JACOBINI, Lodovico, päpstlicher Diplomat, Kardinal, * 6.1. 1832 in
Genzano (Latium), + 28.2. 1887 in Rom. - J. entstammte einer wohlhabenden
Familie, die ihm eine hervorragende Ausbildung gewähren konnte. So
besuchte er das Theologische Seminar von Albano und betrieb anschließend
juristische Studien in Rom. J. tritt danach in den Dienst der Kurie
ein, wo er die Ämterhierarchie schnell durchläuft. 1862 wird er Sekretär
der 1. Kommission zur Redaktion des Syllabus von Pius IX., kurz darauf
Sekretär der vorbereitenden Kommission für die Kirchendisziplin zum
1. Vatikanum. Als während des 1. Vatikanums der 1. Konzilssekretär,
Joseph Feßler, erkrankt, tritt J. seine Nachfolge an. Diese Position
ermöglicht ihm, in kürzester Zeit tiefe Einblicke in die weitverzweigte
Struktur der Weltkirche zu bekommen. Am 24. März 1874 wird J. zum
Nuntius in Wien ernannt. Obgleich er kaum Auslandserfahrung hat, beweist
er außergewöhnliches diplomatisches Geschick. so gelingt ihm ein Ausgleich
zwischen der Kurie und Österreich-Ungarn, das 1870 das Konkordat gekündigt
hatte und 1874 in drei Gesetzesvorlagen die Vormundschaft über die
Kirche erringen wollte. Bedeutender aber noch ist seine Rolle bei
der Beilegung des Kulturkampfes mit Preußen und dem Deutschen Reich
gewesen. J., der der deutschen Zentrumspartei sehr zugeneigt war, leistete in seinen
Gesprächen mit Windthorst (Dezember 1878) und Bismarck (September
1879) wichtige Vermittlungsarbeit. Leo XIII. stattete J. daraufhin
mit mehr Machtfülle aus - 19. September 1879 Ernennung zum Kardinal,
16. Dezember 1880 Ernennung zum Staatssekretär -, damit J. die
eingeleitete Entspannung im Kulturkampf weiterführen konnte. Doch
trotz Erfolgen bildete sich im Vatikan eine Opposition gegen J., die
großen Einfluß auf den Papst hatte, so daß sich J.s Position mehr
und mehr schwächte. Im Sommer 1886 erkrankt J. schwer und zieht sich
nach Genzano zum Stammsitz seiner Familie zurück. Obgleich schnell
Spekulationen über seine Ablösung und Nachfolge emporkommen, steht
J. im Januar 1887 wieder mitten im kirchenpolitischen Geschehen. Es
ging dabei um die Bewilligung des Heeresetats für sieben Jahre im
deutschen Reichstag (Septennat), die das Zentrum - gegen die Wünsche
der Kurie - nicht geben wollte. In zwei berühmt gewordenen Noten
griff J. direkt in den sogenannten Septennatsstreit zwischen Zentrum
und Kurie ein. Die 1. Jacobinische Note vom 3.1. 1887 rief das Zentrum
dazu auf, dem Septennat zuzustimmen, während die 2. Jacobinische Note
vom 21.1. 1887 die Notwendigkeit des Fortbestandes der Zentrumspartei
(und damit ihr Recht auf unbeschränkte Aktionsfreiheit) betonte. Damit
ebnete J. den Weg zur Verständigung zwischen Kurie, Zentrum und Reichsregierung.
Doch sollte er diesen Erfolg nicht mehr miterleben, J. starb am 28.2.
1887 in Rom.
Lit.: Henri Des Houx, Souvenirs d'un journaliste francais
à Rome, 1886 (5. Aufl.), 50-53; - Johannes Heckel, Die Beilegung
des Kulturkampfes in Preußen, in: Zschr. der Savigny-Stiftung für
Rechtsgeschichte, Kanon. Abt. 29 (1930), 215-353 (= Ders., Das blinde,
undeutl. Wort "Kirche". Gesammelte Aufs., 1964, 454-571); - Eduardo
Soderini, Leo XIII. und der dt. Kulturkampf, Bd. 3, 1935; - Friedrich
Engel-Janosi, Österreich und der Vatikan, 2 Bde., 1958/60; - Erich
Schmidt-Volkmar, Der Kulturkampf in Dtld. 1871-1890, 1962; - Rudolf
Lill, Vatikan. Akten zur Geschichte des dt. Kulturkampfes, 1970; -
Christoph Weber, Kirchliche Politik zwischen Rom, Berlin und Trier
1876-1888, 1970; - Rudolf Lill, Die Wende im Kulturkampf. 1. Teil,
in: QFIAB 50 (1971), 227-283, 2. Teil, ebd. 52 (1972), 657-730; -
Christoph Weber, Quellen und Studien zur Kurie und zur vatikan. Politik
unter Leo XIII., 1973 (mit reicher Bibliogr.); - Hans-Georg Aschoff,
Rechtsstaatlichkeit und Emanzipation. Das polit. Wirken Ludwig Windthorsts,
1988; - DE II, 508; - HdKG VI, 2, 24 ff.; - LThK V, 832;
- NewCathEnc VII, 793 f.; - RGG III, 509 f.