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Verlag Traugott Bautz
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BÜLOW, Helen(a)e Elisabeth Fredericke Henriette von, * 14. Januar 1816 in Camin, einem großen Rittergut (seit 1663 im Besitz der adeligen Familie von Bülow) in der Nähe von Wittenburg (Mecklenburg), † 17. November 1890 in Ludwigslust (Mecklenburg), Gründerin und erste Oberin des Diakonissenmutterhauses "Stift Bethlehem" in Ludwigslust. - Die adelige Familie v. B. ist ein altes und hochangesehenes in Deutschland, in der Schweiz und in Schweden weit verbreitetes Geschlecht, welches wohl zuerst in Mecklenburg auftrat. Vom 14. Jahrhundert an schied das Geschlecht sich in mehrere Linien und zwar in die zu Wendendorf, der die Familie von Helene v. B. angehörte, Potrems, Groß-Siemen, Radum-Wischendorf, Zibühl, Gartow-Stintenburg, Wenigen-Gudow und Plüskow. Aus genannten Linien entstand eine lange Reihe von Männern und Frauen, welche zu hohem Ansehen gelangten. Ein Teil der verschiedenen und reich begüterten Linien wurde in den Freiherrn- bzw. Grafenstand erhoben (vgl. Bülow 1858). - Helenes Eltern, Bernhard Joachim v. B. und seine Frau Elise, geb. von der Lühe, hatten insgesamt 13 Kinder (4 Mädchen und 9 Jungen), wovon drei in jungen Erwachsenenalter starben. Der Vater war ein strenger, fleißiger und sehr gläubiger Mann. Er kümmerte sich vor allem um den reibungslosen Ablauf und die finanzielle Sicherung des Gutsbetriebs, während die Mutter für die Erziehung der Kinder und den großen Haushalt, unterstützt von Gouvernanten und Hausangestellten, verantwortlich war. Helene und ihre Geschwister erlebten auf dem elterlichen Besitz unbeschwerte Kinder- und Jugendjahre, wenngleich familiäre Schicksalsschläge (Tod mehrerer Familienmitglieder) nicht ausblieben: - "Die Kinder wurden, trotzdem sich die Eltern in den besten Verhältnissen befanden, nur einfach gehalten. Mit vollen Zügen genossen sie, und ihnen allen voran Helene, die Freuden und die Feinheiten des Landlebens in Wald und Flur... Besonders eifrig war Helene beim Schlittschuhlaufen, und nie sah man sie auch bei dem kältesten Wetter einen Mantel anlegen. Die Mutter war sehr dafür, die Kinder abzuhärten... So wuchs (Helene; M. B.) körperlich gesund als ein frisches, fröhliches Kind in großer Freiheit der Bewegung auf" (Krabbe 1930, S. 1 f). - Auf eine umfassende und standesgemäße Bildung und Erziehung der Kinder legte man im Bülowschen Hause großen Wert. Helene wurde zusammen mit einer älteren Schwester unterrichtet und nahm teilweise an den Latein- und Mathematikstunden ihrer Brüder teil. Mit 13 Jahren wurde sie in das vornehme Mädchenpensionat von Fräulein von der Sode nach Ratzeburg gegeben. Anschließend führte sie das Leben einer "Haustochter", wartend auf den rechten Ehemann und Versorger. Mit dieser Situation war die junge Adelige nicht sehr glücklich: - "Oft kam ihre der Gedanke, sie wolle Erzieherin werden, doch meinte sie selbst, wer die Tochter des Herrn Bülow wohl als Erzieherin nehmen würde... An der Geselligkeit des Hauses, dem Verkehr mit den Familien der umherwohnenden Rittergutsbesitzer hatte sie nie viel Freude, sie war zu tief angelegt, als daß sie sich durch leichte Unterhaltung befriedigt gefühlt hätte. Je weniger sie in solchem Verkehr Befriedigung fand, um so mehr zog sie sich in sich zurück. Der Gewohnheit der adeligen Familie folgend, brachte sie im Winter einige Wochen in Schwerin zu, wozu sich, da ihre Großmutter, die Oberjägermeisterin von der Lühe, in Schwerin wohnte, der Anlaß sehr leicht