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Band III (1992) Spalten 784-788 Autor: Heiko Wulfert

JULIAN, Bischof von Aeclanum (ca. 385- ca. 450). Die Quellenlage zu Leben und Werk Julians von Aeclanum ist denkbar kompliziert. Seine Werke sind nur aus den Zitaten der Schriften seiner Gegner zu erheben, die Darstellung seiner Vita bei Gennadius ist zum Teil legendarisch verformt (näheres s.u.). So ist auch sein genaues Geburtsdatum unbekannt. Er wurde gegen Ende des 4. Jahrhunderts als Sohn des süditalienischen Bischofs Memorius und dessen Frau Juliana geboren und heiratete um 403 Titia, eine Tochter des Bischofs Aemilius von Benevent. Paulinus von Nola verfasste ein Lied zum Preis von Julian und Titia (Carm. 25). Der Vater sorgte für eine gründliche Ausbildung J.s in der Rhetorik und bat selbst Augustin, etwas zur Unterweisung J.s beizutragen. Dieser schickte ihm daraufhin die Abschrift eines Teiles seines Traktates über die Musik und erbat einen Besuch J.s. Zur Begegnung mit Augustin ist es für J. allerdings nicht gekommen, der bereits zum Diakon geweihte junge Mann traf lediglich Augustins Freund Honoratus in Karthago. Schon 416/17 wurde J. zum Bischof von Aeclanum, südwestlich von Benevent, geweiht. Zusammen mit einer Gruppe von 18 italienischen und sizilianischen Bischöfen verweigerte er 418 die Unterschrift unter die Epistola tractoria des Papstes Zosimus, die den Pelagianismus verdammte. Die ganze Gruppe wurde abgesetzt und verbannt. Mit einem Gesuch an Comes Valerius in Ravenna, den Heiligen Stuhl und Rufus von Thessalonich versuchten sie, die Einberufung eines allgemeinen Konzils zu erreichen, das sie wieder in ihre Ämter einsetzen sollte. Ihre Bemühungen blieben erfolglos. Auch seine Auseinandersetzung mit seinem einstigen Gönner Augustin, die J. nach seiner Berufung an Valerius (418) mit seinem Traktat »Ad Turbantium« (419) und seiner Schrift »Ad Florum« führte, brachte keine Wendung für die pealgianische Partei. J. fand mit einigen anderen 421 Aufnahme bei Bischof Theodor von Mopsuestia, der bereits als Kritiker der Gegner des Pelagius bekannt war. In seiner biblischen Exegese verdankt J. Theodor und anderen Antiochenern sehr viel, was sich an den wenigen Fragmenten seiner exegetischen Werke ablesen läßt. Nach Theodor setzte sich besonders der neue Patriarch Nestorius von Konstantinopel für J. bei Papst Coelestin ein. Der Papst war allerdings schon durch Marius Mercator vom Irrtum der Pelagianern überzeugt und erreichte sogar ihre Ausweisung aus Konstantinopel. Die Verurteilung des Pelagianismus auf dem Konzil von Ephesus (431) schob allen weiteren Vermittlungsversuchen einen Riegel vor und auch J.s Bemühungen bei den Päpsten Sixtus III. und Leo I. scheiterten. Aus den erhaltenen Quellen (Fulgentius: PL 48,296ff) läßt sich die Vermutung ableiten, wenn auch nciht bestätigen, daß J. einige Zeit bei den Semipelagianer in Südgallien verbrachte und dabei Faustus von Reji in Lérins besuchte, bevor er als Lehrer in Sizilien vor 455 starb. - J.s Schriften sind vor allem durch die zahlreichen Zitate anderer Autoren wie Augustin, Marius Mercator und Beda Venerabilis bekannt geblieben. Dabei dürften seine Werke in der Auseinandersetzung