FERRARI, Andrea Carlo, Erzbischof und Kardinal, * 13.8. 1850 in Lalatta di Pratopiano, (bei Parma), † in Mailand am 2.2. 1921. - Als erstes von vier Kindern des Schusters Giuseppe Ferrari und seiner Frau Maddalena Longarini in bescheidenen, aber nicht armen Verhältnissen geboren. Nach der Grundschule besuchte F. im Jahr 1861 als Externer das kleine Seminar in Parma und wohnte bei seinen Onkeln, die Priester waren. 1866 erhielt er die Tonsur und die niederen Weihen. Seit 1869 studierte er im Seminar von Parma Theologie und wurde am 13.12. 1873 zum Priester geweiht. Im Februar 1874 trat er seine erste Stelle in einer Vorstadtpfarrei von Parma an, im Juli wurde er bereits Koadjutor in der Pfarrei von Fornovo di Taro. Im Herbst 1875 berief ihn der Bischof erneut ans Seminar, wo er Subregens und Lehrer für Mathematik und Physik am Gymnasium wurde. Die Ernennung zum Regens des Seminars erreichte ihn zwei Jahre später, und 1878 wurde er zudem Professor für Dogmatik. Im Anschluß an die Enzyklika Aeterni Patris (1879) veröffentlichte er in der Zeitschrift der Akademie des hl. Thomas, an der er mitarbeitete, mehrere Artikel gegen die Ideen Rosminis. Bis zum Jahr 1890, in dem er von Papst Leo XIII. zum Bischof der kleinen Diözese Guastalla ernannt wurde, hatte er verschiedene Stellen in der Diözese Parma inne: im Jahr 1882 promovierte er am theologischen Kolleg in Parma, 1883 wurde er Professor für Moraltheologie im Seminar und Professor an der theologischen Fakultät von Parma sowie kirchlicher Zensor für die Diözese; 1885 wurde er Provikar des neuen Bischofs von Parma.- Er empfing die Bischofsweihe in Rom am 29. Juni 1890. Am 30. Oktober zog er feierlich in die Diözese ein, wo er jedoch von einem stark antikirchlich eingestellten Volk mit Mißtrauen aufgenommen wurde. Er begann sogleich mit der Visitation der Diözese, einer damals eher ungewöhnlichen Praxis. Doch bereits am 20. April 1891 wurde er in die mehr als 10-mal so große Diözese Como versetzt. Zeitlebens war er sehr um die Pastoral bemüht und sorgte in seinen Jahren als Bischof von Como vor allem für die Priesterausbildung. Er bestimmte z.B., daß die Lehrer und Dozenten am Seminar ein abgeschlossenes Studium in dem Fach vorweisen müßten, das sie unterrichteten. Die Sorge um die Seminare behielt er auch bei, als er 1894 auf den Mailänder Bischofssitz berufen wurde. Auch hier war Ferrari bemüht um die Gründung von Kollegien und um eine zeitgemäße Ausbildung der Kleriker. Beeindruckt von der Soziallehre Giuseppe Toniolos, errichtete er zunächst im Seminar einen Kurs zu rechtspolitischen und sozialen Fragen, den er später zu einem Aufbaukurs für Arbeiterkapläne ausbauen ließ. Trotz des Interesses an der Sozialen Frage erkannte er nicht die Vorzeichen der großen Unruhen, die 1898 in Mailand ausbrachen und blutig niedergeschlagen wurden. Seine Pastoralreise, die er zu Beginn der Unruhen antrat, wurde ihm von der Presse (vor allem vom "Corriere della sera") als Flucht aus Mailand ausgelegt, und selbst Leo XIII. tadelte das Vorgehen Ferraris, zwar zwischen den Zeilen, aber doch deutlich genug. Seine große Papsttreue - die nicht auf politischen, sondern auf religiösen Gründen beruhte - trug ihm zunächst starke Kritik der gemäßigten Katholiken seiner Diözese ein, während sein Besuch beim italienischen König Umberto I. auch die konservative, intransigente Seite verärgerte. Die gespannte politische Situation zwischen Kirche und Staat war eines der Hauptthemen der Zeit Ferraris als Bischof von Mailand. Obwohl er bereits im Februar 1894 zum