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Band XXV (2005) Spalten 85-89 Autor: Matthias Wolfes

BÖDEKER [auch: Bödecker], Hermann Wilhelm, evang. Theologe, * 15. Mai 1799 in Osnabrück, † 4. Januar 1875 in Hannover. - Nach dem Besuch des Evangelischen Ratsgymnasiums in Osnabrück studierte B. seit 1817 in Göttingen Theologie. 1820 übernahm er parallel dazu eine Stelle als Lehrer an der Universitäts-Töchterschule zu Göttingen. Im Folgejahr beendete er seine Studien mit einer Abhandlung "De lege Mosaica religionis Christianae doctrina abrogata", die von der Theologischen Fakultät ausgezeichnet wurde. Anschließend wurde er Repetent für Theologie und Angestellter der Königlichen Bibliothek. Im Januar 1824 trat er als "Collaborateur" (Hilfsprediger) an der St. Jacobi- und Georgii-Kirche (Marktkirche) und als Lehrer am Lyceum in Hannover in den Kirchendienst ein. An dieser Kirche wirkte er mehr als ein halbes Jahrhundert. 1825 wählte die Gemeinde ihn nahezu einstimmig zum Prediger. 1839 rückte er, obwohl er in theologischer Hinsicht als Rationalist auftrat und sich auch offen zur liberalprotestantischen Richtung bekannte, zum Ersten Geistlichen und 1851 zum Senior Ministerii auf. Seine gottesdienstlichen Ansprachen machten ihn zum populären Kanzelredner und Seelsorger; der Zulauf zu den von ihm gehaltenen Gottesdiensten war außerordentlich. - Als Schriftsteller ist B. mit einer großen Zahl von Gelegenheitsschriften zu den unterschiedlichsten Themen hervorgetreten. Über Jahrzehnte steuerte er zu den seinerzeit in Hannover erscheinenden fünf Tageszeitungen Beiträge bei, deren Gesamtzahl in die Tausende geht. An der "Protestantischen Kirchenzeitung", dem führenden Organ des norddeutschen Kulturprotestantismus, arbeitete er gleichfalls engagiert mit. Dem "Deutschen Protestantenverein" gehörte er seit dessen Gründung im Jahre 1863 an. B. trat für einen Abbau antisemitischer Vorbehalte ein, indem er in seinen Predigten immer wieder auf die Nähe von Christentum und Judentum hinwies. Öffentlicher Mißbilligung setzte er sich aus, als er wiederholt an Beschneidungsfeiern teilnahm und bei festlichen Anlässen in jüdischen Häusern als Tischredner auftrat. 1854 mußte er eine Mahnung des Geistlichen Ministeriums hinnehmen, in der er wegen der "Heterodoxie" seiner Ansprachen kritisiert wurde. Hohes Ansehen erwarb er sich hingegen durch seinen Einsatz auf sozialpolitischem Gebiet. Er organisierte ein umfassendes Sammlungs- und Unterstützungswesen, das, unter Einsatz auch von "Aktien", Anteilsscheinen und Losen, in großem Maße karitative Leistungen finanzierte. Die Gründung mehrerer Stiftungen ging auf seine Initiative zurück. Ein 1848 in Hannover eröffnetes Schwesternhaus mit mehreren Dutzend Wohnungen wurde durch ihn eingerichtet, ebenso ein Alterssitz für ehemalige Hausangestellte, eine Alters- und Invalidenversicherung, eine Volksschullehrer-Witwenkasse, ein Altersheim für alleinstehende Männer, eine Kinderkrippe und "Warteschule" sowie ein Ausbildungshaus für angehende Dienstmädchen ("Marienstiftung"). Innerhalb des sozialkaritativ hochengagierten Protestantismus seiner Zeit sehr ungewöhnlich war B.s Einsatz für den Schutz der Tierwelt. Seine Broschüre "Ueber Tierquälerei" von 1844 stellt einen wichtigen Schritt in der Geschichte der Tierschutzbewegung in Deutschland dar. In politischer Hinsicht bekannte B. sich dazu, "von jeher auf dem Standpunkte gestanden [zu haben], daß ich nur durch ein mächtiges Preußen mit konstitutioneller Regierungsverfassung ein einiges Deutschland und durch ein religiöses, gesundes, geistiges und sittliches Preußen ein geistig und sittlich großes friedliches Europa erwarte" (zitiert nach Wilhelm Rothert: Bödeker, in: Hannoversche Männer und Frauen seit 1866, Hannover 1912, 51-63, hier: 57). Die von einem erheblichen Teil der Bevölkerung vehement abgelehnte Annexion des hannoverschen Königreiches durch Preußen im Jahre 1866 wurde deshalb von B. begrüßt, obwohl er in früheren Jahren gute Beziehungen zum welfischen Hof gepflegt hatte. Eine Beschreibung seines kirchlichen und sozialpolitischen Wirkens, die auch problematische Züge in Persönlichkeit und Auftreten sichtbar werden läßt, gab er in der 1873 veröffentlichten Schrift "50 Dienstjahre bei der Marktkirche zu Hannover".