mit Augustin als seine ältesten Schriften angesehen werden. Zu ihnen gehören der Brief an Valerius, der Traktat »Ad Turbantium«, ein Brief an Papst Zosimus, dem wahrscheinlich noch ein zweiter, von Marius Mercator als »libellus fidei« bezeichneter, folgte, und die Schrift »Ad Florum«. Von einiger Bedeutung dürften auch J.s exegetische Werke gewesen sein. Zu ihnen gehören eine lateinische Übersetzung von Theodors von Mopsuestia »Expositio in psalmos«, Kommentare zu Hiob und zu den Propheten Hosea, Joel und Amos, sowie die von Beda mit wenigen Zitaten genannten Schriften »In canticum« und »De bono constantiae«. Zu der schwierigen Quellenlage s. Yves-Marie Duval, Iulianus Aeclanensis restitutus. La première édition - incomplete - de l'Œuvre de Julien d'Éclane, in: REAug 25 (1979), S. 162-170. J.s große Bedeutung liegt darin, daß er durch seine Schriften zu dem großen Theologen, dem »Systematiker« des Pelagianismus wurde. Seine Gegner, unter ihnen besonders Augustin, griff er wegen ihres »Manichäismus« an, der für J. darin bestand, daß er in seiner Erbsündenlehre das Böse in der menschlichen Concupiscentia und damit in seiner Natur sah, was für J. unter anderem eine Verdammung der Ehe nach sich ziehen mußte. Für ihn ist die Sünde eine Sache des menschlichen Willens. Der Wille besitzt für J. die Freiheit, die Sünde geschehen zu lassen oder aber sich von ihr zu enthalten (admittendi peccati et abstinendi a peccato possibilitate). Diese Freiheit des Willens, durch die der Mensch erst Gottes Ebenbild ist, bleibt ein unverlierbares Gut und kann auch durch die Sünde nicht entstellt werden. Die Sünde verändert nicht die natürliche Beschaffenheit des Menschen (naturae status), sondern lediglich die Beschaffenheit seines Verdienstes vor Gott (meriti qualitas). Wenn aber die Sünde ein Werk des Willens ist, ist Augustins Erbsündenlehre für J. ein Widerspruch in sich, da sie in der Natur des Menschen, nicht aber in seinem Willen verwurzelt sein soll. Augustin ist für J. noch schlimmer als die Manichäer, macht er doch mit seiner Lehre Gott zum Urheber des Bösen. Gott aber ist der Schöpfer einer guten Natur. Wäre der Mensch nämlich von Natur aus böse, so wäre er nicht der Erlösung fähig. Wer die Natur verdammt, leugnet für J. auch die Gnade. Er verteidigt zuerst die Gerechtigkeit Gottes, der die Erbsündenlehre seiner Meinung nach widerstreitet. Das Werk der Gnade Gottes ist nicht in der Erwählung und Vorherbestimmung, sondern in der körperlichen und geistigen Begabung des Menschen zu erblicken. Im Fortgang des Heilswerkes Gottes stehen nacheinander die Gabe des Gesetzes und die vollkommene Offenbarung des Gotteswillens in Christus. In der Taufe wird dem Menschen der Anreiz zum Guten geschenkt. Mit der Hilfe des göttlichen Heilswillens kann er alle Gerechtigkeit erfüllen. Jeder, auch der Heide, kann so durch den Gebrauch seines freien Willens das Gute erlangen. In seiner Darstellung ist J. um die Verknüpfung seiner Gedanken mit der Schrift und der Tradition der Kirche bemüht, betont aber auch die hohe Bedeutung der menschlichen Vernunft. Augustin selbst bestätigt, daß der Pelagianismus erst durch J. ein zusammenhängendes dogmatisches System erhalten hat.

