DAISENBERGER, Joseph Alois, kath. Pfarrer, Bearbeiter des Oberammergauer Passionsspieles, * 30.5. 1799 Oberau bei Ettal, † 20.4. 1883 Oberammergau. - Bis zum Eintritt ins Gymnasium erhielt er Unterricht bei P. Othmar Weis, einem Benediktiner aus dem säkularisierten Kloster Ettal, der 1811 den neuen Text der "Oberammergauer Passion" mit dem Titel "Das große Opfer auf Golgotha oder Geschichte des Leidens und Sterbens Jesu" verfaßte. 1817-20 studierte D. Theologie in Landshut, u.a. bei Johann Michael Sailer. 1821 empfing er die Priesterweihe, danach wirkte er als Koadjutor in Grassau, Schlehdorf und Farchant, 1831-45 als Pfarrer in Uffing am Staffelsee. 1845 erfolgte seine Ernennung zum Pfarrer von Oberammergau, wo er im Geist seines Lehrers Sailer eine reiche volkspädagogische Wirksamkeit entfaltete, u.a. mit kleinen ‚vaterländischen' Theaterstücken, die Unterhaltung und Belehrung zugleich boten. 1850 wurde er mit der Spielleitung der Oberammergauer Passion betraut. Beschränkte er sich zunächst auf einzelne Kürzungen und sprachliche Verbesserungen, so nahm er 1858 auf Wunsch der Regierung eine Revision des Passionsspieltextes von Othmar Weis vor. Unter Verwendung von Stilmitteln der antiken Tragödie suchte er die ‚Dramatik' der Leidensgeschichte herauszuarbeiten; die Inszenierung sollte dabei in ihrer Erhabenheit und Gemüthaftigkeit gleichermaßen die religiöse Erneuerung der Spielgemeinschaft fördern. Für die Passionsaufführung im Jahr 1870 faßte er seinen Text - in Anlehnung an eine klassizistische Ästhetik - in Jamben und schrieb neue Prologe in alkäischen und sapphischen Versmaßen, wobei allerdings nur letztere Eingang in die Spielpraxis fanden. Das religiöse Anliegen, das er mit dem Spiel verfolgte, brachte er in dem Predigtzyklus "Die Früchte der Passionsbetrachtung" (1871) deutlich zum Ausdruck, wenn er die theatralische "Vorstellung der Leidensgeschichte" mit einem "großen heiligen Beruf" verglich.
Quellen: Oberammergau, Gemeindearchiv: u.a. die handschriftlichen Textbücher mit den Prosa- und Versfassungen der "Passion", Predigtentwürfe, Sammlungen von Andachtsliedern und ein Kinderkatechismus. - München, Archiv des Erzbistums München und Freising: u.a. Zeugnisse, Gutachten und Beurteilungen Daisenbergers.
