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Band II (1990) Spalten 1493-1495 Autor: Michael Hanst

JAKOB von Vitry, Augustinerchorherr, Kardinal, * in Reims, † 1254 in Rom. - J. wirkte zunächst als Seelsorger in Brabant, als Augustinerchorherr betreute er hier die Frauen um Maria von Oignies (s.d.), die ohne ein eigenes Klostergelübde ein klosterhaftes Leben führten. 1216 erwirkte er für diese sogenanten "Beginen" die päpstliche Anerkennung. Zu dieser Zeit war J. bereits entflammt für die neuerlich durch Innozenz III. angestachelte Kreuzzugsstimmung. J. reiste ins Heilige Land, blieb mehrere Jahre dort, er hat aber nie die Sprache der Muslims erlernt. Wenn er zu ihnen sprach - und das tat er häufig in Predigten -, benutzte er einen Dolmetscher. Die Wirkung seiner Worte dürfte dadurch geschwächt worden sein. Im Gegensatz hierzu errang er bei den Christen enormes Ansehen. Bereits im Jahr seiner Ankunft wurde er zum Bischof von Akkon ernannt. Aus dieser Zeit resultieren J.s Briefe, sie bieten ein höchst drastisches Bild der Zustände im Heiligen Land zur Zeit der späteren Kreuzzüge. J. wettert ungehalten gegen die immerwährenden Streitereien der Christen untereinander, die sich um die jeweiligen Besitzstände zanken, wobei sie ihre missionarischen Aufgaben völlig vernachlässigen. J. hadert mit der ganz und gar unchristlichen Bereicherung, die viele betreiben, er verdammt den unverantwortlichen Verfall der abendländischen Sitten. Nach seiner Ansicht finden die Adeligen hier im Heiligen Land Gefallen an der Polygamie, ihnen sagt überhaupt islamischer Lebensstil und -wandel zu. Ihr schlechtes Vorbild färbt auf alle ab, wie sollen da die von allen Seiten von Muslims bedrohten Kreuzfahrerstaaten bestehen? - J.s Verdienste liegen vornehmlich im scharfsinnigen Erkennen der geistigen Strömungen seiner Zeit, er bereicherte die Mystik des 13. Jahrhunderts durch zahlreiche Gedanken. Der Papst belohnte seine Fähigkeiten, indem er ihn 1228 zum Kardinalbischof von Tusculum erhob. Aber als man J. 12 Jahre später zum Patriarchen von Jerusalem wählte, da bestätigte Gregor IX. (s.d.) aus bisher noch ungeklärten Gründen diese Wahl nicht. J. verblieb in Rom, widmete sich seiner Predigertätigkeit und verfaßte historische Abhandlungen. Seine Historie des 5. Kreuzzuges wie auch seine Geschichte des heiligen Landes (bereits während seines Aufenthaltes dort entstanden) geben Aufschluß über ein kompliziertes Kapitel der hochmittelalterlichen Geschichte.

Werke: Sermones de Tempore, Antwerpen 1575; Orientalis et occidentalis Historia, Douai 1597; Historia Hierosolimitana, bearb.v. J. Bongars, in: Gesta Dei per Francos I, Hanau 1611, besser in der engl. Übers. v. Andrew Stewart, J. d. V., History of Jerusalem, Bd. XI, B der »Palestine Pilgrim's Text Society Library«, London 1895/96; Vita b. Mariae Oignies, AASS Iun IV, 1707, 636-666; Sermones vulgares, bearb. v. I. B. Pitra, in: Annovissima Spicilegii Solesmensis, 1888 (nur Auszüge); Frederick Crane, ed., The Exempla or Illustrative Stories from the Sermones Vulgares og J. de V., 1890; - Ein Teil seiner Briefe, hrsg. v. Reinhold Röhricht, in: ZKG 14, 1894, 97-118; ZKG 15, 1895, 568-587; ZKG 16, 1896, 72-114; Goswin Frenken, Die Exempla des J. v. V., 1914; Joseph Greven, Die Exempla aus den Sermones feriales et communes des J. v. V., in: Samml. ma. Texte IX, 1914.

Lit.: Lecoy de la Marche, La chaire francaise au XXIII, s., 1886; - PhilippFunk, J. v. V., Leben und Werke (Diss. Heidelberg), 1909, Neudruck 1973; - Joseph Greven, Die Anfänge der Beginen, 1912; - Ders., zum gleichen Thema, in: HJ 43, 1923, 15-157; - E. W. McDonnel, The Beguines and Berghards in Med. Cultures, 1954; - Adolf Waas, Geschichte der Kreuzzüge, Bd. II, 1956; - Regine Pernoud, Die Kreuzzüge in Augenzeugenberichten, 1971; - Catholicisme VI, 284/285; - LThK V, 849; - RE VIII, 562-565; - RGG III, 522/523.

Michael Hanst

Literaturergänzung:

1986

La traduction de l'Historia orientalis de Jacques de V. Éd., introd., notes et glossaire par Claude Buridant. Paris 1986; -

1989

Eelcko Ypma, Jacobi de V. O.E.S.A. "Quaestiones de divinis praedicamentis". Quaestio XIX, in: Augustiniana 39.1989, S. 154-185; -

2009

Christina Roukis-Stern, A tale of two dioceses. Prologues as letters in the "Vitae" authored by Jacques de Vitry and Thomas de Cantimpré, in: Negotiating community and difference in medieval Europe. Leiden 2009, S. 33-47.

Letzte Änderung: 01.09.2009