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Band XXX (2009) Spalten 133-138 Autor: Sebastian Kranich

BÖHMERT, Karl Friedrich (1797-1882), Pfarrer, * 13. Mai 1797 in Dahlen; † 6. November 1882 in Dresden. B. wächst als ältester Sohn des Haus- und Feldbesitzers Christian Friedrich Böhmert in der Ackerbürgerstadt Dahlen auf. Seine Mutter ist eine Gärtnerstochter. Vom Kantor wird die gute Stimme B.s entdeckt; der Ortspfarrer unterrichtet den intelligenten aber wenig bemittelten Jungen im Lateinischen und Griechischen. So vorbereitet kann B. 1811 in das Gymnasium der Stadt Torgau aufgenommen werden, wo er sich mit Nachhilfeunterricht freie Kost und Logis erarbeitet und im angesehenen Schulchor bis zum Adjunkt aufsteigt. - Zur Zeit der Besetzung Torgaus durch französische Truppen erkrankt B. schwer an Typhus. Auch seine Eltern erkranken; die Mutter stirbt. Die Familie verarmt infolge des Kriegs. Nur mit Unterstützung des Dahlener Rittergutsbesitzers, Graf Günther von Bünau, kann B. 1817 in Leipzig mit dem Theologiestudium beginnen. Der Student tritt einer deutschen Burschenschaft bei. 1820 schließt er sein Studium mit einem guten Kandidatenexamen ab. Anschließend nimmt B. eine Lehrerstelle an der Leipziger Thomasschule an, erteilt Griechisch- und Lateinunterricht, arbeitet daneben wissenschaftlich und publiziert 1823 ein Buch "Ueber des Flavius Josephus Zeugniß von Christo", in dessen Einleitung es heißt: "Ich habe vorliegenden Versuch, dem Josephus die Stelle zu vindizieren, wie ich glaube, frei von jeder vorgefaßten Meinung ausgearbeitet, habe eine genaue Beschreibung seiner Bildung und politischen Laufbahn bis zu dem Augenblicke, wo er in Rom seine Altertümer schrieb, eine Beschreibung seines Charakters, seiner Ansicht in Sachen der Religion und seiner Hinneigung zu der einen oder der anderen von den damals unter den Juden bestehenden Sekten zu geben mich bemüht, habe die sich daraus ergebenden Resultate im letzten Kapitel zusammengestellt und auf das Zeugnis selbst angewendet und hoffe, auf diese Weise einen jeden am besten in den Stand gesetzt zu haben, über diesen ehrwürdigen Veteran und besonders über unsere Stelle nach Gutdünken unparteiisch urteilen zu können." (Victor Böhmert, Der Pfarrer von Roßwein, 1886, 10 f.) Das Buch bringt ihm das öffentliche Lob des Dresdner Oberhofpredigers Christoph Friedrich von Ammon sowie den Auftrag des Leipziger Verlags Tauchnitz für eine Edition der Römischen Geschichte von Titus Livius und eine Ausgabe von Augustins Gottesstaat ein. - Bereits 1824 erhält B. seine erste Pfarrstelle bei Makranstädt in Quesitz und heiratet die Tochter eines städtischen Steuerbeamten, Henriette, geborene Gräbner. Der Landpfarrer sorgt für den Bau neuer Schulen in Quesitz und im Nachbarort Kulkwitz, erteilt Privatunterricht und richtet schließlich ein Pensionat ein, in dem er die Söhne von Rittergutsbesitzern, Beamten und Bürgern für die Aufnahme ins Gymnasium vorbereitet. Bis 1831 bringt Henriette Böhmert zwei Söhne und drei Töchter zu Welt; eine Tochter stirbt. Im Rückblick konstatiert B.: "In dieser meiner ersten Pfarrstelle, obgleich sie nur 400 Thaler eintrug, habe ich