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Band IV (1992) Spalten 755-759 Autor: Ingrid Münch

KUEN, Franz Martin, Maler, * 8.11. 1719 in Weißenhorn b. Ulm als jüngster Sohn des Malers Johann Jakob Kuen und dessen erster Frau Anna, geb. Braunmüller, + 30.1. 1771 ebenda. - Der einer Malerfamilie entstammende K. dürfte seine erste Anleitung und Ausbildung in den Werkstätten von Vater und Onkel (Johann Baptist Kuen) erhalten haben, die beide als Freskanten und - zumindest der Vater - Faßmaler tätig waren. Weitergehende Kenntnisse vermittelte Johann Georg Bergmüller, der seit 1730 amtierende kath. Direktor der städt. Kunstakademie in Augsburg, bei dem K. eine ab etwa 1736 beginnende mehrjährige Lehrzeit absolvierte. Die von Bergmüller und seinen Mitarbeitern bzw. Schülern in den Jahren 1736-1738 geschaffene Ausmalung der Stiftskirche in Diessen/Ammersee könnte dabei erstes größeres Wirkungsfeld K.s gewesen sein. Anfang der 40er Jahre erhielt er wohl dank entsprechender Unterstützung seines Onkels mütterlicherseits, des Propstes Joseph Braunmüller vom Augustinerchorherrenstift St. Michael zu den Wengen in Ulm, den ersten eigenständigen Auftrag zur Ausschmückung der dortigen Klosterkirche. Diese umfangreiche, im 2. Weltkrieg größtenteils zerstörte Arbeit umfaßte neben zahlreichen Fresken auch Altarbilder und zog sich mit Unterbrechungen von 1743- 1766 hin. Eine überragende Probe seines bis dahin erreichten Könnens lieferte der 25jährige K. mit seinem nächsten Werk, dem 1744 ausgeführten prachtvollen Deckengemälde der »Divina Sapientia« im Bibliothekssaal der Benediktinerabtei Wiblingen, das als Höhepunkt seines Jugendschaffens gilt und ihm für die Zukunft die Aufmerksamkeit und Wertschätzung kirchlicher Auftraggeber sicherte. Von 1745-1747 weilte K. in Italien, brieflich bezeugt sind Aufenthalte in Rom und Venedig. Entscheidend für seine weitere künstlerische Entwicklung wurde dabei die Begegnung mit Giovanni Battista Tiepolo und dessen Werk, das den Malstil K.s, besonders hinsichtlich von Komposition und Kolorit, nachhaltig prägte. Verschiedene Zeichnungen aus seiner Italienmappe mit Kopien bekannter wie auch unbekannter, heute verlorengegangener Werke T.s lassen die von der Forschung vermutete zeitweise Mitarbeit K.s in der Werkstatt des venezian. Malers als nicht unhypothetisch erscheinen. Nach seiner Rückkehr aus Italien heiratete K. 1748 Maria Anna Würthin und erwarb gleichzeitig die Meistergerechtigkeit. Der (Wieder-) Eintritt in die berufliche Karriere vollzog sich dank einflußreicher familiärer Protektion ohne Schwierigkeiten und gestaltete sich so erfolgreich, daß K. im 3. Viertel des 18. Jh.s zum gefragtesten Freskanten für sakrale Aufträge im oberschwäbischen Raum avancierte. Am Ende seines Lebens hatte er über 50 Kirchen ausgemalt, oft mehrere in einem Jahr und dürfte zur Bewältigung dieses großen Arbeitspensums wohl auch gelegentlich zusätzliche Mitarbeiter beschäftigt haben wie den für die Freskierung der Pfarrkirche Hl. Kreuz in Mindelzell 1750 archivalisch nachweisbaren Bergmüller Schüler Johann Baptist Enderle. Hauptwirkungsstätte von K.s Schaffen in den 50er Jahren war die Prämonstratenserabtei Roggenburg, für deren ab 1752 neu erbaute Kirche, an deren feierlicher Grundsteinlegung der Maler persönlich teilnahm, er das gesamte, inzwischen nicht mehr vollständig erhaltene Freskenprogramm sowie 7 Altargemälde, darunter das Hochaltarbild Mariä Himmelfahrt von 1754, ausführte. Darüber hinaus wurde K. immer wieder mit größeren und kleineren Dekorationsarbeiten auch in anderen Räumlichkeiten des Klosters betraut und zwar in solcher Ausschließlichkeit als quasi »Klostermaler«, daß nicht nur eigene überzeugende Fähigkeiten vorauszusetzen sind, sondern hierbei auch entsprechende Einflußnahme seitens des als P. Hermann im Roggenburger Konvent lebenden älteren Bruders Johann Michael wirksam gewesen sein dürfte, die sich nach K.s Tod auch auf dessen Maler-Söhne und den Schüler K. Huber erstreckte. Einer ähnlichen Beziehungssituation hat wohl auch die Klosterkirche von Polling b. Weilheim ein Seitenaltarbild mit der Darstellung des Judasverrates von K. (176?) zu verdanken, bestand doch zwischen dem Propst dieses ehem. Augustinerchorherrenstifts Franz Töpsl und dem des Wengenstiftes in Ulm, dem nach dem Tod des Onkels 1754 zum Nachfolger gewählten, wissenschaftlich so bedeutenden ältesten Bruder des Malers, Michael III. Kuen, lebhafter geistiger Briefaustausch und möglicherweise auch persönliche Bekanntschaft. Die rege künstlerische Wirksamkeit, die K. fast ausschließlich im Dienste kirchlicher Auftraggeber entfaltete, blieb geographisch auf Südwestdeutschland, insbesondere den Ulmer Raum und das Bodenseegebiet beschränkt und setzt nicht so ohne weiteres den von der Forschung angenommenen Bekanntheitsgrad K.s voraus, der 1771 zu seiner - quellenmäßig allerdings nicht gesicherten - Berufung als Akademiedirektor nach Prag geführt haben soll. Zu seinen bedeutenderen Werken der 50er Jahre zählen neben den Arbeiten in Roggenburg u. a. die Fresken in der Schloßkapelle von Illertissen (1751) mit seltenem Selbstporträt und die freskale Ausmalung der Pfarrkirche St. Ulrich in Eresing b. Landsberg (1756/7). Glanzpunkte des letzten Lebensjahrzehnt sind die 23 Fresken in der Schloßkirche zu Erbach (1768) sowie Fresken und Altäre in der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Scheppach b. Günzburg (1769). Nur zwei Aufträge profanen Charakters sind überliefert (Schloß Tettnang, Schloß Donaurieden), die ausgeführten Arbeiten aber nur teilweise erhalten. Sein Privatleben ist relativ unbekannt geblieben, doch ist, auch im Hinblick auf die enge familiäre Verbindung zum Klerus, eine starke Kirchengebundenheit K.s anzunehmen. Von seinen mehr als 12 Kindern haben zwei Söhne: Hermann und Leonhard den Beruf des Vaters ergriffen und später auch in Roggenburg gewirkt. Als Schüler K.s werden genannt: Johann Baptist Ochs, Enderle (?) und Konrad Huber. Letzterer heiratete 1773 die Witwe seines Meisters und führte dessen Werkstatt weiter. K.s Malereien sind stark dynamisch bewegte, phantasievoll ausgestaltete Figurenszenen von großer räumlicher Wirkung, die das Tiepolo-Erbe in einer reichen Palette changierender, sich aus überwiegend roten und braunen Grundfarben entwickelnder Töne bei glänzend sicherer, elegant-leichter Zeichnung nicht verleugnen.

