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Band II (1990)Spalten 756-759 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz

HERMANN von Wied, Erzbischof von Köln, * 14.1. 1477 als Sohn des Grafen Friedrich I. von Wied, † 15.8. 1552 in Wied, beigesetzt in der Kirche in Niederbieber bei Neuwied, - Schon mit 6 Jahren erhielt H. eine Pfründe im Kölner Domkapitel, in dem er für den geistlichen Stand erzogen wurde, nachdem Vater und Mutter in seinem 9. Lebensjahr gestorben waren. Am 8.12. 1493 ließ sich H. in der juristischen Fakultät in Köln immatrikulieren. Obwohl erst Subdiakon, wurde er am 14.3. 1515 zum Erzbischof von Köln gewählt, am 26.6. 1515 von Leo X. (s. d.) als Hermann V. bestätigt und vom Reich als Kurfürst anerkannt. Seit 1532 verwaltete H. als Administrator auch das Bistum Paderborn. 1520 krönte er Karl V. (s. d.) in Aachen. Der lutherischen Reformation gegenüber verhielt sich H. zunächst ablehnend: er stimmte 1521 auf dem Reichstag zu Worms der Achterklärung gegen Martin Luther (s. d.) zu und verbot 1523, Luthers Schriften zu lesen und zu verbreiten. Durch die Streitigkeiten mit der Kurie wegen Besetzung von Pfründen gewann aber H. tiefere Einblicke in die Schäden des Kirchenwesens, so daß er eine maßvolle kirchliche Reform seines Landes im Sinn des Erasmus von Rotterdam (s. d.) beschloß und im März 1536 ein Provinzialkonzil berief, das einige von Johann Gropper (s. d.) verfaßte Reformbeschlüsse annahm. Auf Grund des neuen Landrechts von 1538 bemühte sich H. um Neuordnung der Rechtsprechung und Verwaltung seines Landes. Er förderte die Unionsverhandlungen mit den Evangelischen und wurde 1540 auf dem Religionsgespräch zu Hagenau mit Wolfgang Capito (s. d.) und Kaspar Hedio (s. d.), besonders aber mit Martin Bucer (s. d.) näher bekannt. Da er zu dem Entschluß durchgedrungen war, in seinem Erzstift statt einer Reform die Reformation durchzuführen, lud H. im Februar 1542 Bucer zu seiner Beratung und zu Besprechungen mit Gropper nach Köln ein. Die Stände des Erzstifts billigten im März 1542 H.s Entschluß einer Reformation. Im Dezember 1542 berief H. Bucer und beauftragte ihn mit der evangelischen Predigt am Münster in Bonn. Beide stießen auf hartnäckigen Widerstand. Gropper sagte sich von Bucer gänzlich los und bekämpfte den Reformationsversuch des Erzbischofs aufs heftigste. Der Stadtrat und die Mehrheit des Domkapitels verlangten stürmisch die Entfernung des verdammten lutherischen Prädikanten. H. gab nicht nach, sondern stellte nur vorübergehend Bucers Predigten ein. Zu Bundesgenossen gewann er die weltlichen Stände, die im März 1543 auf dem Landtag gegen Universität, Stadtrat und Domkapitel entschieden für die Reformation eintraten, so daß Ostern 1543 das Abendmahl nach evangelischem Ritus gefeiert wurde. H. berief Philipp Melanchthon (s. d.), der mit Bucer ein ausführliches "Bedenken christlicher Reformation" ausarbeitete, das nach gründlicher Prüfung durch den Erzbischof noch 1543 gedruckt wurde. Zur Unterstützung Bucers und Melanchthons und zur Durchführung der geplanten Reformation zog H. noch andere evangelische Theologen hinzu, u. a. Hedio, Albert Hardenberg (s. d.) und Johannes Pistorius († 1583; s. d.). Die weltlichen Stände erklärten sich im Juli 1543 auf dem Landtag mit dem Reformationsentwurf einverstanden, während Gropper sich energisch, aber erfolglos darum mühte, die Stände für ein gemeinsames Vorgehen gegen Bucer und den Erzbischof zu gewinnen. Auch Franz von Waldeck, Bischof von Münster, Minden und Osnabrück, und Herzog Wilhelm von Kleve zeigten sich zum Anschluß an das Kölner Reformationswerk geneigt, so daß man auf den Sieg der Reformation im ganzen Nordwesten hoffen durfte. Doch dazu kam es nicht, weil Karl V. Wilhelm von Kleve, der mit dem Kaiser um den Besitz von Gelden in Fehde geraten war, besiegte und ihn im Vertrag von Venlo zum Verzicht auf Geldern und auch auf seine kirchlichen Reformen zwang. Im September 1544 appellierte die Mehrheit des Domkapitels mit dem Gesamtklerus öffentlich an den Papst und den Kaiser. H. wurde am 18.7. 1545 vom Papst binnen 60 Tagen nach Rom und vom Kaiser binnen 30 Tagen nach Brüssel zur Verantwortung geladen. Er ließ sich vor dem Kaiser durch einen Abgeordneten rechtfertigen, leistete aber im Vertrauen auf den Schmalkaldischen Bund, an den er sich jedoch vergebens um Hilfe wandte, der päpstlichen Ladung keine Folge. H. wurde darum von Paul III. (s. d.) am 2.1. 1546 suspendiert, am 16.4. exkommuniziert und am 3.7. abgesetzt. Er resignierte am 26.1. 1547 als Administrator von Paderborn und am 25.2. als Erzbischof von Köln, weil kaiserliche Kommissare im Januar 1547 die weltlichen Stände zwangen, den bisherigen, nun aber vom Papst zum Erzbischof von Köln ernannten Koadjutor Adolf von Schaumburg (s. d.) als ihren neuen Herrn anzuerkennen. H. zog sich in die Grafschaft Wied zurück und blieb bis an sein Ende dem evangelischen Glauben treu: er starb nach Empfang des Abendmahls nach lutherischem Ritus.

