BERNDS, Heinrich, ref. Theologe und Wirtschaftswissenschaftler. * 14. Juli 1901 in Dinslaken als 8. Kind des Gärtnereibesitzers Johann B., † im April 1945 in Kurland verschollen (Todeserklärung zum 31. Dezember 1945). - Nach dem Abschluß der Städt. Oberschule in Oberhausen begann B. 1921 mit dem Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Köln. Weitere Studienaufenthalte führten ihn nach Bonn, Wien und Innsbruck, wo er 1927 zum Dr. rer. pol. promoviert wurde. Nach kurzer Tätigkeit in der Industrie entschied sich B. unter dem Einfluß von Karl Barths Römerbriefkommentar 1928 zum Studium der Theologie, das er in Bonn, Münster, Elberfeld und Halle absolvierte. Seine Vikariatszeit führte ihn nach Nordhorn und Uelsen (Kreis Grafschaft Bentheim). Von April 1934 bis Ende März 1935 war er als Hilfsprediger der ev.-ref Gemeinde Frankfurt am Main tätig. Von dort folgte er einem Ruf in die ihm vertraute Gemeinde Uelsen, wo er neben dem bekannten Kohlbrüggianer und Schriftleiter der »Biblischen Zeugnisse«, Peter Schumacher, die 2. Pfarrstelle versah. B., vom Elternhaus her im niederrheinischen Pietismus Ter steegenscher Prägung wurzelnd, hatte durch die Theologie Barths eine persönliche Befreiung erfahren. In Barth und Schumacher fand er seine geistlichen Väter. Mit letzterem kam es allerdings im Kirchenkampf zu einem tiefen Zerwürfnis. B. hatte bereits im WS 1931/32 als Student in Halle im Konflikt um Prof. Günter Dehn eindeutig für diesen Stellung bezogen. B., den der Neutralitätskurs seiner Auricher Kirchenleitung schmerzte, schloß sich dem Kr. um den Schüttorfer Pfarrer Friedrich Middendorff an, der zum führenden Kopf der Bekenntnisgemeinschaft der Pastoren der ref. Kirche Hannovers geworden war. In seiner Gemeinde geriet B. durch offene Worte gegen den Nationalsozialismus sowie durch seine Haltung in der Judenfrage in die Schußlinie der NSDAP. Aufgrund einer Denunziation nach einem Gemeindebesuch verurteilte ihn ein Sondergericht in Celle im November 1940 zu 18 Monaten Gefängnis wegen Vergehens gegen das Heimtückegesetz. Eine vorläufige Amtsenthebung nach kirchlichem Dienststrafverfahren schloß sich an und verbot ihm die weitere Dienstausübung sowie nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in Hannover den Aufenthalt in seiner Gemeinde. Dem Vater von 3 Kindern blieb nichts anderes übrig als die Flucht in die Wehrmacht. Ein letztes Lebenszeichen datiert vom 9. April 1945, dann verlieren sich die Spuren von H. B. in Kurland. In einem im Februar 1939 aus den Niederlanden an Karl Barth geschmuggelten Brief hatte er angesichts der schrecklichen Ereignisse der Pogromnacht am 9. November 1938 gegenüber dem verehrten Lehrer geklagt: »Zu den Judenverfolgungen hat Aurich (...) nichts gesagt. - Aber einzelne Pastoren haben aber immerhin doch noch offen Stellung bezogen.« (Brief vom 6. Februar 1939, Karl Barth-Archiv Basel). B., der zu denjenigen gehörte, die nicht schweigen konnten, als es im Bonhoefferschen Sinne »für die Juden zu schreien« galt, bezahlte seine theol. und menschliche Geradlinigkeit nicht nur mit dem Verlust von Amt und Würden, sondern letzten Endes mit dem Leben. Die reformierte Kirche hat erst in jüngster Zeit diesen Gerechten unter ihren Zeugen im Erbe der Väter entdeckt.
