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Band II (1990)Spalte 200-202 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz

GELLERT, Christian Fürchtegott, Lieder- und Fabeldichter, * 4.7. 1715 als Pfarrerssohn in Hainichen bei Freiberg (Sachsen), † 13.12. 1769 in Leipzig. - Schon früh lernte G., mit wenigem zufrieden zu sein, da es im Elternhaus bei 13 Kindern knapp herging. Als 11-jähriger Knabe suchte er durch Abschreiben gerichtlicher Akten sich einen kleinen Verdienst zu verschaffen, der der Familie zugute kommen sollte. G. besuchte seit 1729 die Fürstenschule in Meißen und bezog 1734 die Universität Leipzig, um Philosophie und Theologie zu studieren, verzichtete aber aus angeborener Schüchternheit auf den Pfarrerberuf. Er widmete sich literarhistorischen Studien, erwarb 1744 die Magisterwürde und ließ sich 1745 an der Universität in Leipzig als Privatdozent nieder. G. wurde 1751 ao. Professor der Dichtkunst und Beredsamkeit, später auch der Moral, lehnte aber 1761 aus Bescheidenheit und mit Rücksicht auf seine Gesundheit die ordentliche Professur ab. - G. ist als Dichter und Mensch einer der großen Lebenslehrer der Deutschen. Innige Frömmigkeit und demütige Bescheidenheit waren die Grundzüge seines Charakters. Weit über die akademischen Kreise hinaus erwarb er sich allgemeine Achtung und Verehrung, selbst bei Friedrich II., der, wie bekannt ist, von den deutschen Poeten sonst gar nichts hielt. Die Bedeutung G.s, dem die echt dichterische Kraft fehlte, liegt auf dem Gebiet der Fabel und des geistlichen Liedes. Seine volkstümlichen Fabeln verbinden in einfacher und ungesuchter Sprache einen köstlichen Schalkssinn mit leichtem, aber treffendem Spott (Der Prozeß; Die Geschichte von dem Hute; Das Gespenst; Der sterbende Vater; Die Bauern und der Amtmann u. a.). Seine Lieder sind das Beste, was jene Zeit der Aufklärung auf dem Gebiet der geistlichen Dichtkunst aufzuweisen hat, tragen jedoch von dem Charakter des alten evangelischen Kirchenliedes fast keine Spur mehr an sich, haben aber zur Erhaltung einfachen Bibelglaubens und schlichter häuslicher Frömmigkeit viel beigetragen. Bekannt sind u. a. das Weihnachtslied »Dies ist der Tag, den Gott gemacht« (EKG 34), das Passionsgebet »Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken« (EKG 71), der Ostergesang »Jesus lebt, mit ihm auch ich!« (EKG 89), das Abendmahlslied »Ich komme, Herr, und suche dich, mühselig und beladen«, das Morgenlied »Mein erst Gefühl sei Preis und Dank; erheb ihn, meine Seele!« (EKG 350), die beiden Abendlieder »Herr, der du mir das Leben bis diesen Tag gegeben, dich bet ich kindlich an« und »Für alle Güte sei gepreist, Gott Vater, Sohn und Heilger Geist«, die beiden Vertrauenslieder »Auf Gott und nicht auf meinen Rat will ich mein Glücke bauen« und »Ich hab in guten Stunden des Lebens Glück empfunden und Freuden ohne Zahl«, die Loblieder »Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht, die Weisheit deiner Wege, die Liebe, die für alle wacht, anbetend überlege .. .« und »Wie groß ist des Alimächtgen Güte!« und die von Ludwig van Beethoven (s. d.) komponierten sechs Lieder: »Gott, deine Güte reicht so weit, so weit die Wolken gehen«, »Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre«, »Gott ist mein Lied, er ist der Gott der Stärke«, »An dir allein, an dir hab ich gesündigt und übel oft vor dir getan«, »So jemand spricht, ich liebe Gott, und haßt doch seine Brüder, der treibt mit Gottes Wahrheit Spott« und »Meine Lebenszeit verstreicht, stündlich eil ich zu dem Grabe.« Genannt seien ferner: »Nach einer Prüfung kurzer Tage erwartet uns die Ewigkeit« und »Gott ist mein Hort, und auf sein Wort soll meine Seele trauen.«

