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Band III (1992) Spalten 394-399 Autor: Karl Heinz Uthemann

JOHANNES IV., (Ieiunator) Patriarch von Konstantinopel (582-595), genannt der Faster (lat. Ieiunator, griech. Nesteutes), wurde in dieser Stadt im ersten Drittel des 6. Jahrhunderts geboren; laut Nikephoros Kallistos lernte er zunächst den Beruf eines Handwerkers in einem Feinmetallgewerbe, vielleicht in der Münzanstalt, bevor er unter Patriarch Johannes III. Scholastikos (565-577) Sakellarios, d.h. Leiter der Finanzverwaltung der Hagia Sophia, und damit einer der großen Diakone der Hauptkirche des Patriarchats wurde. Vielleicht war er, wie E. Honigmann behauptet (S. 60), davor eine Zeit lang Mönch gewesen. Am 12. (oder 15./16.) April 582 wurde er auf den Sitz von Konstantinopel erhoben. Zeitgenossen und Spätere rühmen seinen streng asketischen Lebenswandel, insbesondere seine Fastenpraxis, und seine caritativen Leistungen für die Armen der Stadt. Während der monophysitische Kirchenhistoriker Johannes von Ephesus seine Milde und Duldsamkeit gegen andersgläubige Christen betont, indem er ihm die Aussage in den Mund legt: »Wie kann ich Christen verfolgen, die untadelig in ihrem Christentum leben«, erweist er sich intolerant gegen vermeintliche Heiden und fordert sogar in einem Fall gegen den Willen des Kaisers die Todesstrafe für Apostasie. Wie es seiner Funktion als Patriarch entsprach, war er am 14. August 582 zugegen, als der todkranke Kaiser Tiberios (578-582) Maurikios zu seinem Mitkaiser erhob; er krönte letzteren zum Kaiser (582-602), segnete dessen Ehe mit Tiberios Tochter ein und krönte am 26. März 590 deren ältesten Sohn Theodosios zum Mitkaiser. In diese Jahre fällt der mit wechselhaftem Erfolg gegen Persien vor allem um Armenien geführte Krieg, der schließlich im Jahre 591 damit endete, daß Maurikios, innere Wirren des persischen Reiches ausnützend, direkten Einfluß auf die Politik des Gegners gewinnen konnte, indem er Chosrau II. Parviz auf den Thron half und mit ihm einen Friedensvertrag schloß, auf Grund dessen ein Großteil des persischen Armenien an Byzanz fiel. Johannes der Faster stellte sich nach einer Angabe des Chronisten Johannes von Nikiu gegen dieses Unternehmen, das einen Vatermörder, nämlich Chosrau II., zur Macht verhelfen sollte; er soll dem Kaiser gesagt haben: »Christus, unser wahrer Gott, wird für uns zu allen Zeiten gegen alle Völker, die uns angreifen, kämpfen« - eine Aussage, die gut das christlich-eschatologische Reichsbewußtsein eines Byzantiners in dieser Zeit höchster Bedrängnis belegt (wie es als Hintergrund für die Darstellung von G. Podskalsky vorauszusetzen ist). - In die Geschichte ist Johannes der Faster vor allem durch einen Streit eingegangen, in den Papst Gregor I., der Große (590-604), ihn verwickelte, um die Vorrechte Alt-Roms zu wahren. In einem Synodalurteil über Patriarch Gregor von Antiochien (570-593), das gegen 587 zu datieren ist, hatte Johannes sich »ökumenischer Patriarch« nennen lassen. Gregor der Große griff dies in einem Brief an Johannes auf und behauptete, schon sein Vorgänger, Papst Pelagius II. (578-590), habe »Schwerwiegendes« in dieser Frage an ihn geschrieben (Reg. V 44: I, 339). In späteren Schreiben, z.B. in einer Enzyklika an die illyrischen Bischöfe (Reg. IX 156: II, 157) und in einem Brief vom Juni 595 an die Patriarchen Anastasios I. von Antiochien und Eulogios von Alexandrien (Reg. V 41: I, 331), wird seine Sprache härter: An letztere schreibt er, Johannes habe »versucht, sich allgemeiner (universalis) Bischof nennen zu lassen«, und an erstere, als Johannes schon tot ist, er habe sich den Titel »ökumenisch« im Sinn von »universalis« widerrechtlich angeeignet (usurpasse). Im Osten, selbst bei dem ihm freundschaftlich verbundenen Anastasios, stieß Gregor auf kein Verständnis: Für ein Nichts (pro nulla causa) habe er Anstoß (scandalum) gegeben. Die Forschung hat gezeigt, daß der Gebrauch des Titels »ökumenischer Patriarch« in bestimmten Zusammenhängen schon vor Johannes dem Faster im 6. Jahrhundert vorkam, daß er aber nie von den Patriarchen selbst als Titulatur zur Bezeichnung ihres Amtes benützt wurde, daß schließlich jener Brief des Papstes Pelagius, in dem Johannes angeklagt wird, er habe in einem Schreiben zur Einberufung einer Synode (gemeint ist die oben genannte gegen Gregor von Antiochien) mit dem Titel »episcopus universalis« unterschrieben, nichts anderes als eine Fälschung ist, nämlich zu den pseudo-isidorischen Dekretalen gehört. - Das 6. Jahrhundert ist nicht nur die Zeit der Rechtskodifikationen des Kaiser Justinians, sondern auch der ersten umfangreicheren kanonistischen Kodifizierung der byzantinischen Kirche. Mit diesem Vorgang verbindet die Überlieferung auch den Namen Johannes des Fasters. Bedeutende Schriften zur Bußdisziplin werden ihm zugeschrieben, sind aber später entstanden; einzig für das sog. Syntagma XIV titulorum (CPG 7556) rechnet zumindest E. Honigmann (S. 59-64) damit, daß dieses Sammelwerk im 6. Jahrhundert entstanden ist: Die älteste Version soll unter des Johannes Vorgänger grundgelegt und von Johannes selbst vollendet worden sein; dagegen aber steht nach H.-G. Beck (S. 146) ein gewisser Konsens, der diese Version in die Zeit zwischen 629 und 640 datiert. In handschriftlicher Überlieferung erscheint auch eine Bußrede, die einer Nonne gewidmet ist (CPG 7555), weitgehend aber nichts anderes als einen Cento vor allem aus Predigten des Johannes Chrysostomos darstellt. - Am 2. September 595 verstarb Johannes in großer Armut; all seinen kärglichen Besitz hatte er als Sicherung von Krediten zugunsten der Armen an den Kaiser verpfändet; als das wenige, was er sein eigen nennen konnte, nach seinem Tod in den kaiserlichen Palast gebracht wurde, um dem Recht zu genügen, staunte das Volk von Byzanz angesichts dieses Zeugnisses gelebten Christentums. Die byzantinische Kirche gedenkt seiner sowohl an seinem Sterbetag als auch am 18. Februar, an dem sie ihn zusammen mit dem Patriarchen Thomas (607-610), der Sakellarios des Johannes gewesen war, kommemoriert. Kurz nach dem Tod des Kaisers Maurikios (602) verfaßte ein Presbyter der Hagia Sophia, der Ekdikos (d.h. der eigentliche juristische Berater des Patriarchen) Photinos, eine Vita des Johannes, von der uns durch die Akten des 7. ökumenischen Konzils von Nikaia noch ein Fragment überliefert ist.

