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Band XXI (2003) Spalten 733-739 Autor: Birgit Siekmann

JUHL, Eduard, Zollbeamter, Pfarrer, Leiter des Landesverbandes der weiblichen Jugend, Leiter der Stadtmission in Halle, Bundeswart des Westdeutschen Jungmännerbundes, Pfarrer in Hamburg, * 2.11. 1884 in Enge/Kreis Tondern, † 10.6. 1975 in Hamburg-Volksdorf. - Eduard Juhl begann nach der Schule, die er in Husum besuchte, mit dem Studium der Theologie. Er beendete sein Studium aber zunächst nicht, vielmehr wurde er Zollbeamter bei der Zollverwaltung in Hamburg. Als der Erste Weltkrieg begann, wurde er Soldat. Schon sehr früh wurde er verwundet und geriet in russische Gefangenschaft. 1919 konnte er Sibirien verlassen. Juhl hat die Erfahrungen aus der Zeit seiner Kriegsgefangenschaft und den Jahren danach in seinem Buch "Blinkfeuer in der Nacht" niedergelegt. In Episoden schildert er Begegnungen mit Gott und bezeugt mit jeder Geschichte die Allmacht Gottes über jeden Menschen, auch den "Ungläubigen". Mit "Blinkfeuer in der Nacht" legte er damit auch ein sehr persönliches Glaubensbekenntnis ab. - Zurückgekommen nahm er sein Theologie-Studium wieder auf und wurde nach bestandenem Examen Pfarrer in Hamburg St. Pauli. Zugleich leitete er die dortige Stadtmission und wurde Vorsitzender des Landesverbandes der weiblichen Jugend. 1927 übernahm er die Leitung der Stadtmission in Halle/Saale. - Die herausragenste Zeit seines Lebens war sein Wirken als Bundeswart. 1929 trat er als Nachfolger von Paul Humburg das Amt des Bundeswartes des Westdeutschen Jungmännerbundes in Wuppertal-Barmen an. Er übernahm dieses Amt in wirtschaftlich wie politisch angespannter Zeit. Die Weltwirtschaftskrise, die Debatte um die Reparationszahlungen gemäß des "Young-Plans", das Notverordnungsregime Heinrich Brünings und sich zunehmend radikalisierende politische Parteien erschütterten die Weimarer Republik. Wie viele seiner Zeitgenossen empfand auch Juhl seine Gegenwart als krisenhaft - er überschrieb seinen Bericht über den Westbund 1932 programmatisch "Evangelisches Jugendwerk in der Weltkrise". - Eine konkrete Krisenerscheinung sah Juhl in der Arbeitslosigkeit. Sie wirke sich nicht nur verheerend auf die wirtschaftliche Lage der Vereine aus, sondern habe an vielen Stellen auch eine "demokratisierende Wirkung" - die arbeitslosen Mitglieder hätten wenig Zeit und seien besonders unpünktlich. Demgegenüber freute sich Juhl darüber, daß das "Barometer der Zucht und Ordnung" wieder steige. Juhl zeigt in diesen Sätzen eine antidemokratische Grundeinstellung, die für viele Pfarrer der Weimarer Republik symptomatisch ist. Mit der antidemokratischen Haltung ging bei Juhl die Forderung nach der Überparteilichkeit des Jugendwerkes einher. Er verlangte: "Wir haben unsere Jugend nicht in irgendeine Partei zu lancieren, (...)". Die Bibel galt ihm auch bei politischen Entscheidungen als der allein entscheidende Maßstab. Die Jugendlichen sollten lernen, so hieß es bei ihm, wie die Bibel Volkstum, Rasse und Gesellschaftsordnung beurteilt. - Juhl konnte seinen eigenen Anspruch auf Überparteilichkeit nicht einhalten. Er widersprach ihm zum Beispiel, wenn er in der Jugendarbeit tätigen Pfarrern die Lektüre von "Deutsches Volkstum", "Die Tat" und "Glaube und Volk" empfahl und damit eine weitgehende Übereinstimmung mit dem national-konservativen Tenor der Blätter bekundete. Ebenso bezeichnend sind Passagen in Juhls Schriften, in denen er gegen den Frieden von Versailles, die Sozialdemokratie, den Liberalismus oder die parlamentarische Ordnung polemisiert. In ihnen sah er die Ursache für die "Weltkrise". - Vor diesem Hintergrund sah Juhl seine vorrangige Aufgabe in der Wegweisung und Führung der evangelischen Jugend. Das Evangelische Jugendwerk sei der Jugend das Evangelium schuldig, schrieb er in seinem oben genannten Bericht. Als pädagogisches Ziel formulierte er: "Für die Wahrheit, die Gerechtigkeit, für Gottes unbedingten Anspruch, auch an eigene Interessen, auch an deutsches Volk und deutsche Jugend, dafür werden Kämpfer gesucht. Dazu gilt es Jugend zu helfen, zu erziehen und zu führen." - Juhl versuchte mit diesen Leitlinien inhaltliche