Verlag Traugott Bautz
www.bautz.de/bbkl
Zur Hauptseite
Bestellmöglichkeiten
Abkürzungsverzeichnis
Bibliographische Angaben für das Zitieren
Suche in den Texten des BBKL
Infobriefe des aktuellen Jahres

NEU: Unser E-News Service
Wir informieren Sie vierzehntägig über Neuigkeiten und Änderungen per E-Mail.

Helfen Sie uns, das BBKL aktuell zu halten!



Band XXII (2003) Spalten 477-481 Autor: Frank Soetermeer

GUILLELMUS de Ferreriis (de Ferrariis; Guillaume de Ferrières). † 7. September 1295 in Perpignan, Legist, Kardinal Er hat wahrscheinlich in Orléans bei dem Italiener Petrus Peregrossus († 1295; s.d.) studiert. Als der König ihm im Jahre 1284 einen Entschluß anvertraute, war er "doctor et juris professor" und befand sich in Toulouse, wo in den siebziger Jahren eine Rechtsschule entstanden war, wahrscheinlich infolge der Krise, die die Universität Bologna damals durchzustehen hatte. Im Jahre 1288 gab er ein Gutachten an die Bürger der Stadt Limoux, zusammen mit fünf anderen Rechtslehrern der jungen Rechtsschule Toulouse (Raymundus de Costa, legum professor; Arnaldus Rupadela, legum doctor; Guillelmus de Achetis Bononiensis, miles et legum doctor; Petrus de Ferreriis, legum doctor; Arnaldus Novelli, utriusque iuris professor). Im Jahre 1289 hat er Toulouse verlassen. Der Papst (Nikolaus IV.) hatte ihn zum Propst von Marseille ernannt. Im folgenden Jahre hat der König von Neapel, Karl II., ihn eingestellt: Am 27. August 1290 wurde er dessen Vizekanzler mit dem besonderen Auftrag, einige verlorengegange oder umstrittene Gebiete in der Provence zurückzugewinnen. Er erwies sich dabei ein treuer Diener des Hauses Anjou. Auf Bitten seines Herrn hat der unglückliche Coelestin V., der unter Druck dieses Königs Papst geworden war und selbst seine Residenz nach Neapel hatte verlegen müssen, ihn 1294 zum Kardinal-Priester ernannt. Im folgenden Jahre hat Bonifaz VIII. ihn beauftragt, die Ehe zwischen der Tochter Karls II., Blanche, mit dem König von Aragon einzusegnen. Sein Nachfolger als Vizekanzler war der schon genannte Petrus de Ferreriis, der ebenfalls Rechtslehrer (Legist) in Toulouse und wahrscheinlich ein Verwandter gewesen ist. Er starb auf dem Weg nach Spanien, wo er im Auftrag des Papstes dem König von Aragon Vermittlungsvorschläge machen sollte. Guillelmus war der erste Tolosaner Rechtslehrer, der einige Schriften hinterlassen hat. Im italienischen Schrifttum ist nicht selten behauptet worden, daß die französischen Juristen dieses Zeitalters, die sogenannten "ultramontani", stark theoretisch ausgerichtete Dialektiker gewesen seien. Die Traktate des Ferreriis zeigen, wie schief dieses Bild ist. Sie sind eher ein Beweis des Gegenteils, denn die gerichtliche Praxis spielt darin eben eine sehr wichtige Rolle. Sein Interesse am Gewohnheitsrecht, dem er einen Traktat gewidmet hat, hatte er ohne Zweifel in Orléans gewonnen, wo sein Altersgenosse, der Legist Jacobus de Ravenneio († 1296; s.d.), diesem Teil des Rechts ebenfalls sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet hat. Ein anderer Traktat hat als Thema das Verfahrensrecht. Es handelt sich um einen Kommentar zur Institutionentitel "de actionibus" (Inst. 4.6). Es ist nicht von ihm selbst redigiert worden, aber die Mitschrift einer Vorlesung. Ferreriis erwähnt darin einige Ereignisse, die eine für solche Werke ungewöhnlich genaue Datierung ermöglichen: Juni-Juli 1285. Er behandelt insgesamt nicht weniger als 70 Klagen. Das Werk zeigt, wie in den letzten Dezennien des 13. Jh.s die Rechtslehrer der Universitäten Toulouse und Montpellier erreicht haben, daß das (römische) sog. Vulgarrecht, das in Südfrankreich als Gewohnheitsrecht galt, in zunehmendem Maße verdrängt wurde vom Justinianischen Recht, und zwar in der Gestalt, die die Glossatoren diesem gegeben hatten. Diese Evolution ist in diesem Werk sehr deutlich wahrnehmbar. Auch für Historiker ist der Traktat interessant, da er nicht nur wertvolle Informationen zur Rechtsanwendung enthält, sondern auch zur Universität, zum Buchhandel und zur Tolosaner Gesellschaft im allgemeinen.