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Quellen: Aurelii Augustini contra Iulianum opus imperfectum I-III, ed. M. Zelzer 1974 (CSEL 85,1), IV-VI in PL 45, S. 1337-1608; Bedae In cantica canticorum allegorica expositio, in PL 91, S. 1065-1236; Iuliani Aeclanensis expositio libri Iob. Tractatus prophetarum Osee Ioel et Amos. Operum deperditorum fragmenta, ed. M.J. d'Hont / L. de Coninck 1977 (CCh.SL 88); Libellus fidei seu expositio fidei catholicae, in PL 48, S.509-526; Marii Mercatoris commonitorium lectori adversum haeresim Pelagii et Caelestini vel etiam scripta Iuliani, ACO 1,5 S. 11-19; Theodori Mopsuesteni expositionis in psalmos Iuliano Aeclanensi interprete in latinum versae quae supersunt, CCh.CL 88A.

Lit.: A.d'Alès, Julien d'Eclane, exégète, in: RechScRel 6 (1916), S. 311-324: - A.d'Amato, S.Agostino e il vescovo pelagiano Giuliano, in: Annuario del R. Linceo-Gimnasio »Pietro Coletta« di Avelino 1928-1929, Avellino 1930, S. 54-75; - J.H.Baxter, Notes on the Latin of Julian of Eclanum, in: ALMA 21 (1951), S. 5-54; - G.N.Bonwetsch, Art. »Julian von Aeclanum«, in: RE IX, S. 603-606; - Gisbert Bouwman, Des Julian von Aeclanum Kommentar zu den Propheten Osee, Joel und Amos, Rom 1958 (=AnBib 9); - ders., Zum Wortschatz des Julian von Aeclanum, in: ALMA 27 (1957), S. 141-164; - J.M.Bover, La »Teoría« antioquena definida por Julián de Eclano, in: EstE 12 (1933), S. 405-415; - Peter Brown, Sexuality and society in the fifth century AD. Augustine and Julian of Eclanum, in: Scritti in onore di Arnaldo Momigliano (E. Gabba hg.), Como 1983, S.49-70 (=Biblioteca di Athenaeum 1); - Albert Bruckner, Julian von Eclanum. Sein Leben und seine Lehre, Leipzig 1897 (=TU 15,3a); - ders., Die vier Bücher Julians von Aeclanum an Turbantius, NSGTK 8, 1910; - T.W.Davidis, Art. »Julianus«, in: DChB III, S. 469-472; - Yves-Marie Duval, Julien d'Éclane et Rufin d'Aquilée. Du Concile de Rimini à la répression pélagienne, in: REAug 24 (1978), S.243-271; - ders., Iulianus Aeclanensis restitutus. La première édition; - incomplete-de l'Œuvre de Julien d'Éclane, in: REAug 25 (1979), S. 162-170; - Wenzeslas Eborowicz, Quelques remarques sur le Contra Iulianum de saint Augustin, in: Augustinus 12 (1967), S. 161-164; - J.Forget, Art. »Julien d'Éclane«, in: DTC VIII2, Sp. 1926-1931; - Alister McGrath, Divine justice and divine equity in the controversy between Augustinus and Julian of Eclanum, in: DR 101 (1983), S.312-319; - A.Jülicher, Art. »Julianus«, in: Pauly-Wissowa X, S. 19-22; - H.Kihn, Theodor von Mopsuestia und Julianus Africanus als Exegeten, Freiburg iBr. 1880; - A.Lepka, L'Originalité des répliques de Marius Mercator à Julien d'Éclane, in: RHE 27 (1931), S.572-579; - G.Mercati, Il nome dell'Autore del Libellus fidei attribuito a Giuliano d'Eclano, in: Opere minori II (=StT 77), Città del Vaticano 1937, S. 244f; - Yves de Montcheuil, La polémique de saint Augustine contre Julien d'Éclane d'après l'Opus imperfectum, in: RSR 44 (1956), S. 193-218; - G.Morin, Un ouvrage restitué à Julien d'Eclanum, in: RBén 30 (1913), S. 1-24; - Fernando Perago, Il valore della tradizione nella polemica tra S. Agostino et Giuliano d'Eclano, in: Annali della Facoltà di Lettere e Filosofia dell'Università di Napoli 10 (1962f), S. 143-160; - - Georges de Plinval, Julien d'Éclane devant la Bible, in: RSR 47 (1959), S.345-366; - Francois Refoulé, Julien d'Éclane, Théologien et Philosophe, in: RSR 52 (1964), S.42-84.233-247; - Francois-Joseph Thonnard, L'aristotélisme de Julien d'Éclane et de Saint Augustin, in: REAug 11 (1965), S. 196-304; - A.Vaccari, Un commento a Giobbe di Giuliano Eclana, Rom 1915; - ders., Nuova opera di Giuliano Eclanese, in: CivCat 67 (1916,I), S. 578-593; - ders., Il Salterio Ascoliano e Giuliano Eclanese, in: Bib 4 (1923), S. 337-355 C.Weyman, Analecta XVI. Marius Mercator und Julianus von Äclanum, in: Hist. Jahrb. 37 (1916), S.77f; - ders., Der Hiobkommentar des Julianus von Aeclanum, in: TR 15 (1916), S. 241-248.

Heiko Wulfert

Literaturergänzung:

1981

Nello Cipriani, Echi antiapollonaristici e aristotelismo nella polemica di Giuliano d'Eclano, in: Augustinianum 21.1981, S. 373-389; -

1988

Mathijs Lamberigts, J. of A. A plea for a good creator, in: Agustiniana 38.1988, S. 5-25; -

1989

Mathijs Lamberigts, Augustine, J. of A. and E. Pagels' "Adam, Eve, and the serpent", in: Augustinianum 39.1989, S. 393-435; -

1990

Mathijs Lamberigts, J. d'É. et Augustin d'Hippone. Deux conceptions d'Adam, in: Augustiniana 40.1990, S. 373-410;-

1991

Robert A. Markus, Augustine's "Confessions" and the controversy with J. of E. Manichaeism revisited, in: Augustiniana 41.1991, S. 913-925;-

1992

Mathijs Lamberigts, Augustine and J. of A. on Zosimus, in: Augustiniana 42.1992, S. 311-330; -

