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Band XXIX (2008) Spalten 248-252 Autor: Bernd Feicke

BÜT(T)NER (Budwitz), Wolfgang, Mag., dt. ev. Theologe u. Schriftsteller, * 1522 in Oelsnitz/Vogtland, † vor 1596. Büttner ist ein bedeutender prot. Autor d. 2. H. d. 16. Jh., dessen Volksbuch "Claus Narr" zu den herausragenden Beispielen dieser Epoche gehört. Der Titelheld Claus Narr wurde nach 1425 in Ranstädt (d. i. Rannstedt bei Apolda) geboren, starb fast 90jährig in der Woche vor Pfingsten 1515 in Weida und wurde in Altenburg begraben. Er war Hofnarr mehrerer Wettiner Fürsten, so von Kf. Friedrich II. († 1464), Kf. Ernst († 1486), EB Ernst von Magdeburg († 1513), Kf. Friedrich III. († 1525) sowie dessen Bruder Johann. Sein Porträt ist in einem Relief (1533) u. einer Skulptur (1536) am Schloß Hartenfels in Torgau zu sehen. Als Hofnarr konnte er es wagen, seinen feudalen Brotgebern manche Wahrheit recht offen zu sagen. Seine Späße u. Schwänke waren bald bei vielen, so dem Kreisen um Pirckheimer u. Luther, geschätzt u. beliebt. Ob, wie manchmal behauptet, bereits um 1550 eine Sammlung von Schwänken Claus Narrs gedruckt worden ist, läßt sich nicht beweisen. Die älteste überlieferte Sammlung ist die B.s von 1572. Dieser hat es verstanden, die derben Späße seines ostthüringisch-vogtländischen Landsmannes in volkstümlicher Weise treffend u. kurz wiederzuerzählen, hat es aber nicht vermieden, die Anekdoten moralisierend zu erläutern u. manchen Zusatz hinzuzudichten. Das Buch (bzw. seine späteren Überarbeitungen) erfuhr im 16./17. Jh. eine große Verbreitung bei allen lesenden Volksschichten. - B.s (bzw. Budwitz') Elternhaus lag in Oelsnitz am Stadtgraben. Sein Verwandten mütterlicherseits waren, wie sein Großvater Hans Behem in Adorf und sein mit im Oelsnitzer Elternhaus wohnender Großonkel Peter Behem, kirchliche Bedienstete. Nach 1530 besuchte er die Schule im nahen böhmischen Eger (Cheb) und um 1535 das Magdeburger Gymnasium unter Rektor Dr. Georg Major (s. d.). Wahrscheinlich studierte er anschließend Theologie in Wittenberg. 1543 heiratet er in Neumark, einer Zwergstadt im Amt Weimar. Zu seiner Ehefrau und seinen dortigen Wirken ist nichts bekannt. Aus seiner Ehe gehen, wie eine Buchvorrede von 1572 (Kleiner Katechismus) ausweist, zwei Söhne (Otmar u. Georg) u. drei Töchter (Judith, Margarete u. Ännlein) hervor. 1548-1563 ist B. Pfarrer in Umpferstedt mit der Filiale Wiegendorf im ev. Kirchenamt Weimar. In einem Weimarer Kirchenvisitationsprotokoll zu Umpferstedt von 1554/55 ist zu B., der dort noch mit seinem ursprünglichen vogtländischen Namen Wolfgang Budwitz (Budweis?) genannt wird, vermerkt, daß er "rohes wildes Leben mit vollsauffen, vbermessigem zutrincken, und andern daher rurenden frechhaiten gefurt habe", daß er aber andererseits in "Lateinischer sprach, und rainer Christlichenn Lehr ... geschickt vnd erfaren" sei. Die Visitatoren beließen es bei einer Abmahnung u. der Androhung, daß er bei künftigen Übertretungen "bey der Pfarr weiter nicht geduldet werde(n)." Angesichts der strengen Maßstäbe der Visitationsinstruktion von 1554 ist aber nicht auszuschließen, daß "falsche Zungen" (Epitome Hist., S. A2v) seinen zweifellos extensiven Lebensstil überzogen gegenüber den Visitatoren dargestellt haben. Seine Kontaktprobleme mit den Gemeindekirchvätern sollten sich später in Wolferstedt wiederholen. Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, daß B. im "Claus Narr" gegen kein Laster so zu Felde zieht, wie gegen die Trunksucht. Im Juli 1563 erwarb er an der Univ. Jena den Magistergrad. Das erfolgte nach dem Abgang des Prof. Matthias Flacius (s. d.), der hier von 1557-1561 tätig war u. im "Erbsündestreit" das Haupt der "Substantier" war. Einer seiner tatkräftigsten Anhänger war der Generaldekan der Gfsch. Mansfeld, M. Cyriakus Spangenberg (s. d.). 1563 scheiterte eine vom Weimarer Hof unterstützte Bewerbung B.s für die Pfarre Herbsleben und so wurde er im Dezember 1563 nach Wolferstedt im Weimarer Amt Allstedt versetzt, das 1525-1574 ein ernestinisches Lehen der Gfsch. Mansfeld-Hinterort war, wobei weiterhin das Weimarer Kirchenamt für die geistlichen Belange zuständig war. Er wurde als Nachfolger des verstorbenen populären Cyriax Taubenthal, wie Spangenberg schreibt, "der Gemeine wider ihren Willen von den Weimarischen aufgedrungen." Unter diesen Vorzeichen gestaltete sich auch in Wolferstedt sein Wirken in der Gemeinde nicht einfach, zumal 1565-1567 Pest u. Unwetter in Wolferstedt für erheblichen wirtschaftlichen Schaden sorgen. Da Spangenberg weitere nachträgliche Aspekte zu B. zusammenträgt (so soll er 1565 sich geweigert haben, den Pestkranken die Sakramente zu reichen u. in der Kirche von einem Bauern durch einen Stich schwer verletzt worden sein), ja ihn im Zusammenhang mit einem Werk "Folio sine judico" (die "Epitome Historiarum" oder ein nicht überliefertes Werk?) sogar als "Caluminator" bezeichnet, liegt der Verdacht nahe (s. auch Zeitpunkt des Jenaer Magisterabschlusses), daß B. im "Erbsündestreit" zur gegnerischen "Accidenter"-Partei gehört. Den "Claus Narr" bezeichnet Spangenberg als ein Buch "mit wunderlichen Reimen (so sich bisweilen wie eine Faust auf ein Auge zu den Historien schicken)". Trotzdem hat B. alle überlieferten Schriften, darunter auch die "Dialektika deutsch", eine Art Lehrbuch der Logik, in Wolferstedt verfaßt u. auch sein Verhältnis zur Gemeinde scheint sich wieder gebessert zu haben; im Zuge der Wirren um die Dyn. Mansfeld seit 1563 war es für die Gemeinde sicher kein Nachteil, eine Person mit guten Kontakten zum Weimarer Hof zu haben. B.s Hauptwerk "Claus Narr" wurde in der Druckerei Urban Gaubisch in der Hauptstadt der Gfsch. Mansfeld, Eisleben, deren Geistliche zur "Accidenter-Partei" gehörten, gedruckt. Dieser hatte ab 1539 auf Vermittlung Luthers bei seinem späteren Schwager Berwald in Leipzig das Druckerhandwerk erlernt, richtet seit 1551 in Eisleben ein Officin ein u. beginnt ab 1555 unter seinem Namen zu drucken. B. nennt Gaubisch in seiner Buchvorreden zum "Kleinen Katechismus" seinen Freund. Nach 1576 hat sich B.s Verhältnis zur Wolferstedter Gemeinde und zur Weimarer Kirchenbehörde wiederum verschlechtert. Die Weimarer Kirchenvisitationsprotokolle weisen von 1577-1585 Laurentius Thunger und ab 1586 Hieremius Kirchner als Pfarrer von Wolferstedt aus. Spangenberg berichtet, daß er 1587 (1578?) "als er einer Magd etwan zu nahe gegangen, von der Pfarre hinweggemußt". Sein weiterer Lebensweg ist unbekannt. Er starb vor 1596 an unbekanntem Ort. In einem 1596 erschienenen Nachdruck der "Epitome Historiarum" wird er als "weilant Pfarrer in Wolferstedt" bezeichnet, woraus auch geschlußfolgert werden kann, daß er an einem anderen Ort kein neues geistliches Amt erhalten hatte. Zum Druckort Eisleben seines bedeutendsten Werkes "Claus Narr" gilt es anzumerken, daß es ein Narrenfest der Zunftgesellen gab u. eine der bekanntesten Eulenspiegel-Episoden hier spielte. Am südwestlichen Ecktürmchen des Rathauses der Altstadt Eisleben, das 1508-1532 erbaut wurde, befindet sich eine Narrenmaske.