Quellen zum Leben und Werk: V. Grumel, Les regestes des actes du patriarcat de Constantinople, Vol. I, Fasc. I, Paris, 1972, n. 264-272; Fragment der von Photinos geschriebenen Vita in den Akten der 7. ökumenischen Synode von Nikaia (787): J.D. Mansi, Sacrorum Conciliorum nova et amplissima collectio, XIII, (Florentiae, 1759-1767) Graz, 1960, 80-85 (= BHG 893); ferner: Synaxarium Ecclesiae Constantinopolitanae, ed. H. Delehaye, Propylaeum ad Acta sanctorum novembris, Bruxelles, 1908, col. 7-8. 474; Evagrii Scholastici Historia ecclesiastica, ed. J. Bidez - L. Parmentier, (London, 1898) Amsterdam 21964 (franz. Übers.: A.J. Festugière, in: Byzantion 45(1975) 188-471): VI, 7; Ioannis Ephesii historiae ecclesiasticae pars tertia, latine vertit E.W. Brooks (Corpus Scriptorum Christianorum Orientalium 106 [= syr. 55]), Louvain, 1952: III,3,39.51-52. 5,21, p. 128.134-135.206 (deutsch: J.M. Schönfelder, Die Kirchengeschichte des Johannes von Ephesus, München, 1882); Theophylactos Simocattes, `Iστορία οἰκουμενική, ed. C. de Boor, Lipsiae, 1883: bes. I,1,2. 10,2. 11,14-20, p. 39. 57. 61-62; VII, 6,1, p. 254; Gregorii Magni Epistulae, ed. P. Ewald - M. Hartmann, Monumenta Germaniae Historica, Epistolae I-II, 1891.1899: oben zitiert mit Hinweis auf das Registrum, vgl. auch V. Grumel, n. 264; Sophronius von Jerusalem im cod. 231 von Photius Bibliothek: 287 a 18-20 (ed. R. Henry, V, p. 66); Isidor von Sevilla, De viris illustribus, 39, J.-P. Migne, Patrologia latina (= PL), 83, 1101-1102; Johannes von Nikiu: Chronique de Jean évêque de Nikiou, Texte éthiopien publié et traduit par M.H. Zotenberg (Notes et extraits des manuscrits de la Bibliothèque Nationale 241), Paris, 1883: 96, p. 528; Theophanis Chronographia, rec. C. de Boor, Vol. I, Lipsiae, 1883; Nicephorus Callistus Xanthopulus, Ecclesiasticae historiae libri, XVIII, 34, J.-P. Migne, Patrologia Graeca (= PG) 147, 396-397; Hinschius, Decretales Pseudoisidorianae, Lipsiae, 1863, 720 (= J.D. Mansi, a.a.O., X, 900; PL 72, 739).

