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Band I (1990)Spalten 497-499 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz

BENGEL, Johann Albrecht, luth. Theologe, * 24.6. 1687 als Pfarrerssohn in Winnenden bei Stuttgart, + 2.11. 1752 in Stuttgart. - B. besuchte die Lateinschule in Winnenden, Marbach und Schorndorf und das Gymnasium in Stuttgart und bezog 1703 in Tübingen das Theologische Stift, an dem er 1709 Repetent wurde. Von März bis Juli 1711 war B. Vikar an der Stiftskirche in Tübingen, danach in Stuttgart. Im Oktober 1712 wurde er zum Präzeptor an der Klosterschule in Denkendorf bei Eßlingen ernannt (Professor am niederen evangelisch-theologischen Seminar) und erhielt bis November 1713 Urlaub zu einer Studienreise, auf der er alle möglichen Bildungsstätten in Deutschland besuchte, u.a. das Pädagogium August Hermann Franckes in Halle (Saale). B. mühte sich in 28jähriger einflußreicher Wirksamkeit als Erzieher um die Ausbildung von 12 Promotionen, deren Zahl in der Regel 25 war. Er wurde 1741 Prälat in Herbrechtingen bei Heidenheim. Als B. 1747 in den Landtag und 1748 in den Landtagsausschuß berufen wurde, trat er mit dem ihm befreundeten Landschaftskonsulenten Johann Jakob Moser gegen die brutale herzogliche Mißwirtschaft mannhaft für das unterdrückte Volk ein. 1749 siedelte B. als Konsistorialrat und Prälat von Alpirsbach nach Stuttgart über. Die Universität Tübingen verlieh ihm 1751 ehrenhalber die theologische Doktorwürde. - B. mußte in der Klosterschule die lateinischen Klassiker behandeln. Da es an einwandfreien Lehrbüchern fehlte, begann er im Sommer 1715 mit der Bearbeitung der »Briefe Ciceros an seine Freunde« und vollendete nach jahrelanger mühevoller Kleinarbeit im April 1719 dieses für die Klosterschulen und Gymnasien bedeutsame Werk. Im griechischen Unterricht mußte B. mit den Schülern vor allem das Neue Testament lesen, aber auch Werke griechischer Kirchenväter. Im Frühjahr 1715 beschloß er, die Schrift des Chrysostomus »Vom Priesteramt« griechisch und lateinisch mit Anmerkungen und Registern herauszugeben, und vollendete im Frühjahr 1725 diese Arbeit. Zwischendurch, 1722, erschien »Gregors, des Wundertäters, Dankrede an seinen Lehrer Origenes«. Auf Grund seines neutestamentlichen Unterrichts in der Klosterschule und seiner privaten Forschungen auf dem Gebiet der Textkritik gewann B. die Überzeugung, daß ihm die dreifache Aufgabe gestellt sei, eine Textausgabe, eine Übersetzung und eine Auslegung des Neuen Testaments zu liefern. Nach jahrelangen Quellenstudien und zeitraubender Kleinarbeit erschien 1734 die große Ausgabe und eine Handausgabe des griechischen Testaments. Die Handausgabe (17532) enthält nur den Text und in den Anmerkungen auf dem unteren Rand die davon abweichenden Lesarten der alten Handschriften, während die große Ausgabe (17632, besorgt von Philipp David Burk) noch einen ausführlichen Anhang hat, den »apparatus criticus«, der die Grundsätze der Textkritik darlegt, das ganze textkritische Material übersichtlich zusammenstellt und die Lesarten mit den Textzeugen bietet. Die Arbeit fand nicht die ihr gebührende Anerkennung. Heute werden B.s Verdienste um die neutestamentliche Textkritik allgemein anerkannt. Aus seinem neutestamentlichen Unterricht in der Klosterschule erwuchs nach und nach sein Meisterwerk, das er im März 1742 in Herbrechtingen vollendete: »Gnomon Novi Testamenti, in quo ex nativa verborum vi simplicitas, profunditas, concinnitas, salubritas sensuum coelestium indicatur« = »Fingerzeig für das Neue Testament, worin aus der ursprünglichen Bedeutung der Worte die Einfalt, Tiefe, Übereinstimmung und Heilsamkeit der himmlischen Gedanken aufgezeigt wird« (neue Ausgabe 1915). B. bot in seinem »Gnomon« ganz kurze, tiefe, geistvolle Bemerkungen zu den einzelnen Versen des Bibeltextes, so daß dieses lateinisch geschriebene Werk (deutsche Übersetzung von Karl Friedrich Werner, 2 Bde., 1853/ 54; 19708) eine wahre Fundgrube feiner und kömiger Schriftgedanken ist. Noch vor 1740 beendete B. die Übersetzung des Neuen Testaments, deren Erscheinen (1753) er nicht mehr erlebte. Sie ist bleibend wertvoll durch die »dienlichen Erklärungen der schwersten Stellen und erbaulichen Anmerkungen« und Gebetsseufzer. B. wurde weithin bekannt durch seine Werke über die Offenbarung des Johannes und sein Rechnen mit prophetischen Zahlen. Als Grundlage für seine Zeitberechnung gab er 1736 seine »Evangelienharmonie« heraus. Keinem anderen Buch der Heiligen Schrift hat B. so viel Zeit gewidmet wie der Offenbarung, weil er glaubte, in ihr sei ein Abriß der Kirchengeschichte bis zum Jüngsten Tag gegeben, und der Überzeugung war, ein wichtiges Stück der in der Offenbarung enthaltenen Weissagung werde sich in naher Zukunft erfüllen. 1740 erschien seine »Erklärte Offenbarung Johannis«, als deren Ergänzung 1741 die lateinisch geschriebene »Zeitenordnung« folgte. Auf Grund vieler gelehrter Untersuchungen und umständlicher Berechnungen gab er den 18.6. 1836 an als Tag der Wiederkunft Christi. - B. gilt als der Vater des schwäbischen Pietismus; er war der bedeutendste Vertreter unter den gelehrten pietistischen Theologen. Zu seinen Schülern gehören Philipp Friedrich Hiller, Johann Friedrich Flattich, Friedrich Christoph Ötinger, Philipp David Burk, Karl Heinrich Rieger, Johann Christian Storr, Magnus Friedrich Roos u. a.