Bischof von Mailand ernannt worden war, zögerte die italienische Regierung mit dem "exsequatur", u.a. um den Heiligen Stuhl zur Errichtung einer apostolischen Präfektur in der italienischen Kolonie Eritrea zu drängen und damit eine wichtige Anerkennung der Kolonialpolitik zu erhalten. - In den ersten Jahren schien es den liberalen Regierungen so, als hätten sie in dem in der Lokalpolitik stark engagierten Kardinal einen Verbündeten. Ferrari war in der Tat überzeugt von der Notwendigkeit, gegen den Sozialismus gemäßigte katholische Kandidaten, u.a. auch Priester aufzustellen. Die Versuche der Regierung Crispis, auch bei den gesamtitalienischen Wahlen einen Verbündeten in Ferrari zu finden, scheiterten an der erneuten Betonung des "non expedit" durch Leo XIII. 1895, dem Verbot für italienische Katholiken, an den politischen Wahlen teilzunehmen. Auch die Förderung der "Opera dei Congressi", einer katholischen politischen und karitativen Organisation, und die Weisung, in allen Pfarreien der Diözese eine "Opera dei Congressi" einzuführen, führte zum Bruch mit der Regierung des Ministerpräsidenten Crispi. Im Jahr 1897 bemühte sich Ferrari noch einmal darum, eine Ausnahme vom Wahlverbot für die politischen Wahlen zu erhalten, doch auch diesmal gestattete Leo XIII. dies nicht. Dennoch wußte Ferrari die politische Meinung durch die aufblühende Presse zu beeinflussen. Es lag ihm daran, daß die katholische Presse einen Mittelweg zwischen Sozialismus und liberalem Gedankengut der Regierung aufzeigte und daß sie sich nicht in vielen kleinen Zeitungen verbrauchte, sondern ein einziges großes gemäßigtes Blatt herausgab. Dieses war jedoch unter Pius X. eines der Opfer der antimodernistischen Weisungen. - Eine programmatische Erklärung zu seiner Aktion als Oberhaupt der Mailänder Kirche hatte Ferrari bereits bei seinem feierlichen Einzug in die Diözese Mailand gegeben, der am 3.11. 1895 stattfand und zu einem spektakulären Ereignis wurde. Ferrari nahm bei dieser Gelegenheit zu seinem Taufnahmen Andreas noch den Namen Karl hinzu in Erinnerung an seinen Vorgänger in der Diözese Mailand, den großen Bischof Karl Borromäus. Wie dem nachtridentischen heiligen Bischof lag auch Ferrari in erster Linie an der Pastoral, die er genau wie sein Vorgänger, vor allem durch die Visitation seines gesamten Bistums und durch Diözesansynoden verwirklichte. Von 1895 bis 1902 nahm er die erste Visitation der 731 Pfarreien vor, der sich in den 25 Jahren als Bischof von Mailand, drei weitere Visitationen anschlossen. Bis auf die letzte folgte auf jede eine Diözesansynode. Seine pastorale Tätigkeit übte er auch mit ungewöhnlichen Mitteln aus: so ließ er z.B. Fragebögen ausfüllen, um die wirklichen Lebensbedingungen seiner Gläubigen zu ermitteln. So ist auch die von ihm stark geförderte Wahl des venezianischen Kardinals Sarto zu verstehen, der 1903 als Papst Pius X. aus dem Konklave hervorging, und den Ferrari vor allem deswegen Kardinal Rampolla vorgezogen hatte, weil Sarto pastorale Erfahrung hatte. In das gleiche Jahr fällt die Reise nach Köln, wo Ferrari als Gast von Kardinal Fischer nicht nur die Gebeine der hl. drei Könige zurückerhalten wollte, sondern auch Einblick in die Strukturen des deutschen Katholizismus gewinnen konnte. Zusammen mit einem Teil der Gebeine der hl. drei Könige kehrte der Kardinal in die ambrosianische Diözese zurück, wo ihn einige restriktive Maßnahmen Pius X. erwarteten. Dieser hatte bereits im Dezember 1903 die Autonomie der "Opera dei Congressi" stark eingeschränkt und sie ein halbes Jahr