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Werke: Syntagma XIV titulorum: ed. V.N. Beneševič, Petropoli, 1906-1907 (M. Geerard, Clavis Patrum Graecorum, III, Turnhout, 1979 [= CPG], 7556); ed. Voel-Justel, Bibliotheca Juris canonici, II, Paris, 1661, 789 ff. (zur angezweifelten Authentizität: vgl. oben). - Zweifelhafte
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Werke: Sermo de paenitentia et continentia et virginitate, ed. F. du Duc, PG, 88, 1937-1977 (CPG 7555: auch koptische, syrische, georgische, altslavische Übersetzungen; in CPG nicht zitiert: S. Haidacher, Chrysostomus-Exzerpte in der Rede des Johannes Nesteutes über die Buße, in: Zeitschrift für katholische Theologie 26 [1902] 380-385); Sermo de Susanna, PG 56, 589-594 (CPG II, Turnhout, 1974: 4567), steht in der koptischen Überlieferung unter dem Namen des Johannes des Fasters: E.A.W. Budge, Coptic Homilies in the Dialect of Upper Egypt, London, 1910, 46-57 (Text). 192-203 (engl. Übersetzung); vgl. auch F. Rossi, I Papiri copti del Museo Egizio di Torino, Torino, 1887-1892, II, 2, p. 26 sqq. - Unechte
Werke: Sermo de pseudoprophetis, PG 59, 553-568 (CPG II: 4583) wird nach H.-G. Beck in manchen Handschriften Johannes dem Faster zugeschrieben, ist aber eine Predigt des Anastasios Sinaites (7. Jahrhundert), die unter die Masse der Pseudo-Chrysostomica geriet; Paenitentialia unter dem Namen des Johannes: (1) Canonarium: Abhandlung über die Buße mit der Absicht, die φιλανθρωπία Gottes (und damit Humanität) im Vollzug von Bußübungen zu sichern (CPG III: 7558), die nach E. Herman von einem Mönch Johannes zu Anfang des 9. Jahrhunderts geschrieben wurde; (2) Didascalia Patrum (CPG III: 7559): abhängig von (1), die als eigene Werke zitierten Schriften (a) 'κολουθία καὶ τάξις, ed. J. Morinus, PG 88, 1889-1917, und (b) Sermo de confessione et paenitentia, ed. J. Morinus, PG 88, 1920-1932, sind nach E. Herman nichts anderes als Teile der Didascalia; (3) Canonicum (CPG 7560): drei verschiedene Sammlungen kanonistischen Inhalts, mit deren einer in der handschriftlichen Überlieferung eine Didascalia für die Bußpraxis von Nonnen verbunden ist, die nach H.-G. Beck in gewisser Hinsicht korrigiert, was in (2) zu männlich ausgefallen war. - Verloren: Schrift über die Taufe an den Erzbischof Leander von Sevilla: Isidor von Sevilla, De viris illustribus, 39, PL 83, 1102 A. Mit Blick auf (2) und (3) hat K. Holl (S. 289; 295-298) als möglichen Verfasser den Mönch Johannes Nesteutes aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts genannt, auf den ein Enkomion des Patriarchen Kallistos I. von Konstantinopel (sedit: 1350-1353, 1355-1363) überliefert ist: ed. H. Gelzer, in: Zeitschrift für Wissenschaftliche Theologie 29 (1886) 64-89.

