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Band XVI (1999)Spalten 464-467 Autor: Daniel Heinz

ERZBERGER, Jakob, ehemaliger St. Chrischona-Missionsschüler und erster ordinierter adventistischer Prediger in Europa; * 23.3. 1843 in Seltisberg bei Liestal/Schweiz, † 13.7. 1920 in Sissach. Der Vater, Heinrich Erzberger, war Posamenter und starb, als E. drei Jahre alt war. Zusammen mit seiner Mutter Anna, geb. Nefzger, und den drei Brüdern zog er nach Liestal, wo die vaterlose Familie auf die Hilfe der öffentlichen Armenfürsorge angewiesen war. Im April 1859 wurde der mittellose E. von Pfarrer J. Widmann in Liestal konfirmiert und bewarb sich später für die freigewordene Stelle eines Pförtners im Kantonsspital Liestal. Daß gerade ihm unter mehreren Anwärtern die Stelle zugesprochen wurde, schrieb er Gottes Fügung zu und legte ein Gelübde ab. 1864 löste er sein Gelübde ein, indem er sich als Missionsschüler in der Pilgermission St. Chrischona bei Basel einschrieb. Nach einem Studienjahr wurde er als Reiseprediger und Schriftenmissionar in das Berner Juragebiet entsandt, wo er in Tramelan auf einen Kreis sabbathaltender Adventisten stieß, der sich um den adventistischen Missionar M. B. Czechowski gebildet hatte. 1868 schloß er sich durch die Glaubenstaufe dieser freikirchlichen Gruppe an und fuhr 1869 nach Battle Creek, Michigan/USA, um die Verbindung mit der Mutterkirche der Siebenten-Tags-Adventisten aufzunehmen. In den Vereinigten Staaten wurde er 1870 zum Prediger ordiniert und kehrte noch im selben Jahr in die Schweiz zurück. Frühe adventistische Gemeinden existierten damals in Tramelan, Le Locle, La Chaux-de-Fonds, Fleurier, Bienne, Buckten und Neuchâtel. In den nächsten Jahrzehnten trug E. wesentlich zum Aufbau des Adventismus in der Schweiz und in Deutschland bei. - E. arbeitete zunächst eng mit dem Amerikaner J. N. Andrews zusammen, der 1874 als adventistischer Missionar nach Europa entsandt wurde und von Basel aus die Arbeit aufnahm. 1875 folgten E. und Andrews einer Einladung der »Getauften Christen-Gemeinde«, die sich im Raum Solingen/Wuppertal um den Weber und Erweckungsprediger J. H. Lindermann gebildet hatte. Ähnlich wie die Adventisten, aber unabhängig von ihnen, hielten auch Lindermann und seine Anhänger am biblischen Sabbatgebot fest. Das gemeinsame Ruhetagsverständnis diente als Grundlage für Glaubensgespräche, in deren Folge sich eine Anzahl Mitglieder der »Getauften Christen-Gemeinde« den Adventisten anschlossen. Lindermann selbst wurde kein Adventist, weil er u. a. an einer vom Adventismus unterschiedlichen Auffassung des Millenniums im Sinne eines kurz bevorstehenden Friedensreiches festhielt. So entstand 1875 im Raum Wuppertal auf dem Boden einer pietistisch-freikirchlichen Erweckungsbewegung die erste Gemeinde der Adventisten in Deutschland, deren Organisation und Betreuung E. übernahm. Zwischen 1876 und 1878 verfaßte E. in Solingen einige Traktate und Broschüren, von denen aber kein Exemplar erhalten geblieben ist. Seine Veröffentlichungen sind die ersten adventistischen Schriften, die in Deutschland erschienen sind. Nach dem Tod von Andrews arbeitete E. mit dem dynamischen L. R. Conradi zusammen, der von Hamburg aus eine systematische Missionstätigkeit entfaltete. 1903 starb E.s Frau, Marie, geb. Yersin, mit der er seit 1882 verheiratet gewesen war. Aus dieser Ehe gingen zwei Söhne hervor, Heinrich (geb. 1884) und Jakob (geb. 1886). E. arbeitete oft weit über seine Kräfte. So erfahren wir aus seinen persönlichen Notizen, daß er beispielsweise im Monat April 1906 49 Predigten hielt und 28 Bibellesungen und 17 Gemeindeversammlungen organisierte. In Osterode brach er noch in demselben Jahr während eines Evangelisationsvortrages zusammen. 1905 hatte er in zweiter Ehe Maria Pauline Kaufmann (geb. 1862) aus Lahr geheiratet, die sich nun um Besserung seiner angeschlagenen Gesundheit bemühte. Ab 1906 lebte E. wieder in der Schweiz, zunächst in Gelterkinden bei Liestal, dann ab 1909 in Sissach. Von der Schweiz aus unternahm er weiterhin ausgedehnte Vortragsreisen. - E. war ein loyaler Prediger und fleißiger Evangelist, dem jedoch keine größeren organisatorischen Aufgaben in der Kirchenleitung übertragen wurden. Er zählt trotzdem zu den Pioniergestalten des europäischen Adventismus.

weiterlesen ...
Lit.: J. Widmann, Bürger-Familienbuch von Liestal, Liestal 1860; - Historical Sketches of the Foreign Missions of the Seventh-day Adventists, Basel 1886; - J. N. Loughborough, Entstehung und Fortschritt der Siebenten-Tags-Adventisten, Hamburg 1897; - I. Simon, Die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten in volkskundlicher Sicht, Münster 1965; - D. A. Delafield, Ellen G. White in Europe 1885-1887, Washington, D.C. 1975; - G. P. Damsteegt, Foundations of the Seventh-day Adventist Message and Mission, Grand Rapids, Mi. 1977; - R. Dabrowski/B. B. Beach, Michael Belina Czechowski 1818-1876, Warschau 1979; - R. W. Schwarz, Light Bearers to the Remnant, Mountain View, Ca. 1979; - W. Eberhardt, Christenheit zwischen den Revolutionen, Hamburg 1993; - K. Waber, Streiflichter aus der Geschichte der Siebenten-Tags-Adventisten in der Schweiz, Zürich 1995; - A. Jung/D. Heinz, Und hilf uns in Dein Königreich - J. H. Lindermann und die pietistisch-freikirchlichen Wurzeln der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland, Frankfurt/M. 2000 (in Vorbereitg.); - Seventh-day Advent. Enc. X (1996), 512.

Daniel Heinz

Letzte Änderung: 09.04.2011