Werke: (außer den bereits genannten): Welt-Alter, darinnen die schriftgemäße Zeitlinie bewiesen und die 70 Wochen samt anderen wichtigen Texten u. heilsamen Lehren erörtert werden, 1746; von göttl. Dingen. Drei Aufss. über Bibel u. Gebet mit seinem selbstverfaßten Lebenslauf, hrsg. v. Wilhelm Keller, 1937; Die sieben Sendschreiben (Reden über Offb 1-3), hrsg. v. demselben, 1937; Offenbarungsgedanken (Auszug aus B.s »60 Reden über die Offb.«), hrsg. v. Samuel Limbach, 1922; Vom hl. Heimweh (Worte B.s auf alle Tage des J.), hrsg. v. Karl Hermann, 1924; Gelobet sei der Herr täglich! Kurze Schriftbetrachtungen u. Gebete, hrsg. v. Friedrich Hauß, 1936; Für heute u. morgen. Ausw. u. Zsstellung v. Heinz Schäfer, 1959; Du, Wort des Vaters, rede du! Ausgew. Schrr., Predigten u. Lieder, hrsg. u. mit Einf. u. Anm. vers. v. Julius Roeßle, 1962; In der Gegenw. Gottes (Werke, Ausz.). Bekenntnisse u. Zeugnisse (Zeugnisse der Schwabenväter, Bd. 7), Metzingen 1964; Rede, Wort des Vaters (Tlsmlg.). Predigten, eingel. u. neu gestaltet v. Erich Beyreuther, 1967.