Lit.: H.-G. Beck, Kirche und theologische Literatur im byzantinischen Reich, München, 1959, 63. 423-424; - E. Caspar, Geschichte des Papsttums, II, Tübingen, 1933, 452-465; - A. Ehrhard, in: K. Krumbacher, Geschichte der byzantinischen Litteratur, (München, 1897), New York, 1970, 144.187; - H. Gelzer, Der Streit über den Titel des ökumenischen Patriarchen, in: Jahrbücher für protestantische Theologie 13 (1887) 549-584; - J. Gouillard, in: Annuaire de l'École pratique des Hautes Études, Ve section, Tome 85, Paris, 1977, 365-370; - E. Herman, Il pi- antico penitenziale greco, in: Orientalia Christiana Periodica 19 (1953) 70-127; - K. Holl, Enthusiasmus und Bußgewalt beim griechischen Mönchtum, (Leipzig, 1898) Hildesheim, 1969, 289-301; - E. Honigmann, Trois mémoires posthumes d'histoire et de géographie de l'Orient Chrétien, in: Académie Royale de Belgique, Classe des Lettres, Mémoires, Collection in-80. Deuxieème série, Tome LIV, fasc. 6, Bruxelles, 1961, 48-64; - V. Laurent, le titre de patriarche oecuménique et la signature patriarcale, in: Revue des Études Byzantines 6 (1948) 5-26; - R. Paret, Dometianus de Mélitène: ebd. 15 (1957) 58-60; - P. Peeters, Sainte Golindouch, martyre perse († 13 juillet 591), in: Analecta Bollandiana 62 (1944) 74-125: 101 f.; - ders., Les ex-voto de Khosrau Aparwez à Sergiopolis, in: ebd., 65 (1947) 5-56: 12; 44; - G. Podskalsky, Byzantinische Reichseschatologie. Die Periodisierung der Weltgeschichte in den vier Großreichen (Daniel 2 und 7) und dem Tausendjährigen Friedensreiche (Apok. 20), München, 1972; - D. Stiernon, Jean le Je-neur, in: Dictionnaire de Spiritualité VIII, Paris, 1974, col. 586-589; - T. Strotmann, L'évêque dans la tradition orientale, in: Irénikon 34 (1961) 152-155; - A. Tuillier, Le sens de l'adjectif »oecuménique« dans la tradition patristique et dans la tradition byzantine, in: Nouvelle Revue Théologique 86 (1964) 260-271; - S. Vailhé, Saint Grégoire le Grand et le titre de patriarche oecuménique, in: Échos d'Orient 11 (1908) 161-171; - G. Weiss, Studia Anastasiana I (Miscellanea Byzantina Monacensia 4), München, 1965, 39-41.

Karl-Heinz Uthemann

Literaturergänzung:

2009

George E. Demacopoulos, Gregory the Great and the sixth-century dispute over the ecumenical title, in: ThSt 70.2009, S. 600-621.

Letzte Änderung: 09.04.2011