Werke: Fresken: Vision des Johannes und Drachenkampf des Erzengels Michael, 1743 (ehem. Augustiner-Chorherrenstiftskirche Stiftskirche St. Michael zu den Wengen in Ulm, 1944 zerstört); Divina Sapientia, 1744 (Bibliothekssaal der Benediktinerabtei Wiblingen); Jüngstes Gericht. Verehrung des Kreuzpartikels, 1750 (Pfarrkirche Hl. Kreuz in Mindelzell); Himmelfahrt und Krönung Mariens. Freiherr von Vöhlin und der Maler. Apostel und Wappenfolgen, 1751 (Schloßkapelle in Illertissen); Szenen aus dem Leben des Kirchenpatrons St. Lorenz, 1752 (St. Lorenz Kirche in Attenhofen b. Ulm); Das Apokalyptische Weib. Der Erzengel Michael im Drachenkampf. Verehrung des Altarsakramentes durch Rudolf von Habsburg, 1752 (Pfarrkirche St. Michael in Krumbach); Szenen aus dem Leben des Hl. Andreas, 1753 (St. Andreas Kirche in Heinrichshofen b. Landsberg/Lech); Verleihung des Skapuliers an den Hl. Norbert, Einführung der Skapulierbruderschaft in Scheuring, 1753 (Pfarrkirche St. Martin in Scheuring b. Landsberg/Lech); Himmelfahrt Mariä, 1754. Esther vor Ahasver, 1755 (beide Fresken in der Wallfahrtskirche Maria Kappel b. Schmiechen); Eresings Patrone als Fürbitter für die Gemeinde und den Bauherrn, 1756. Gründung der Skapulierbruderschaft. Ungarnschlacht auf dem Lechfeld, 1757 (alle Fresken in der Pfarrkirche St. Ulrich in Eresing b. Landsberg/Lech); Prämonstratenserheilige, Verzückung des Hl. Norbert, Vertreibung des Heliodor, 1756 (Stiftskirche in Roggenburg); Esther vor Ahasver. Die 4 Erdteile. Salomon und seine Mutter Bathseba, 1763 (ehem. Zisterzienserinnenklosterkirche Baindt b. Ravensburg); Speisung der Fünftausend, 1766 (Refektorium des Klosters in Roggenburg); David, 1766 ehem. Augustiner-Chorherrenstiftskirche (Stiftskirche St. Michael zu den Wengen in Ulm); Tod des Hl. Martin, Rosenkranzfest, Seeschlacht von Lepanto, Engelskonzert, 1768 (Schloßkirche in Erbach); Verehrung des hl. Altarsakramentes durch das Haus Habsburg, 1769 (Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Scheppach b. Günzburg). - Gemälde: Mariä Himmelfahrt, 1754 (Stiftskirche in Roggenburg); Verrat des Judas, 176? (ehem. Augustinerchorherrenstiftskirche Polling b. Weilheim); Anbetung der Hlg. Drei Könige, 1765 (Stiftskirche in Roggenburg); Engelssturz, 1766 (ehem. Augustiner-Chorherrenstiftskirche Stiftskirche St. Michael zu den Wengen in Ulm); Votivbild des Roggenburger Konvents, 1768 (München, Bayer. Nat. Mus.); Hl. Dismas am Kreuz, um 1770 (Roggenburg, Pfarrhof); Gastmahl der Kleopatra, 1771 (München, Priv. Slg.). - Zeichnungen (von vielen nur wenige veröffentlicht): Mariä Himmelfahrt, 1743 (Weißenhorn, Heimatmuseum); Die »heiligen Schätze« von Roggenburg, 1758; Titelblatt für die »Ephemerides Hagiologica« des Propstes von Roggenburg Georg Lienhardt, 1764; Engelskonzert (Entwurf für das 0rgelfresko in der Schloßkapelle von Erbach), 1768 (Weißenhorn, Heimatmuseum); Die Muttergottes und der Hlg. Dominikus (Zeichnung nach dem Fresko Tiepolos in der Gesuati-Kirche in Venedig, Weißenhorn, Heimatmuseum).

