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Band III (1992) Spalten 757-760 Autor: Diethard Aschoff

JUDA BEN DAVID HALEWI (als Jude), HERMANN VON SCHEDA (als Christ), Prämonstratenser, Propst von Scheda, Verfasser einer Autobiographie, * 1107/08 in Köln, † bald nach 1181 in Köln oder Scheda. - Der Sohn jüdischer Eltern (David und Sephora) levitischer Abstammung traf 1127/28 in Mainz mit Bischof Ekbert von Münster (1127-1132) zusammen, dem er aus einer Geldverlegenheit half. Um das Geld einzutreiben, reiste er nach Münster, wo er während eines 20 Wochen langen Aufenthaltes das Christentum kennenlernte. Besonderen Eindruck machte auf ihn der Besuch des neugegründeten Prämonstratenserklosters Cappenberg (heute Stadt Selm) im südlichen Münsterland. Nach qualvollem innerem Ringen entschloß er sich trotz Heirat und angedrohter jüdischer Sanktionen zu konvertieren. Bald nach der 1128 (oder 1129) erfolgten Taufe wohl im Kölner Dom trat H. in Cappenberg als Novize ein, wo er 1137/38 auch zum Priester geweiht wurde. 1149-1153 treffen wir ihn als Kanoniker im Stift St. Cassius in Bonn, 1170 als Propst in Scheda (heute Gemeinde Wickede/Ruhr). Um 1172 Resignation (?) vielleicht im Zusammenhang mit Streitigkeiten zwischen Cappenberg und Scheda. Später ist er im Mariengradenkloster in Köln bis 1181 bezeugt. Vielleicht kehrte er vor dem Tod nach Scheda zurück, oder wurde, nach dem Ableben, dorthin überführt, dann wohl nach 1215. 1625 wurde er von den Prämonstratensern unter die Seligen eingereiht. Bei der Öffnung des Grabes 1628 wurden von den Gebeinen Reliquien der Margaretenkapelle geschenkt. H. sollte unter die Heiligen aufgenommen werden. Dies wurde verschoben, da ihm keine kirchliche Verehrung zuteil wurde. Nach Abriß der Kirche und Einebnung des Grabes 1817 war eine Kanonisierung endgültig nicht mehr möglich. - Neben seiner im engeren Sinne kirchlichen Bedeutung ist H. wichtig als Verfasser des »Opusculum de conversione sua«, der ersten lateinisch geschriebenen autobiographischen Bekehrungsgeschichte seit den »Confessiones« Augustins. Neuerdings vorgebrachte Zweifel an der Verfasserschaft H.s (Saltman) dürften sich kaum als stichhaltig erweisen. Obwohl die neue christliche Identität überwiegt, vereinigt der Konvertit eine jüdische Sicht des Christentums mit einer christlichen Sicht des Judentums und hat uns so ein in seiner Art einzigartiges Werk hinterlassen (Schreckenberg). H. ist gleichzeitig der erste Jude, von dem wir wissen, daß er in Westfalen gelebt hat und dort auch für das Christentum gewonnen wurde.

Werke: Hermannus quondam Judaeus. Opusculum de conversione sua. Hrsg. v. Gerlinde Niemeyer, 1963; Die mehrf. geäußerte Vermutung, J. sei auch der Verfasser der »Vita Godefridi, comitis Capenbergensis«, in: MGH SS 12, 1856, 513 ff., edid. Ph. Jaffé, wo sich in Kap. 3 (S. 516) ein Kurzabriß des Opusculum findet, hat sich nicht bestätigt. Übersetzungen: Bekehrungsgeschichte H.s, eines geborenen Juden, nachher ersten Propstes zu Scheda, in: Westphalia. Zs. f. Gesch. und Altertumskunde Westphalens und Rheinlands, hrsg. v. Ludwig Troß, 3, Hamm 1826, 98-101, 105-108, 121-124, 137-139, 145-146, 161-162, 211-213, 284-286 (Übersetzung nur der Kapp. 1-13); Augustin Hüsing, Der hl. Gottfried, Graf von Cappenberg, Prämonstratenser-Mönch, und das Kloster Cappenberg, 1882, 104-164; Johann Nepomuk Brischar, Gesch. der Bekehrung des nachmaligen Prämonstratensers Hermannus vom Judenthum zum Christenthum, von ihm selbst erzählt, in: Der Katholik. Zs. f. kath. Wiss. u. kirchl. Leben 68 (N.F. 60), 1888, 2, 257-278, 354-378; A. de Gourlet, Judas de Cologne. Récit de ma Conversion. Introduction et notes: Science et Religion Nr. 635, Paris 1912; Miriam Shapira, Bar Ilan Universität, Israel, bereitet eine komment. Übersetzung ins Hebräische vor.

