KOHLMEYER, Wilhelm Heinrich Ernst, Kirchenhistoriker, * 27. März 1882 in Hänigsen (Hannover); † 6. März 1959 in Berchtesgaden-Schönau. - K. stammt aus einem evangelisch-lutherischen Pfarrhaus. Der Sohn des Pastors Ernst Kohlmeyer besucht ab 1896 das königliche Gymnasium in Celle, nimmt Ostern 1901 das Studium der Naturwissenschaften in Freiburg auf, wechselt aber schnell das Fach. Zum Wintersemester 1901 studiert er Theologie in Erlangen, dann in Greifswald und ab 1903 in Göttingen, wo ihn der Religionswissenschaftler Rudolf Otto besonders prägt. Die erste theologische Prüfung legt K. 1906 ab. Daran schließt sich von 1907 bis 1909 der Besuch des Predigerseminars Loccum an. Nach der zweiten theologischen Prüfung ist K. ab Herbst 1909 Pastor in Hannover-Kleefeld, läßt sich aber bereits Ostern 1910 "zwecks weiterer wissenschaftlicher Ausbildung beurlauben." (Kosmos und Kosmonomie bei Christian Wolff, 1911, 175) Am 13. November 1911 wird K. mit einer von Paul Tschackert angeregten und betreuten Arbeit über "Kosmos und Kosmonomie bei Christian Wolff" an der Universität Göttingen für Kirchen- und Dogmengeschichte habilitiert. Hier wirkt er auch als Privatdozent. Ab 1915 ist er a.o. Prof. für Kirchengeschichte in Kiel. 1920 erfolgt, kurz nach der Eheschließung mit Hedwig Steltzer und zeitgleich mit der Ehrenpromotion zum Dr. theol. in Göttingen, die Ernennung zum o. Prof. für Kirchen- und Dogmengeschichte in Kiel. Ab 1915 ist K. zugleich Feldgeistlicher bei der Marine, wird 1918 in Flandern verwundet, 1919 aus dem Heeresdienst entlassen und mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet. 1926 folgt er einem Ruf als Prof. für Kirchen- und Dogmengeschichte nach Breslau. 1930 wird K. in Halle Nachfolger des Kirchenhistorikers Johannes Ficker und hat von 1932 bis zum Wintersemester 1933/34 das Amt des Dekans der Theologischen Fakultät inne. In Halle ist er Mitglied des Professorenzirkels 'Spirituskreis' und gehört zu denjenigen, die sich für die Namensgebung "Martin-Luther-Universität" einsetzen, die 1933 erfolgt. K. engagiert sich für die Deutschen Christen, ist im Juni 1933 z. B. bereit, auf einer Kundgebung der deutschchristlich orientierten halleschen Studentenschaft über "Das gläubige Dennoch der Deutschen Christen" zu sprechen. (Marianne Taatz, Die Theologische Fakultät, 48) Nach dem 'Sportpalastskandal' distanziert er sich von der Bewegung und gehört ihr seit 1934 nicht mehr an, tritt aber dem NSLB und später auch der NSDAP bei. 1935 wird K. im Austausch für den nach Halle zwangsversetzten Ernst Wolf Ordinarius für Kirchen- und Dogmengeschichte sowie Christliche Archäologie in Bonn. Innerhalb der deutschchristlich orientierten Bonner Theologischen Fakultät gilt er als eher gemäßigt und ist daher relativ isoliert. Als Dekan beklagt K. 1940 "die Unfähigkeit der Fakultät, lebenswichtige Differenzen in kollegialer Weise auszutragen." (Günter Schenk, Regina Meyer, Biographische Studien, 413) 1944 läßt er sich krankheitshalber emeritieren, kehrt Ostern 1946 jedoch nochmals für ein Semester nach Bonn zurück. Seine letzten Jahre verbringt K. in Schönau bei Berchtesgaden, wo er am 6. März 1959 verstirbt. - Die Dissertation weist K. als philosophischen Kopf aus. Er zielt darauf, "die Idee des Kosmos" als das "zusammenhaltende Band" der "gesamten Philosophie" Wolffs "zu erweisen", und will dafür "vor der bis jetzt fast völlig fehlenden philosophischen Detailarbeit nicht zurückschrecken" (Kosmos und Kosmonomie bei Christian Wolff, 1911, 8). Motiviert ist die Arbeit darin, "daß die Aufklärungszeit neben der Reformation die Quellen des heutigen Geisteslebens und darum unmittelbar interessante Probleme bietet." (Ebd., 7) In den Veröffentlichungen der 1920er Jahre treten die Reformation und Luther deutlich in den Vordergrund. So rekonstruiert K. etwa den "Gegensatz" Luthers "gegen die Kurie" als "das treibende Motiv" der Adelsschrift (Die Entstehung der Schrift Luthers "An den christlichen Adel deutscher Nation", 1922, 90 f.) und beschäftigt sich mit Luthers Verständnis von Obrigkeit und Kirche. In der Spätphase der Weimarer Republik nennt er es "eine der erfreulichsten Erscheinungen unseres theologischen Lebens, daß wir in der Lutherrenaissance stehen" (Von Augsburg nach Wittenberg, 1930, 22). Die "Periode der Aufklärung und des Idealismus mit den gegenpoligen Idealen des Individualismus und des Kosmopolitismus" gilt ihm hingegen als Urheber "einer geschichtlich nicht lebensfähigen Gemeinschaft humaner Moral und Menschenliebe." (Ebd., 16) Im Herbst 1932 zieht er schließlich eine geschichtstheologische Linie von Luther zu Gustav Adolf von Schweden, die im "Respekt vor der Geschichte" mündet, "wenn sie mit ihren großen Erschütterungen, ihren großen Gestalten schließlich über jedes System, jede einmal geschaffene politische