KUEN, Franz Martin, Maler, * 8.11. 1719 in Weißenhorn b. Ulm als
jüngster Sohn des Malers Johann Jakob Kuen und dessen erster Frau
Anna, geb. Braunmüller, + 30.1. 1771 ebenda. - Der einer
Malerfamilie entstammende K. dürfte seine erste Anleitung und Ausbildung
in den Werkstätten von Vater und Onkel (Johann Baptist Kuen) erhalten
haben, die beide als Freskanten und - zumindest der Vater - Faßmaler
tätig waren. Weitergehende Kenntnisse vermittelte Johann Georg Bergmüller,
der seit 1730 amtierende kath. Direktor der städt. Kunstakademie in
Augsburg, bei dem K. eine ab etwa 1736 beginnende mehrjährige Lehrzeit
absolvierte. Die von Bergmüller und seinen Mitarbeitern bzw. Schülern
in den Jahren 1736-1738 geschaffene Ausmalung der Stiftskirche in
Diessen/Ammersee könnte dabei erstes größeres Wirkungsfeld K.s gewesen
sein. Anfang der 40er Jahre erhielt er wohl dank entsprechender Unterstützung
seines Onkels mütterlicherseits, des Propstes Joseph Braunmüller vom
Augustinerchorherrenstift St. Michael zu den Wengen in Ulm, den ersten
eigenständigen Auftrag zur Ausschmückung der dortigen Klosterkirche.
Diese umfangreiche, im 2. Weltkrieg größtenteils zerstörte Arbeit
umfaßte neben zahlreichen Fresken auch Altarbilder und zog sich mit
Unterbrechungen von 1743- 1766 hin. Eine überragende Probe seines
bis dahin erreichten Könnens lieferte der 25jährige K. mit seinem
nächsten Werk, dem 1744 ausgeführten prachtvollen Deckengemälde der
»Divina Sapientia« im Bibliothekssaal der Benediktinerabtei Wiblingen,
das als Höhepunkt seines Jugendschaffens gilt und ihm für die Zukunft
die Aufmerksamkeit und Wertschätzung kirchlicher Auftraggeber sicherte.
Von 1745-1747 weilte K. in Italien, brieflich bezeugt sind Aufenthalte
in Rom und Venedig. Entscheidend für seine weitere künstlerische Entwicklung
wurde dabei die Begegnung mit Giovanni Battista Tiepolo und dessen
Werk, das den Malstil K.s, besonders hinsichtlich von Komposition
und Kolorit, nachhaltig prägte. Verschiedene Zeichnungen aus seiner
Italienmappe mit Kopien bekannter wie auch unbekannter, heute verlorengegangener
Werke T.s lassen die von der Forschung vermutete zeitweise Mitarbeit
K.s in der Werkstatt des venezian. Malers als nicht unhypothetisch
erscheinen. Nach seiner Rückkehr aus Italien heiratete K. 1748 Maria
Anna Würthin und erwarb gleichzeitig die Meistergerechtigkeit. Der
(Wieder-) Eintritt in die berufliche Karriere vollzog sich dank einflußreicher
familiärer Protektion ohne Schwierigkeiten und gestaltete sich so
erfolgreich, daß K. im 3. Viertel des 18. Jh.s zum gefragtesten Freskanten
für sakrale Aufträge im oberschwäbischen Raum avancierte. Am Ende
seines Lebens hatte er über 50 Kirchen ausgemalt, oft mehrere in einem
Jahr und dürfte zur Bewältigung dieses großen Arbeitspensums wohl
auch gelegentlich zusätzliche Mitarbeiter beschäftigt haben wie den
für die Freskierung der Pfarrkirche Hl. Kreuz in Mindelzell 1750 archivalisch
nachweisbaren Bergmüller Schüler Johann Baptist Enderle. Hauptwirkungsstätte
von K.s Schaffen in den 50er Jahren war die Prämonstratenserabtei
Roggenburg, für deren ab 1752 neu erbaute Kirche, an deren feierlicher
Grundsteinlegung der Maler persönlich teilnahm, er das gesamte, inzwischen
nicht mehr vollständig erhaltene Freskenprogramm sowie 7 Altargemälde,
darunter das Hochaltarbild Mariä Himmelfahrt von 1754, ausführte.
