BOLTZ, Valentin, ev. Pfarrer, Dramatiker, Übersetzer, Fachschriftsteller, * Rufach (Elsaß), † 26.7. 1560 Binzen (Baden). Wirkte als Pfarrer 1534 in Alpirsbach, 1535-39 in Matt (Kanton Glarus). Danach für kurze Zeit im Dienst Herzog Ulrichs von Württemberg 1539 als Diakon in Tübingen und 1540 als Prädikant in Schorndorf. 1541 Pfarrer auf dem Hirzel (Zürich), anschließend im Sernftal, 1542-44 in Mollis und 1544-46 in Schwanden (Kanton Glarus). 1546-55 Spitalprediger in Basel, wo er seine geistlichen Spiele "Tragicocomoedia Sant Pauls bekerung" (1546, gedr. 1551) und "Der Wellt Spiegel" (1550) zur Aufführung brachte. 1555 ist er in Ungershausen bei Memmingen, ab 1559 in Binzen belegt. - Mit frühen Übersetzungen des Terenz und Seneca erschloß B. die von den Humanisten geschätzten römischen Dichter breiten Publikumsschichten, wobei er insbesondere auf die Vermittlung bürgerlicher Moral und praktischer Lebensphilosophie abzielte. Auch im Medium des reformatorischen Bibeldramas ("Ölung Davidis deß Jünglings, vnnd sein streit wider den Risen Goliath") bot er den Zuschauern - durch das Exempel von nachahmenswerten und abschreckenden Mustern - Verhaltensmodelle menschlichen Lebens; die Moralität "Der Wellt Spiegel", ein zweitägiges Stück in sechs Akten mit 158 meist allegorischen Rollen, stellt in der eindringlichen Verknüpfung von Totentanzmotiven, Sittenbild und Moralpredigt ein literarisches Memento mori dar. Weit verbreitet war das "Illuminierbuch" (1549), eine Anleitung zur Herstellung und Mischung von Farben mit Übungsbeispielen und einem Anhang von 48 "Figuren zum beliebigen Ausmalen", die bis in das 17. Jahrhundert eine Vielzahl von Auflagen erlebte.
Schriften: Kunstbüchlin, gerechten gründtlichen Gebrauchs aller kunstbaren Werckleut, Von Ertzarbeyt ... nämlich Härten, Weychen, Schmeltzen, Scheyden, Abtreiben, s.l. 1535, 1549; Publii Terentii Aphri Sechs verteuschte Comedien, auß eygen angeborner Lateinischen spraach auffs trewlichst transferiert durch Valentinum Boltz von Ruffach anno MDXXXIX..., Tübingen 1540, 1544, 1546, 1551, 1567; Illuminierbuch, wie man allerlei Farben bereitten, mischen, schattieren und ufftragen soll, allen jungen angehenden Malern und Illuministen nützlich und fürderlich, Basel 1549, Frankfurt 1550, 1551, s.l. 1552, [Frankfurt] 1553, s.l. 1554, Straßburg 1557, Frankfurt 1562, 1566, 1571, 1578, Straßburg 1582, Frankfurt 1589, 1597, Erfurt [um 1600], Magdeburg 1607, Frankfurt 1613, Darmstadt 1613, Straßburg 1630, Hamburg 1645, Erfurt 1661, s.l. 1667, Erfurt 1672, Augsburg 1675, Annaberg 1684, Magdeburg 1688, Annaberg 1689 (Neudr. hrsg. von Carl Joseph Benzinger, München 1913); Der Wellt Spiegel. Gespilt von einer Burgerschafft der wytberümpten fryhstatt Basel im Jar M.D.L., Basel 1550, 1551 (Neudr. hrsg. von Albert Geßler, in: Schweizerische Schauspiele des 16. Jh., Bd. 2, Zürich 1891, 113-353); Tragicocomoedia Sant Pauls bekerung. Gespilt von einer Burgerschafft der wytberümpten frystatt Basel, im jor M.D.XLVI, Basel 1551; Senece Gesprächbüchlin, Basel 1552; Ölung Davidis deß Jünglings, vnnd sein streit wider den Risen Goliath, Basel 1554. - Nach Kaspar Gesner (Appendix Bibliothecae, Zürich 1555) war B. auch Verf. einer "Comediam septem artium liberalium contra abusus mundi", einer "Passionis Christi historiam", eines "Concilium Christi et Papae", einer "Samsonis historiam" und einer "Tragoediam Susannae" (nicht gedruckt).
Lit.: Johann Moller, Cimbria literata, Bd. 1, Kopenhagen 1744; - Gasts Tagebuch. In Auszügen behandelt von Tryphius. Übers. und erläutert von Carl Buxtorf-Falkeisen, Basel 1856, 53f., 67f., 71, 87; - Wilhelm Wackernagel, Johann Fischart und Basels Antheil an ihm, Basel 1870, 41f.; - Hugo Holstein, Die Reformation im Spiegelbilde der dramatischen Litteratur des sechzehnten Jh., Halle 1886; - Albert Geßler, Der Antheil Basels an der dt. Lit. des XVI. Jh., Aarau 1889, 32, 65; - Ders., Einleitung, in: Schweizerische Schauspiele des 16. Jh., Bd. 2, Zürich 1891, 101-112; - Jacob Bächtold, Gesch. der dt. Lit. in der Schweiz, Frauenfeld 1892, 256, 341ff.; - Gustav Bossert, Zur Biographie des Dichters V. B. von Rufach, in: Zeitschrift für die Gesch. des Oberrhein N.F. 14 (1899), 194-206; - Johann Baptist Hartmann, Die Terenz-Übersetzung des V. B. und ihre Beziehungen zu den älteren Terenz-Übersetzungen, Diss. München 1911; - Fritz Mohr, Die Dramen des V. B., Diss. Basel 1916; - Karl Gauss, V. B. im Zürcher und Glarnerland, in: Zwingliana 3 (1920), 524-525; - Emil Ermatinger, Dichtung und Geistesleben der dt. Schweiz, München 1933, 201f.; - Wilhelm Emrich, Paulus im Drama, Berlin/Leipzig 1934, 38-41; - Das Tagebuch des Johannes Gast, hrsg. und übers. von Paul Burckhardt (Basler Chroniken 8), Basel 1945, 270f.; - Zürcher Pfarrerbuch 1519-1952, bearb. von Emanuel Dejung u. Willy Wuhrmann, Zürich 1953, 204; - Hans Rupprich, Die dt. Lit. vom späten MA bis zum Barock, Tl. 2: Das Zeitalter der Reformation 1520-1570, München 1973, bes. 376f.; - Felix Platter, Tagebuch (1612), hrsg. von Valentin Lötscher (Basler Chroniken 10), Basel 1976, 82f.; - Leo Zehnder, Volkskundliches in der älteren Schweizer Chronistik, Basel 1976; - Wolfgang F. Michael, Das dt. Drama der Reformationszeit, Bern u.a. 1984, 131f., 227-231; - Ders., Die ‚Bekehrung Pauli' von V.B., in: Zeitschrift für dt. Philologie 113 (1994), 385-392.
Lex.: ADB III, 114; - NDB II, 435-436; - DLL I, 755; - Killy, Lit.-Lex. II, 99-100; - DBE II, 12.