolonnette des 5. Jhs. beseitigt. Eine Gedenktafel am Portal vom 24.8. 1693 erinnert an die Auffindung der leeren Urne durch Kardinal Alderano Cybo. Unter dem Namen Aura (nach Passio Censurini I und Varianten in den Martyrologien) wurde A auch in Rom. im Frauenkloster S. Aura Castri Senensis verehrt (seit 1572 S. Spirito dei Napoletani). A. ist Stadtpatronin von Ostia, wo ihr Fest am 20.5. gefeiert wird, und nach dem Zeugnis von Ambrogio Novidio Flacco (16. Jh.) auch Patronin der Seefahrer für günstigen Wind (Ausdeutung des alternativen Namens Aura).- Ein bedeutender Auftrag für ein Altarbild in SS. Domenico e Sisto in Rom (nach De Nicola 1919 für das Frauenkloster "S. Aurea" in Rom: Verwechslung mit dem Kloster S. Aura?) erging von Seiten des Dominikanerordens an den Sieneser Maler Lippo Vanni. Das Mittelbild des signierten, 1358 datierten Triptychons (jetzt im angrenzenden Angelicum) zeigt die Madonna mit Kind, zu Füßen Eva, seitlich Dominikus und Aurea, in der Predella Thomas von Aquin und Bartholomäus. Die Altarflügel zeigen vier Szenen aus A.s Passio: 1. A. an verrenkten Armen aufgehängt und gegeisselt, 2. Erweckung des Faustinus, 3. A., zur Seite Quiriacus und Maximus, vom Feuertod errettet, Flammen ergreifen die Schergen (Textvorlage nicht nachgewiesen), 4. mit Mühlstein im Meer versenkt. In welchen Zusammenhang der Auftrag gehört, ist unklar, da sonst keine Beziehungen des Dominikanerordens zu A. bekannt sind.
Quellen: Passio I (um 900; BHL 808-809 "Tempore quo iniquissimus Claudius" - "beatus Nonnosus collegit qui etiam Ypolitus nuncupatur"): AASS Aug. IV, 757-761; - Passio II (BHL 811-812 "Quo tempore Severus Aurelius Alexander sceptra Romani" - "collegit Hippolytus Portuensis episcopus qui Nonnus dicebatur"): vgl. AASS Aug. IV, 757; - Passio III (BHL 813 "Temporibus Alexandri imperatoris præfecto prætorio Ulpiano": vgl. AASS Aug. IV, 757; - Passio Censurini et sociorum I (9. Jh.; BHL 1722 "Temporibus Claudii praesidente vicario Ulpio Romulo"): B. Mombritius, Sanctuarium seu vitae sanctorum I, Paris 1910, 349-351; griechische Fassung in Turin: Simone de Magistris, Acta Martyrum ad Ostia Tiberina sub Claudio Gothico, Roma 1795; - Passio Censurini et sociorum II (9. Jh.; BHL 1723 "Postquam impiissimus imperator Decius" - "monumenta exstruxit"): Sept. II, 518-524; - Martyrologium Hieronymianum (20.5.): AASS Nov. II/2, ed. H. Delehaye / H. Quentin, Bruxelles 1931, 264, vgl. 456 (22.8.); - Martyrologium Romanum (24.8.): Ed. Città del Vaticano 2001; - Liber pontificalis: ed. L. Duchesne, I, 135-138 (konstantinische Basilika); 376. 380; II, 14 (S. Aurea); - Ambrosius Novidius Flaccus, Sacri Fasti cum Romanis consuetudinibus per totum annum suisque causis ac stellis et numinum nostrorum introductionibus, Roma 1547; - Grabstein der Chryse: NN., in: L'Année Épigraphique 1983, 35 Nr. 97; Broccoli 1986; - Altarsäule (S. AVR.): Squarciapino 1955, 54 Abb. 17; Brenk 2001, 270 Abb. 13; - Monika in Ostia: Augustinus, Confessiones 9,17-9,37, ed. in: CChr 27, 143-154; - Walther von Arrouaise: AASS Mai. I, 485; - Lippo Vanni, Rom, SS. Domenico e Sisto (Angelicum), Triptychon, datiert 1358, signiert LIPPUS VANNIS DE/SENIS ME PINXIT SUB A.D. MCCCLVIII.: Kaftal 1952.