Werke: o. Verf., die Anfangsbuchstaben von (Vorrede) u. abschließender Oratio Authoris enthalten die Kryptogramme (M)AGISTER (V)OLFGANG (B)VTTNER (P)FRRER [!] ZV (VOL)FFERSTET AM [Allstedt-Mansfeld?], Titelbl.: Sechs hundert / sieben vnd zwantzig Historien/ Von Claus Narren. Feine schimpfliche wort und Reden/die Erbare Ehrenleut Clau-sen abgemerckt / vnd nachgesagt ha-ben/Zur Bürgerlichen vnd Christ-lichen Lere/wie andere Apo-logen / dienstlich vnd förder-lich. Mit lustigen Reimen gedeutet vnd erkleret. Anno 1572, letzte S.: Zu Eisleben gedruckt / Bey Vrban Gaubisch / Wonhafftig auff dem Graben. - Wolfgang Büttner, Sechs hundert/ sieben vnd zwantzig Historien / Von Claus Narren, Erstausgabe 1572. Mit einem Vorwort v. Heinz-Günter Schmitz (S. 1*-36*) u. einem Glossar v. Erika Schmitz (S. 1**-43**), in: Dt. Volksbücher in Faksimiledrucken, Reihe A, Bd. 22, Hildesheim, Zürich, New York 2006; Werner Wunderlich (Hrsg.), Deutsche Schwankliteratur, Bd. I, Vom frühen Mittelalter bis ins 16. Jh., Frankfurt am Main 1992, 233-234 (aus Claus Narr: Bauwer auff Steltzen, Wittenberg und Torgaw, Drey faule Narren); Kleiner Katechismus und kurze christliche Lieder für die Wandersleute auf der Straße und Handwerksgesellen auf der Werkstatt, gesetzt und zu singen, Eisleben (Urban Gaubisch) 1572; Epitome Historiarum. Christliche ausgelesene Historien und Geschichten, Ohne Ort und Drucker (Berwald?), 1576; Dialectica deutsch. Das ist Disputierkunst. Wie man vernünfftige und rechte Fragen / mit vernuufft und mit kunst entscheiden / und verantworten solle, Leipzig (Jacob Berwalds Erben) 1576 (Vorrede 1574).