Quellen (Auswahl): P. Durieu, Les Archives Angevines de Naples, I, Paris 1886, 207; - Ernest Langlois (Hrsg.), Les registres de Nicolas IV (1288-1292), Paris 1886-1893 (Bibliothèque des Écoles françaises d'Athènes et de Rome; 2e série, t. 5) , Nrn. 873-878, 5823; - Antoine Thomas, Maurice Faucon, Georges Digard (Hrsg.), Les registres de Boniface VIII (1294-1303), Paris 1884-1939 (Bibliothèque des Écoles françaises d'Athènes et de Rome; 2e série, t. 4), Nrn. 213-220, 368, 370, 787, 791-94, 797-99, 808, 827, 829.

Werke: 1. Summa conceptionis libellorum oder Tractatus de actionibus, überliefert in 5 Hss., von denen 2 seit 1945 verschollen sind. - 2. Ein Traktat zum Gewohnheitsrecht: "de natura consuetudinis". Es handelt sich um eine Repetitio zu Inst. 1.2.9 (Ex non scripto), erhalten in einer Handschrift. - 3. Eine in einer Handschrift überlieferte distinctio zu einem Notar der ein Amtsverbrechen begangen hat, und im allgemeinen zu einigen Aspekten des notariellen Berufs, 1978 herausgegeben von Manlio Bellomo. Der Text enthalt am Ende ebenfalls die Sigle eines anderen Legisten, Bertrandus de Deocio († 1355). Dieser hatte mit Ferreriis nicht nur gemein daß er (zumindest wahrscheinlich) Rechtslehrer in Toulouse gewesen ist, sondern auch daß er ebenso später Kardinal geworden ist. - 4. Eine in einer Handschrift erhaltene Repetitio zur Dekretale is qui conqueritur (X 3.23.5; zur nicht geschuldeten Zahlung), die er gehalten hat an der Rechtsschule in Orléans. Aus den zitierten Quellen zeigt sich deutlich daß der Professor Legist, kein Kanonist war. Der Student der die Mitschrift gemacht hat (reportator) hat seinen Name erwähnt, was nur selten vorkommt. Er hieß Geraldus de Tylleto. Im Jahre 1297 war diese Person sindicus der Universität Toulouse, nachdem ihm in Orléans die Lizenz (licentia ubique docendi) erteilt worden war: licenciatus Aurelianis in legibus. Im Jahre 1304-05 gab er als doctor legum Vorlesungen in Montpellier. - 5. Meijers fand in nicht weiniger als 24 glossierte Handschriften von den fünf Teilen des Corpus iuris civilis (Digestum vetus, Infortiatum, Digestum novum, Codex, Volumen parvum) Marginalglossen von ihm. Wahrscheinlich handelt es sich um Exzerpte aus Mitschriften seiner Vorlesungen (lecturae reportatae). Im Schrifttum werden solche Texte meistens zu Unrecht als "Additionen" bezeichnet. - 6. Ein Gutachten an die Stadt Limoux aus dem Jahre 1288 bezüglich eines Rechtsverfahrens vor dem sénéchal von Carcassonne, veröffentlicht 1852 und nochmals 1938, jetzt von Meijers. Ein anderes Gutachten gab er der Inquisition, zusammen mit dem vorgenannten Juristen Arnaldus Novelli († 1317), der später ebenfalls hohe kirchliche Würden bekleidet hat: Papst Clemens V. hat ihn nacheinander ernannt zum "auditor litterarum contradictarum" (Berufungsrichter) der Rota, zum Vizekanzler der Kirche und schließlich zum Kardinal. Undatiert (wahrscheinlich von vor 1288) und bisher unveröffentlicht.

