CARVAJAL, Juan, Kardinal, Kanonist, Kirchenpolitiker, * um 1400, Trujillo (Estremadura, Spanien), † 6.12. 1469, Rom. - Schon als junger Gelehrter fand C. Beachtung als Kenner des kanonischen und weltlichen Rechts. Um 1440 wurde er Auditor der päpstlichen Rota und Stadtverwalter von Rom. Die folgenden Jahre widmete er den diplomatischen Interessen des Heiligen Stuhls und übernahm an nicht weniger als 22 Missionen in verschiedene Länder teil. "Dank seiner langjährigen Gesandtschaftstätigkeit wurde C. zum wohl besten außerdeutschen Kenner der politischen Szene nördlich der Alpen" (Meuthen). Zwischen 1441 und 1448 war er mehrfach in Deutschland tätig, wo er eng mit Nikolaus von Kues und mit Tommaso Parentucelli, dem späteren Nikolaus V., zusammenarbeitete, so in Mainz im Februar 1441 und in Frankfurt (Mai/Juli 1442 und September/Oktober 1446). Ziel war es, die deutschen Fürsten für Eugen IV. zu gewinnen, der vom Basler Konzil am 25.6. 1439 als Häretiker zugunsten von Felix V. abgesetzt worden war. C. stand in der Gunst des umstrittenen Papstes, der ihn als Bischof von Plasencia am Tajo in seiner Heimat Estremadura einsetzte (10.8. 1446) und wenig später zum Kardinaldiakon von S. Angelo in Pescheria als Nachfolger Giuliano Cesarinis, des ersten Basler Konzilspräsidenten, beförderte (16.12. 1446, Weihe 23.12. 1446), weil er ihn wie den gleichzeitig zum Kardinaldiakon ernannten Tommaso Parentucelli für diplomatische Aufgaben benötigte. In dieser Funktion nahm C. nach dem bald erfolgten Tod Eugens IV. (23.2. 1447), den die deutschen Fürsten noch auf dem Totenbett anerkannt hatten, am Konklave vom März 1447 teil, das zur Wahl Nikolaus' V. führte. Da dieser C. als gewiegten Diplomaten kannte, sandte er ihn im gleichen Jahr wieder nach Deutschland (15.9. 1447). So war C. am Fürstenkonkordat von 1447 und an den Konkordaten von Aschaffenburg und Wien (17.2. 1448), die die Überwindung des durch das Konzil von Basel entstandenen Schismas bezweckten, als Vermittler maßgebend beteiligt. Die Bedrohung der Einheit der Kirche führte ihn mehrmals nach Böhmen (1444 und 1448), doch scheiterte er bei beiden Versuchen an der Unnachgiebigkeit der Kalixtiner (später als Utraquisten oder Hussiten bezeichnet), die an der Austeilung der Kommunion unter beiden Gestalten ("sub utraque specie") festhielten und die den in Böhmen beliebten Prager Erzbischof Jan Rokyzana und, nach dem Tod des katholisch gesinnten Kaisers Sigismund 1437, zudem den böhmischen König Georg von Podiebrad auf ihrer Seite hatten. Nach dem Fall Konstantinopels (1453) erhielt C. von Calixtus III. den Auftrag, in Ungarn für den Kreuzzug gegen die Türken zu predigen (25.9. 1455), und wurde in den folgenden Jahren zur Seele des Widerstands des christlichen Europa gegen den Islam. Mit Unterstützung des Kapuzinerpredigers Johannes von Capestrano sammelte er eine Armee von 40,000 Mann und verband diese mit den Truppen von Johannes Hunyadi, was zum erfolgreichen Sieg der Allianz am 22. Juli 1456 bei Belgrad führte. 1457 versöhnte er König Ladislaus mit Kaiser Friedrich III., 1458 brachte er den ungarischen Adel dazu, sich auf Matthias Corvinus als Nachfolger von Ladislaus zu einigen. C. war noch in Ungarn damit beschäftigt, den Widerstand gegen den drohenden Einfall der Türken zu organisieren, als Pius II. die europäischen Fürsten zu einer Synode nach Mantua einlud (1459), um sie von der Notwendigkeit eines allgemeinen Kreuzzugs gegen die Türken zu überzeugen. Bald nach seiner Rückkehr aus Ungarn (30.9. 1461) wurde C. zum Kardinalbischof von Porto und S. Rufina ernannt (26.10. 1461). Bei den Vorbereitungen der Kreuzzugsflotte in Ancona 1464 half er tatkräftig mit, als der plötzliche Tod des Papstes (14. August) dem Unternehmen ein jähes Ende bereitete. Unter Paul II., dem Nachfolger Pius' II., führte ihn eine Gesandtschaft längere Zeit (30.7. 