Werke: Der berufsständische Gedanke in der deutschen kaufmännischen Angestelltenbewegung (Diss.) Univ. Innsbruck 1927; Einiges zur Frage von Gesetz und Evangelium, in: RKZ Nr. 14 vom 6. April 1930; Der Gegensatz zwischen Heim und Barth, in: RKZ Nr. 49 vom 6. Dez. 1931; Der alte und der neue Mensch, in: RKZ Nr. 49 vom 4. Dez. 1932; Deutsche Christen oder christliche Deutsche?, in: RKZ Nr. 26 vom 25. Juni 1933; Christentum deutsch! (von Fritz Engelke), Buchbesprechung, in: RKZ Nr. 8 vom 25. Febr. 1934; Die neugermanischen Religionsbildungen der Gegenwart. Ihr Werden und Wesen (Von Alfred Müller), Buchbesprechung, ebd.; Die Verkündigung im Arbeitsdienstlager als Problem der Volksmission (von Alfred Dedo Müller), Buchbesprechung, in: RKZ Nr. 15 vom 15. April 1934; Not und Hilfe im Leben der Fallsüchtigen in Bethel (von Gerhard Jasper), Buchbesprechung, in: RKZ Nr. 16 vom 22. April 1934; Predigt über 1 Joh 1, 1-4, in: Biblische Zeugnisse, Monatsblatt der Freunde des Heidelberger Katechismus, Wuppertal Barmen, 34. Jg. Nr. 3, März 1936; In einem Wunder das Wunder aller Wunder. Predigt über Lk 15, 4-7, in: Biblische Zeugnisse Nr. 4, April 1936; Jesus aber stand still. Predigt über Lk 18, 35-43, in: Biblische Zeugnisse Nr 7/8, Juli/Aug. 1936; »Vom rechten Verständnis der christlichen Freiheit und von der Bewährung dieser Freiheit im bürgerlichen Leben.« (Von Alfred de Quervain), Buchbesprechung, ebd.; Leichenpredigt über Hebr 4, 14-16, in: Biblische Zeugnisse Nr. 11/12, Nov./Dez. 1936; Predigt über Mk 1, 9-11, ebd.; »Die Kirche aus Juden und Heiden« (von Erik Peterson), Buchbesprechung, ebd.; Die Jesusordnung. Predigt über Apg 10, 42-48, in: Biblische Zeugnisse Nr. 7/8, Juli/Aug. 1938; »Ja Herr, aber doch essen die Hündlein...!« Predigt über Mk 8, 1-9, in: Sonntagsblatt-für evangelisch-reformierte Gemeinden Nr. 45 vom 6. Nov. 1938; Das Zeugnis des Alten Testamentes von dem verheißenen Hohepriester, in: Sonntagsblatt für evangelisch-reformierte Gemeinden Nr. 49 vom 4. Dez. 1938; Gottes Ruf zur Weihnachtszeit. Betrachtungen und Predigten (Von Leopold Cordier), Buchbesprechung, in: RKZ Nr. 51 vom 18. Dez. 1938; Das Heil von Golgatha. Das Vermächtnis des Gekreuzigten für die Welt. Bibelstunden (von Hermann Brezzel), Buchbesprechung, in: RKZ Nr. 3 vom 15. Jan. 1939.
Lit.: Briefe von H. B. an K. Barth im Karl Barth-Archiv Basel; - Johannes Harder, Aufbruch ohne Ende. Geschichte meines Lebens. Hrsg. von G. Harder und H. Horn. Wuppertal und Zürich 1992, 114-115; - Karl Koch, Kohlbrüggianer in der Grafschaft Bentheim. Eine Studie zur reformierten Kirchengeschichte zwischen 1880 und 1950. Gleichzeitig ein Beitrag zur Geschichte des Kirchenkampfes, in: Emsland/Bentheim. Beiträge zur Geschichte. Bd. 12, Sögel 1996, 355-432.
Karl Koch
Letzte Änderung: 09.04.2011