bot. Während ihres Schweriner Aufenthaltes machte sie die Hoffeste mit, besuchte auch das Theater, das alles aber mehr nach der Sitte ihres Standes und in Gehorsam, als daß ihr Herz sie dorthin zog, und stets ohne wirkliche Freude daran zu haben. Ihre Seele verlangte schon damals nach anderen Dingen, die ihr mehr Genüge versprachen. Es wurde ihr, was bei der hübschen äußeren Erscheinung und ihrem geistvollen Wesen so natürlich scheint, auch Gelegenheit geboten, sich zu verheiraten, aber teils wies sie die Anträge zurück, teils waren sie nicht nach den Wünschen des Vaters" (Krabbe 1930, S., 3 f). - Drei Jahre nach dem Tode des Vaters übersiedelte die verwitwete Mutter mit ihren zahlreichen Kindern nach Ludwigslust, der kleinen sommerlichen Residenzstadt der Großherzoge von Mecklenburg-Schwerin. Dort engagierte sich v. B. an dem von Pastor Theodor Kliefoth, der die kirchliche Entwicklung im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin, maßgebend prägte, initiierten "Armen- und Krankenbesuchskreis" des hiesigen Frauenvereins. Die Freude an dieser Tätigkeit weckte in ihr den Wunsch, "ihrem Heilande mit der Hingabe ihres ganzen Lebens zu dienen" (Krabbe 1930, S. 8). Durch ihre Jugendfreundin Maria(n)ne von Rantzau erfuhr v. B. von der Arbeit des engagierten Erweckungstheologen Theodor Fliedner. Genannter hatte 1836 in Kaiserswerth bei Düsseldorf ein Diakonissen-Mutterhaus "zur Bildung evang. Krankenpflegerinnen" (Fliedner 1871, S. 5) sowie "Kleinkinderlehrerinnen", anfangs "Kinder-Diakonissen" genannt (vgl. Psczolla o. J., S. 13 ff.), ins Leben gerufen. Dort wollte sich die Adelige ausbilden lassen. Doch sie mußte erst die Mutter um die Genehmigung bitten, zumal seinerzeit eine Ausbildung für adelige Töchter nicht zur Debatte stand. Endlich konnte die inzwischen 30-jährige v. B. am 3. März 1846 an Caroline Fliedner schreiben: - "Liebe Frau Pastorin! Fräulein Rantzau hat mir Ihren und Ihres Herrn Gemahls freundlichen Gruß gesagt, Sie heißen mich willkommen u. wollen mich aufnehmen in ihr Haus" (zit. n. Röper 1997, S. 67). - Während ihrer einjährigen Ausbildungszeit in Kaiserswerth, als sog. "Pensionärin", absolvierte v. B. zuerst den "Klein-Kinderschul-Cursus" und arbeitete nachfolgend für fünf Wochen auf der "Knabenstation". Anschließend war sie als Probepflegerin im Krankenhaus tätig. Zur Ausbildung gehörte u. a. auch der Gang mit der Gemeindediakonissin zu den Armen und Kranken der Stadt und Umgebung, egal welcher Religion diese angehörten. - Zeitlebens bestand zwischen v. B. und Kaiserswerth sowie dem Ehepaar Fliedner eine herzliche Bindung. Am ersten Jahrestag ihrer Ankunft an der "Wiege der Mutterhausdiakonie" (Schmidt 1998, S. 84), schrieb die Adelige sehnsuchtsvoll von zu Hause an eine sich gerade in Kaiserswerth befindende Freundin: - "Du liebes, stilles Kaiserswerth, und vor allem du friedliches Pfarrhaus, wie könnte ich je dich vergessen, wunderbarer Ort, von dem aus Ströme des Segens sich ergießen, von dem aus Worte des Lebens in tausend und aber tausend Herzen dringen und das fort und fort tun werden, weil sie eben geschöpft sind aus dem ewigen Wort des Lebens. Mein Herz hängt mit tausend Banden an der lieben Stätte, und mein Auge füllt sich mit Tränen bei dem Gedanken, daß ich in solcher Umgebung, in solcher lebendigen, christlichen Gemeinschaft ein Jahr leben durfte. Wie wunderbar hat mich der Herr geführt" (Krabbe 1930, S. 25). - Nach ihrer Rückkehr in die Heimat stellte v. B. sogleich Überlegungen an, die neuen Erfahrungen in die Tat umzusetzen. Sie wollte sich in erster