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Verlag Traugott Bautz
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HARTMANN, Anastasius (Taufname: Joseph Alois), schweizerischer Kapuziner und Missionsbischof, * 24.2. 1803 in Altwis (Kanton Luzern) als Sohn eines Bauern, † (an der Cholera) 24.4. 1866 in Coorjee bei Patna (Ostindien), beigesetzt 26.4. 1866 in der Kathedrale in Patna, 5.5. 1867 in der St. Josefskirche des Frauenklosters in Bankipur und 6.4. 1920 in der Kathedrale in Allahabad. - H. besuchte das Gymnasium in Solothurn, trat aber 1821 als Novize zu Baden im Aargau in den Kapuzinerorden ein und empfing am 24.9. 1825 zu Freiburg im Uechtland die Priesterweihe. Er kehrte für ein Jahr nach Baden zurück, um die Studien zu vollenden, und wirkte dann als Pfarrverweser an verschiedenen Orten. Die Oberen ernannten ihn 1827 zum Beichtvater der Zisterzienserinnen in Rathausen und bestimmten ihn nach zwei Jahren für das Kloster Eschenbach. H. wurde 1830 Novizenmeister und Lektor der Philosophie und Theologie in Freiburg und nahm als Vertreter seines Klosters 1836 an dem Provinzialkapitel in Luzern teil. Da er sich krank gearbeitet hatte, versetzten ihn die Oberen auf Rat der Ärzte 1839 nach Solothurn. In der Gewißheit seiner Berufung zum Missionar bat H. in seinem Schreiben vom 19.8. 1840 an die Leitung der schweizerischen Kapuzinerprovinz, sie möchte ihm nicht nur die Erlaubnis zum missionarischen Dienst geben, sondern ihn als ihren Vertreter zu den Heiden senden. Nach längerer Beratung wurde seine Bitte erfüllt. Nach zweijähriger Wirksamkeit als Professor und Vizeregens am Internationalen Missionskolleg St. Fidelis in Rom wurde H. für die Mission in Agra bestimmt. Am 22.11. 1843 trat er mit zwei Missionaren die Reise nach Ostindien an, die über Neapel, Malta, Alexandria und Kairo, durch das Rote Meer und über Bombay nach Agra führte, wo die drei Missionare im März 1844 eintrafen. Dort weilte H. bis August 1844 und benutzte die Zeit zur Ausbildung in der hindustanischen Sprache. Dann sandte ihn der Kapuzinerbischof von Agra als Pfarrer nach Gwalior. Dort widmete sich H. mit großem Fleiß dem Sprachstudium, verfaßte eine umfangreiche hindustanische Grammatik und gründete auch eine Volksschule und ein Heim für gefallene Mädchen und gefährdete Witwen. Ende Februar 1846 besuchte ihn der Apostolische Vikar von Agra und überreichte ihm zwei päpstliche Breven mit seiner Ernennung zum Titularbischof von Derbe und zum Apostolischen Vikar des neugegründeten Vikariats Patna, dessen Gebiet bisher zum Vikariat Agra gehörte. "Diese unerwarteten Ernennungen erfüllten mich mit Schrecken und Seufzen; aber ermutigt durch das Wort des Apostolischen Vikars und mein ganzes Vertrauen auf Gott setzend, nahm ich unter Tränen die schwere Bürde auf meine Schultern." Am 15.3. 1846 wurde H. in der Kathedrale in Agra zum Bischof geweiht und zog nach einigen Tagen den Ganges aufwärts nach Patna, der wichtigsten Stadt im westlichen Bengalen. Hier hatte eine blühende Mission bestanden, die aber wegen des Priestermangels in Verfall geraten war. Nur vier Missionare standen dem Bischof zur Seite für 4000 Katholiken, die unter 37 Millionen Heiden zerstreut lebten. Auf seinen Bittruf erhielt H. aus Lyon und der Schweiz, besonders aus dem Kanton Luzern, reiche Gaben. Er errichtete Kirchen und Schulen, Waisenhäuser und höhere Bildungsinstitute und sammelte aus indischen Archiven die Akten über die Kapuzinermissionen in Tibet, Nepal und Hindustan. Am 13.12. 1849 traf aus Rom die Nachricht ein, er bleibe Apostolischer Vikar von Patna, sei aber zugleich Apostolischer Administrator von Bombay. H. bestimmte einen Stellvertreter für sein Bistum und reiste am 26.12. nach Bombay, wo er am 19.3. 1850 eintraf. Hier hatte H. wegen des seit 200 Jahren bestehenden indo-goanesischen Schismas einen sehr harten Stand. Als die Portugiesen um 1500 bis nach Ostindien und China vordrangen, folgten ihnen die portugiesischen Missionare nach. Der Papst verlieh den Königen von Portugal ein Hoheitsrecht als Schutzherren über alle neugegründeten Kirchen in den von Portugal eroberten Provinzen Asiens, Afrikas und Amerikas. Goa an der Westküste Vorderindiens wurde 1557 zum Erzbischofssitz aller dieser Riesengebiete erhoben. Als aber die Holländer und Engländer die Herren des Indischen Ozeans wurden und von Portugals Kolonialmacht nur ein unbedeutender Landstrich bei Goa übrigblieb, wollte Portugal nicht auf seine kirchlichen Rechte in Indien verzichten. Weil