Darüber hinaus wurde K. immer wieder mit größeren und kleineren Dekorationsarbeiten
auch in anderen Räumlichkeiten des Klosters betraut und zwar in solcher
Ausschließlichkeit als quasi »Klostermaler«, daß nicht nur eigene
überzeugende Fähigkeiten vorauszusetzen sind, sondern hierbei auch
entsprechende Einflußnahme seitens des als P. Hermann im Roggenburger
Konvent lebenden älteren Bruders Johann Michael wirksam gewesen sein
dürfte, die sich nach K.s Tod auch auf dessen Maler-Söhne und den
Schüler K. Huber erstreckte. Einer ähnlichen Beziehungssituation hat
wohl auch die Klosterkirche von Polling b. Weilheim ein Seitenaltarbild
mit der Darstellung des Judasverrates von K. (176?) zu verdanken,
bestand doch zwischen dem Propst dieses ehem. Augustinerchorherrenstifts
Franz Töpsl und dem des Wengenstiftes in Ulm, dem nach dem Tod des Onkels 1754 zum Nachfolger gewählten, wissenschaftlich
so bedeutenden ältesten Bruder des Malers, Michael III. Kuen, lebhafter
geistiger Briefaustausch und möglicherweise auch persönliche Bekanntschaft.
Die rege künstlerische Wirksamkeit, die K. fast ausschließlich im
Dienste kirchlicher Auftraggeber entfaltete, blieb geographisch auf
Südwestdeutschland, insbesondere den Ulmer Raum und das Bodenseegebiet
beschränkt und setzt nicht so ohne weiteres den von der Forschung
angenommenen Bekanntheitsgrad K.s voraus, der 1771 zu seiner - quellenmäßig
allerdings nicht gesicherten - Berufung als Akademiedirektor nach
Prag geführt haben soll. Zu seinen bedeutenderen Werken der 50er Jahre
zählen neben den Arbeiten in Roggenburg u. a. die Fresken in der Schloßkapelle
von Illertissen (1751) mit seltenem Selbstporträt und die freskale
Ausmalung der Pfarrkirche St. Ulrich in Eresing b. Landsberg (1756/7).
Glanzpunkte des letzten Lebensjahrzehnt sind die 23 Fresken in der
Schloßkirche zu Erbach (1768) sowie Fresken und Altäre in der Pfarrkirche
Mariä Himmelfahrt in Scheppach b. Günzburg (1769). Nur zwei Aufträge
profanen Charakters sind überliefert (Schloß Tettnang, Schloß Donaurieden),
die ausgeführten Arbeiten aber nur teilweise erhalten. Sein Privatleben
ist relativ unbekannt geblieben, doch ist, auch im Hinblick auf die
enge familiäre Verbindung zum Klerus, eine starke Kirchengebundenheit
K.s anzunehmen. Von seinen mehr als 12 Kindern haben zwei Söhne: Hermann
und Leonhard den Beruf des Vaters ergriffen und später auch in Roggenburg
gewirkt. Als Schüler K.s werden genannt: Johann Baptist Ochs, Enderle
(?) und Konrad Huber. Letzterer heiratete 1773 die Witwe seines Meisters
und führte dessen Werkstatt weiter. K.s Malereien sind stark dynamisch
bewegte, phantasievoll ausgestaltete Figurenszenen von großer räumlicher
Wirkung, die das Tiepolo-Erbe in einer reichen Palette changierender,
sich aus überwiegend roten und braunen Grundfarben entwickelnder Töne
bei glänzend sicherer, elegant-leichter Zeichnung nicht verleugnen.
Werke: Fresken: Vision des Johannes und Drachenkampf des
Erzengels Michael, 1743 (ehem. Augustiner-Chorherrenstiftskirche Stiftskirche
St. Michael zu den Wengen in Ulm, 1944 zerstört); Divina Sapientia,
1744 (Bibliothekssaal der Benediktinerabtei Wiblingen); Jüngstes Gericht.
Verehrung des Kreuzpartikels, 1750 (Pfarrkirche Hl. Kreuz in Mindelzell);
Himmelfahrt und Krönung Mariens. Freiherr von Vöhlin und der Maler.