Linie armen Kindern widmen. Ihr Engagement im Vorstand der Ludwigsluster Kleinkinderschule, eine der ältesten Deutschlands, und in der Strickschule für Kinder, bestärkte sie in ihrer Idee. Die Adelige wollte auch im Hospital helfen, doch ihr Engagement in der kleinen, äußerst unzulänglichen Krankenanstalt von Ludwigslust schlug fehl. Im Mai 1847 reiste v. B. nach Berlin. Dort besuchte sie das sich im Aufbau befindende "Zentral-Diakonissenhaus Bethanien", dem ihre Jugendfreundin, Maria(n)ne von Rantzau, als Oberin vorstand. Auch Theodor Fliedner weilte zu dieser Zeit in "Bethanien": - "Wie freute sie (v. B.; M. B.) sich, ihn zu sehen! Er war, wie immer, reich an dem besten Rat und Trost, und sie sah es als ein Glück an, einen solchen Freund zu haben. Sie verkehrte auch viel mit dem zur Oberin von Bethanien ausersehenen Frl. Marianne von Rantzau und ließ sich von den Schwierigkeiten erzählen, die sie gefunden. Sie fand sie so fröhlich und mutig und voll freudigen Vertrauens, daß sie den Eindruck hatte, das große, schöne Werk müsse gelingen... Fliedner, dem sie ihre traurigen Erfahrungen mit dem Ludwigsluster Krankenhause mitgeteilt, während sie in dem neuerbauten Bethanien auf und ab gingen, riet ihr, als sie ihre Zukunft mit ihm besprach, mit seinem klaren Blicke, ein Kinderhospital, zuerst etwa von 6 Betten, anzulegen, sie dann von der Mutter die Erlaubnis zu erbitten, hineinzuziehen und ruhig zu erwarten, was sich aus diesem Anfang entwickele und was ihr der Herr weiter zeigen werde" (Krabbe 1930, S. 28 f). - Juni 1847 kaufte v. B. die kleine "Büdnerei Nr. 18" in Kleinnow, damals ein Vorort von Ludwigslust, und errichtete darin ein Kinderhospital. Aufgenommen wurden Kinder aus der armen Tagelöhnerbevölkerung der umliegenden Dörfer, die an "Skropeln, Knochenfraß, Augenübeln, Nervenschwäche, Veitstanz, u.s.f." (Salfeld 1850, S. 4) litten. Die medizinische Betreuung übernahm ein Arzt aus Ludwigslust. Die kleinen Patienten blieben sehr lange im Haus, einige sogar über mehrere Jahre hinweg. Darum läßt sich das Kinderhospital in Kleinow nicht "mit einem heutigen Kinderkrankenhaus für akut Kranke vergleichen. Eher ließe es sich als Kurklinik beschreiben" (Jenner 2001, S. 13). Die Adelige übernahm aus ihrem Privatvermögen zum größten Teil die anfallenden Kosten für Verpflegung, Aufenthalt und Bekleidung. Bald dachte v. B., "auf geheime und wunderbare Weise einer göttlichen Lenkung zielstrebig folgend", an eine grundsätzliche Erweiterung ihrer "christlichen Liebestätigkeit": - "Sie wünschte, auch erwachsenen Kranken weiblichen Geschlechts Aufnahme gewähren zu können, vor allem trug sich ihr Herz mit dem Gedanken und der Hoffnung, in ihrem Hause eine Pflanzstätte des christlichen Pflegeamtes an Armen und Kranken, eine Diakonissenanstalt... entstehen zu sehen" (Salfeld 1850, S. 4). - Große Unterstützung erfuhr v. B. zeitlebens von Großherzog Friedrich Franz II. und seinen drei Ehefrauen Auguste, Anna sowie Marie. Die hochgestellten Personen trugen allgemein zum Entstehen und Wachsen der Einrichtungen der "Inneren Mission" im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin bei. Bedingt durch die großherzogliche Anerkennung, konnte schließlich auch die Mutter von Helene, dem geplanten Vorhaben ihrer Tochter ein größeres Haus zu erbauen, zustimmen. Voll Freude schrieb v. B. an eine Freundin: - "Gott selbst hat meiner Mutter Herz gelenkt, daß sie nichts mehr dagegen hat. Etwas dazu beitragen, sie damit auszusöhnen, hat allerdings auch das gütige Wohlwollen, was mir unsere liebe junge Großherzogin