die glücklichsten Jahre meines Lebens verbracht." (Ebd., 23) - 1831 wird B. Pfarrer in Roßwein, da die Stadtverordneten den für die Stelle vorgesehenen örtlichen Diakon aufgrund seiner Haltung in den revolutionären Unruhen ab 1830 ablehnen. B. gilt nun, obgleich ein "alter ehemaliger Bursch von echtem Schrot und Korn", als "Pfarrer des Widerstandes." (Ebd., 27) Die Stadt zählt zu dieser Zeit gut 4000 Einwohner. Vorherrschendes Gewerbe ist die Tuchmacherei. Die Kirche war nach dem Stadtbrand von 1806 neu gebaut und 1815 eingeweiht worden. Hier bringt B. seine Predigten zu Gehör, die er zuvor bei Wanderungen in die Umgebung memoriert. Der Organist und Lehrer Tertius Eichler beschreibt den Pfarrer als "von kräftiger Statur, männlich würdiger Haltung und bevorzugt durch eine volle, wohltönende Stimme." (Ebd., 42) Wohnung nimmt die Familie zunächst u. a. bei einem Zinngießer, bevor sie 1837 in ein neu gebautes Pfarrhaus mit Garten zieht, dessen Früchte zum Unterhalt der Familie dringend benötigt werden. - Die Maxime seiner Amtsführung legt B. in einem "Pfarrerhandbuch" nieder. Unter der Überschrift "Nachrichten über die Lebensverhältnisse und das Wirken der hiesigen Pastoren, angelegt von Karl Friedrich Böhmert im Jahre 1833" steht als "Aufschluß über nachstehende Notizen" zu lesen: "Nicht Geiz nach eitler Ehre, der einem Diener der Kirche Jesu Christi übel anstehen würde, hat mich bewogen, die Hauptdata meines Schaffens und Wirkens diesen Blättern anzuvertrauen, sondern die Überzeugung, daß der Geistliche in unseren Tagen, besonders in Fabrikstädten, wo die materiellen Interessen mehr als anderwärts prädominieren, sich allseitig nützlich machen müsse. Mir war dieses jährliche Repertorium des geistlichen Wirkens ein mächtiger Antrieb, daß kein Jahr aufzufinden sei, in welchem nicht in litterarischer und anderer Hinsicht etwas von mir gethan worden sei." (Ebd., 73 f.) Als Veröffentlichungen werden darin z. B. Aufsätze über die nachlassende Abendmahlsbeteiligung, über die Heirat bei Fabrikarbeitern, über Reformationsjubelfeiern sowie über Schulthemen im Roßweiner Anzeiger, im Sächsischen Kirchen- und Schulblatt, im Aufklärungsblatt "Allgemeiner Anzeiger der Deutschen" und anderen Zeitungen aufgeführt. Mehr als literarische Arbeiten beansprucht ihn jedoch einer Vielzahl von Gründungen. Bald nach seinem Amtsantritt in Roßwein gibt er - in einer Phase der Neugründungen von Predigerkonferenzen in Sachsen - den Anstoß für die Gründung einer Predigerkonferenz der Ephorie Nossen und amtiert von 1835 bis 1845 als Stellvertreter des Superintendenten. In Roßwein gründet B. einen Gustav-Adolf-Verein, eine Bibelgesellschaft und einen Missionsverein, deren Vorsitz er jeweils übernimmt. Doch beschränkt sich der Pfarrer nicht auf das Umfeld der Kirchgemeinde. Bereits 1832 ruft er eine der ersten Sonntagsschulen Sachsens ins Leben, die er bis zu seiner Emeritierung leitet. Die Schule dient der Fortbildung von Schülern bis zum 30. Lebensjahr im Schreiben, Lesen und Rechnen, bald wird auch Unterricht in Chemie und Physik erteilt. Finanziert wird die Schule durch Spenden und Zuschüsse. Die Lehrer unterrichten unentgeltlich, so auch B., der im Anschluß an den Sonntagsgottesdienst nach kurzer Ruhepause Unterricht in Stilistik gibt und die Abfassung privater und geschäftlicher Schreiben lehrt. 