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Band I (1990)Spalten 1337-1338 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz

DOBRIZHOFFER (Dobrizhofer), Martin, Jesuit, Missionar und Bahnbrecher der modernen Ethnologie, * 7.9. 1717 in Friedberg (Böhmen) oder 7.9. 1718 in Graz (Steiermark), † 17.7. 1791 in Wien. - D. trat 1734 in Wien in den Jesuitenorden ein. Er studierte hier Philosophie und später in Graz Theologie und wurde 1748 vom General nach Paraguay gesandt, um dort als Missionar zu wirken und an der Begründung eines geistlichen Musterstaates mitzuhelfen. Nach kurzem Aufenthalt in San Xavier zum Studium der Sprache und der Eigenart der Mokobier kam D. in die abiponischen Reduktionen Concepción und St. Hieronymus und legte als erster ein abiponisches Wörterverzeichnis an. Dann wurde er in die unruhige Kolonie St. Ferdinand des Volksstammes der Yaaukanigas versetzt und nach fünf Jahren wegen schwerer Erkrankung zur Pflege und Genesung in die friedliche Guaranireduktion Santa Maria zurückberufen. Neun Jahre wirkte D. als Missionar in den Wäldern von Taruma unter den Ytatinguas und stellte durch sechs große Missionsreisen zwischen den Flüssen Acaraý und Munday erstmals Verbindung mit den Mbaeverás her. Nun schickte ihn der Provinzial nach Timbo zum Aufbau der neuerrichteten Kolonie zum hl. Rosenkranz und St. Karolus. Unter dürftigsten Verhältnissen lebte und wirkte D. seit 1763 im tiefsten Urwald als Missionar unter den Abipónen. 1767 wurde der "Jesuitenstaat" aufgehoben und alle Jesuiten aus dem Land vertrieben. 1768 landete D. mit einer größeren Anzahl von Ordensbrüdern bei Cadiz und kehrte über Italien nach Wien zurück. Er wurde Bibliotheksgehilfe am Profeßhaus und fand, als 1773 der Orden aufgehoben wurde, eine Anstellung als Weltpriester. Durch seine Predigttätigkeit lernte er die Kaiserin Maria Theresia kennen, die sich sehr für sein Wirken in Paraguay interessierte und ihm für seinen Ruhestand eine Pension gewährte. - D. verfaßte bedeutende Werke zur Ethnographie und Linguistik. Seine 1778 vollendete und 1784 erschienene "Historia de Abiponibus" in klassischem Latein ist die zu seiner Zeit reichste und sicherste Quelle zur Kenntnis Paraguays und gehört zu den Quellenwerken für die Missionsgeschichte Südamerikas. Der I. Band gibt eine allgemeine physische und politische Beschreibung des Landes und seiner Nachbargebiete, zugleich mit zahlreichen Angaben über die Geschichte der Niederlassung der Jesuiten in Paraguay und überhaupt der spanischen Kolonien im La Plata-Gebiet. Von besonderem Wert sind seine Berichte über seine Reise zu den Mbaeverá am rechten Ufer des Acaraý und über die Reisen der Patres Strobel und Cardiel von 1745 in Patagonien. Der II. und III. Band sind wesentlich der Völkerschilderung gewidmet; beide beschränken sich nicht auf das Land der Abipónen und auf Paraguay, sondern bringen eine große Zahl von Beiträgen zur Geographie, Naturgeschichte und Völkerkunde, zur politischen und Missionsgeschichte des gemäßigten Südamerika.

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Werke: Historia de Abiponibus, equestri, bellicosaque Paraguaiana natione, locupletata copiosis barbararum gentium, urbium, hominum, ferarum, amphibiorum, insectorum, serpentium praecipuorum, piscium, avium, arborum, plantarum, aliarumque ejusdem provinciae propietatum observantionibus, 3 Bde., Wien 1784 (dt. v. A. Kreil, Gesch. der Abiponer, einer berittenen u. krieger. Nation in Paraguay, 3 Bde., Wien 1783/84; engl. v. Sara Coleridge, An account of the Abipones, an equestrian people of Paraguay, 3 Bde., London 1822). - Des Abbé M. D. Auskunft über die abipon. Sprache in unv. Neudr., hrsg. v. Julius Platzmann, Leipzig 1902. - Auf verlorenen Posten bei den Abiponen. Nach der Orig.-Ausg. bearb. v. Walter v. Hauff, Leipzig 1928.

Lit.: Thomas Warren Field, An Essay towards an Indian Bibliography, New York 1873, 102; - Anton Huonder, Dt. Jesuitenmissionäre des 17. u. 18. Jh.s. Ein Btr. z. Missionsgesch. u. z. dt. Biogr., 1899, 142. 200; - Pablo Hernández, El extrañamiento de los Jesuítas del Río de la Plata y de las misiones del Paraguay por decreto de Carlos III; estudio, Madrid 1908, 302 ff.; - Pablo Pastells, Historia de la Compañía de Jesús en la provincia del Paraguay, 8 Bde., ebd. 1912-49; - Maria Faßbinder, Der "Jesuitenstaat" in Paraguay (Diss. Freiburg i. Br., 1924), Halle 1926; - Johann Sebastian Geer, Der Jesuitenstaat in Paraguay, Nürnberg 1928; - Guiliermo Furlong Cárdiff, Entre los Abipones del Chaco, Buenos Aires 1938; - Vicente D. Sierra, Los Jesuítas germanos en la conquista espiritual de Hisp.-Am., ebd. 1944; - Albert Brandenburg, German Missionary Writers in Paraguay, in: Mid-America 29, 1947, 122 ff.; - Jerome V. Jacobsen, D.: Abipón Missionary, ebd. 139 ff.; - Hugo Hassinger, Östr.s Anteil an der Erforschung der Erde. Ein Btr. z. Kulturgesch. Östr.s, Wien 1950, 85 ff.; - Gustav Otruba, Der Anteil östr. Jesuitenmissionäre am "hl. Experiment" v. Paraguay, in: MIÖG 63, 1955, 441 ff.; - Österreicher als Erforscher der Erde = NotringJb., Wien 1956, 28 ff.; - Efraím Cardozo, Historiografía paraguaya I, Mexico City 1959, 344 ff.; - Sommervogel III, 108 f.; IX, 231, Corrections et additions, par Rivière, 435 f.; - BiblMiss III, 309 ff. 515; - Koch, JL 429; - EuG 1. Sect. Bd. 26, 230; - Wurzbach III, 333 f.; - NBG XIV, 403 f.; - ADB 47, 735 f.; - NDB IV, 6 f.; - CathEnc V, 70; - EC IV, 1779; - DHGE XIV, 539; - LThK III, 433 f.; - NCE IV, 934.

Friedrich Wilhelm Bautz

Literaturergänzung:

Hans-Jürgen Lüsebrink, Comprehensión y malentendidos interculturales en las obras de Baegert ("Noticias de la península americana California") y Dobrizhoffer ("Historia de los abipones"), in: Desde los confines de los imperios ibéricos. Frankfurt/M. [u.a.] 2007, S. 377-394.

Letzte Änderung: 09.04.2011