zeigt" (zit. n. Krabbe 1930, S. 42). - Im Frühjahr 1850 sagte das regierende Fürstenhaus die finanzielle Hilfe beim Bau eines neuen Hauses zu und so konnte bereits am 9. Juli 1850 die Grundsteinlegung erfolgen: - "Präpositus Salfeld leitete mit herzlichen Worten die Feier ein, anknüpfend an Phil. 4,6: 'In allen Dingen lasset eure Bitte in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden.' Darauf wurde nach einem innigen Gebete der Grundstein gelegt. Fräulein von Bülow, die Geistlichen, Meister und Gesellen taten die üblichen Hammerschläge. - Zu den Kosten des Baues gab der Großherzog 2000 Taler und die Großherzogin Auguste 500 Taler. Auch von einigen anderen Seiten wurden Bausteine hinzugetragen. Noch fehlte viel, aber Helene hatte den Mut, das Fehlende auf die Rechnung eines lebendigen Gottvertrauens zu setzen... Rasch stieg das Haus empor und schon am 25. und 26. September konnte es gerichtet werden" (Krabbe 1930, S. 44). - Die feierliche Einweihung des neuen Diakonissenhauses erfolgte am zweiten Hochzeitstag des großherzoglichen Ehepaares, 3. November 1851, in Anwesenheit der "Allerhöchsten Herrschaften aus Schwerin" (Krabbe 1930, S. 46). Das Haus erhielt auf Anregung der Stifterin, in Erinnerung an den Weihnachtsmorgen 1841, den Namen "Stift Bethlehem". Kurz zuvor war ihr ältester Bruder an Typhus gestorben und die Adelige fand an diesem Tag endgültig ihren Weg zu Gott: - "Es war am Weihnachtsmorgen 1841, als mein Bruder begraben ward, und ich erinnere mich sehr lebendig, wie ich es beim Geläut der Glocken im Hause nicht aushalten konnte und trostlos im Garten umherirrte. Da, als ich mich für ganz unglücklich hielt, drang zuerst ein Funken göttlichen Trostes in mein armes Herz, und der Herr trat mir nahe, den ich so lange vergessen. Ich nahm meine beiseite gelegte Bibel wieder hervor, und besonders die herrlichen Stellen in den Korintherbriefen über Tod und Auferstehung beruhigten mich und wiesen mich dahin, wo alles Leid aufhört. Von diesem Augenblicke an wurde es besser mit mir, ich hatte nun gefunden, was ich bedurfte, und der Herr half weiter" (zit. n. Krabbe 1930, S. 5). - Zugleich mit der Einweihung der Diakonissenanstalt wurde v. B. als Oberin bestätigt und kirchlich in ihr Amt eingeführt. In rechter Würdigung ihrer Berufung schrieb v. B.: - "Daß ich und künftig auch unsere Schwestern so als wirkliche Dienerinnen der Kirche angesehen werden, ist gewiß eine wichtige Sache. Der Herr mach uns selbst zu seinen rechten Dienerinnen" (zit. n. Krabbe 1930, S. 47). - Die Anstaltsgründerin brachte ihren Besitz in die Stiftung mit ein. Im Schenkungsvertrag mit der evangelisch-lutherischen Landeskirche wurde unter § 1 festgehalten: - "Das Fräulein Helene Elisabeth Friederike Henriette von Bülow schenkt ihrem Gott zu Lobe, ihrem Heilande zu Ehren und ihren leidenden Mitchristen zu Gute, hierdurch die ihr gehörige, vor dem Schweriner Tore vor Ludwigslust belegene Büdnerei Nr. 18, bestehend in Garten, zweien außen belegenen Ackerstücken, in denjenigen Grenzen und Scheiden, in welchem sie es besessen, und den dermalen auf denselben befindlichen Gebäuden, als einem kleineren Wohnhause, einem neuen zweistöckigen massiven Hause und einem Hintergebäude... mit allen darauf liegenden Activas und Passivis, sowie außerdem eine Kapitalsumme von 10 000 Talern Mecklenburger Curant in sicheren, gehörig umzuschreibenden und auf der Registratur der kompetierenden Superintendentur zu asservierenden Papieren, vom Tage der Vollziehung dieses Kontrakts ab zu ewigen Zeiten ohne Vorbehalt der evangelisch-lutherischen