Lit.: M. Deckers, H. v. W., EB u. Kf. v. K. Nach gedr. u. ungedr. Qu., als ein Btr. z. KG des 16. Jh.s bearb., Köln 1840; - Karl Krafft, Briefe Melanchthons u. Bucers aus der Zeit H.s v. W., in: Theol. Arbeiten aus dem rhein. wiss. Prediger-Ver. 2, 1874, 12 ff.; - Ders., zur rhein. Ref.gesch. unter dem EB H. v. W., ebd. 8, 1889, 152 ff.; 10, 1891, 100 ff.; - Leonhard Ennen, Gesch. der Stadt Köln IV, 1875; - G. Drouven, Die Ref. in der Cöln. Kirchenprov. z. Z. des EB u. Kf. H. V. Gf. zu W., 1876; - Konrad Varrentrapp, H. v. W. u. sein Ref.vers. in Köln. Ein Btr. z. dt. Ref.gesch., 1878; - Ders., zur Charakteristik H.s v. W., Bucers u. Groppers, in: ZKG 20, 1900, 37 ff.; - Actenstücke z. Gesch. des Kölner EB H. v. W. aus den J. 1544-1545, gesammelt v. H. J. Floß, eingel. v. L. Pastor, in: AHVNrh 37, 1882, 120 ff.; - Christian Meyer, Stadt u. Stift Köln im Zeitalter der Ref., 1892; - Joseph Hansen, Der Anteil des Jesuitenordens an der Bekämpfung des Ref.vers. H.s v. W., in: Korr.bl. der Westdt. Zschr. f. Gesch. u. Kultur 16, 1897, 25 ff.; - Wilhelm Rotscheidt, Der Tod des EB H. v. W. im J. 1552. Ber. eines Augenzeugen, in: Zschr. des Berg. Gesch.ver. 36, 1903, 63 ff.; - Ders., Ein Brief des Bisch. Jacob Sadolet an EB H. v. W. v. 29.11.1541, in: Mhh. f. rhein. KG 23, 1929, 129 ff.; - Ders., Martin Butzers Rechtfertigung seiner Wirksamkeit in Bonn 1543, ebd. 37, 1943, 10 ff.; - Wilhelm van Gulik, Johann Gropper. Ein Btr. z. KG Dtld.s, bes. der Rheinlande im 16. Jh., 1906; - Wilhelm Kisky, Die Domkapitel der geistl. Kf. in ihrer persönl. Zus.setzung im 14. u. 15 Jh. (Diss. Bonn), Weimar 1906; - Wilhelm Pelster, Stand u. Herkunft der rhein. Bisch. der Kölner Kirchenprov. im MA (Diss. Bonn), Weimar 1909, 19; - Reinhold Schwarz, Personal- u. Amtsdaten der Bisch. der Kölner Kirchenprov. v. 1500-1800 (Diss. Königsberg), Köln 1914, 5 f.; - Heinrich Forsthoff, Rhein. KG. I: Die Ref. am Niederrhein, 1929, 182 ff.; - P. Holt, Btr. z. KG Kurkölns im 16. Jh., in: Jb. des Köln. Gesch.ver. 18, 1936, 111 ff.; - Walter Friedensburg, Neue Briefe z. Gesch. des Ref.vers. H.s v. W., in: AHVNrh 130, 1937, 94 ff.; - R. Löhr, Einige Bem. zu H.s v. W. letzten Lebensj., in: Mhh. f. rhein. KG 33, 1939, 273 ff.; - Josef Nießen, Der Ref.vers. des Kölner Kf. H. V. v. W. (1536-1547), in: Rhein. Vjbll. Mitt. des Instituts f. geschichtl. Landeskunde der Rheinlande an der Univ. Bonn 15-16, 1950-51, 298 ff.; - Ders., Gesch. der Stadt Bonn I, 1956, 204 ff.; - Walter Lipgens, Kard. Johann Gropper (1503-1559) u. die Anfänge der kath. Reform in Dtld., 1951; - Ders., Neue Btrr. z. Ref.vers. H.s v. W. aus dem J. 1545, in: AHVNrh 149-150, 1951, 46 ff.; - Ders., Johann Gropper, in: Rhein. Lb. II, 1966, 75 ff.; - Heinrich Müller-Diersfordt, H. v. W. Seine Stellung innerhalb der dt. Ref., in: Mhh. f. ev. KG des