Lit. (Auswahl): Nouveau Recueil de l'Académie de Toulouse, I (1852) 129f.; - L. Cadier, Essai sur l'administration du royaume de Sicile sous Charles Ier et Charles II d'Anjou, Paris 1891, 240, 278-79, 299; - G.M. Monti, Intorno a Marino da Caramanico e alla formula 'Rex est imperator in regno suo', in: Ders., Dai normanni agli aragonesi, Trani 1936, 106-10; - E.M. Meijers, Responsa doctorum Tolosanorum, Haarlem 1938, XI-XIII (da auch älteres Schrifttum), 211; - Ders., Études d'histoire du droit, III, hrsg. v. R. Feenstra, H.F.W.D. Fischer, Leyde 1959, 94, 174-176, 178, 180, 190, 192; - André Gouron, Enseignement du droit, légistes et canonistes dans le Midi de la France à la fin du XIIIe et au début du XIVe siècle, in: Recueil de mémoires et travaux publ. par la Societé d'histoire du droit et des institutions des anciens pays de droit écrit 5 (1966) 1-33, bes. 10, 17; - Domenico Maffei, Qualche postilla alle ricerche di E.M. Meÿers, in: Tijdschrift voor Rechtsgeschiedenis 36 (1968) 387-400, bes. 389, 394f., 399. Ndr. in: Ders., Studi di storia delle università e della letteratura giuridica, (Bibliotheca Eruditorum, 1), Goldbach 1995, 89*-102* (addenda et emendanda: 528*-29*); - Carlo De Frede, Da Carlo I d'Angiò a Giovanna I (1263-1382), in: Storia di Napoli, III, Napoli 1969, 62-64; - Manlio Bellomo, 'Notarius in suo officio delinquens', Ricerca su un testo inedito di Guillaume de Ferrières e Bertrand de Déaux, in: Siculorum Gymnasium n.s. 31 (1978) 213-223; - Gero Dolezalek, Hans van de Wouw, Verzeichnis der Handschriften zum römischen Recht bis 1600, Bd. III, Frankfurt/M. 1972, s.v.; - Henri Gilles, Le traité de la coutume de Guillaume de Ferrières, in: Mélanges Gabriel Marty, Toulouse 1975. Ndr. in: Ders., Université de Toulouse et enseignement du droit, XIIIe-XVIe siècles, Toulouse 1992, 127-38; - Ders, Guillaume de Ferrières: Problèmes d'édition, in: Annales de l'Université des sciences sociales de Toulouse 24/1-2 (1976). Ndr. in: Ders., Université de Toulouse (1992) 139-50; - Ders., Les moines juristes, in: L'Église et le droit dans le Midi (XIIIe-XIVe s.), Toulouse 1994, 75-100, bes. 87, 98; - Ders., Le traité des actions de Guillaume de Ferrières, in: Jacques Krynen (Hg.), Droit romain, jus civile et droit français, (Études d'histoire du droit et des idées politiques, 3), Toulouse 1999, 249-61; - Laurent Waelkens, La théorie de la coutume chez Jacques de Révigny. Édition et analyse de sa répétition sur la loi De quibus (D. 1.3.32), Diss. (Leiden), Leiden 1984, 35-42; - C.H. Bezemer, Les répétitions de Jacques de Révigny. Recherches sur la répétition comme forme d'enseignement juridique et comme genre littéraire, suivies d'un inventaire des textes, Diss. (Leiden), Leiden 1987, 284-85; - Giuseppe Speciale, La memoria del Diritto Comune. Sulle tracce d'uso del Codex di Giustiniano (secoli XII-XV), Rom 1994, 355; - Frank Soetermeer, Due tradizioni testuali francesi dell'Apparatus Digesti Novi di Accursio, in: Rivista Internazionale di Diritto Comune 8 (1997) 77-127, bes. 106. Ndr. in: Ders., Livres et juristes au Moyen Age, (Bibliotheca Eruditorum, 26), Goldbach 1999, 289*-339*; - Ders., Utrumque ius in peciis. Die Produktion juristischer Bücher an italienischen und französischen Universitäten des 13. und 14. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 2002, 281, 328.

Frank Soetermeer

Literaturergänzung:

Paul Ourliac, Lézat et Moissac. Note additionelle, in: Annales du Midi 1965, 65-83 (bes. 77, 82); - Henri Gilles, Une cause d'injures à Toulouse à la fin du XIIIe siècle, in: Annales de la Faculté de Droit et des Sciences Économiques de Toulouse 17 (1969) 121-144 (139-141: Ausgabe von einem Fragment der Summa conceptionis libellorum); - Henri Gilles, L'enseignement de droit en Languedoc au XIIIe siècle, (Cahiers de Fanjeaux, 5, 1970), 205-229, Nachdr. in: Ders. Université de Toulouse et enseignement du droit (XIIIème-XVIème siècles), Toulouse 1992, 59-76 (bes. 70); - Paola Maffei, Collectio repetitionum tholosana (ca. 1280), in: Manoscritti, editoria e bibliotheche del medioevo all'étà contemporanea. Studi offerti a Domenico Maffei per il suo ottantesimo compleanno, hrsg. von Mario Ascheri, Gaetano Colli unter Mitarbeit von Paola Maffei, Bd. II, Rom 2006, 561-599 (insb. 592-596), auch in: Tijdschrift voor Rechtsgeschiedenis 74 (2006) 1-30; - Dictionnaire historique des juristes français (XIIe-XXe siècle), hrsg. v. Patrick Arabeyre, Jean-Louis Halpérin, Jacques Krynen, Paris 2007, 327 (Gérard Giordanengo).

Letzte Änderung: 08.10.2007