Werke (Auswahl): Ueber Confirmation und Confirmanden-Unterricht. Ein historisch-praktischer Versuch, Göttingen 1823; Gustav und Klara, oder die würdige Vorbereitung zur Confirmation. Ein Büchlein für Eltern und Kinder, Hannover 1825 [in zweiter Ausgabe unter dem Gesamttitel: Der schmale Weg oder die christlich-sittliche Bildung des Menschen für das Leben, in der Geschichte eines Geschwisterpaares dargestellt. Theil 2: Gustav und Klara als Katechumenen oder die würdige Vorbereitung zur Confirmation. Ein Büchlein für Kinder, Eltern und junge Pfarrer. Zweite, verbesserte und vermehrte Auflage, Hannover 1831]; Christliche Predigten, nebst einer Confirmationsrede, vor der Gemeine St. Jacobi und Georgii zu Hannover gehalten, Hannover 1826; Acht populäre Predigten, Hannover 1830; Wer ist ein Sabbathsschänder? Predigt über das Evangelium am 17. Trinitatis Sonntage, Luc. 14, 1-15., in der Hauptkirche St. Jacobi und Georgii zu Hannover gehalten, Hannover 1830; Kurze Nachricht über die Dritte Jubelfeier der Übergabe des Augsburgischen Glaubensbekenntnisses, wie solche am 25. und 27. Juni 1830 in der Marktkirche zu Hannover festlich begangen worden, Hannover 1830; Andachtsbuch für christliche Badegäste auch für Schwache und Kranke überhaupt, Hannover 1830; Der schmale Weg oder die christlich-sittliche Bildung des Menschen für das Leben, in der Geschichte eines Geschwisterpaares dargestellt. Theil 3: Gustav und Klara als Jüngling und Jungfrau oder die würdige Vorbereitung confirmirter junger Christen auf ihren Lebensberuf. Eine Briefsammlung für die reifere Jugend des gebildeten Mittelstandes, Hannover 1832; Das hohe Glück der Eltern wohlgerathene Kinder zu besitzen. Eine Predigt, Hannover 1832; Die Confirmationsfeier in der Marktkirche zu Hannover, am Sonntage Quasimodogeniti 29. April 1832, Hannover 1832; Die Reformation der Altstadt Hannover im Jahre 1533. Eine Vorbereitungsschrift auf die dritte Gedächtnisfeier des Übertritts unserer Stadt zu der protestantischen Kirche. Nebst Verzeichnissen der hier angestellt gewesenen evangelischen Kirchendiener, Hannover 1833; Der schmale Weg oder die christlich-sittliche Bildung des Menschen für das Leben, in der Geschichte eines Geschwisterpaares dargestellt. Theil 1: Gustav und Klara als Knabe und Mädchen oder würdige Beschäftigungen guter Kinder bis zum zwölften Lebensjahre. Ein Büchlein für Söhne und Töchter des Mittelstandes, Hannover 1834; Wie das dreihundertjährige Jubelfest der Einführung der Reformation in der Stadt Hannover daselbst gefeiert wurde, Hannover 1834; Die Geschichte und hohe Bedeutsamkeit der Buchdruckerkunst. Auf Anlaß der vierten Säcularfeier ihrer Erfindung für die hannoverschen Volksschulen dargestellt, Hannover 1840; Ueber Tierquälerei. Offenes Sendschreiben an die Bewohner des Königreichs Hannover, betreffend die Stiftung eines allgemeinen vaterländischen Vereins gegen dieselbe. Zugleich Programm zur constituirenden Versammlung eines solchen Vereins zunächst für die Residenzstadt Hannover und deren nähere Umgebung, Hannover 1844 [Zweite Auflage: Hannover 1844]; Was ich gepredigt habe vor der Gemeine St. Jacobi und Georgii zu Hannover in den 25 Jahren meines Dienstes am Wort bei derselben vom 27. Nov. 1823 bis 27. Nov. 1848, Hannover 1848; Festrede am Tage der Vereinigung der Vorstadt mit der Königlichen Haupt- und Residenzstadt am 1. Juli 1859 in der Marktkirche zu Hannover, Hannover 1859; Der Thierschutzverein der Königlichen Residenzstadt Hannover. Bericht, Hannover 1862; 50 Dienstjahre bei der Marktkirche zu Hannover. Eine Denk- und Dankschrift, zugleich Vermächtniß, Hannover 1873; Kirchliche Nachrichten aus der Stadt Hannover von 1533 bis 1833: auf Grund einer Vorbereitungsschrift auf die dritte Gedächtnisfeier der Reformation der Stadt Hannover zur 400jährigen Geburtstagsfeier Dr. Martin Luthers. Neu herausgegeben von Wilhelm Höpfner, Hannover 1883; Senior Bödekers Tagebuch. Herausgegeben von O.[tto] Jürgens. Mit Bödekers Bildnis (Hannoversche Geschichtsblätter), Hannover 1901.