Rheinlandes NF 1, 1952, 161 ff.; - August Franzen, Die Kölner Archidiakonate in vor- u. nachtridentin. Zeit, 1953; - Ders., Die Kelchbewegung am Niederrhein im 16. Jh., 1955; - Ders., Zur Vorgesch. des Ref.vers. des Kölner EB H. v. W.: Sein Streit mit der Kurie um das Pfründenbesetzungsrecht in den J. 1527-1537, in: HJ 88, 1968, 300 ff.; - Ders., H. v. W., in: Rhein. Lb. III. 1968, 57 ff.; - Ders., H. v. W., Kf. u. EB v. K., in: Der Reichstag zu Worms v. 1521. Reichspolitik u. Luthersache. In Verbindung mit Anton Philipp Brück u. a. hrsg. v. Fritz Reuter, 1971, 297 ff.; - Ders., Bisch. u. Ref.: EB H. v. W. in K. vor der Entscheidung zw. Reform u. Ref., 1971 (Rez. v. Remigius Bäumer, in: ThGl 62, 1972, 153 f.; v. Marie-Luise Baum, in: Romerike Berge 22, 1972, 90 f.; v. Hermann Tüchle, in: RHE 68, 1973, 555 ff.; v. Bernd Moeller, in: ThLZ 99, 1974, 207 ff.; v. F. Ernest Stoeffler, in: Journal of ecumenical studies 12, Pittsburgh/Pennsylvanien 1975, 92); - Lutz Hatzfeld, Dr. Gropper, die Wetterauer Gf. u. die Ref. in Kurköln 1537-47, in: AKultG 36, 1954, 208 ff.; - Hubert Jedin, Fragen um H. zu W., in: HJ 74, 1955. 687 ff.; - Ders., Das Autograph J. Groppers z. Kölner Provinzialkonzil 1536, in: Spiegel der Gesch. Festg. f. Max Braubach. Hrsg. v. Konrad Repgen u. Stephan Skalweit, 1964, 281 ff.; - Theodor Schlüter, Die Publizistik um den Ref.vers. des Kölner EB H. v. W. aus den J. 1542-1547. Ein Btr. z. rhein. Ref.gesch. u. -Bibliogr. (Diss. Bonn), 1957;- Robert Stupperich, Unbekannte Briefe u. Merkbll. Johann Groppers, in: Westfäl. Zschr. Zshr. f. vaterländ. Gesch. u. Altertumskunde... Westfalens 109, 1959, 97 ff.; - Acta Reformationis Catholicae Ecclesiam Germaniae concernentia saeculi XVI. Die Reformverhh. des dt. Episkopats v. 1520 bis 1570. Hrsg. v. Georg Pfeilschifter, II: Von 1532 bis 1542, 1960, 118 ff. 180 ff.; - Erwin Mülhaupt, Die Kölner Ref., in: Mhh. f. ev. KG des Rheinlandes 11, 1962, 73 ff.; - Mechthild Köhn, Martin Bucers Entwurf einer Ref. des Erzstiftes Köln. Unterss. zu der Entstehungsgesch. u. der Theol. des Einfältigen Bedenckens v. 1543. Ein Btr. z. Bucer-Forsch. u. z. Gesch. der Kölner Ref. (Diss. Münster, 1963), Witten 1966; - Biogr. Wb. z. dt. Gesch. I2, 1973, 1122 f.; - Schottenloher III, Nr. 30837-30880; VII, Nr. 61327; - Jedin II, 169 ff.; - ADB XII, 135 ff.; - NDB VIII, 636 f.; - RE VII, 712 ff.; - RGG III, 240 f.; - LThK X, 1097 f.; - ODCC2 640.

Friedrich Wilhelm Bautz

Literaturergänzung:

2005

Theodor C. Schlüter, Flug- u. Streitschriften zur "Kölner Reformation". Die Publizistik um d. Reformationsversuch d. Kölner Erzbi. u. Kurfürsten H.v.W. (1515-1547). Wiesbaden 2005; -

2009

Andreea Badea, Kurfürstl. Präeminenz, Landesherrschaft u. Reform. Das Scheitern d. Kölner Reformation unter H.v.W. Münster 2009.

Letzte Änderung: 01.09.2009