Prämissen für evangelische Jungmännerarbeit zu setzen. Praktisch setzte er seine Vorstellungen in Kursen, Lehrgängen, Freizeiten und Tagungen um. In einem Jahr veranstaltete der Westbund über 100 Freizeiten und erreichte damit fast 10.000 junge Leute. Hinzu kam noch Bundesfeste, so zum Beispiel ein Bundestag, den fast 5.000 Mitglieder des Westbundes besuchten. Auch die Schriftenmission war Juhl wichtig. Er selbst veröffentlichte im bundeseigenen Aussaat-Verlag Schriften, mit denen er seinen Mitarbeitern Hilfestellung geben wollte, so seine wichtige Abhandlung "Grundfragen evangelischer Jugendführung." - Als Bundeswart vertrat Eduard Juhl den Westbund im Reichsverband der evangelischen Jungmännerbünde und Verwandten Bestrebungen (zum Beispiel die Christliche Studentenvereinigung, die Schülerbibelkreise und die christlichen Berufsverbände). Juhl erkannte schon vergleichsweise früh, daß den evangelischen Verbänden ein "Kulturkampf" drohte. Innerhalb des Reichsverbandes setzte sich Juhl für eine straffere Zusammenfassung des Jungmännerwerkes ein. Dazu erarbeitete er ein Konzept, daß er im Mai 1933 der Reichsvertretertagung vorlegte. Ein wesentlicher Punkt war die Erweiterung der Kompetenzen des Reichswartes, Erich Stange, der das Jungmännerwerk nach außen vertreten sollte. Eine andere Neuerung war die Konstituierung eines "Führerrates", der die Geschäfte des Reichsverbandes führen und eine neue Verfassung ausarbeiten sollte. Zu diesem Führerrat gehörten zunächst Stange als Vorsitzender, Fritz Humburg aus dem Vorstand des Westbundes, Hugo Hohloch vom CVJM-Stuttgart, der Nationalsekretär des Reichsverbandes Hero Lüst, der Vorsitzende des Ostdeutschen Jungmännerwerkes Friedrich Peter und Juhl selbst. Es war wohl nicht leicht, die Vertreter der einzelnen Verbände davon zu überzeugen, daß es an der Zeit war, das Jugendwerk umzustrukturieren und dabei gegebenenfalls traditionelle Vorrechte aufzugeben. Aber letztlich überzeugte Juhls Konzept. - Das so neu geordnete Jungmännerwerk schloß sich im Juli 1933 mit den weiblichen Jugendverbänden unter der Führung von Stange zum Evangelischen Jugendwerk zusammen. Gemeinsam verhandelten die evangelischen Jugendverbände über die von Reichsbischof Ludwig Müller und Reichsjugendführer Baldur von Schirach betriebene "Eingliederung" der evangelischen Jugendverbände. Juhls Haltung zur Eingliederung war zwiespältig. Wie viele seiner Amtsbrüder bewegte er sich auf einem schmalen Grad: Auf der einen Seite wollte er eine Zusammenarbeit mit Müller und Schirach, auf der anderen wollte er die Eigenständigkeit des Westbundes wahren. - Im Dezember 1933 scheiterten die Gespräche über eine einvernehmliche Zusammenarbeit der evangelischen Jugendverbände mit dem Reichsbischof und dem Reichsjugendführer; Müller und Schirach unterzeichneten über die Köpfe der Jugendvertreter hinweg den Eingliederungsvertrag, der das Jugendwerk der Hitlerjugend unterstellte und nach dessen Bestimmungen dem Jugendwerk nunmehr viele seiner traditionellen Betätigungsfelder verboten wurden. Die Verbandsvertreter waren entsetzt. Hilfesuchend wandten sie sich an die Landeskirchenführer und an Reichsinnenminister Wilhelm Frick. - Um die Position der Gegner des Eingliederungsvertrages zu stärken, ließ Juhl ein Rechtsgutachten anfertigen, das den Vertrag für ungültig erklärte. Damit sprach er sich offen und deutlich gegen die Eingliederung aus. Aber seine Opposition richtete sich gegen die Reichskirchenleitung und gegen den Reichsjugendführer, von der Reichsregierung erhoffte er sich weiterhin ein Eingreifen zugunsten des Jugendwerkes. Im Februar 1934 zerbrach diese Hoffnung, als Hitler den Vertrag anerkannte. - Juhl kommentierte dessen Entscheidung: "Der Staat hat gesprochen. Der Wille des Führers ist klar. Wir wollen beweisen, daß wir keine Sabotage treiben, sondern immer die Einheit der deutschen Jugend gewollt haben, auch da, wo man es uns nicht glaubte." Das klingt sehr nach Kapitulation. Aber Juhl und die Verantwortlichen im Reichsverband bemühten sich immer noch, die Eingliederung zu verhindern. Sie wollten durch eine Entlassung der Mitglieder den Eingliederungsvertrag unterlaufen. Die Mitglieder