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Werke: Die Betschwester, 1745; Leben der schwed. Gfn v. G. 2 Bde., 1746; Fabeln u. Erzz., 1746-48; Lustspiele, 1747; Von den Trostgründen wider ein sieches Leben, 1748; Moral. Gedichte, 1754; Geistl. Oden u. Lieder, 1757; Tgb., 1761; Moral. Vorlesungen, aus dem Nachlaß hrsg. v. J. A. Schlegel u. Gottlieb Leberecht Heyer, 1770. - Sämtl. Schrr., 10 Bde., 1769-74 (Nachdr. Bern 1967). - Werke, hrsg. v. Julios Ludwig Klee, 1839 u. o., zuletzt 1879. - Werke (in Ausw. mit Einl.), hrsg. v. Fritz Behrend, 1917. - Verz. der Werke: Goedeke IV/1, 74 ff. - Aus gg.: G.s Tgb., hrsg. v. Theodor Oswald Weigel, 1563. - Fabeln u. Erzz. Ausgew. v. Friedhelm Kemp, 1959. - Die Betschwester. Text u. Materialien z. Interpretation besorgt von Wolfgang Martens, 1962. - Fabeln u. Erzz. Hist-krit. Ausg., bearb. v. Siegfried Scheibe, 1966. - Schrr. z. Theorie u. Gesch. der Fabel. Hist.-krit. Ausg., bearb. v. dems., 1966. - Sämtl. FabeIn u. Erzz. Geistl. Oden u. Lieder. Hrsg. v. Herbert Klinkhardt (Die Fundgrube XIII), 1965.