1996

Carol Scheppard, The transmission of sin in the seed. A debate between Augustine of Hippo and J. of Eclanum, in: AuSt 27.1996, S. 97-106; - Mathijs Lamberigts, J. and Augustine on the origin of the soul, in: Augustiniana 46.1996, S. 243-260; -

1999

Ann A. Pang-White, Does Augustine contradict himself in "Contra duas epistulas Pelagianorum"?, in: ACPQ 73.1999, S. 407-418; -

2001

Josef Lössl, Julian von Aeclanum, Supplements to the Vigiliae Christianae 60, Leiden 2001; - Mathijs Lamberigts, Was Augustine a manichaean? The assessment of J. of A., in: Augustine and manichaeism in the Latin West. Leiden 2001, S. 113-136; - Josef Lößl, A shift in patristic exegesis. Hebrew clarity and historical verity in Augustine, Jerome, Julian of Aeclanum and Theodore of Mopsuestia, in: AuSt 32.2001, S. 157-175; - Josef Lößl, J. of A.'s "Tractatus" in Osee, Iohel, Amos. Some notes on the current state of research, in: Augustiniana 51.2001, S. 11-37;-

2002

Mathijs Lamberigts, Recent research into Pelagianism with particular emphasis on the role of J. of A., in: Augustiniana 52.2002, S. 175-198;-

2003

Josef Lößl, J. of A.'s "rationalist" exegesis. Albert Bruckner revisited, in: Augustiniana 53.2003, S. 77-106;- Raúl Villegas Marín, En polémica con Julián de Eclanum. Por una nueva lectura del "Syllabus de gratia" de Próspero de Aquitania, in: Augustinianum 43.2003, S. 81-124; - Dorothea Weber, La literatura clásica al servicio de la polémica teológica. "Ad Florum", de J. de Eclana, in: Augustinus 48.2003, S. 301-308; - Dorothea Weber, "For what is so monstrous as what the Punic fellow says?" Reflections on the literary background of J.'s polemical attacks on Augustine's homeland, in: Augustinus Afer. Fribourg 2003, S. 75-82;- Mathijs J.G.P. Lamberigts, The Italian J. of A. about the African Augustine of Hippo, in: ebd. S. 83-93; -

2004

Marleen Verschoren, "I do the evil that I do not will". Augustine and J. on Romans 7:5-25 during the second Pelagian controversy (418-430), in: Augustiniana 54.2004, S. 223-242;- Matthias Smalbrugge, L'identification interdite et imposée avec Dieu. Sur le moralisme de J. d'E., in: ebd. S. 307-323

2005

Thomas Gerhard Ring OSA (Ed.): Aurelius Augustinus, Schriften gegen die Pelagianer IV,1. Lateinisch-deutsch. Gegen Julian VI Bücher. Text und Übersetzung. Übertragen von Rochus Habitzky, bearbeitet und herausgegeben von Thomas Gerhard Ring OSA Würzburg 2005, 711 S.; - Mathijs Lamberigts, Competing christologies. J. and Augustine on Jesus Christ, in: AuSt 36.2005, S. 159-194;-

2007

Josef Lößl, Augustine, "Pelagianism", Julian of Aeclanum and modern scholarship, in: ZAC 11.2007, S. 129-150; - Tianyue Wu, Did Augustine lose the philosophical battle in the debate with J. of E. on "concupiscentia carnis" and "voluntas"?, in: Augustiniana 57.2007, S. 7-30; - Éric Rebillard, "Dogma populare". Popular belief in the controversy between Augustine and J. of E., in: AuSt 38.2007, S. 175-187; -

2008

Mathijs Lamberigts, J. of A. on natural virtues and Rom. 2:14, in: Augustiniana 58.2008, S. 127-140; -

2009

Mathijs Lamberigts, Uso agustiniano de la tradición, en la controversia con J. de Eclana, in: Augustinus 54.2009, S. 409-452;- Antonio V. Nazzaro, J. de E. y la Hirpinia cristiana, in: ebd. S. 469-478;- Ders., J. y la hondonada de Ansanto, in: ebd. S. 479-488; -

2010

Anthony Dupont, Mt. 1,21 as argument in favour of "Baptismus parvulorum". A comparison between Augustine's writings against Julian of Aeclanum and his "Sermones ad populum", in: CrSt 31.2010, S. 1-22; - Mathijs Lamberigts, Augustine's use of tradition in the controversy with Julian of Aeclanum, in: Augustiniana 60.2010, S. 11-61; - Mathijs Lamberigts, Augustine's use of tradition in his reaction to J. of A.'s "Ad Turbantium: Contra Iulianum I-II", in: AuSt 41.2010, S. 183-200.

Letzte Änderung: 09.04.2011