Lit.: Johann Christian Friedrich Burk, D. J. A. B.s Leben u. Wirken, 1831 (18372); - Hermann v. der Goltz, Die theol. Bedeutung J. A. B.s u. seiner Schule, in: JDTh 1861, 460 ff.; - Christian Palmer, J. A. B. Leben u. Ausw. seiner Schrr., in: Ev. Volksbibl. IV, 1864, 335 ff.; - Oskar Wächter, J. A. B. Lebensabriß, Charakter, Briefe u. Aussprüche, 1865; - Albrecht Ritschl, Gesch. des Pietismus III, 1886, 62 ff.; - Eberhard Nestle, Marginalien u. Materialien, 1893 (darin: B. als Gelehrter); - Ders., J. A. B., der Vater des schwäb. Pietismus, 19103 (neu bearb. v. Friedrich Baun, 19505); - Wilhelm Claus, Württ. Väter I, (1899) 19263, 13 ff.; - Friedrich Nolte, J. A. B. Gelehrtenbild aus der Zeit des Pietismus, 1913; - Hermann Bezzel, Der Dienst des Pfarrers, 1916 (19162; 19363; darin: A. B., ein Lehrer unserer Tage); - R. B. Evenhuis, Dc bibliciatisch-eschatologische theologie van J. A. B. (Diss.), 1931; - Paul Ernst, Hamann u. B. Ein Aufriß ihrer Werk- u. Lebensbeziehungen als Abriß wesentl. Hamann-Züge (Diss. Königsberg), 1935; - Ernst Benz, Verheißung u. Erfüllung, in: ZKG 54, 1935, 484 ff.; - Ders., J. A. B. u. die Philos. des dt. Idealismus, in: DVfLG 27, 1953, 528 ff.; - Otto Schuster, J. A. B. Ein Mann der Schr., 1937; - Karl Hermann, J. A. B., der Klosterpräzeptor v. Denkendorf, 1937; - Wolfgang Metzger, B.s theol. Entwicklung, in: Bll. f. württ. KG 42, 1938, 1 ff.; - Gottlieb Geiß, J. A. B., der Vater des schwäb. Pietismus, 1938; - Ders., J. A. B., Gottesgelehrter u. Ewigkeitamensch, 1953; - Ernst Müller, Stiftsköpfe. Schwäb. Ahnen des dt. Geistes aus dem Tübinger Stift, 1938, 145 ff.; - Wilhelm Keller, J. A. B., ein Schüler u. Meister der Schr., 1939 (19492); - Helga Rusche, Eschatologie in der Verkündigung des schwäb. u. niederrhein. Biblizismus des 18. Jh.s (Diss. Heidelberg), 1943; - Gottfried Keller, J. A. B., ein unermüdl. Schr.forscher u. Mann großen Glaubens, 1948; - Ernst Ludwig, Schr.verständnis u. Schr.auslegung bei J. A. B., 1952; - Jörg Erb, Die Wolke der Zeugen I3, 1954, 342 ff.; - Ders., Geduld u. Glaube der Hll., 1965, 370; - Friedrich Hauß, Väter der Christenheit II, 1957, 94 ff.; - Helmut Lamparter, J. A. B. Ein Schüler u. Meister der Hl. Schr., in: Menschen vor Gott, hrsg. v. Alfred Ringwald, I, 1957, 386 f.; - Julius Roelle, Von B. bis Blumhardt. Gestalten u. Bilder aus der Gesch. des schwäb. Pietismus, 1959; - Gottfried Mälzer, B. u. Zinzendorf. Ein Btr. z. Biogr. u. Theol. des württ. Theologen J. A. B. (Diss. Tübingen 1964), 1968; - Ders., J. A. B. Leben u. Werk, 1970; - Hirsch II, 179 ff.; - ADB II, 331 ff.; - NDB II, 47; - DHGE VII, 1294 ff.; - EC II, 1331; - LThK II, 202 f.; - RE II, 597 ff.; - EKL I, 389 f.; - RGG I, 1037 f.; - WKL 146; - Biogr. Wb. z. dt. Gesch., 1952, 56 f.; - Gerhard Sauter, Die Zahl als Schlüssel z. Welt. J. A. B.s »prophet. Zeitrechnung« im Zshg. seiner Theol., in: EvTh 26, 1966, 1 ff.; - Martin Brecht, Die Hermeneutik des jungen J. A. B., in: Bll. f. württ. KG 1966/ 67, 52 ff.

Friedrich Wilhelm Bautz

Literaturergänzung

1997

Fritz Barth, Templer und andere Erweckungsbewegungen im nördlichen Schwarzwald und weit darüber hinaus, Bad Wildbad 1997; -

2008

Adolf Martin Ritter, Das Chrysostomosbild im Pietismus am Beisp. J.A.B.s, in: Chrysostomosbilder in 1600 Jahren. Berlin 2008, S. 347-372.

Ein weiterer Beitrag über BENGEL, Johann Albrecht

Letzte Änderung: 24.11.2008