Lit.: J.C. Van der Sterre, Natales sanctorum ... ordinis praemonstratensis, Anvers, 1625, 114-115; - Johann Diederich von Steinen, Kurze Beschreibung der hochadelichen Gotteshäuser Cappenberg und Scheda, Dortmund 1741; - J. M. Schröckh, Christl. Kirchengesch. 35, 1797, 384-389; - August Neander, Allg. Gesch. der christl. Religion und Kirche, 5, 1, Hamburg 1841, 91, 101-104; - H. v. Kappenberg, Ein Lebensbild aus der Gesch. der Judenbekehrungen im MA, in: Evang. Kirchenztg., hrsg. v. E. E. Hengstenberg, Berlin 1857, 774-784 (= Nr. 67 u. 68); - Friedrich Wilhelm Weber, H. der Prämonstratenser oder die Juden und die Kirche des MA.s. Mit einem Vorwort v. Wilhelm Löhe, Nördlingen 1861; - Hermann Reuter, Gesch. der relig. Aufklärung im MA vom Ende des 8. Jh.s bis zum Anfange des 14. Jh.s, I., Berlin 1875, 158-164, 309-310; - Julius Aronius, H. der Prämonstratenser, in: Zs f. d. Gesch. d. Juden in Deutschland 2, 1888, 217-231; - Ders., Regesten zur Gesch. der Juden im fränk. und dt. Reich bis zum Jahre 1273, 1902, 103-104; - Reinhold Seeberg, H. v. S., Ein jüd. Proselyt des 12. Jh.s, in: Schriften des Institutum Judaicum in Leipzig, Nr. 30, 1891; - Friedrich Wilhelm August Pott, Hermann, der erste Abt von Scheda, eine Bekehrungsgeschichte aus dem 12. Jahrhundert nach seinen eigenen Aufzeichnungen, in: Veröffentlichungen des Vereins für Orts- und Heimatkunde aus der Grafschaft Mark 10, 1895/96, 23-43; - Léon Goovaerts, Ecrivains, Artistes et Savants de »Ordre de Prémontré«, Dictionnaire Bio-Bibliographique, I, Bruxelles 1899, 378-380; - Otto Zöckler, Gesch. der Apologie des Christentums, 1907, 208-209; - Georg Caro, Sozial- und Wirtschaftsgesch. der Juden im MA und der Neuzeit I, 1908, 197-198, 227-228; - Wilhelm Neuhaus, Geschichtl. Nachrr. über das frühere Prämonstratenserkloster Scheda, in: Westfäl. Zs. 76, 1918, 59-119; - Alfons Zak, Zur Biographie des Propstes H. v. S., in: Westf. Zs. 78, 1920, 69-76; - Joseph Greven, Die Schrift des Herimannus quondam Judaeus »De conversione sua opusculum«, in: Annalen des hist. Vereins für den Niederrhein 115, 1929-30, 111-131; - Johannes Bauermann, Die Anfänge der Prämonstratenserklöster Scheda und St. Wiperti-Quedlinburg, in: Sachsen und Anhalt 7, 1931, 185-251; - Alois Schröer, Unterss. zur Gesch. der münsterischen Bischöfe des MA.s (Diss. Münster ungedr.), 1933, 248-249; - Salo W. Baron, A Social and Religious History of the Jews, 5, 1957, 112-113; - Georg Misch, Gesch. der Autobiographie III, 2, 1. Hälfte, 1959, 505-522; - Bernhard Blumenkranz, Juifs et Chrétiens dans le monde occidental 430-1096, 1960, 21 n. 118; - Ders., Juden und Judentum in der mittelalterl. Kunst, 1965, 7-8; - Ders., Jüd. und christl. Konvertiten im jüd.