HEINZE, (Karl) Rudolf, Dr. jur., * 22.7. 1865 in Oldenburg, als Sohn des Professors für Philosophiegeschichte Maximilian H. (1835-1909) und Klara H., geb. Lepsius (1845-1933), † 16.5. 1928 in Dresden-Weißer Hirsch, Politiker. Nach Besuch der Vorschule in Naumburg war H. 1874 bis 1875 zunächst Schüler des Gymnasiums in Basel und im Sommer 1875 des Gymnasiums in Königsberg. Ab Ende 1875 besuchte er das Nicolai-Gymnasium in Leipzig. Nach seinem Abiturientenexamen studierte er ab 1883 in Tübingen, Heidelberg und Leipzig sowie ab dem Wintersemester 1885/86 in Berlin Rechtswissenschaften. 1883 trat er dem nationalen Verein Deutscher Studenten (VDSt) bei. Im Sommersemester 1885 hatte er den Vorsitz des VDSt Leipzig inne, dem auch sein jüngerer Bruder, der Philologe Richard Heinze (1867-1929), angehörte. Als Vorortsvorsitzender der Vereine Deutscher Studenten leitete er in diesem Semester die Verbandstagung des Kyffhäuser-Verbandes. Dort setzte er sich für die Gründung einer eigenen Verbandszeitschrift ein und bereitete in einem Ausschuss deren Herausgabe als "Akademische Blätter" ab 1886 vor. 1887 promovierte er in Leipzig. 1887/88 absolvierte H. als Einjährig-Freiwilliger seinen Militärdienst im Infanterieregiment 107 in Leipzig (zuletzt: Hauptmann d. L. a. D.). Ab 1889 war er als Referendar im sächsischen Justizdienst tätig (Burgstädt und Leipzig). Ab 1893 war er Assessor an den Amtsgerichten Leipzig und Dresden. Am 28. Januar 1895 bestand er das Assessorexamen und war anschließend Hilfsrichter beim Landgericht Leipzig. 1896 war er Amtsrichter, 1901 Landrichter und später Landgerichtsrat sowie von 1906 bis 1912 Landgerichtsdirektor in Dresden. 1900 heiratete er Anna Louise Hotop (1863-1948), mit der er drei Söhne und eine Tochter hatte. Neben seiner juristischen Tätigkeit begann Heinzes politische Laufbahn 1899 als Stadtverordneter in Dresden. Ab März 1903 bis 1906 war er dort unbesoldeter Stadtrat. Von 1906 bis 1916 saß er im Zentralvorstand der Nationalliberalen Partei und 1911/12 in deren geschäftsführenden Ausschuß. Von Januar 1907 bis Januar 1912 saß er als Abgeordneter der Nationalliberalen für den Wahlkreis Sachsen 5 im Reichstag. Anschließend war er nach erfolgloser Reichstagskandidatur für den Wahlkreis Dresden-Altstadt, ab 1912 Hilfsarbeiter bei der Reichsanwaltschaft am Reichsgericht in Leipzig. Dort wurde er 1914 zum Reichsgerichtsrat ernannt. Vom Oktober 1915 bis Juli 1916 war H. für den Wahlkreis Stadt Dresden 3 Mitglied des sächsischen Landtags. Nach Durchführung eines richterlichen Auftrags in Polen war H. 1914 bis 1916 in der Türkei als Unterstaatssekretär im türkischen Justizministerium in Konstantinopel tätig. Dort sollte er die Rechtspflege reformieren. Vom 1. Juli bis 8. November 1918 war er sächsischer Justizminister, anschließend vom 26. Oktober bis 13. November 1918 der letzte Königlich-Sächsische Ministerpräsident. Im November 1918 war er mit Gustav Stresemann maßgeblich an der Gründung der DVP beteiligt, deren stellvertretender Parteivorsitzender er zeitweise war. Für die DVP war er vom Januar 1919 bis Juni 1920 Abgeordneter für den Wahlkreis Sachsen 1 in der Weimarer Nationalversammlung. Dort übernahm er den Vorsitz der DVP-Fraktion. Bei den Verhandlungen über die vorbehaltlose Annahme des Versailler Vertrags im Juni 1919 machte sich H. erfolgreich für einen Kompromiss zwischen Regierung und Opposition stark. Vom Juni 1920 bis Mai 1924 sowie Mai 1924 bis Mai 1928 war H. Reichstagsabgeordneter der DVP für den Wahlkreis Sachsen-Bautzen. Nach den ersten Reichstagswahlen vom 6. Juni 1920 wurde H. mit der Regierungsbildung beauftragt. Er scheiterte jedoch mit seiner Idee der Großen Koalition an der SPD, welche die DVP für nicht koalitionsfähig hielt. So