des Jugendwerkes wurden somit nicht automatisch Mitglieder der HJ - sie mußten dazu persönlich ihre Bereitschaft erklären. Das Ziel des Vertrages, die gesamte evangelische Jugend in die HJ zu überführen, wurde dadurch erfolgreich torpediert, auch wenn Juhl und andere stets beteuerten, daß sie damit der Eingliederung den Weg frei machten. Aber diese Beteuerungen dürfen nicht darüber hinweg täuschen, daß das Jugendwerk einen Weg gesucht und gefunden hatte, sich dem Willen des Reichsbischofs und Schirachs zu widersetzen. Desgleichen versuchten die Jugendvertreter, die Macht des inzwischen von Müller berufenen Reichsjugendpfarrers Karl Friedrich Zahn, der die Eingliederung durchführen sollte, einzudämmen. Dazu schlugen sie Eduard Juhl als zweiten Jugendpfarrer vor. - Selbst im Nachhinein erscheinen die Wege der Jugendvertreter äußerst verschlungen und unübersichtlich. Ihre oft zweigleisige Vorgehensweise, ihre Opposition gegen die Reichskirchenleitung und Reichsjugendführung auf der einen, ihre Loyalität zum Staat auf der anderen Seite lassen auf den ersten Blick keinen klaren Kurs erkennen. Daher verwundert es nicht, daß die Mitglieder an der Basis im spannungsgeladenen Tagesgeschehen manchen Schritt ihrer Führung nicht nachvollziehen konnten. Nicht alle Jugendvertreter waren bereit, den Weg der Verbandsführung mitzugehen. Die Mehrheit entschied sich für die Anerkennung des Vertrages. Andere empfanden die vorgeschlagene Lösung als "Hintertür" und forderten eine deutlichere Ablehnung. - Innerhalb des Westbundes waren die Meinungen geteilt. Besonders der Essener Jugendpfarrer Wilhelm Busch stellte sich entschlossen gegen die Eingliederung. Juhl geriet immer mehr zwischen die Fronten. Zwar konnte er die Kreisvorsitzenden in ruhiger Aussprache von der Richtigkeit seiner Position überzeugen, aber in der offenen Konfrontation mit dem wortgewaltigen Wilhelm Busch unterlag er. Er mußte erleben, daß die Leiter der Westbund-Vereine ihm "Verrat" an der evangelischen Jugend vorwarfen - zum Beispiel, weil er sich als zweiter Jugendpfarrer neben Zahn zur Verfügung gestellt hatte. Dabei blieb unbeachtet, daß Juhl dieses Amt nicht übernehmen wollte, um Zahn zu unterstützen, sondern um im Gegenteil die Interessen des Westbundes auf gewissermaßen feindlichem Terrain zu wahren. Als der Vorstand des Westbundes sich schließlich besann und sich wieder hinter ihren Bundeswart stellte, war es für diesen zu spät. Angesichts der massiven Angriffe gegen ihn hatte er kapituliert. Ende Februar 1934 bat er um seine Beurlaubung und dann um seine Entlassung. Der Westbund berief Johannes Busch zu seinem Nachfolger. - Eduard Juhl kehrte nach Hamburg zurück und wurde zunächst Pfarrer in Groß-Flottbec. Wie sein Sohn Klaus Juhl mitteilte, schloß er sich hier den Pfarrern der Bekennenden Kirche an. Von 1946 bis 1955 wirkte er als Propst in Lec/Südtondern. Seinen Ruhestand verlebte er in Hamburg Volksdorf. - Eduard Juhl war keine prominente Figur der evangelischen Kirchengeschichte - er veröffentlichte keine richtungsweisenden theologischen Werke und gehörte nicht zu den großen Gestalten des Kirchenkampfes. Weder die Hamburger Kirchengemeinden noch der Westbund haben seine Verdienste als Seelsorger bisher gewürdigt. Aber sein Einsatz für den Westbund, dessen Wohl ihm als Bundeswart anvertraut war, verdient Beachtung. Durch dieses Amt geriet er an exponierter Stelle in den "Kampf um die Jugend", so der Titel eines Buches des bayerischen Landesjugendpfarrers Heinrich Riedel. Dabei genoß er die ausdrückliche Wertschätzung zum Beispiel seines Nachfolgers Johannes Busch oder eines Otto Riethmüller. Um so tragischer ist es, das seine Arbeit mit einem Mißklang endete, der Juhl selbst bis ins Innerste traf. Aber es ist falsch, Juhl nur von dem Ende seiner Arbeit aus zu bewerten. In den nur fünf Jahren seiner Amtszeit hatte er sich unter den Führern der anderen Jugendverbände und im Reichsverband eine angesehene Stellung erarbeitet; sein Wort hatte Gewicht. Juhl selbst bezeichnete seine Jahre beim Westbund noch 1970 in einem Schreiben an Walter Stursberg, seit 1946 Bundessekretär des Westbundes, als die "schönsten Jahre seines Lebens".

