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Band XXXI (2010) Spalten 90-92 Autor: Achim Dittrich

BERENGAUDUS (vermutlich 9. Jh.). - Mit dem Namen Berengaudus verbindet sich ein interessanter mittelalterlicher Kommentar zur Johannesoffenbarung (Offb). Die älteste Handschrift dieser "Expositio super septem visiones libri Apocalypsis" (Expositio Berengaudi) findet sich in Angers (ms 76 [68] 12. Jh., aus St. Sergius, fol. 1-169: http://www.enluminures.culture.fr. Als Autor wird Berengaudus Ferrariensis genannt, ein Benediktiner aus dem Kloster Ferrières (Ile de France). Über 50 weitere Manuskripte finden sich in Troyes, Paris, Cambridge u.a. - Derk Visser hat 1996 dargelegt, daß die Expositio Berengaudi im Rahmen der Reform des Lanfranc von Bec im 11. Jh. erstmals von einem älteren Exemplar kopiert wurde und im 12. Jh. größere Verbreitung im Norden Frankreichs und in England fand. Eine Rolle spielt auch die fälschliche Zuweisung der Expositio an Ambrosius v. Mailand (wie sie noch Erasmus v. R. vornahm); Zitate und Zeitangaben im Text schließen Ambrosius als Autor aus; der Terminus post quem ist das Jahr 774, ante quem das späte 11. Jh., in dem Anselm von Laon die Glossa ordinaria erstellt hat. In jener vielbenutzten Glossa wird ein Passus der Expositio als vermeintlicher Ambrosius-Kommentar zitiert, was für ihr hohes Ansehen spricht. Allerdings nennt der Expositio-Text selbst seinen Verfasser, in einem Kryptogramm: Berengaudus. - Migne hat die Expositio nach der endgültigen Klärung der Verfasserfrage durch die Pariser Maurinerpatres (18. Jh.) als Pseudo-Ambrosius abgedruckt: PL 17, 765-971 (Paris 1845). Migne spricht von Berengaudus als einem "unbekannten Bendiktiner". Die Vermutungen, hinter "Berengaudus" könnte sich Berengar von Tours oder Berengoz von St. Maxim verbergen, wurden von Visser begründet zurückgewiesen. Berengaudus dürfte nach den jüngsten Forschungen (Visser 1996, Dittrich 2009) ein karolingischer Benediktiner im Kloster Ferrières gewesen sein, der wohl zur Zeit des bedeutenden Abtes Lupus († nach 865) dort gelebt hat. - Berengaudus schreibt ein gepflegtes Latein ("vir eruditissimus"); sein Apokalypsenkommentar ist recht eigenständig und weist tatsächlich ein ambrosianisches Gepräge auf. Sein Optimismus und seine Themata passen eher ins 9. Jh. als ins gelegentlich vorgeschlagene 11./12. Jh. (Barré, Lobrichon, Semmelroth). Vissers Studie untermauert die Ansiedlung des Berengaudus im 9. Jh., wie sie auch von H. Rahner und H. de Lubac vertreten wird (ebenso W. Kamlah, A. Romeo, S. Tromp, F. Ohly, im 15. Jh. Dionysisus Carthusianus). Berengaudus betont in diesem einzig erhaltenen Text aus seiner Feder die Einheit der Bibel, die Zusammengehörigkeit der beiden Testamente. Obwohl er mit Beda Venerabilis zu Beginn des 12. Kap. (Offb 12,1) die Apokalyptische Frau als Kirche deutet, die gegenwärtig die Christen zu Welt bringt, kann er sie originell bei Offb 12,4 auch als Maria deuten, die Christus (masculum) zur Welt gebracht hat und somit ekklesiologisch als "Mater Ecclesiae" angesprochen werden kann. - Jener Titel erscheint hier in mariolog. Diktion erstmals in der theolog. Literatur (Beda hatte ihn allerdings zuvor schon pneumatologisch verwendet); Berengaudus grenzt ihn augustinisch ein, wenn er Maria gleichzeitig "Filia Ecclesiae" nennt. Da die Glossa Ordinaria den Apokalypsenkommentar des Berengaudus (als Pseudo-Ambrosius) auch hiermit zitiert, hat der Mater-Ecclesiae-Titel ab dem Hochmittelalter einige Verbreitung in der monastischen Theologie und Liturgie (Salve Regina) gefunden; er stammt von jenem Benediktinermönch Berengaudus aus dem Kloster Ferrières, der sehr wahrscheinlich im 9. Jh. gelebt hat. Seine Expositio genießt große Beachtung in der Apokalypsen-Forschung.

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Lit.: DHGE VIII, 358f. (E. de Moreau); - DictBib I/2 (1926) 1610f. (E. Levesque); - Enciclopedia catholica II,1377 (A. Romeo); - Marienlexikon I,435 St. Ottilien 1988 (O. Stegmüller / K. Reinhardt); - LThK II, 216f (2. Aufl.).; - P. Prigent, Apocalypse 12. Histoire de l'exegésè, 1959, 38f.; - D. Visser, The Apocalypse commentary of Berengaudus of Ferrières, Leiden 1996; - A. Dittrich, Der rätselhafte Berengaudus, in: Mater Ecclesiae, Würzburg 2009, 90-129.

Achim Dittrich

Letzte Änderung: 09.04.2011