und staatliche Gestaltung hinwegschreitet". (Gustav Adolf und die Staatsanschauung des Altluthertums, 1933, 28). - Theologisch steht K. Erich Seeberg nahe. Dessen Interpretation der Theologie Luthers würdigt er als christologische Korrektur der theozentrischen Lutherinterpretation Karl Holls. Auch teilt er Seebergs harmonisierende Darstellung des jungen und alten Luther, die mit der Auswertung von Luthers Spätschriften einhergeht. Für einige Jahre ist K. Mitherausgeber des 'Archivs für Reformationsgeschichte' und gibt 1953 schließlich mit Heinrich Bornkamm einen umfangreichen Band zum Abendmahlsstreit zwischen Zwingli und Luther im Zeitraum 1529 bis 1536 heraus. - Kirchen- und universitätspolitisch gehört K. ebenfalls zum Kreis um Erich Seeberg. Im November 1934 ist er einer von 15 Theologieprofessoren, die ein von Seeberg initiiertes Schreiben an Adolf Hitler unterzeichnen, in dem die Bemühungen um eine Reichskirche im Sinn "der schicksalhaften Zusammengehörigkeit des deutschen evangelischen Christentums mit der Nationalsozialistischen Bewegung" unterstützt werden. (Thomas Kaufmann, "Anpassung", 2002, 226). 1935 bemüht er sich mit anderen erfolglos, Seeberg auf den Lehrstuhl Karl Barths nach Bonn zu holen. - Das wissenschaftliche Profil K's. würdigt die Theologische Fakultät in Bonn in ihrem Nachruf so: "Kohlmeyer wußte ... sorgfältig philologische Beobachtung und historische Kritik mit einem wachen Sinn für die wirksamen theologischen Leitgedanken zu verbinden. Denn er war auch als Historiker Theologe. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung führte er klar und bestimmt, aber würdig und mit der Bereitschaft zu lernen und, wenn nötig, umzulernen." (Nachruf der Theologischen Fakultät, 1959).
Werke: Kosmos und Kosmonomie bei Christian Wolff. Ein Beitrag zur Geschichte der Philosophie und Theologie des Aufklärungszeitalters, Göttingen 1911 (Abhandlungen der Fries'schen Schule, Neue Folge 3, 11); Die Entstehung der Schrift Luthers "An den christlichen Adel deutscher Nation", Gütersloh 1922; Noch ein Wort zu Luthers Schrift an den Christlichen Adel, in: Zeitschrift für Kirchengeschichte 44 (1925), 582-594; Zu Luthers Anschauungen vom Antichrist und von weltlicher Obrigkeit, in: Archiv für Reformationsgeschichte, Bd. 24 (1927), 142-150; Die Bedeutung der Kirche für Luther, in: Zeitschrift für Kirchengeschichte 47 (1928), 466-511; Von Augsburg nach Wittenberg. Rede gehalten bei der Augustana-Feier am 4. Juli 1930 in der Schloßkirche zu Wittenberg, Halle 1930 (Hallische Universitätsreden, 49); Zur Ideologie des ältesten Papsttums. Succession und Tradition, in Theologische Studien und Kritiken 103 (1931), 230-243; Gustav Adolf und die Staatsanschauung des Altluthertums. Rede anläßlich der Reformationsfeier am 31. Oktober 1932 gehalten in der Aula der Vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg, Halle 1933 (Hallische Universitätsreden, 58); Staat und Kirche in der deutschen Reformation, Bonn 1935 (Bonner Reden und Aufsätze, 3); Die Geschichtsbetrachtung Luthers, in: Archiv für Reformationsgeschichte, Bd. 37 (1940), 150-169; Gustav Adolf und Deutschland, Bonn 1940 (Kriegsvorträge der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn a. Rh., 17); Walter Köhler, Zwingli und Luther. Ihr Streit über das Abendmahl nach seinen politischen und religiösen Beziehungen, Bd. 2: Vom Beginn der Marburger Verhandlungen 1529 bis zum Abschluß der Wittenberger Konkordie 1536, hrsg. von Ernst Kohlmeyer und Heinrich Bornkamm, Gütersloh 1953 (Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte, 7).
Quellen und Literatur: Nachruf von 1959 der Theologischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, in: Archiv der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, UAB PA Kohlmeyer; - Kurt Meier, Die Theologischen Fakultäten im Dritten Reich, Berlin/New York 1996; - Hans-Paul Höpfner, Die Universität Bonn im Dritten Reich. Akademische Biografien unter nationalsozialistischer Herrschaft, Bonn 1999 (Academia Bonnensia, 12); - Thomas Kaufmann, "Anpassung" als historiographisches Konzept und als theologiepolitisches Programm. Der Kirchenhistoriker Erich Seeberg in der Zeit der Weimarer Republik und des 'Dritten Reiches', in: Ders., Harry Oelke, Evangelische Kirchenhistoriker im Dritten Reich, Gütersloh 2002 (Veröffentlichungen der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie, Bd. 21); - Marianne Taatz, Die Theologische Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg im Nationalsozialismus, in: Hallische Beiträge zur Zeitgeschichte, 13, Halle 2003, 33-62; - Kohlmeyer, Wilhelm Heinrich Ernst, in: Günter Schenk, Regina Meyer, Biographische Studien über die Mitglieder des Professorenzirkels "Spirituskreis", Halle 2007, 410-416; - http//www.catalogus-professorum-halensis.de/kohlmeyer ernst.html.