Kirche in Ludwigslust zu bleibendem Eigentum" (zit. n. Krabbe 1930, S. 48). - Des weiteren beinhaltete der Vertrag das Recht der Oberin, ihre Nachfolgerin zu bestimmen, wobei der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin als Oberbischof durch seinen Oberkirchenrat die Oberin, wenn sie sich als ungeeignet erwies, entlassen konnte, "doch sollte sich diese Bestimmung selbstredend auf die erste Oberin und Stifterin nicht erstrecken" (zit. n. Jenner 2001, S. 16). Das Eigentum der Kirche am "Stift Bethlehem" konnte, laut Schenkungsvertrag, aufgehoben werden, "falls die evangelisch-lutherische Kirche in Ludwigslust aufhören würde, eine evangelisch-lutherische Kirche zu sein" (Krabbe 1930, S. 49). In diesem Falle muß das Eigentum wieder an die Stifterin bzw. an "die nächsten Verwandten aus der Familie von Bülow-Camin" (Krabbe 1930, S. 49) zurück gegeben werden. Wer dachte damals daran, daß fast 100 Jahre später, zu DDR-Zeiten, die seinerzeit als "etwas zu vorsorglich" (Krabbe 1930, S. 49) erarbeiteten Schenkungsbestimmungen noch eine wichtige Rolle spielen sollten (vgl. Jenner 2001, S. 81 ff.). - Das "Stift Bethlehem" wuchs in den folgenden Jahren sehr unregelmäßig. In den ersten zwei Jahrzehnten traten nur 32 junge Frauen in die Anstalt ein, während von 1870 bis zum Tode von v. B. die Anstalt um 100 Diakonissen wuchs. Immer wieder wurden durch diverse Aufrufe junge Mädchen und Frauen zum Eintritt in das Diakonissenhaus aufgefordert. Vor allem der seit 1859 jährlich herausgegebene "Bethlehemskalender" warb für den Eintritt in das "Stift Berthlehem": - "Die Form des Kalenders war damals ein sehr populäres Medium, um einen großen Kreis von Leserinnen und Leser zu erreichen. Der Bethlehemskalender erhielt allgemeine Informationen über Märkte und Veranstaltungen, Eisenbahnfahrpläne und Posttarife sowie belehrende und unterhaltende und erbauliche Geschichten. In einem Sonderteil informierte man ausführlich über die Arbeit des Stift Bethlehem. Mit den abgedruckten Jahresberichten und durch direkte Ansprache an die Leserschaft warb man um breite Unterstützung für das Stift Bethlehem" (Jenner 1998, S. 63). - Im Jahre 1859 trat die Cholera mit besonderer Heftigkeit im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin auf. Die gewaltige Not lenkte die Blicke auf die Ludwigsluster Diakonissen. Man begehrte von der Oberin Schwestern zur Pflege der Kranken und Sterbenden. Der aufopfernde Einsatz der Bethlehemschwestern erregte allgemeine Aufmerksamkeit und Bewunderung. In Anerkennung der geleisteten treuen Arbeit, bewilligte Dezember 1859 der ständische Landtag dem "Stift Bethlehem" einen Geldbetrag von 10 000 Talern. Die Oberin wünschte sich, "daß die Gabe der Stände zur Gründung eines Pastorats für Bethlehem bestimmt werde, um so einen eigenen Geistlichen für Bethlehem zu gewinnen, der sich neben der Seelsorge für die Kranken, die Ausbildung der Schwestern und ihren Unterricht in der Heilslehre sowohl wie in anderen notwendigen Gegenständen zu seiner Lebensaufgabe mache" (Krabbe 1930, S. 78). Am 22. April 1860 wurde Pastor H. Wilhelmi als erster hauptamtlicher Stiftspastor ordiniert: - "Das Stift Bethlehem schied nun mit dem gesamten an ihm dienenden Personal aus der Parochie Ludwigslust aus. Den veränderten Verhältnissen gänzlich entsprechend wurden dem Stifte Bethlehem unter dem 29. Juni 1860 die Rechte einer eigenen juristischen Person landesherrlich beigelegt. Dadurch wurde das bisherige Rechtsverhältnis zu der Ortskirche in Ludwigslust (laut Schenkungsvertrag vom 9. Oktober 