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Band III (1992) Spalten 1546-1548 Autor: Hans-Josef Olszewsky

KITTEL, Johann Christian, Organist und Komponist, getauft am 18. Februar 1732 in Erfurt, † am 17. April 1809 ebd. - K. entstammte einer streng protestantischen Familie. Sein Vater war der Strumpfwirker J. Salomon K., Sohn eines ev. Pfarrers, seine Mutter Juliane Elisabeth Baldinger die Tochter eines Leutnants. Seine Schulzeit verbrachte K. in Erfurt, zuerst an der Predigerschule, dann am Ratsgymnasium. Seine musikalische Ausbildung dürfte er von dem in Erfurt lebenden Jakob Adlung erhalten haben. Im Jahre 1748 ging er zu J. S. Bach (s.d.) nach Leipzig, der ihn mehrfach zu Aufführungen als Begleiter beschäftigte und ihm dadurch seine Wertschätzung bewies. Nach dem Tode Bachs ging K. 1751 als Organist und Lehrer an eine Mädchenschule nach Langensalza. Ein Jahr später heiratete er dort die aus wohlhabender Familie stammende Dorothea Fröhmer. Im Jahre 1756 erhielt er eine Stelle als Organist an der Barfüßerkirche in Erfurt, die er sechs Jahre später mit einer Organistenstelle an der Predigerkirche, an der u.a. Pachelbel, Buttstedt und sein Lehrer Adlung seine Vorgänger gewesen waren, vertauschte. Als einer der letzten Schüler Bachs erlangte er dort große Berühmtheit, trotz seiner Bescheidenheit und seines zurückgezogenen Lebens, und hatte eine ansehnliche Schar von Schülern. Sein Orgelspiel war so berühmt, daß selbst Goethe(s.d.), Herder (s.d.) und Wieland (s.d.) seine Abendmusiken besuchten. Am öffentlichen Musikleben, das seit 1771 durch den Einfluß des kurfürstlichen Statthalters von Dalberg in Erfurt eine kurze Blütezeit erlebte, scheint K. kaum teilgenommen haben. Auch eine Einladung der Herzogin Anna Amalie von Weimar zu einer Reise nach Italien hat ihn nicht verlockt. Im Jahre 1800 hat er eine Konzertreise nach Hamburg unternommen und sich aus Anlaß der Vorstudien zu seinem »Neuen Choralbuch für Schleswig-Holstein« etwa ein Jahr lang dort aufgehalten. Trotz einer durch von Dalberg vermittelten Pension waren seine wirtschaftlichen Verhältnisse alles anderes als glänzend. Einsam und in Armut ist er nach längerer Krankheit an Altersschwäche gestorben. Seine bedeutendsten Schüler waren J. W. Häßler, K. G. Umbreit, M. G. Fischer, sein Nachfolger als Organist in Erfurt, und J. H. Chr. Rinck. - Die Bedeutung K.s liegt v.a. in der Pflege und Weitergabe der Musiktradition J. S. Bachs. Als der »letzte Schüler Bachs« genoß er allseitige Achtung und Verehrung. Besonderen Wert legte er auf die musikalische Gestaltung des Gottesdienstes, wobei er v.a. das Orgelspiel in den Mittelpunkt rückte. Der Ausarbeitung spielbarer Orgelmusik galt seine ganze Kraft. Zu diesem Zweck schuf er ein Lehrbuch des Orgelspiels, das zu den bedeutendsten Erzeugnissen seiner Art in der damaligen Zeit gehörte. In seinen Kompositionen geht K. über die von Bach erhaltene Tradition hinaus und verbindet sie mit Anregungen durch die von ihm verehrten Musiker Joseph Haydn (s.d.) und W. A. Mozart (s.d.). Durch die von ihm ausgebildeten Musiker lebte die Bachtradition, wenngleich zunehmend erstarrt, in Mitteldeutschland weiter.

Werke: 6 Sonates, suivies d'une fantaisie pour le clavecin op. 1, 1787; 6 Veränderungen über das Teutsche Volkslied »Nicht so traurig« für das Klavier, 1797; Der angehende praktische Organist, 3 Bde., 1801-1808 (Reprint, 1981, mit einer Einführung von Gerhard Bal); Neues Choralbuch für Schleswig-Holstein, 1804; 24 Choräle mit 8 verschiedenen Bässen über eine Melodie von K., 1811; 24 leichte Choralvorspiele für die Orgel, 1813; Große Präludien für die Orgel, 2. Hh., o.J.; 24 kurze Choralvorspiele für die Orgel, o.J.; Variationen über 2 Choräle für Orgel, o.J.; 4-st. Choräle mit Vorspielen, o. J.; zahlreiche unveröffentlichte Mss. - Werkverz.: EitnerQ V, 378 f; RISM V, 50 f; A. Dreetz (s. Lit.), 82-91.

Lit.: J. W. Häßler, Vorwort zu: 6 leichte Sonaten für Clavier II, 1787; - Johann Nikolaus Forkel, Über Johann Sebastian Bachs Leben, Kunst und Kunstwerke, 1802 (Neue Ausgabe, hrsg. v. Walter Vetter, 1966, 78. 137); - K. G. Umbreit, Nekrolog, in: Nationalzeitung d. Dt. v. 22. Juni 1809; - Biographische Anmerkungen zu K., in: Hesperus v. 28. September 1832; - H. Chr. Rinck, Selbstbiographie, 1833; - Carl von Winterfeld, Zur Gesch. hl. Tonkunst, 1850; - Friedrich Blume, Die ev. Kirchenmusik, 1931, 138. 156 f; - Albert Dreetz, JCK, der letzte Bachschüler, 1932; - Ders., Aus Erfurts Musikgesch., 1932; - K. G. Fellerer, Studien zur Orgelmusik des ausgehenden 18. und frühen 19. Jhs., 1932; - Ders., Btrr. zur Choralbegleitung und Choralverarbeitung in der Orgelmusik des 18./19. Jhs., 1932 - H. Kelletat, Zur Gesch. der dt. Orgelmusik in der Frühklassik, 1933; - Reinhold Sietz, Die Orgelkompositionen des Schülerkreises um J. S. Bach, Diss. Göttingen, 1935 (auch in: Bjb XXXII, 1935, 33-96); - Gotthold Frotscher, Gesch. d. Orgel-Spiels und der Orgel-Kompostion II, 1936; - M. Schneider, Die Orgelspieltechnik des frühen 19. Jhs., 1941; - G. Fock, Zur Biographie des Bach-Schülers JCK., in Bjb XLIX, 1962, 97; - D. G. Mulberg, A collection of organ music by pupils of J. S. Bach, Diss. Eastman School of Music, 1969; - C. S. Brown, The art of chorale-preluding and chorale accompaniment as presented in K.s: Der angehende Organist, Diss. Eastmann School of Music, 1970; - ADB XVI, 45 f; - MGG VII, 967-969; - RE3 XIV, 435.

Hans-Josef Olszewsky

Letzte Änderung: 29.12.2009