-christl. Religionsgespräch des MA.s, in: Judentum im MA, hrsg. v. P. Wilpert, 1966, 275-278; - Gerlinde Niemeyer, Das Prämonstratenserstift Scheda im 12. Jh., in: Westf. Zs. 12, 1962, 309-333; - Dies., Einleitung, in: Hermannus (vgl. oben Werk), 1-67; - Dies., Die Vitae Godefridi Cappenbergensis, in: Deutsches Archiv für Erforschung des MA.s 23, 1967, 405-467; - Willehad Paul Eckert, H. v. S., in: Monumenta Judaica. Handbuch, 1963, 150-151, 167; - Hubert Silvestre, Hermannus quondam Judaeus, in: Revue d'Histoire Ecclésiastique 59, 1964, 558-562; - Jean-Baptiste Valvekens, Hermannus, quondam Judaeus, praepositus in Scheda, in: Analecta Praemonstratensia 41, 1965, 158-165; - Julia Gauss, Anselm von Canterbury zur Begegnung und Auseinandersetzung der Religionen, in: Saeculum. Zs. f. Universalgesch. 17, 1966, 284, 312-313; - Westfalia Judaica, hrsg. v. Bernhard Brilling/Helmut Richtering, 1967, 30-32; - Norbert Backmund, Die mittelalterl. Geschichtsschreiber des Prämonstratenserordens (Diss. München), Averbode 1972, 55-64; - Arno Borst, Pfandleihe, in: Lebensformen im MA, 1973, 600-604; - H. H. Ben Sasson, »Ha Hitbollelut be- Toledot Yisrael«, Molad 68, 1976, 301-310; - Wilhelm Wattenbach/Franz Josef Schmale, Hermannus Judaeus, in: Deutschlands Geschichtsschreiber im MA. Vom Tode Kaiser Heinrichs V. bis zum Ende des Interregnums, I, 1976, 379-381; - Gillian R. Evans, »A change of mind in some scolars of the eleventh and early twelfth centuries«, in: Studies in Church History 15, Oxford 1978, 37-38; - Maria Lodovica Arduini, Ruperto di Deutz e la contraversia tra Cristiani ed Ebrei nel secolo XII, Roma 1979, 50-57; - Anna M. Drabek, H. v. S., »Opusculum de conversione sua«, in: Kairos 21, 1979, 221-235; - Arnoldo Momigliano, A Medieval Jewish Autobiography, in: History and Imagination, Essays in Honour of H. R. Trevor-Roper, London 1981, 30-36; - Werner Goez, Bruder Hermannus Judaeus, in: Gestalten des Hochmittelalters, 1983, 238-253; - Diethard Aschoff, H. v. S., der erste jüd. Konvertit Westfalens, in: Der Märker. Landeskundliche Zs. f. d. Bereich der ehem. Grafschaft Mark und den Märkischen Kreis 33, 1984, 204-209; - Avrom Saltman, Hermanns »Opusculum de conversione sua«: Truth or Fiction?, in: Revue des études juives 147, 1988, 31-56; - Heinz Schreckenberg, H. v. S., in: Die christl. Adversus-Judaeos-Texte (11.-13. Jh.), 1988, 256-267; - Realencyclopädie für prot. Theologie und Kirche 7, 1899, 710-711; - Catholicisme V, 1958, 657; - LThK V, 1960, 252-253; - Dictionnaire de Spiritualité, VII, 1969, 300-302; - Encyclopedia Judaica VIII, 1971, 365-366; - Lexikon des Mittelalters IV, 1989, 2166-2167.

Diethard Aschoff

Literaturergänzung:

Jean-Claude Schmitt: Die Bekehrung Hermanns des Juden. Autobiographie, Geschichte und Fiktion, Stuttgart 2006, 398 S.

Letzte Änderung: 07.08.2008