1834 ist B. unter den Gründern eines Gewerbevereins, dessen Vorsitz er ab 1835 für einige Jahre übernimmt. Hier regt er die Gründung der Roßweiner Sparkasse an, die 1838 die königliche Bestätigung erhält. 1839 wird ihm die Ehrenbürgerschaft der Stadt Roßwein verliehen. Vom Bürgermeister erhält der Pfarrer ein Schreiben überreicht, in dem es heißt: "Acht Jahre haben Sie nun, hochehrwürdiger Herr Pastor, in dieser Eigenschaft hiesiger Gemeinde vorgestanden und in dieser Zeit unablässig nicht nur für das geistige, sondern auch für das leibliche Wohl, für Kirche, Schule und Gewerbe mit rastlosem Eifer gewirkt. Sie haben dadurch die ganze hiesige Stadtgemeinde, das heranwachsende Geschlecht und uns, deren Vertreter, zu bleibendem Dank verpflichtet" (Ebd., 65). - Wie B. den bürgerlichen Verein für seine Zwecke zu nutzen versteht, so gelingt es ihm auch, die Anliegen des christlichen Glaubens in der bürgerlichen Fest- und Feierkultur zu verankern: Seine christlichen Vereine feiern Missions-, Bibel-, und Stiftungsfeste. Der Pfarrer beteiligt sich 1833 an Feier der sächsischen Verfassung von 1831, bei der die neu gewählten Mitglieder des Stadtrates eingeführt werden und begründet 1837 die Tradition eines Schulfestes, zu dessen Abschluß er den auf dem Kirchplatz versammelten Teilnehmern jährlich eine Rede hält. 1841 führt B. einen Silvesterabendgottesdienst ein, der über die Stadt hinaus breiten Anklang findet. - Ab 1840 kümmert sich B. besonders um die Handwerksgesellen, richtet für diese eine besondere Klasse in der Sonntagsschule ein und gründet 1844 einen Gesellen-Leseverein mit Vereins-Bibliothek, aus dem noch ein Gesangsverein hervorgeht. Im Hungerjahr 1847 organisiert und leitet er den lokalen Hilfsverein, der eine Suppenküche betreibt und billiges Brot backen läßt. Wie Brot- und Hilfsvereine andernorts löst dieser Verein sich nach der Hungerkrise wieder auf. Die Gründung eines Bürger-Lesevereins 1848 unter seiner Leitung scheitert hingegen an den verbreiteten Aversionen gegen Geistliche und Kirche in der Revolutionszeit. Kontinuierlich steht B. dem wohltätigen Frauenverein und einer Kinderbewahranstalt vor. 1849 gründet der Pfarrer schließlich eine Kranken-Unterstützungs- und Begräbniskasse, die nach dem Prinzip gegenseitiger Verantwortung funktioniert. Von reichen Bürgern werden höhere Kassenbeiträge als von armen erwartet. Die Besonderheit dieser freiwilligen Kasse ist darin zu sehen, daß sie potentiell alle Bürger der Stadtgemeinde umfaßt, sind doch Krankenkassen in dieser Zeit meist als Berufsgenossenschaften oder als Fabrikkrankenkassen organisiert. Die Kasse heißt in Roßwein bald nur noch "Pastorkasse" (Ebd., 102). - Die Folgezeit als Pfarrer und Bürger in Roßwein verläuft für B. vergleichsweise ruhig; er setzt die begonnenen Aktivitäten fort. Nach einem politischen Vorfall sieht er sich 1851 gezwungen aus dem Gewerbeverein auszutreten, wird 1854 aber von der Tuchmacherinnung als Interessenvertreter in einer wirtschaftlichen Angelegenheit ins sächsische Innenministerium gesandt. 