Lit.: Dante Vaglieri, Scoperte di antichità cristiane ad Ostia, in: Nuovo bulletino d'archeologia cristiana 16, 1910, 57-62; - Giacomo De Nicola, Studi sull'arte senese, 3, I saggi senesi del Berenson, in: Rassegna d'arte 19, 1919, 97; - Christian Hülsen, Le chiese di Roma nel medio evo, Firenze 1927, 202f. 494f; - Francesco Lanzoni, Le diocesi d'Italia dalle origini al principio del sec. VII (Studi e testi, 35), Faenza 1927, 69-71 (nicht 99-101); - Hippolyte Delehaye, Les origines du culte des martyrs (Subsidia hagiographica, 20), Bruxelles 19332, 294; - George Kaftal, Iconography of the saints in Tuscan painting (Saints in Italian art, 1), Firenze 1952, 123f Abb. 127f Nr. 37; - Pietro Romanelli, Le iscrizioni di Ostia e del porto di Roma, in: Actes du 2e Congrès international d'épigraphie grecque et latine (Paris 1952), Paris 1953, 285; - Maria Floriani Squarciapino, Museo della via Ostiense, Roma 1955, 35. 54 Abb. 17; - Paul-Albert Février, Ostie et Porto à la fin de l'antiquité: topographie religieuse et vie sociale, in: Mélanges d'Archéologie et d'Histoire de l'École française de Rome 70, 1958, 295-330 (wichtig); - Raissa Calza, Le sculture e la probabile zona cristiana di Ostia e di Porto, in: Rendiconti della Pontificia accademia romana di archeologia 37, 1964/1965, 155-227, bes. 220 (christliche Grabformulare); - Russell Meiggs, Roman Ostia, Oxford 19732, 100. 388-403. 518-531; - Arno Preiser, Das Entstehen und die Entwicklung der Predella in der italienischen Malerei (Studien zur Kunstgeschichte 2), Hildesheim 1973, 239f (Lippo Vanni); - Maria Floriani Squarciapino, Considerazioni su Ostia cristiana, in: Studi romani 27, 1979, 15-24; - Silvia Danesi Squarzina, Il Borgo di Ostia da Sisto IV a Giulio II: mostra Ostia, Fortezza ed Episcopio, 19 giugno-30 settembre 1980 (Il Quattrocento a Roma e nel Lazi, 3), Roma 1981, 13-53; - Silvana Episcopo, Saggi di scavo presso S. Aurea ad Ostia, in: Archeologia Laziale 3, 1980, 228-232; - Umberto Broccoli, Ostia Antica, S. Aurea, Gregoriopoli: spigolature sulle vicende di Ostia dalla tarda antichità all'alto medioevo, in: Renato Lefevre (Hrsg.), Il Lazio nell'antichità romana (Lunario romano, 12), Roma 1982, 189-195; - Ders., Ricerche su Gregoriopoli: materiali e nuove acquisizioni per la storia del Borgo di Ostia Antica nel Medioevo, in: Quaderni del Centro di Studio per l'archeologia etrusco-italica 7, 1983, 170-175. 173 Abb. 6; - Ders., Ostia antica, S. Aurea, Gregoriopoli: preesistenza e trasformazione di una parte del territorio ostiense, in: Atti del VI Congresso nazionale di archeologia cristiana: Pesaro-Ancona 19-23 settembre 1983, 1, Firenze 1986, 79-90. 82 Abb. 2 (Chryse); - Lidia Paroli, Ostia nella tarda antichità e nell'alto medioevo, in: Lidia Paroli / Paolo Delogu (Hrsg.), La storia economica di Roma nell'alto medioevo alla luce dei recenti scavi archeologici. Atti del Seminario, Roma 2-3 aprile 1992 (Biblioteca di archeologia medievale, 10), Firenze 1993, 153-176; - Christoph L. Frommel, Kirche und Tempel: Giuliano della Roveres Kathedrale Sant'Aurea in Ostia, in: Festschrift für Nikolaus Himmelmann (Bonner Jahrbücher. Beihefte, 47) Mainz 1989, 491-505, Taf. 76-78; - Alfredo Cattabiani, Santi d'Italia, Milano 20013; - Beat Brenk, La christianisation d'Ostie, in: Jean-Paul Descoeudres (Hrsg.), Ostia: port et porte de la Rome antique (Catalogue de l'exposition "Ostia. Port de la Rome antique", Genève, Musée Rath, 23 février - 22 juillet 2001), Genève 2001, 262-271. 270 Abb. 13 (S. AVR.); - Franz Alto Bauer / Michael Heinzelmann, L'église épiscopale d'Ostie, in: Descoeudres 2001, 278-282; vgl. die ausführlichen Grabungsberichte in: Römische Mitteilungen 104-107, 1997-2000; - Danilo Mazzeloni, Épigraphie chrétienne: notes et observations, in: Descoeudres 2001, 283-288; - EC 2, 405f (A. P. Frutaz); - Thieme-Becker 23 (1929) 277f (Weigelt, s.v. Lippo); - DHGE 5 (1930) 709 (F. Bonnard); - Cath 1 (1948) 1068 (G. D. Sixdenier); - BiblSS 2 (1962) 593-598 Abb. (G. B. Proja); 9 (1967) 556 (A. Trapé, s.v. Monica); - LCI 5, 291f (A. A. Strnad); - DIP 6 (1980) 577-579 (A. Mignucci, s.v. Oblate di Gesù e Maria); - The Dictionary of Art 18 (1996) 455-457 (V. Wainwright, s.v. Lippo); LThK3 7 (1998) 1202 (M. Lupi, s.v. Ostia).