GRUSCHA, Anton Joseph: Fürsterzbischof, Kardinal; * 3.11. 1820 in Wien, † 5.8. 1911 auf Schloß Kranichberg. - Gr. trat 1838 in das Wiener Alumnat ein, um von dort aus sein Theologiestudium zu beginnen. Er wurde dann am 4. Mai 1843 zum Priester geweiht und kam als Kaplan nach Pillichsdorf. 1846 wurde er in die Wiener Vorstadt versetzt und kam nach St. Leopold. In den Wirren des Revolutionsjahre 1848 geriet er in Gegensatz zu Fürsterzbischof Milde von Wien: Er beteiligte sich am Protest gegen die von Milde verordnete politische und publizistische Abstinenz des Klerus. Auch gehörte er zu einer Priestergruppe, die Milde am 18. April 1848 zu einem entschiedeneren Vorgehen auffordert G. stand auch auf seiten der Freiheitsbewegung und der Nationalgarde. Sie erschienen ihm als Garant der erhofften Freiheit und der konstitutionellen Monarchie. Die Teilnahme Gr. an den öffentlichen Belangen war für einen Geistlichen der damaligen Zeit sehr groß. Als es in den Straßenkämpfen im Oktober 1848 zu wirklichen Notsituationen kam, stellte er sich mutig zur seelsorglichen Betreuung der Opfer zu Verfügung. 1849 promovierte er zum Doktor der Theologie. Er vertrat die Ansicht, daß Glaubens- und Kirchenspaltung sich negativ auswirken auf Staat und Gesellschaft. Auch schloß er die Behandlung von politischen Fragen in der Predigt nicht aus. 1851 wurde er Religionsprofessor am Gymnasianum Theresianum zu Wien. 1852 bestellte ihn Adolf Kolping zum Präses des Wiener Gesellenvereines. Maximilian Liebmann hält auch fest: »Bereits 1852 nahm er als erster österreichischer Theologe zur Sozialen Frage Stellung, indem er die Auffassung vertrat, daß allein die Kirche die soziale Not zu lindern vermöge. Auf der 4. Generalversammlung der deutschen Katholiken in Linz (1850) hatte er den Sozialismus und den daraus hervorgehenden Kommunismus als ersten Feind der Menschheit bezeichnet.« - Kardinal Rauscher berief Gl. 1855 zum Domprediger an St. Stephan zu Wien. Seine Rednergabe machte selbst den Hof aufmerksam und so gehörte die Kaiserinmutter Karolina Augusta zu seinen aufmerksamsten Zuhörerinnen. Auch zur kaiserlichen Familientafel war er oft eingeladen. 1862 erhielt er den Ruf als Professor der Pastoraltheologie an die Universität Wien. Am 19. Januar 1878 ernannte ihn Kaiser Franz Joseph zum Apostolischen Feldvikar der k. u. k. österreichischen Armee. Am 28. April wurde er zum Bischof konsekriert. Als Militärbischof bekam G. große Anerkennung, so daß Kaiser Franz Joseph 1881 nach dem Tode von Kardinal Kutschker von Wien an G. als dessen Nachfolger dachte. Doch dieser lehnte ab, so daß Abt Ganglbauer vom Stift Kremsmünster in Oberösterreich Erzbischof von Wien wurde. Aber nach dessen Tod wurde G. dann doch am 24. Januar 1890 zum Fürsterzbischof von Wien nominiert. Am 23. Juli erfolgte die päpstliche Verleihung und am 6. August die Inthronisation. 1891 wurde er zum Kardinal kreiert mit der Titelkirche S. Maria degli Angeli. - Mit den Sorgen der Handwerker eng verbunden, kam es jedoch während seiner Zeit zu ernsten Auseinandersetzungen mit der aufblühenden Christlichsozialen Bewegung, die seit 1889 als Partei auftrat. Nach dem Tode von Kardinal Schönborn von Prag trat G. bereits 79jährig 1899 an die Spitze der österreichischen Bischöfe. Voller Mißtrauen war er gegen den großen Kirchenhistoriker Albert Ehrhard, den er des Modernismus verdächtigte und der Wien verlassen mußte. Auch kirchliche Maßregelungen ergoßen sich über Ehrhard, so der Verlust seines Prälatentitels. Besonders erzürnt hatte G. das Buch von Ehrhard: »Der Katholizismus und das 20. Jahrhundert«. - Große Verdienste erwarb sich G. durch seinen regen Kirchenbau. Auch die von Kardinal Rauscher eingeführten Pastoralkonferenzen belebte er wieder Auch berief er die Dechanten und Pfarrer zu Konferenzen ein. Im Herrenhaus ist G. sehr für Kirche und Klerus eingetreten. In den letzten Jahren seines Lebens war G. völlig arbeitsunfähig, er war taub und blind geworden. Obwohl sein Weihbischof und Generalvikar Marschall ihn sehr unterstützte, kam es doch zu unhaltbaren Zuständen, so daß Rom dem Kaiser 1909 vorschlug, Bischof Franz Xaver Nagl von Triest-Capodistria zum Koadjutor mit dem Recht der Nachfolge nach Wien zu holen. Dies geschah dann auch am 1. Januar 1910. - Im allgemeinen wird man sagen müssen, daß G. trotz aller guten Seiten an einem »überstrengen Katholizismus« (Franz Loidl) litt, der noch wesentlich verstärkt wurde durch den Dominikaner Weiß und den Redemptoristen Rösler. G. war eine Persönlichkeit voll von Angst und von daher können auch die Worte von Hellmut Butterweck in etwa verstanden werden: »Reformbestrebungen waren ihm ein Gräuel, Rechtgläubigkeit ein Wert an sich, jede Abweichung ein teuflisches Vergehen.« (Österreichs Kardinäle ... S. 51). Als Persönlichkeit durch und durch patriarchalisch geprägt, haben wohl die Worte Butterwecks ihre Berechtigung: »Kardinal Gruscha forderte sehr wohl den grössten politischen Einfluß für die Kirche, bloß nicht von unten her, sondern patriarchalisch: Alles Heil von oben.« (Österreichs Kardinäle... S. 59).
Werke: Katholische Glaubenslehre, Wien 1850; Katholische Sittenlehre, Wien 1851.
Lit.: E. Gatz (Hrsg.): Die Bischöfe der deutschsprachigen Länder 1785/1805-1945: Gruscha, Anton Joseph (Maximilian Liebmann), 269-272; - O. Posch: Anton Josef Gruscha und der österreichische Katholizismus 1820-1922 (Diss., Wien 1947); - I. Fried-F. Bischof: Kardinal Gruscha und die soziale Frage (Diss., Wien 1959); - H. Butterweck: Österreichs Kardinäle - Von Anton Gruscha bis Christoph Schönborn, Wien 2000, 10-60; - LThK3 Bd. 4, Sp. 1085 (M. Liebmann); - J. Wodka: Kirche in Österreich - Wegweiser durch ihre Geschichte, Win 1959, 343, 352-354, 360 f., 458.