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Band II (1990) Spalten 1404-1405 Autor: Rainer Witt

JACOBINI, Lodovico, päpstlicher Diplomat, Kardinal, * 6.1. 1832 in Genzano (Latium), + 28.2. 1887 in Rom. - J. entstammte einer wohlhabenden Familie, die ihm eine hervorragende Ausbildung gewähren konnte. So besuchte er das Theologische Seminar von Albano und betrieb anschließend juristische Studien in Rom. J. tritt danach in den Dienst der Kurie ein, wo er die Ämterhierarchie schnell durchläuft. 1862 wird er Sekretär der 1. Kommission zur Redaktion des Syllabus von Pius IX., kurz darauf Sekretär der vorbereitenden Kommission für die Kirchendisziplin zum 1. Vatikanum. Als während des 1. Vatikanums der 1. Konzilssekretär, Joseph Feßler, erkrankt, tritt J. seine Nachfolge an. Diese Position ermöglicht ihm, in kürzester Zeit tiefe Einblicke in die weitverzweigte Struktur der Weltkirche zu bekommen. Am 24. März 1874 wird J. zum Nuntius in Wien ernannt. Obgleich er kaum Auslandserfahrung hat, beweist er außergewöhnliches diplomatisches Geschick. so gelingt ihm ein Ausgleich zwischen der Kurie und Österreich-Ungarn, das 1870 das Konkordat gekündigt hatte und 1874 in drei Gesetzesvorlagen die Vormundschaft über die Kirche erringen wollte. Bedeutender aber noch ist seine Rolle bei der Beilegung des Kulturkampfes mit Preußen und dem Deutschen Reich gewesen. J., der der deutschen Zentrumspartei sehr zugeneigt war, leistete in seinen Gesprächen mit Windthorst (Dezember 1878) und Bismarck (September 1879) wichtige Vermittlungsarbeit. Leo XIII. stattete J. daraufhin mit mehr Machtfülle aus - 19. September 1879 Ernennung zum Kardinal, 16. Dezember 1880 Ernennung zum Staatssekretär -, damit J. die eingeleitete Entspannung im Kulturkampf weiterführen konnte. Doch trotz Erfolgen bildete sich im Vatikan eine Opposition gegen J., die großen Einfluß auf den Papst hatte, so daß sich J.s Position mehr und mehr schwächte. Im Sommer 1886 erkrankt J. schwer und zieht sich nach Genzano zum Stammsitz seiner Familie zurück. Obgleich schnell Spekulationen über seine Ablösung und Nachfolge emporkommen, steht J. im Januar 1887 wieder mitten im kirchenpolitischen Geschehen. Es ging dabei um die Bewilligung des Heeresetats für sieben Jahre im deutschen Reichstag (Septennat), die das Zentrum - gegen die Wünsche der Kurie - nicht geben wollte. In zwei berühmt gewordenen Noten griff J. direkt in den sogenannten Septennatsstreit zwischen Zentrum und Kurie ein. Die 1. Jacobinische Note vom 3.1. 1887 rief das Zentrum dazu auf, dem Septennat zuzustimmen, während die 2. Jacobinische Note vom 21.1. 1887 die Notwendigkeit des Fortbestandes der Zentrumspartei (und damit ihr Recht auf unbeschränkte Aktionsfreiheit) betonte. Damit ebnete J. den Weg zur Verständigung zwischen Kurie, Zentrum und Reichsregierung. Doch sollte er diesen Erfolg nicht mehr miterleben, J. starb am 28.2. 1887 in Rom.

Lit.: Henri Des Houx, Souvenirs d'un journaliste francais à Rome, 1886 (5. Aufl.), 50-53; - Johannes Heckel, Die Beilegung des Kulturkampfes in Preußen, in: Zschr. der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Kanon. Abt. 29 (1930), 215-353 (= Ders., Das blinde, undeutl. Wort "Kirche". Gesammelte Aufs., 1964, 454-571); - Eduardo Soderini, Leo XIII. und der dt. Kulturkampf, Bd. 3, 1935; - Friedrich Engel-Janosi, Österreich und der Vatikan, 2 Bde., 1958/60; - Erich Schmidt-Volkmar, Der Kulturkampf in Dtld. 1871-1890, 1962; - Rudolf Lill, Vatikan. Akten zur Geschichte des dt. Kulturkampfes, 1970; - Christoph Weber, Kirchliche Politik zwischen Rom, Berlin und Trier 1876-1888, 1970; - Rudolf Lill, Die Wende im Kulturkampf. 1. Teil, in: QFIAB 50 (1971), 227-283, 2. Teil, ebd. 52 (1972), 657-730; - Christoph Weber, Quellen und Studien zur Kurie und zur vatikan. Politik unter Leo XIII., 1973 (mit reicher Bibliogr.); - Hans-Georg Aschoff, Rechtsstaatlichkeit und Emanzipation. Das polit. Wirken Ludwig Windthorsts, 1988; - DE II, 508; - HdKG VI, 2, 24 ff.; - LThK V, 832; - NewCathEnc VII, 793 f.; - RGG III, 509 f.

Rainer Witt

Letzte Änderung: 09.06.1998