war er vom 25. Juni 1920 bis zum 10. Mai 1921 im Kabinett Fehrenbach Vizekanzler und Justizminister. Vom 22. November 1922 bis zum 13. August 1923 war er unter Reichskanzler Cuno wiederum Justizminister. Im Anschluss an die Ausrufung des passiven Widerstandes gegen die Ruhrbesetzung 1923 organisierte H. die Versorgung der Bevölkerung. Nach dem Zusammenbruch des Wirtschaftslebens und der Hyperinflation musste er zusammen mit der Regierung Cuno jedoch zurücktreten. Nach Amtsenthebung der von Sozialisten und Kommunisten gebildeten sächsischen Regierung wurde H. von Reichskanzler Stresemann am 29. Oktober 1923 zum Reichskommissar für Sachsen ernannt. Dort setzte H. mit Unterstützung der Reichswehr kommissarisch eine bürgerliche Regierung ein, der er vorstand. Bei der Wahl zum neuen Kabinett am 31. Oktober scheiterte H. jedoch. 1924 bis 1926 lebte er zurückgezogen in Dresden, bis er 1926/27 als Vorsitzender des Konsularobergerichts in Ägypten wirkte. Zuletzt betätigte er sich im Bildungsausschuß des Reichstags, wo er an einem der zahlreichen gescheiterten Versuche beteiligt war in der Weimarer Republik ein christliches Reichsschulgesetz zustande zu bringen. Da die Mitte-Rechts-Koalition der Regierungsparteien Zentrum, DVP, DNVP und Bayerische Volkspartei heillos zerstritten waren, scheiterten diese Bemühungen jedoch mit dem Abbruch der Verhandlungen im Februar 1928.
Werke: Was wir wollen, in: Akademische Blätter (Ak. Bl.) 1. Jg. 1886/87, 1-2; Die Vereine Deutscher Studenten und die Wissenschaft, Ak. Bl. 6. Jg. 1891/92, 108-109; Eine Naturgeschichte des deutschen Volkes, in: Ak. Bl. 7. Jg. 1892/93, 153-155; Bismarck als Sozialpolitiker, in: Ak. Bl. 8. Jg. 1893/94, 4-5; Unsere Stellung zu den kommenden Reichstagswahlen, in: ebenda, 37-38; Eine Aufgabe der Akademischen Blätter, in: ebenda, 73-74; Rede zur Verfassungsvorlage zu Weimar am 28. Februar 1919, Berlin 1919 (Flugschriften der Deutschen Volkspartei, Nr. 3); Kapp-Putsch und Bolschewismus in der National-Versammlung. Vier Reden der Deutschen Volkspartei, Berlin 1920 (Flugschriften der Deutschen Volkspartei, Nr. 23).
Lit.: Die Vereine Deutscher Studenten. 12 Jahre akademischer Kämpfe. Hrsg. von Herman v. Petersdorff unter Mitwirkung von Christian Rogge, Waldemar Zetsche u.a., 3. Auflage Leipzig 1900; - Mumm, Reinhard: Rudolf Heinze, in: Ak. Bl. 43. Jg. 1928, 62; - Petersdorff, Herman v.: Noch ein Wort zum Gedächtnis Rudolf Heinzes I, in: Ak. Bl. 43. Jg. 1928/29, 97-98; - Dieckmann, Johannes: Noch ein Wort zum Gedächtnis Rudolf Heinzes II, in: ebenda, S. 98-99; - Ders.: Rudolf Heinze, in: Maßmann, Karl und Oßwald, Rudolf Paul (Hrsg.): VDSter - 50 Jahre Arbeit für Volkstum und Staat. Den Vereinen Deutscher Studenten zum 6. August 1931 gewidmet, Berlin 1931, 61-65; - DBA, Fiche II 552, 74-76; - Malettke, Klaus: Rudolf Heinze, in: NDB, Bd. 8, S. 448-449; - Vor 50 Jahren starb Rudolf Heinze, sächsischer Ministerpräsident, Reichsvizekanzler und Reichsjustizminister a. D., in: Ak. Bl. 3/1978, 101-102; - Jordan, Karl: VDSter im Wirken für Volk und Staat, in: Gutekunst, Dieter; Jakob, Dieter (Hrsg.): In Verantwortung. 1881-1981 Verband der Vereine Deutscher Studenten, Tirschenreuth 1981, S. 22; - Heinze, Rudolf, in: Schumacher, Martin (Hrsg.): M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung 1933-1945. Eine biographische Dokumentation, 3. Auflage Bonn 1994 (Veröffentlichungen der Kommission für die Geschichte des Parlaments und der Parteien in Bonn), 182; - DBE, Bd. 4, München 1996, S. 548; - Sächsische Parlamentarier 1869-1918. Ein biographisches Handbuch, Düsseldorf 2001, S. 392-393; - Haunfelder, Bernd: Die liberalen Abgeordneten des deutschen Reichstags 1871-1918. Ein biographisches Handbuch, Münster 2004, 189-190.