1466-17.9. 1467) nach Venedig. Die letzte Stufe seiner Karriere war die Ernennung zum Kämmerer des Heiligen Kollegiums am 11.1. 1469, dem jeweils für ein Jahr amtierenden Vorsitzenden der päpstlichen Verwaltung, dem Persönlichkeiten wie Enea Silvio Piccolomini, Nikolaus von Kues und Bessarion vorangegangen waren, doch verstarb C. noch vor Ablauf des Amtsjahres. Von den Zeitgenossen wurde er als "den frühen Kirchenvätern vergleichbare Zierde der Kirche" (Kardinal Jacopo Ammanati) und als "letztes Überbleibsel der heroischen Größe des alten Rom" (Pomponius Laetus) bezeichnet. Stütze war der von der Universität Padua und dem Basler Konzil ausgehende humanistische Freundeskreis, der die deutsche Kirche, die von der Kurie weitgehend ausgeschlossen war, stärker an Rom zu binden, kirchliche Reformen und die Union mit der Ostkirche zu fördern versuchte, Cesarini, Parentucelli, Bessarion, Piccolomini. Pius II. widmete C. mehrere Schriften (z.B. den "Libellus dialogorum de quodam somnio"). C.s Reforminteresse bezeugt die vor dem deutschen König Friedrich III. im September 1443 vorgetragene Rede "Contra impugnantes". C. wurde in San Marcello al Corso begraben. Das Grabmal, das ihm Kardinal Bessarion errichten ließ, trägt die Inschrift: "Hic anima Petrus, pectore Cæsar erat" ("In der Seele war dieser ein Petrus, im Herzen ein Caesar").
Werke Schriften und Briefe (weitgehend unpubliziert); Tractatus contra impugnantes (cod. Vat. Lat. 4905): Deutsche Reichstagsakten unter Kaiser Friedrich III., 3: 1442-1445, hrsg. von W. Kaemmerer (Deutsche Reichstagsakten, Ältere Reihe, 17), Göttingen 1963, 140-147 Nr. 59; Gómez Canedo (s.u.) 277-298. 57-60 (Komm.).
Lit.: Lopez, De rebus gestis S[anctae] R[omanae] E[cclesiae] Card[inalis] Carvajal commentarius, Roma 1754 (Quellensammlung); - C. Eubel (Hrsg.), Hierarchia catholica medii aevi sive summorum pontificum, S. R. E. cardinalium, ecclesiarum antistitum series, II, Ab anno 1431 usque ad annum 1503 perducta, Münster 19602, 36. 59f; - H. Vast, Le cardinal Bessarion (1403-1472): étude sur la chrétienté et la renaissance vers le milieu du XVe siècle, Paris 1878 (Repr. Genève 1977); - L. von Pastor, Geschichte der Päpste, I, Freiburg i.B. 19256, II 19235, passim; IV, 131-35. 145; - L. Mohler, Aus dem Briefwechsel des Kardinals Bessarion, Münster 1925; - L. Mohler, Kardinal Bessarion als Theologe, Humanist und Staatsmann, III: Bessarions Gelehrtenkreis: Abhandlungen, Reden, Briefe von Bessarion, Theodoros Gazes, Michael Apostolios, Andronikos Kallistos, Georgios Trapezuntios, Niccolò Perotti, Niccolò Capranica (Quellen und Forschungen aus dem Gebiete der Geschichte, 24), Paderborn 1942 (Repr. Paderborn 1967); - L. Gómez Canedo, Un español al servicio de la Santa Sede, Don Juan de Carvajal, cardenal de Sant'Angelo, legado en Alemania y Hungria, 1399?-1469, Madrid 1947; - L. Weinrich (Hrsg.), Quellen zur Verfassungsgeschichte des Römisch-Deutschen Reiches im Spätmittelalter, 1250-1500 (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters, 33), Darmstadt 1983, 498-507 (lat.-dt.); - Repertorium Germanicum 6: Verzeichnis der in den Registern und Kameralakten Nikolaus V. vorkommenden Personen, Kirchen und Orte des Deutschen Reiches, seiner Diözesen und Territorien, 1447-1455, hrsg. von J. F. Abert / W. Deeters, Tübingen 1985-1989; - E. Meuthen, Ein "deutscher" Freundeskreis an der römischen Kurie in der Mitte des 15. Jahrhunderts. Von Cesarini bis zu den Piccolomini, in: R. Bäumer u.a. (Hrsg.), Synodus. Beiträge zur Konzilien- und allgemeinen Kirchengeschichte. Festschrift für Walter Brandmüller, Paderborn 1997 = Annuarium historiae conciliorum, 27/28, 1995/96, 487-542; - B. Schimmelpfennig, Das Papsttum. Von der Antike bis zur Renaissance, Darmstadt 19883, 279f; - ECatt III, 962f (N. Del Re); - Enciclopedia universal ilustrada 11, 1505f.