1851; M. B.) aufgehoben" (Krabbe 1930, S. 81). - Nach erfreulichem Zuwachs an Schwestern, konnte daran gedacht Diakonissen in andere Orte des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin zu entsenden. Diesbezüglich ergingen immer wieder Bitten an die Oberin, sie möge doch Schwestern für die Arbeit in Kranken- und Siechenhäuser, in der Gemeindepflege, in Kinderhospitäler, Kinderheime, Kostkinderheime und Kleinkinderschulen bereitstellen. Damit waren für v. B. unweigerlich viele Reisen verbunden, um in Frage kommende Anstalten zu visitieren. Über solch eine Reise (Herbst 1854) berichtete die Oberin sehr kritisch: - "Ich besuchte die Krankenhäuser in Schwerin, Wismar und Rostock... Medizinalrat Nasse hat mir sehr wohlgefallen und hoffe ich noch in recht genaue Verbindung mit ihm zu kommen. Er klagte sehr über die Wärterinnen und freute sich der Aussicht, künftig Schwestern erhalten zu können. 16 Wärterinnen sind auf der weiblichen Abteilung tätig, wie glücklich würde ich sein, wenn wir sie nach und nach übernehmen könnten!... Das Schweriner Krankenhaus kannte ich schon, es ist ziemlich gut eingerichtet, nur die Pflegekräfte sind sehr mangelhaft und für die geistige Pflege geschieht nichts, als alle Monat eine Bibelstunde. In Wismar ist mit dem Krankenhause ein Siechenhaus für ca. 50 Personen verbunden, was ja recht schön ist, doch solchen Schmutz und Unordnung sah ich noch nie in einer Anstalt. Die alten Leute sind sich ganz selbst überlassen, und wie lieblich könnten sie doch ihren Lebensabend in solchem Asyl zubringen. Ich werde es nicht aus dem Gedächtnis bringen. - Das alte Rostocker Krankenhaus ist gleichfalls unter aller Kritik, enge, dumpfige Stuben, mäßige Reinlichkeit. Das neue scheint mir vortrefflich eingerichtet und freue ich mich herzlich darauf, die Schwestern einzuführen" (zit. n. Krabbe 1930, S. 57 f). - Das Wirken der entsandten Diakonissen erstreckte sich auch auf Stationen außerhalb des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin wie Oldenburg, Osnabrück, Lübeck, Hamburg und Itzehoe. Dabei achtete die Oberin sehr darauf, daß die von ihr erzogenen Diakonissen nicht in den kommunalen Einrichtungen neben den dortigen weltlichen Personal eingesetzt wurden. Ein weiteres ungewöhnliches Tätigkeitsfeld war der Einsatz von zwei Diakonissen, seit 1861, als Aufseherinnen im Gefängnis von Dreibergen: - "Diese Arbeit bestand im normalen Schließ- und Aufsichtsdienst. Die vorgesehene pädagogische Betreuung trat in der Praxis in den Hintergrund. Am stärksten war sie in der Abteilung für 'Jugendliche Sträflinge der weiblichen Abtheilung der Anstalt' ausgeprägt. Eine Diakonisse bewohnte zusammen mit den Mädchen ein eigenes Haus innerhalb des Anstaltsgeländes. Ihre Aufgabe bestand darin, die Gefangenen zu unterrichten sowie zu Haus - und Gartenarbeiten anzuhalten. - Seit der Umstrukturierung des Gefängniswesens 1879 waren Diakonissen in den beiden nahe beieinander liegenden Anstalten in Bützow und Güstrow tätig" (Jenner 2001, S. 43). - Der 3. Mai 1880 war ein großer Festtag im "Stift Bethlehem": drei Schwestern feierten ihr 25-jähriges Dienstjubiläum. Über dieses besondere Ereignis berichtete Johannes Krabbe, von 1866-1901 Stiftspastor der Diakonissenanstalt: - "Dieser Jubiläumstag der drei Diakonissen war um so schöner, weil von den am 3. Mai 1850 einst zusammen eingetretenen Schwestern keine inzwischen ausgetreten oder gestorben war. Wie sich die erste Jubiläumsfeier gestaltete, so ist sie im ganzen und großen geblieben. Nach der Morgenandacht überreichte der Stiftsgeistliche den drei Jubilarinnen ein silbernes Kreuz, auf dem der Spruch stand: 'Was ihr getan habt einen der Geringsten unter meinen Brüdern, das habt ihr mir getan' (Matth. 