JOSEPH BEN GORION, Josephus Gorionides, Pseudo-Josephus, Vertreter
des obersten Befehlshabers über Jerusalem zu Beginn des Aufstandes
der Juden gegen die Römer im Jahre 66 n. Chr., hingerichtet nach dem
Sieg der Jerusalemer Zeloten im Frühjahr 68 n. Chr. - Nach Darstellung
des jüdischen Geschichtsschreibers Flavius Josephus wurde J. zur Durchführung
der Verteidigungsmaßnahmen gegen die erwartete römische Belagerung
durch die in den Jerusalemer Tempel einberufene Volksversammlung zum
Vertreter des obersten Befehlshabers, des Hohepriesters Ananos, gewählt.
Seine dringlichste Aufgabe war die Instandsetzung und Befestigung
der Stadtmauer, die beim Angriff der römischen Truppen unter Cestius
Gallus stark beschädigt worden war. Die Zeloten in der Stadt lehnten
Ananos als obersten Befehlshaber über Jerusalem ab und wählten mit
Pinechas ihrerseits einen Hohepriester zum Anführer ihres Widerstandes
gegen die Römer. Nach dem Sieg der Zeloten wurde J. im Frühjahr 68
n. Chr. hingerichtet. Gleichzeitig mit J.s Wahl zum Befehlshaber Jerusalems
wurde Joseph ben Matthias, der spätere Geschichtsschreiber Josephus,
zum Befehlshaber von Galiläa gewählt. Dieser Umstand trug dazu bei,
daß ein mittelalterlicher Abschreiber des »Hegesippus«, der lateinischen
Bearbeitung der Geschichte des jüdischen Krieges aus der Hand eines
getauften Juden im 4. Jahrhundert, J. ben Gorion mit dem Geschichtsschreiber
Josephus ben Matthias identifizierte. Zwischen 900 und 965 n. Chr.
verfaßte ein unbekannter Jude in Süditalien in hebräischer Sprache
eine jüdische Geschichte vom Niedergang des babylonischen Großreiches
bis zum Ende des jüdischen Krieges, die in kompilatorischer Form Hegesipp,
verschiedene jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit und
zahlreiche lateinische Texte aus dem frühen Mittelalter vereinigte.
Der Autor des »Josippon« gab vor, Flavius Josephus zu sein. Es gilt
als wahrscheinlich, daß der Verfasser dieses Pseudepigraphs, der wohl
kein Griechisch verstand, sich in Fortführung der im Hegesippus vorfindlichen
Tradition »J. ben Gorion« nannte, obwohl er als seinen Vater Matthias
angab.
Lit.: Jos.Bell. II, 563; - Hegesippus 3.3.2, ed. V.
Ussani, CSEL 66, 187, 12-14; - B. Brüne, Josephus, der Gesch.schreiber,
Wiesbaden 1912, 38, 70; - S. Dubnow, Die alte Gesch. des jüd.
Volkes, Bd. II, Berlin 1925, 438, 449; - M. Kamil, Des J. ben
Gorion Gesch. der Juden, 1938; - S. Perowne, Herodianer, Römer
und Juden, Stuttgart 1958, 172; - M. Avi-Yonah, Historical Geography
of Palestine, in: S. Safrai, M. Stern (Hrsg.), The Jewish People in
the First Century, Bd. 1, Assen 1974, 114; - G. Stemberger, Gesch.
der jüd. Lit., München 1977, 141 ff.; - D. Flusser, Sefer Josippon,
2 Bde., Jerusalem 1978, 80; - EJud IX, 425 (Lit.); - EncJud
X, 296-298; - JewEnc VII, 259-260 (Bibl. zum »Josippon«); -
JüdLex III, 335; - NewCathEnc VII, 1124; - RGG
3III,864;
- UJE VI, 210 f.
Michael Tilly
Letzte Änderung: 09.04.2011