Herausgeber: Christoph Christian Sturm: Unterhaltungen mit Gott in den Morgenstunden auf jeden Tag des Jahres. Nach den letzten vom weil. Prediger F. P. Wilmsen in Berlin besorgten Ausgaben aufs neue umgearbeitet von Hermann Wilhelm Bödeker. Zwölfte Original-Ausgabe. Zwei Teile, Hannover 1835 [Dreizehnte Original-Ausgabe. Zwei Teile, Hannover 1843; Vierzehnte Auflage. Zwei Teile Hannover 1855]; Johann Friedrich Tiede: Unterhaltungen mit Gott in den Abendstunden auf jeden Tag des Jahrs. Nebst einer tabellarischen Geschichte des Reichs Gottes. Nach den letzten, vom weil. Prediger F. P. Wilmsen in Berlin besorgten Ausgaben auf's Neue umgearbeitet von Hermann Wilhelm Bödeker. Neunte Auflage. Zwei Teile, Hannover 1838 [Eilfte Original-Ausgabe. Zwei Teile, Hannover 1838].

Lit.: Das gelehrte Teutschland oder Lexikon der jetzt lebenden teutschen Schriftsteller. Angefangen von Georg Christoph Hamberger, fortgeführt von Johann Georg Meusel. Fünfte Auflage. Band XXII/1, Lemgo 1826 [Nachdruck: Hildesheim 1966], 305 [dort findet sich die unzutreffende Angabe: "[...] starb in der Nacht zum 27. August 1826"]; - Friedrich Voigts: Hermann Wilhelm Bödeker, Pastor prim. an der Kirche St. Jacobi et Georgii zu Hannover. Ein Festalbum zum 27. November 1848. Mit Bödeker's Porträt und Facsimile, Hannover 1849; - [Irenäus:] H. W. Bödeker. Ein Lebensbild, Hannover 1874; - Wilhelm Rothert: [Hermann Wilhelm] Bödeker, in: Hannoversche Männer und Frauen seit 1866 (Allgemeine hannoversche Biographie. Erster Band), Hannover 1912, 51-63; - Claudia Lepp: Protestantisch-liberaler Aufbruch in die Moderne. Der deutsche Protestantenverein in der Zeit der Reichsgründung und des Kulturkampfes (Religiöse Kulturen der Moderne. Band 3), Gütersloh 1996; - Claudia Kauertz: Tierschutz zum "Besten der Menschen". Pastor Hermann Wilhelm Bödeker und die Gründung des hannoverschen Tierschutzvereins im Jahr 1844, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 76 (2004), 117-132; - Deutsches Biographisches Archiv [DBA] I 116, 17 und 31.

Matthias Wolfes

Letzte Änderung: 24.06.2008