1857 führt ihn die größte Reise seines Lebens in die Schweiz. - 1868 wird B. emeritiert. Zu diesem Anlaß erhält er das Ritterkreuz erster Klasse des Königlich-Sächsischen Verdienstordens. Der Kultusminister Johann Paul von Falkenstein bescheinigt ihm, "daß in Roßwein seit seiner langen Amtierung ein ganz anderer Geist eingezogen sei." (Ebd., 95). Seine letzten Lebensjahre verbringt B. in Dresden. Er stirbt, elf Jahre nach seiner Frau, am 6. November 1882. Bürger- und Kirchgemeinde Roßwein ehren ihn in einem Nachruf mit diesen Worten: "Die unterzeichnete Stadt- und Parochialvertretung kann es sich nicht versagen, Dir, Du teurer Entschlafener, der Du während Deiner 37jährigen Verwaltung des hiesigen Pfarramtes mit so reichem Segen in Kirche und Gemeinde gewirkt hast, den tiefgefühlten Dank in die Ewigkeit nachzurufen. Du hast nicht nur mehrere kirchliche Vereine hier ins Leben gerufen, sondern auch gemeinnützigen Zwecken Deine Kraft gewidmet. Sonntagsschule, Gewerbeverein, Kranken-Unterstützungsverein nennen Dich ihre Gründer, und wie viele Herzen wissen Dir heute noch Dank für Deine treue seelsorgerliche Beratung, sowie für Deine innige Teilnahme in Freud und Leid. Darum hast Du auch Roßwein Deine zweite Vaterstadt genannt ... . Der Herr aber wolle Dir Deine Treue und Liebe lohnen und Dich wohnen lassen in den Hütten des ewigen Friedens." (Ebd., 105 f.) - Besonders prägend wirkt B. als väterliches Vorbild für seinen ältesten Sohn, den späteren Nationalökonomen Victor Böhmert, dessen "ganze Erziehung darauf zugeschnitten" ist, "Pfarrer zu werden" (Victor Böhmert, Rückblicke und Ausblicke eines Siebzigers, 1900, 2). Victor Böhmert, der in Dresden im Sinne der bürgerlichen Sozialreform ebenfalls ein ganzes Netz von gemeinnützigen Vereinen initiiert, schreibt: "... weil man mich oft über Gebühr wegen meines gemeinnützigen Strebens lobt, [will ich, S. K.] ausdrücklich bemerken, daß ich diesen Zug meines Wesens fast ganz meinem Vater abgelauscht und im Roßweiner Pfarrhause schon als Knabe die Seelsorge und selbstloses öffentliches Wirken beobachtet habe." (Ebd., 2)

Werke: Ueber des Flavius Josephus Zeugniß von Christo. Ein Versuch von Carl Friedrich Böhmert, Leipzig 1823; T. Livii Patavini Historiarum libri, qui supersunt et deperditorum epitomae: cum fragmentis et indice historico, Nova editio, curavit C. F. Böhmert, 4 Bde., Leipzig 1824-1828; Augustinus Aurelius, S. Aurelii Augustini Hipponensis Episcopi De Civitate Dei Libri XXII, 2 Teile, Leipzig 1825; Ueber Sonntagsschulen überhaupt und namentlich über Sonntagsschulen im Königreiche Sachsen: nebst statistischen Tabellen, Leipzig 1843.

Lit.: Victor Böhmert, Der Pfarrer von Roßwein. Ein Lebensbild, Gotha 1886; - Otto Taubert, Zweiter Nachtrag zur Pflege der Musik in Torgau: Das Datum der ersten deutschen Oper und Nachträge zur Schilderung der betreffenden festlichen Tage. Zwei Ehemalige Schüler des Torgauer Gymnasiums: Johann Gottlob Friedrich Wieck und Karl Friedrich Böhmert, Torgau 1890; - Victor Böhmert, Rückblicke und Ausblicke eines Siebzigers, Dresden 1900.

Sebastian Kranich

Letzte Änderung: 30.12.2008