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Band IV (1992) Spalten 543-545 Autor: Peter Hilsch

KOSMAS von Prag, der erste und bedeutendste böhmische Chronist des Mittelalters, * um das Jahr 1045, † 21.10. 1125, entstammte wahrscheinlich einer wohlhabenden Prager Priesterfamilie. Nachrichten zu seinem Lebensgang sind nur seiner eigenen Chronik zu entnehmen, die teilweise schwierig zu deuten sind. Vermutlich wurde er zuerst in Prag und dann, in seinem Lebenslauf auffallend spät, zwischen 1075 und 1082 (1086 ?) an der Schule von Lüttich ausgebildet, wo er bei Magister Franko Grammatik und Dialektik studierte. Von der dort früh entstehenden kirchlichen Reformbewegung zeigte er sich in seinem Werk jedoch völlig unbeeinflußt. Nach seiner Rückkehr nach Böhmen wurde er Kanoniker am Prager Domkapitel und ist in der Folgezeit in der Umgebung der Bischöfe festzustellen. Ob er mit Bf. Gebehard von Prag, dem damaligen Kanzler des deutschen Königs, an der Mainzer Reichssynode von 1086 teilnahm, ist allerdings fraglich. 1091/92 begleitete er die gewählten Bischöfe von Prag und Olmütz zur königlichen Investitur nach Mantua, 1094 zur Weihe nach Mainz. 1099 wurde er auf einer Ungarnreise mit Bf. Hermann von Prag in Gran vom dortigen Erzbischof Seraphim zum Priester geweiht. 1110 sehen wir ihn bei Verhandlungen des Domkapitels mit dem mährischen Teilfürsten Otto wegen eines Marktrechts. Spätestens zur Abfassungszeit seiner Chronik (1119-1125) ist K. Dekan der Prager Kirche. Er war mit Bož etěcha († 1117) verheiratet und hatte mit ihr einen Sohn Heinrich, wie er selbst unbefangen mitteilt. - K. gehörte zur schmalen Schicht böhmischer Kleriker, zur intellektuellen Elite des Landes, die vielfach miteinander verwandt waren und dem Herrscherhaus verbunden. Für sie als Publikum schrieb K. seine Chronik vor allem. Die 'Chronica Boemorum' umfaßt drei Bücher: das erste reicht von der sagenhaften Vorzeit Böhmens bis zum ersten christlichen Herzog Bořivoj und dann bis 1034 (Regierungsantritt Břetislavs I.); das zweite bis 1092 (Regierungsantritt Břetislavs II.); das dritte bis 1125. K. wollte zwar in erster Linie ein literarisches Werk schaffen, aber er entwarf auch das letztlich bis heute maßgebende Geschichtsbild der böhmischen Frühzeit. Diese Geschichte ist für K. vor allem die Geschichte seiner Herrscher; auch einzelne Bischöfe werden zu Helden seiner Erzählung. Kaiser und Papst treten ebenfalls als handelnde Personen auf, während der Adel und das Volk wenig berücksichtigt werden. Die Herzöge werden allerdings aus der Sicht der Prager Kirche und daher nicht immer kritiklos gesehen. K. besitzt ein böhmisches Landesbewußtsein; sein Polenhaß ist aus den außenpolitischen Verhältnissen seiner Zeit zu erklären, seine Abneigung gegen die Deutschen geht auch auf den Konkurrenzneid des Tschechen gegen die nicht unbedeutende Zahl deutscher Kleriker (auch Bischöfe) in Prag zurück, doch vermag der Autor in Einzelfällen sehr wohl zu differenzieren. - Die Kosmaschronik (sie ist das einzige gesicherte Werk des Autors) ist von mehreren Autoren fortgesetzt worden und beeinflußte alle späteren böhmischen Chroniken bis ins 16. Jahrhundert. Sie ist in 15 Handschriften erhalten.

Werke: Die Chronik der Böhmen, hrsg. von Bertold Bretholz 1923 (MGH SS rer. Germ. NS II). Dazu M. Wojciechowska, Ze studiów nad rekopisami Kosmasa [Studien zu Kosmashandschriften], Sborník historický 5 (1957) 5-20 (dt. Résumé).

Lit.: František Palacký, Würdigung der alten böhmischen Geschichtsschreiber, 1830; - Václav Novotný, Şeské dějiny [Böhmische Geschichte] I 2, 1913, 744-752; - Bertold Bretholz, Der Gang der Cosmasforschung. Neues Archiv 45 (1924) 32-47 (mit älterer Lit.); - Wilhelm Wegener, Tschechisches Nationalgefühl und Nationalbewußtsein bei Cosmas von Prag. In: Ethnos 5 (1967) 208-225; - Dušan Třeštík, Kosmova kronika, 1968 (Grundlegende Zusammenfassung mit Lit.); - Wattenbach-Holtzmann-Schmale, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter 2 (1967) 803-809; 3 (1971) 222-225; - Peter Hilsch, Herzog, Bischof und Kaiser bei Cosmas von Prag. In: Geschichtsschreibung und geistiges Leben im Mittelalter (FS Heinz Löwe), 1978, 356-372; - Winfried Baumann, Die Literatur des Mittelalters in Böhmen, 1978, 32-36; - František Graus, Die Nationenbildung der Westslawen im Mittelalter, 1980, 59-62; - VerfLex II, 14 ff.; - LexMA III 300 f.

Peter Hilsch

Literaturergänzung:

Anna Aurast, Wir u.d. Anderen. Identität im Widerspruch bei C.v.P., in: Das Mittelalter 10.2005, H.2, S. 28-37; - Alheydis Plassmann, Origo gentis. Berlin 2006, S. 321-358.

Letzte Änderung: 19.12.2009