25,40). - Fortan hatten die drei Jubilarinnen das Kreuz zu tragen, sich selbst als ein Erinnerungszeichen an alle die Liebe und Treue Gottes, die sie in 25 Jahren erfahren, allen Gliedern des Hauses zu einem Zeichen, daß es köstlich sei, sein ganzes Leben der Diakonissensache hinzugeben. Nachmittags fand die Einsegnung von drei Schwestern statt. Nach derselben traten die Jubilarinnen, von der Oberin begleitet, die solchen Jubeltag bereits fünf Jahre früher gefeiert hatte, an den Altar, um in einer Ansprache über 2. Chron. 15,7: 'Ihr aber seid getrost und tut eure Hände nicht ab, denn euer Werk hat seinen Lohn' auf die Bedeutung dieses Tages für sie und Bethlehem hingewiesen und zu weiterer Arbeit gestärkt zu werden. Hernach empfingen sie als Geschenk des Großherzogs und der Großherzogin je eine reich mit Silber verzierte Bibel" (Krabbe 1930, S. 163). - Stiftspastor Johannes Krabbe rebellierte immer wieder gegen die weibliche Hierarchie im "Stift Bethlehem", in dem er öfters den Führungsstil der Oberin bemängelte. Seiner Ansicht nach fehlte es an festen Normen und an Disziplin. Die einzelnen Diakonissen "sind viel zu sehr sich selbst überlassen"; die Vorsteherin des Hauses fälle Einzelentscheidungen anstatt ein "klares Regelwerk" zu befolgen. Und weiter polemisierte der Stiftspropst: - "Dem Haus Bethlehem fehlt eine bis ins Detail gehende Verwaltung. Eine solche ist nicht nachgerade bei einem so großen Hause, das immer größer wird, nöthig. Dazu gehört ein genau eingehaltener Geschäftsgang, ein sorgfältig eingerichtetes Archiv, eine bestimmte Regelung der eingehenden Verwaltungsabläufe" (zit. n. Jenner 2001, S. 61 f). - Trotz einer Fülle von Leitungsaufgaben absolvierte Oberin v. B. jeden Morgen und jeden Abend einen Rundgang durch das Haus. Dabei weilte sie längere Zeit in den Krankensälen, ließ sich von den Schwestern Bericht über die Patienten erstatten, sprach mit den Kranken über deren Befinden, gab ihnen Mut oder hatte tröstende Worte für sie bereit. Die Schwerkranken besuchte die Oberin mehrmals am Tag und stand den Sterbenden in ihren letzten Stunden bei: - "So hat sie denn an sehr vielen Sterbebetten im Laufe der Jahre gestanden, und immer blieb ihr der Tod eine ernste, heilige Sache, und warnte sie die Schwestern oft davor, daß sie durch das Weilen an vielen Sterbebetten nicht gleichgültig gegen den Tod werden möchten. Sie ließ es sich auch... nie nehmen, bei der Begräbnisfeier, die in Bethlehem für jeden Verstorbenen stattfindet, anwesend zu sein" (Krabbe 1930, S. 227). - Als die erste Oberin und Stifterin "Bethlehems" starb, verbreitete sich die erschütternde Nachricht schnell durch die Diakonissenanstalt, die Stadt und bald auch durch das Land. Die Trauerfeier fand am 21. November 1890 in Anwesenheit ihrer Familienangehörigen, ihrer Freunde, der Schwesternschaft sowie hocharistokratischer Persönlichkeiten und unter reger Anteilnahme der Ludwigsluster Bevölkerung u. a. m. statt: - "Die Großherzogin Marie, der Prinz und die Prinzessin Reuß waren anwesend, sowie Vertreter des Großherzogs und seiner Gemahlin und der Großherzogin Mutter. Kirchliche und weltliche Behörden, Deputierte von Krankenhäusern und Vereinen, das Offizierskorps, der Magistrat mit dem Bürgerausschuß und dem Armenkollegium der Stadt Ludwigslust, viele Geistliche und sonstige teilnehmende Fremde erwiesen der Oberin die letzte Ehre" (Krabbe 1930, S. 184 