Lit.: Joachim G. Boeckh u. a., Geschichte der deutschen Literatur, Bd. 4 (1480-1600), Berlin 19832, 411, 430; - Franz Schnorr v. Carolsfeld, Über Claus Narr, in: Arch. f. Literaturgeschichte, VI. Bd., Leipzig 1877, 277-328; - Carl Rühlemann (Hrsg.), Cyriakus Spangenberg - Mansfeldische Chronika. Der vierte Teil, in: Mansfelder Bll. (28), Eisleben 1914, 489-491; - Carl Rühlemann, Die Schneidersche Buchdruckerei zu Eisleben, in: Mansfelder Bll. (33), Eisleben 1921, 52 ff.; - Bernd Feicke, Wolfgang Büttner - ein volkstümlicher Dichter des 16. Jh., in: Mansfelder Heimatbll. (5), Eisleben 1986, 63-65; - Heinz-Günter Schmitz: Wolfgang Büttners Volksbuch von Claus Narr (Mit einem Beitrag zur Sprache der Eisleber Erstausgabe von 1572), in: Dt. Volksbücher in Faks.-Drucken, Reihe B (Untersuchungen zu den dt. Volksbüchern), Bd. 4, Hildesheim, Zürich, New York 1990 (= Habil.-Schr. Univ. Kiel 1981), mit Bibliogr. d. Claus-Narr-Drucke, 305-354, u. Lit.- Verz., 355-377; Robert J. Christman, "Do haben sie auch jedes mal [...] Antwort gegeben, was gutt gewesen, gelobt, und was Bose gewesen, widerlegt und vorworffen" - Das Ende der Einigkeit innerhalb der Gnesiolutheraner in der Gfsch. Mansfeld (1572), in: Schrr. d. Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, Bd. 4, Leipzig 2006, 297-307; - Bernd Feicke, Zeitweiliger Besitz der Mansfelder Grafen in Thüringen, Zs. f. Heimatforschung, H. 15, Halle 2006, 36-42; - Bernd Feicke, Stadtgeschichte und der Schmuck historischer Rathäuser am Harz als Symbol stadtherrlicher Macht und städtischer Rechte - unter besonderer Beachtung das Rathauses der Altstadt von Eisleben, in: Harz-Forschungen, Bd. XXIII, Berlin u. Wernigerode 2007, 227-277, bes. 267-268, Abb.; - ADB, Bd. 4 (1876), 282-284 in Art. Claus Narr (J. Franck).

Bernd Feicke

Letzte Änderung: 13.06.2008