Lit.: Eduard Rüber, Die Malerfamilie Kuen von Weißenhorn, in: Schwäbisches Kunstmuseum l, 1925, 65-83; - Edgar-Werner Kraetzer, F. M. Kuen, ein schwäb. Rokokomaler des 18. Jhs. (Diss. Masch. Würzburg) 1928; - Adolf Herrmann, F. M. Kuen in Ulm, in: Neue Beiträge zur Archäologie u. Kunstgeschichte Schwabens, Stuttgart 1952, 210-216; - Matthias Kunze, F. M. Kuen (1719-1771) und die Venezianische Malerei (Magisterarbeit Tübingen) 1986; - Franz Tuscher, Das Reichsstift Roggenburg im 18. Jh., Weißenhorn 1976, s.v. Kuen, Franz Martin; - Johann Georg Bergmüller 1688-1762. Zur 300. Wiederkehr seines Geburtsjahrs. Ausstellung im Schloß in Türkheim, Weißenhorn 1988, bes. 110-114; - ADB XVII, 374 f.; - NDB XIII, 219; - Thieme-Becker XXII, 66; - KML III, 769 ff.; - Kosch, KD II, 2399 f.; - LThK VI, 679; - Bénézit VI, 328.

Ingrid Münch

Letzte Änderung: 09.06.1998