Rom nun Apostolische Vikare nach Indien sandte, die nicht mehr Goa unterstellt sein sollten, kam es zum indo-goanesischen Schisma, das erst nach endlosen Verhandlungen 1886 mit der Neuordnung der Hierarchie Vorderindiens beigelegt wurde. Die Spannungen und Auseinandersetzungen hatten um 1850 ihren Höhepunkt erreicht. "Kein Mensch in Europa kann sich meine kritische Lage vorstellen. Es wird von mir eine Geduld und eine Klugheit erfordert, die ich nicht habe, sondern die Gott mir geben muß, wenn das Werk gedeihen soll. Ich bedurfte während meines ganzen Lebens nie mehr der Gnade Gottes denn jetzt." H. gründete zu seiner Verteidigung das Blatt "The Catholic Standard" und einige Monate später eine zweite Zeitung, "The Bombay Catholic Examiner". Schwerste Bedrängnisse und Verfolgungen hatte er durch die Schismatiker zu erdulden, durfte aber auch erleben, wie die innere Kraft des Schismas in Ostindien gebrochen wurde und eine Gemeinde nach der anderen sich ihm unterwarf. H. wurde 1854 Apostolischer Vikar in Bombay und führte im Auftrag des Papstes mit dem Erzbischof von Kalkutta Verhandlungen mit der indischen Regierung, die ihnen die dringenden Forderungen gewährte, u. a. eine für die katholischen Eingeborenen günstige Ehegesetzgebung. Im Sommer 1856 trat H. seine Europareise an. In Rom empfing ihn Pius IX. (s. d.); er sandte ihn nach London zu Verhandlungen mit der englischen Regierung und der ostindischen Kolonialgesellschaft. Nach vierwöchigem Aufenthalt in der Heimat reiste H. über Genf, Lyon und Paris nach London, kehrte aber auf Grund beunruhigender Nachrichten aus Bombay so schnell wie möglich nach Rom zurück. Nach langen Verhandlungen und reiflichem Überlegen nahm die "S. Congregatio de Propaganda Fide" (s. Gregor XV.) im Juni 1858 seinen Rücktritt an und übergab Bombay und Puna den Jesuiten. H. wirkte in Rom als Generalprokurator der Kapuzinermissionen. Er arbeitete einen Plan zur besseren Organisation der Kirche in Ostindien aus und schrieb ein ausführliches Memorandum anläßlich der Verhandlungen über ein Konkordat mit Portugal. H. wurde am 24.1. 1860 wieder zum Apostolischen Vikar von Patna ernannt und traf am 4.6. 1860 in Patna ein. - Der Seligsprechungsprozeß wurde 1906 eingeleitet.
Werke: Hindustani-Katechismus (mit hindustan. Grammatik u. engl.-lat.-hindustan. Wb.), Bombay 1852 (18612); Übers, des NT ins Urdù, Patna 1864; Das Kreuz des Weltmenschen u. des wahren Christen. Ein Gebet- u. Erbauungsbüchlein f. Kranke u. Leidende, hrsg. v. M. Kamber, Einsiedeln 1857 (18682); Psychologia arti pastorali applicati, hrsg. v. Adelhelm Jann, Innsbruck 1914; Leitfaden der Philos. u. der Pastoraltheol., hrsg. v. dems., Assisi 1932; schrieb über Kosmogonie, Galilei u. die Inquisition, Abhh. über christl. Zeitrechnung, die kirchl. Zustände in Indien (Augsburg 1858) u. ein Calendarium über die Kapuzinermissionare.
Lit.: Adrian Imhof u. Adelhelm Jann, A. H. Ein Lebens- u. Zeitbild aus dem XIX. Jh., Luzern 1903; - Adelhelm Jann, Die Autobiogr. des A. H., Ingenbohl 1917; - Ders., A. H., Immenses 1920; - Ders., Die Aktensmlg. des Bisch. A. H., Luzern 1925; - Monumenta Anastasiana, hrsg. v. dems., ebd. 1939-48; - Erich Eberle, Der Diener Gottes A. H., ein großer Missionsbisch. aus dem Kapuzinerorden, 1927 (19302); - Konstantin Kempf, Die Heiligkeit der Kirche im 19. Jh., Einsiedeln 19288, 64 ff.; - Serge Barrault, Mgr. A. H. ou l'Agneau gardant la tunique sans couture, Paris 1933; - Yv. de Romain, Un grand Apôtre suisse, in: Éfranc 46, 1934, 674 ff.; - Johannes Walterscheid, Dt. Hll. Eine Gesch. des Reiches im Leben dt. Hll., 1934, 445 ff.; - Fulgentius of Camugnano, Bishop H., Allahabad/Indien 1946 - Arnulf Goetz, Hll., Martyrer u. Helden, 1957, 344 ff.; - James H. Gense, The Church at the Gateway of India, 1720-1960, Bombay 1960; - Linus Fäh, Die Bibelübers.-Arbeit v. Bisch. A. H., in: NMZ 20, 1964, 1 ff.; - Isidorus a Villapadierna, Bibliographia recentior (1948-1966) servi Dei A. H., in: CollFr 36, 1966, 436 ff.; - BiblMiss VIII, 134 ff. u. ö.; - LexCap 724 ff.; - Kosch, KD 1364; - Torsy 36 f.; - EC VI, 1368 f.; - LThK V, 20; - NCE VI, 936 f.
Friedrich Wilhelm Bautz
Literaturergänzung:
2000
Bühlmann, Walbert, Aus dem Leben etwas machen. Anastasius Hartmann - ein Modell, Mainz 2000; -
2003
Autobiographie des Anastasius Hartmann (1803-1866), des Schweizer Kapuziners, Titularbischofs von Derbe und apostolischen Vikars von Patna in Indien. Beiheft 4 zu Helvetia Franciscana (2003), Luzern 2003.
Letzte Änderung: 30.08.2008