später wegen großer interner Schwierigkeiten aufgelöst. - Im Jahr 1905 wurde die Diözese einer Visitation unterzogen, doch wurden im Gegensatz zu den von Traditionalisten erhobenen Vorwürfen keine modernistischen Tendenzen entdeckt. Nach der Veröffentlichung der Enzyklika Pascendi war die Diözese Mailand noch stärker den ständigen Vorwürfen des Modernismus ausgesetzt. Obwohl sich Ferrari ohne Vorbehalte den Verurteilungen Pius X. anschloß, wurde die Diözese 1908 und 1911 zwei weiteren Visitationen unterzogen. Bei Ausbruch des I. Weltkrieges äußerte sich Ferrari zunächst in zwei Schreiben an die Diözese gegen den Krieg, nach dem Kriegseintritt Italiens (1915) lud er hingegen seine Gläubigen ein, für den Frieden zu beten, aber auch ihre Pflicht zu tun. Nach dem Krieg gründete er eine Sektion des Büros, das gefangene Soldaten und Vermißte suchte und dessen Zentrale im Vatikan von Benedikt XV. eingerichtet worden war. An Stelle der "Opera dei Congressi" hatte er jetzt die katholische Aktion gefördert, zunächst die männliche, und nach dem Krieg auch die weibliche Sektion. Zwei weitere Projekte tragen seinen Namen. Nach dem Krieg gründete er die "Casa del popolo", das "Haus des Volkes" als katholischen Gegenpol zu den ähnlichen sozialistischen Initiativen, vor allem aber, um denen zu helfen, die aus ihrer Heimat in die großen Städte ausgewandert waren. Die Leitung des Hauses übergab er den "Paolini", einer Gemeinschaft von Priestern und Laien, Männern und Frauen, deren Statuten jedoch erst nach seinem Tod von Benedikt XV. anerkannt wurden. Das zweite Projekt, hauptsächlich von A. Gemelli und F. Olgiati initiiert, war die katholische Universität "del S. Cuore" in Mailand, die noch zu seinen Lebzeiten kanonisch errichtet wurde. Ferrari starb am 2.2.1921 an einem mehrfach vergeblich operierten Tumor im Hals. Der diözesane Seligsprechungsprozeß wurde 1951 in Mailand unter Kardinal Schuster begonnen, und 1963 nach Rom übertragen, wo 1976 der "heroische Tugendgrad" anerkannt wurde. 1987 wurde er von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen.
Werke: Summula theologica dogmatica generalis, Parmae 1885, 2a ibid.1888, 3 ed. Como 1894. I fondamenti della religione: Dio - l'uomo - la Rivelazione - la Chiesa, per Don Andrea prof. Ferrari, arciprete vicario forraneo di S.M. Codifiume, redatti in compendio sul "Trattato della religione" del medesimo autore ad uso dei collegi, Ferrara 1896. "Discorso di innaugurazione anno accademico 1907-1908 della facoltà Teologica di Milano", in La scuola cattolica, 1907, 505-517. Catechismus ordinandorum jussu Andreae C. card. Ferrari archiepiscopi mediolanensis editus, Editio altera emendata, Modoëtiae 1903. Synodus dioecesana Mediolanensis XXXVIII habita in ecclesia metropolitana diebus II, III et IV septembris MCMII Leone XIII Pont. Max. ab eminentissimo et reverendissimo D. Andrea Carolo tit. S. Anastasiae S.R.E. presbytero cardinali Ferrari archiepiscopo Mediolanensi, Mediolani 1903. Synodus dioecesana XXXIX habita diebus XXVI et XXVII Aprilis MCMX in ecclesia metropolitana ab E.mo DD. S.R.E. Presb. Andrea Carolo Card. Ferrari Mediolani archiepiscopo, Mediolani 1911. Synodus dioecesana Mediolanensis XL habita diebus XXVIII et XXIX Aprilis MCMXIV in Ecclesia Metropolitana ab. Em. (...) Andrea Carolo Card. Ferrari Mediolani archiepiscopo, Mediolani 1915.
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Alexandra von Teuffenbach
Literaturergänzung:
Ennio Apeciti, Nel solco di una tradizione. Da F. a Martini, in: Ambrosius 78.2002, S. 151-160.