Lit.: Johann Andreas Cramer, G.s Leben, in: G.s Sämtl. Schrr. X, Leipzig 1774; - Heinrich Döring, G.s Leben, 2 Bde., 1833; - Karl Otto Frenzel, G.s rel. Wirken (Diss. Leipzig), Bautzen 1894; - Georg Ellinger, G.s »Fabeln u. Erzz.«, Progr. Berlin 1895; - Johannes Coym, G.s Lustspiele. Ein Btr. z. Entwicklungsgesch. des dt. Lustspiels (Diss. Berlin, 1898), Berlin 1899 (Nachdr. New York - London 1967); - Rudolf Nedden, Qu.stud. zu G.s »Fabeln u. Erzz.« (Diss. Leipzig), 1899; - Wilhelm Neue, Unsere Kirchenliederdichter, 1905, 449 ff.; - Matthäus Schneiderwirth, Das kath. dt. Kirchenlied unter dem Einfluß G.s u. Klopstocks, 1908; - Walter Eiermann, G.s Briefstil, 1912; - Else Höhler, G.s Moral. Vorlesungen (Diss. Heidelberg), 1917; - Hans Rust, G.s Frömmigkeit, in: ThStKr 91, 1918, 65 ff.; - Max Dorn, Der Tugendbegriff G.s auf der Grdl. des Tugendbegriffes der Zeit (Diss. Greifswald), 1919; - Paul Sturm, Das ev. Gesangbuch der Aufklärung. Ein Btr. z. dt. Geistesgesch. des 17. u. 18. Jh.s, 1923; - Fritz Brüggemann, G.s Schwed. Gfn. Der Roman der Welt- u. Lebensanschauung des vorsubjektivist. Bürgertums. Eine entwicklungsgeschichtl. Analyse, 1925; - Kurt May, Das Weltbild in G.s Dichtung (Hab.-Schr., Erlangen 1925), Frankfurt/Main 1928; - Paul Fechter, Dichtung der Deutschen, 1932; - Emil Werth, Unterss. zu G.s Geistl. Oden u. Liedern (Diss. Breslau), 1936; - Fritz Helber, Der Stil G.s in den Fabeln u. Gedichten. Btr z. Stilgesch. der Aufklärungszeit (Diss. Tübingen, 1938), Würzburg 1937; - Moritz Durach, C. F. G., Dichter u. Erzieher, 1938; - Liese Striegel, Der Leipziger Goethe u. G. (Diss. Tübingen), 1938; - Theodor Goldschmid, Das Lied unserer ev. Kirche, Zürich 1941; - Stefanie Schweitzer, Der Stil der Gachen Lustspiele (Diss. Gießen), 1943; - Franz Stegmeyer, Ruhm u. Nachruhm C. F. G.s, in: Ders., Europäische Profile. Essays, 1947, 44 ff.; - Katharine Russell, »Das Leben der schwed. Gfn. v. G.« A Critical Discussion, in: Mhh. f. dt. Unterricht, dt. Sprache u. Lit. 40, Madison (Wisconsin) 1948, 328 ff.; - Louis Capt, G.s Lustspiele (Diss. Zürich), 1949; - Walter Matthias, Kunst u. Offb. Ein Btr. z. Gesch. des Kirchenliedes der Aufklärung. Dargest. an den »Geistl. Oden u. Liedern« v. C. F. G. (Diss. Göttingen), 1950; - J. Stamm, G. Religion and Rationalism, in: GermRev 28, 1953, 195 ff.; - Alfred Stucki, C. F. G. Der ev. Sänger, Basel 1954; - Götz v. Selle, C. F. G., in: Ders., Ostdt. Biogrr., 1955, Nr. 348; - Erich Dauzenroth, Pädagogisches in C. F. G.s »Moral. Vorlesungen«, in: Vjschr. f. wiss. Päd. 36, 1960, 218 ff.; - Gottfried M. Merkel, G.s Stellung in der dt. Sprachgesch., in: Btrr. z. Gesch. der dt. Sprache u. Lit. 82, Sonderbd., 1961, 395 ff.; - Herbert Singer, Stud. z. dt. Roman in der 1. Hälfte des 19. Jh.s (Hab.-Schr., Berlin F.U., 1959), 1963 (Tl.dr. u. d. T.: Der dt. Roman zw. Barock u. Rokoko); - Karl Kupisch, Die Himmel rühmen ... Zum 250. Geb. G.s, in: Zeichen der Zeit. Ev. Mschr. 19, 1965, 266 ff.; 20, 1965, 319 ff.; - Hans Sprenger, Der Fabeldichter. Zu G.s 250. Geb., in: Westermanns päd. Btrr. 17, 1965, 279 ff.; - Alessandro Pellegrini, Die Krise der Aufklärung. Das dichter. Werk v. C. F. G. u. die Ges. seiner Zeit, in: Litwiss. Jb. NF 7, 1966, 37 ff.; - Hans Urner, C. F. G., in: Wort u. Gemeinde. Festschr. f. Erdmann Schott z. 65. Geb. Aufss. u. Vortrr. z. Theol. u. Rel.wiss., 1967, 123 ff.; - Carsten Schlingmann, G., eine lithist. Revision, 1967; - Dieter Kimpel, Der Roman der Aufklärung, 1967 (Rez. v. Warren R. Maurer, in. Mhh. f. dt. Unterricht, dt. Sprache u. Lit. 61, Madison/Wisconsin 1969, 412 f.; v. Jörg-Ulrich Fechner, in: German life and letters 23, Oxford 1970, 284 f.; v. Alan Marshall, in: Modern language review 65, Cambridge 1970, 455 f.; v. Norbert W. Feinäugle, in: Lessing Yearbook II, München 1970, 253 f.; v C. Scholz-Villard, in: Études germaniques 26, Paris 1971, 383 f.); - Theophil Bruppacher, C. F. G., in: Der ev. Kirchenchor 74, 1969, 93 ff.; - Kosch, LL I, 626 f.; - WeltLit I, 575 f.; - Wilpert I2 561; II, 111 (Die Betschwester). 280 (Fabeln u. Erzz.). 356 (Geistl. Oden u. Lieder). 621 (Das Leben der schwed. Gfn. v. G. ...); - KLL I, 1555 f. (Die Betschwester); II, 2625 ff. (Fabeln u. Erzz.); IV, 1077 f. (Das Leben der schwed. Gfn. v. G. ...); - ADB VIII, 544 ff.; - NDB VI, 174 f.; - Koch VI, 263 ff.; - Hdb. z. EKG II/1, 264 f.; - MGG IV, 1633 ff.; - Riemann I, 603; ErgBd. I, 411; - RE VI, 482 ff.; - EKL I, 1467 - RGG II, 1321; - ODCC2 553.

Friedrich Wilhelm Bautz

Literaturergänzung:

2004

Ursula Bavaj, G. Saggio sugli scritti teorici. Roma 2004; -

2005

Michael Fischer ; Rebecca Schmidt, "Mein Testament soll seyn am End". Sterbe- u. Begräbnislieder zwischen 1500 u. 2000. Münster 2005, S. 181-202 (zu: "Wie sicher lebt der Mensch, der Staub"); -

2006

Uwe Hentschel, G.s Werk zwischen Aktualität u. Historisierung, in: Euphorion 100.2006, S. 161-190; -

2009

G. u.d. empfindsame Aufklärung. Vermittlungs-, Austausch- u. Rezeptionsprozesse in Wiss., Kunst u. Kultur. Hrsg. von Sibylle Schönborn u. Vera Viehöver. Berlin 2009; -

2010

Sikander Singh, C.F.G. Hannover 2010.

Letzte Änderung: 09.04.2011