f). - Oberin v. B. wurde auf der Begräbnisstätte ihrer Stiftung beigesetzt, mitten unter den ihr vorangegangenen Schwestern, zu Füßen des großen Marmorkreuzes, welches die Inschrift trägt: "Ich bin die Auferstehung und das Leben (Joh. 11,25)". Noch zu Lebzeiten hatte v. B., entsprechend des vereinbarten Schenkungsvertrages, d. h. ohne Absprache mit den Diakonissen und dem Kuratorium der Landeskirche, ihre Nichte Ina von Bassewitz zur Nachfolgerin des "Stifts Bethlehem" bestimmt. Diese wurde mit Eintritt in die Diakonissenanstalt von ihrer Tante sukzessive auf das Amt der Oberin vorbereitet. Wie ihre Vorgängerin war auch Ina von Bassewitz "die vollständige Leiterin des gesamten Hauses. Sie regelte die Ausbildung und den Einsatz der Schwestern, führte die Wirtschaft des Hauses und war auch im Krankenhaus als Oberschwester tätig" (Jenner 2001, S. 24). Unter der neuen Oberin Ina von Bassewitz erweiterte sich das Tätigkeitsfeld der Bethlehemschwestern auf Afrika. Dort bestand die Arbeit der Diakonissen vor allem aus Krankenpflege und Unterricht. - Heute erinnert in Ludwigslust eine Straße an v. B. und in Camin trägt ein Altersheim ihren vornehmen Namen ebenso. Das heutige Ludwigsluster Krankenhaus, das Mitarbeiterwohnheim auf dem Gelände des 'Stift Bethlehem'" ist seit 1993 akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Rostock.
Werke (Ausw.): Davidlieder, Ludwigslust 1901; Gestern, heute und in Ewigkeit, Ludwigslust 1901.
Lit. (Ausw.): Salfeld, E.: Das Kinderhospital zu Kleinow bei Ludwigslust und seine Zukunft. Eine Nachricht aus der Christenwelt, Ludwigslust 1850; - Bülow, P. v.: Familienbuch der von Bülow, Berlin 1858; - Fliedner, T.: Diakonissen-Heimgang. Kurze Geschichte der Diakonissen und Probeschwestern der Diakonissen-Anstalt zu Kaiserswerth, in: Armen und Krankenfreund, 23 1871, S. 1 ff.; - Krabbe, J.: Bis hierher hat uns der Herr geholfen. Ein Gedenkblatt an die am 3. November 1878 begangene Jubelfeier der fünfundzwanzigjährigen Wirksamkeit des Diakonissenhauses Stift Bethlehem in Ludwigslust und dessen Oberin Helene von Bülow, Ludwigslust 1876; - Krabbe, J.: Helene von Bülow. Ein Lebensbild der Begründerin und ersten Oberin des Diakonissenhauses Bethlehem in Ludwigslust, Ludwigslust 1930; - Schmidt, J.: Beruf: Schwester. Mutterhausdiakonie im 19. Jahrhundert, Frankfurt/New York 1995; - Grewolls, G.: Wer war wer in Mecklenburg-Vorpommern?, Bremen 1995, 76; - Röper, U.: Mariane von Rantzau und die Kunst der Demut. Frömmigkeitsbewegung und Frauenpolitik in Preußen unter Friedrich Wilhelm IV., Stuttgart/Weimar 1997; - Wolff, H.-P. (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in der in nursing history, Berlin/Wiesbaden 1997, 25 f; - Jenner , H.: Innere Mission und Diakonie in Mecklenburg. Bd. I 1840-1918, Kiel 1998; - Jenner, H.: Aus der Mitte heraus. 150 Jahre Stift Bethlehem Ludwigslust, Ludwigslust 2001; - Psczolla, E.: Aus der Geschichte der Evangelischen Kinderpflege, in: Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Kinderpflege (Hrsg.): Festschrift zur 175-Jahr-Feier der Evangelischen Kinderpflege, Witten o. J., S. 9 ff..
Archiv: Archiv Stift Bethlehem, 19285 Ludwigslust; - Landeskirchliches Archiv Mecklenburg, 19010 Schwerin, Ida-Seele-Archiv, 89407 Dillingen.
Manfred Berger
Literaturergänzung:
Berger, M.: Helene von Bülow (1816-1890) - Leben und Wirken der Stifterin und ersten Oberin des Diakonissenmutterhauses "Stift Bethlehem" in Ludwigslust, in: Zeitgeschichte regional. Mitteilungen aus Mecklenburg-Vorpommern, 8 2004, 53 ff.
Letzte Änderung: 24.06.2008