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Werke: Junge, Junge [Zeltlager], Barmen o.J.; Vor neuem Wagnis. Bericht, erstattet auf der Bundesvertretung des Westdeutschen Jungmännerbundes, Barmen 1921; Tagesbewußtsein und Unterbewußtsein, 1923; Von Sternen, Steppen und Stacheldraht. Fünf Jahre Sibirien, Schwerin 1925; Wie lese ich meine Bibel? Wie lebe ich meine Bibel? Schwerin 1925; Was fange ich heute mit der Bibel an? 1925; Im Ringen mit Satans Reich. Aberglaube und Zauberei, Berlin 1926; Blinkfeuer in Nacht und Nebel. Erlebtes und Geschautes aus dem bunten Bilderbuch meines Lebens, Schwerin 19262; Vom Glauben an das Leben, Schwerin 1929; Vom Lernen der Sprache Gottes, Schwerin 1929; Vom Weg zum Heldentum, Schwerin 1929; Vom Willen zur Wahrheit, Schwerin 1929; Im Ringen um zwei Welten, Schwerin 1929; Geist des Menschen und die Geisterwelt. Dunkle Fragen des Seelenlebens, beleuchtet für suchende Menschen, Schwerin 1930; Um Gipfel und Abgrund. Ein Wort zur modernen Krise des Christentums, Schwerin 1930; Um Wahrheit und Wirklichkeit, Schwerin o.J. [1930]; Unseres Glaubens Wagnis. Um Wahrheit und Ehre. Unser Kampf um "Botschaft" und Kriegsschuldfrage in Amerika, Nr. 26 der "Nachrichten aus dem Westdeutschen Jungmännerbund", o.O., 1931; Evangelisches Jugendwerk in der Weltkrise. Bericht, erstattet auf der Bundesvertretung des Westdeutschen Jungmännerbundes in Münster 1932, o.O., o.J. [1932]; Grundfragen evangelischer Jugendführung, Wuppertal-Barmen 1932; Ihr seid Adler. 50 Andachten für junges Volk, Wuppertal-Barmen 1933; Aberglaube und Zauberei. Wahn oder Wirklichkeit? Breklum 1935; Mannhafte Jugend. 50 Jugendandachten, Wuppertal-Barmen 19353; Was Frauen vermochten. Hilfe hinter Stacheldraht, Schwerin [1939]; Wir litten für Deutschland. Hinter Stacheldraht und doch an vorderster Front, Schwerin 1940; Näher nach Hause. Ein Bilderbuch zur Bibel, Hamburg 1949; Elsa Brandström. Weg und Werk einer großen Frau in Schweden, Sibirien, Deutschland, Amerika, Stuttgart 1962; Weihnachtsgeschichten, 1964; Die Begleiter. Unvergessliche Begegnungen in aller Welt, Stuttgart 1965.

Lit.: Eduard Juhl, in: Stursberg, Walter: Vorgelebt, 34 Lebensbilder aus der CVJM-Bewegung, Wuppertal 1988; - Birgit Siekmann: Die evangelische Jugendarbeit im Rheinland und das Evangelische Jugendwerk Deutschlands. Strukturprobleme evangelischer Jugendverbände unter den Machtansprüchen des nationalsozialistischen Staates und der deutsch-christlichen Reichskirche, Diss. (Wuppertal) 1997.

Birgit Siekmann

Letzte Änderung: 09.04.2011