Apostel und Wappenfolgen, 1751 (Schloßkapelle in Illertissen); Szenen
aus dem Leben des Kirchenpatrons St. Lorenz, 1752 (St. Lorenz Kirche
in Attenhofen b. Ulm); Das Apokalyptische Weib. Der Erzengel Michael
im Drachenkampf. Verehrung des Altarsakramentes durch Rudolf von Habsburg,
1752 (Pfarrkirche St. Michael in Krumbach); Szenen aus dem Leben des
Hl. Andreas, 1753 (St. Andreas Kirche in Heinrichshofen b. Landsberg/Lech);
Verleihung des Skapuliers an den Hl. Norbert, Einführung der Skapulierbruderschaft
in Scheuring, 1753 (Pfarrkirche St. Martin in Scheuring b. Landsberg/Lech);
Himmelfahrt Mariä, 1754. Esther vor Ahasver, 1755 (beide Fresken in
der Wallfahrtskirche Maria Kappel b. Schmiechen); Eresings Patrone
als Fürbitter für die Gemeinde und den Bauherrn, 1756. Gründung der
Skapulierbruderschaft. Ungarnschlacht auf dem Lechfeld, 1757 (alle
Fresken in der Pfarrkirche St. Ulrich in Eresing b. Landsberg/Lech);
Prämonstratenserheilige, Verzückung des Hl. Norbert, Vertreibung des
Heliodor, 1756 (Stiftskirche in Roggenburg); Esther vor Ahasver. Die
4 Erdteile. Salomon und seine Mutter Bathseba, 1763 (ehem. Zisterzienserinnenklosterkirche
Baindt b. Ravensburg); Speisung der Fünftausend, 1766 (Refektorium des Klosters in Roggenburg); David, 1766 ehem. Augustiner-Chorherrenstiftskirche
(Stiftskirche St. Michael zu den Wengen in Ulm); Tod des Hl. Martin,
Rosenkranzfest, Seeschlacht von Lepanto, Engelskonzert, 1768 (Schloßkirche
in Erbach); Verehrung des hl. Altarsakramentes durch das Haus Habsburg,
1769 (Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Scheppach b. Günzburg). -
Gemälde: Mariä Himmelfahrt, 1754 (Stiftskirche in Roggenburg); Verrat
des Judas, 176? (ehem. Augustinerchorherrenstiftskirche Polling b.
Weilheim); Anbetung der Hlg. Drei Könige, 1765 (Stiftskirche in Roggenburg);
Engelssturz, 1766 (ehem. Augustiner-Chorherrenstiftskirche Stiftskirche
St. Michael zu den Wengen in Ulm); Votivbild des Roggenburger Konvents,
1768 (München, Bayer. Nat. Mus.); Hl. Dismas am Kreuz, um 1770 (Roggenburg,
Pfarrhof); Gastmahl der Kleopatra, 1771 (München, Priv. Slg.). -
Zeichnungen (von vielen nur wenige veröffentlicht): Mariä Himmelfahrt,
1743 (Weißenhorn, Heimatmuseum); Die »heiligen Schätze« von Roggenburg,
1758; Titelblatt für die »Ephemerides Hagiologica« des Propstes von
Roggenburg Georg Lienhardt, 1764; Engelskonzert (Entwurf für das 0rgelfresko
in der Schloßkapelle von Erbach), 1768 (Weißenhorn, Heimatmuseum);
Die Muttergottes und der Hlg. Dominikus (Zeichnung nach dem Fresko
Tiepolos in der Gesuati-Kirche in Venedig, Weißenhorn, Heimatmuseum).
Lit.: Eduard Rüber, Die Malerfamilie Kuen von Weißenhorn,
in: Schwäbisches Kunstmuseum l, 1925, 65-83; - Edgar-Werner Kraetzer,
F. M. Kuen, ein schwäb. Rokokomaler des 18. Jhs. (Diss. Masch. Würzburg)
1928; - Adolf Herrmann, F. M. Kuen in Ulm, in: Neue Beiträge zur
Archäologie u. Kunstgeschichte Schwabens, Stuttgart 1952, 210-216;
- Matthias Kunze, F. M. Kuen (1719-1771) und die Venezianische
Malerei (Magisterarbeit Tübingen) 1986; - Franz Tuscher, Das Reichsstift
Roggenburg im 18. Jh., Weißenhorn 1976, s.v. Kuen, Franz Martin; -
Johann Georg Bergmüller 1688-1762. Zur 300. Wiederkehr seines Geburtsjahrs.
Ausstellung im Schloß in Türkheim, Weißenhorn 1988, bes. 110-114;
- ADB XVII, 374 f.; - NDB XIII, 219; - Thieme-Becker
XXII, 66; - KML III, 769 ff.; - Kosch, KD II, 2399 f.; -
LThK VI, 679; - Bénézit VI, 328.