Schriften: Die Hoffnungen und Besorgnisse des jungen Priesters beim Eintritte in die Schule des Lebens. Eine Primizrede, München, 1824; Erster Bericht über das Passionsspiel zu Oberammergau im Jahre 1850, in: Martin von Deutinger (Hrsg.), Das Passionsspiel in Oberammergau, München 1851, 57-82; Biographien des Pfarrers Ottmar Weis und des Lehrers Rochus Dedler, in: ebd., 555-570; Geschichte des Dorfes Oberammergau, in: Oberbayerisches Archiv 20 (1858), 53-244 [ND Oberammergau 1988]; Die Früchte der Passionsbetrachtung, vorgestellt in fünf Predigten, welche zu Oberammergau in der heiligen Fastenzeit des Passionsjahres 1871 gehalten wurden. Ein Gedenkbüchlein für die Darsteller und Besucher, Regensburg 1871, 1890; Kreuzesschule. Vorstellungen aus der Leidensgeschichte des Herrn, Weilheim 1875; Oberammergau, die kolossale Kreuzigungsgruppe und die Kreuzesschule daselbst, in: Kalender für katholische Christen 36 (1877), 41-52; Die Grafen von Eschenloh, in: Oberbayerisches Archiv 36 (1877), 202-233; Drei folgenreiche Tage für das Bayernland. Zur Feier des 700jährigen Jubiläums der Regierung des glorreichen Hauses Wittelsbach in Bayern dem Bayernvolk in Erinnerung gebracht durch drei dramatische Vorstellungen vom Einsiedler am Lauberberge, Oberammergau 1880 [darin: Luitberga, oder wie Bayern ein Bestandtheil des Frankenreiches wurde; König Heinrich und Herzog Arnulf , oder wie Bayern ein freies Glied des deutschen Reiches wurde; Otto von Wittelsbach, oder wie das Herzogtum Bayern an das glorreiche Haus Wittelsbach kam]; Text des Oberammergauer Passionsspieles, Oberammergau/München 1890 [Versfassung]; Die Stiftung Ettals oder Kaiser Ludwigs Bedrängniß und Trost. Scenen aus der Vaterlandsgeschichte, Kempten 1900; Die Bayern im deutschen Bauernkriege, Kempten 1900 [Auszüge in: Bayerische Bibliothek, Bd. 4, hrsg. von Eberhard Dünninger, München 1980, 696-704]; Theodolinde, Kempten 1900; Otto von Wittelsbach an der Veroneser Klause, Kempten 1900; Offizieller Gesamt-Text des Oberammergauer Passions-Spieles. Zum ersten Male nach dem Manuskript des J. A. Daisenberger im Druck veröffentlicht, Oberammergau/München 1900 [Prosafassung, mit Prologen in antiken Odenmaßen]; Text des Oberammergauer Passions-Spiels. Hist.-krit. Ausgabe umfassend den Urtext von P. Othmar Weiß ... und vollem Variantenbau für die Umformung durch J. A. Daisenberger, hrsg. von Otto Maußer, München 1910.
Lit.: Eduard Devrient, Das Passionsspiel in Oberammergau, Leipzig 1851; - Martin von Deutinger (Hrsg.), Das Passionsspiel in Oberammergau. Berichte und Urtheile, München 1851; - Eliza Greatorix, The Homes of Oberammergau, Munich 1872; - Wilhelm Wyl, Maitage in Oberammergau, Zürich 1880; - Karl Trautmann, Oberammergau und sein Passionsspiel, Bamberg 1890; - Philipp Strauch, Das Oberammergauer Passionsspiel, in: Preußische Jahrbücher 69 (1892), 234 ff.; - Ludwig Thoma, Erinnerungen, München 1919, 22 ff.; - Ferdinand Feldigl, Denkmäler der Oberammergauer Passionsliteraur, Oberammergau 1922; - Stephan Schaller, Das Passionsspiel von Oberammergau 1634-1950, Ettal 1950; - Franz J. Rappmannsberger, Oberammergau. Legende und Wirklichkeit, München 1970; - Hans Pörnbacher, Der Einsiedler vom Lauberberg. J. A. D. und die Oberammergauer Passion, in: Unser Bayern 29 (1980, 68-69; - Josef Forstmayr (Hrsg.), J. A. D. Kgl. geistl. Rath und Pfarrer von Oberammergau zum 100. Todestag, Oberammergau 1983; - Hans Pörnbacher, J. A. D. als Pfarrer von Oberammergau, in: ebd., 9-22; - Otto Huber, Helmut W. Klinner, Dorothea Lang, Die Passionsaufführungen in Oberammergau in 101 Anmerkungen, in: Hört, sehet, weint und liebt. Passionsspiel im alpenländischen Raum, hrsg. von Michael Henker u.a., München 1990, 163-179, bes. 168-169; - Helmut W. Klinner (Hrsg.), J. A. D. Das Urbild eines gütigen Priesters, Oberammergau 1999.
Lex.: NDB III, 487-488; - DLL II, 945-955; - Bosls Bayer. Biogr., 126.
Manfred Knedlik
Letzte Änderung: 09.04.2011