LA TOUR, Georges de, Maler, bedeutendster Vertreter des französischen Caravaggismus. * 1593 Vic-sur-la-Seille, Lothringen, als Sohn des Bäckermeisters Jean de la T. und der Sibylle Mélian, † 30.1. 1652 Lunéville (Meurthe-et-Moselle). - G.d.L.T. ist einer der Künstler, die erst im 20. Jh. wiederentdeckt wurden. Berühmt wurde er vor allem als Maler von Nachtstücken. Sein heute gesichertes Œuvre umfaßt wenig mehr als 20 Bilder, ist jedoch von so großer Qualität und Eindringlichkeit, daß es ihn zu einem der bedeutendsten französischen Maler des 17.Jh. macht. L.T. war das zweite von sieben Kindern, von seiner Kindheit und Lehrzeit weiß man nichts, auch nicht, wie der aus einer einfachen Handwerkerfamilie stammende Georges zur Malerei kam. 1618 heiratete er in der kleinen lothringischen Stadt Lunéville Diane Le Nerf, die Tochter eines Noblen, Finanzverwalter des Herzogs von Lothringen. Bald kommt der äußerst geschäftstüchtige und ehrgeizige junge Maler zu Ruhm und Wohlstand und unterhält eine große Werkstatt mit zahlreichen Gehilfen. Der bevorzugt in Lunéville residierende Herzog Heinrich II. v. Lothringen kauft ihm schon 1623 einen Hl. Petrus ab. L.T. wird Vater von mindestens 10 Kindern. In den 30er Jahren wüten Pest und Krieg in Lothringen, die Soldaten Ludwigs XIII. überziehen das Land. 1638 geht die Stadt in Flammen auf und wahrscheinlich auch das meiste von L.T.s Jugendwerken. 1639 erwähnt ihn eine Urkunde als offiziellen Maler Ludwigs XIII. ("peintre ordinaire du Roy"), L.T. dürfte sich also zu jener Zeit in Paris befunden haben. 1643 ist er wieder in Lunéville und gliedert auch seinen Sohn Etienne in den Werkstattbetrieb mit ein. Bereits 1644 wird L.T. als "peintre fameux" bezeichnet, und Ende des Jahres führt er das erste einer Reihe von Gemälden meist sakralen Inhalts aus, die die Stadt dem lothringischen Gouverneur, Marschall de La Ferté alljährlich als Jahresgabe für seine Sammlung schenkt. 1652 wird L.T. mit seiner Frau von einer Epidemie dahingerafft. - Obwohl es infolge geringer Themen und Stilvarianz schwierig ist, sein Werk chronologisch zu gliedern, zumal nur zwei Bilder datiert sind, gehören seine Tagstücke wohl sämtlich in die Zeit vor 1635. Zu den wenigen erhaltenen aus dieser Phase gehören ein hl. Hieronymus und die beiden Falschspieler-Halbfigurengruppen, die in direktem Bezug zum Themenkanon des Caravaggio-Umkreises stehen. Schon hier zeigt sich L.T.s glatte Oberflächenbehandlung bei starker Betonung der Plastizität, der ausgewogene Bildaufbau und ein oft schonungsloser Naturalismus, so bei der Darstellung der faltigen Haut des alten Hieronymus. Ebenfalls aus der Frühzeit (zwischen 1620-30) stammt ein in mehreren Werkstattrepliken existierender "Drehleierspieler", ein Genrestück, das stilistisch lange für eine spanische Arbeit gehalten wurde. Ab 1635 malte L.T. nur noch Nachtstücke: Menschen in nächtlichen Innenräumen, die nur partiell von Fackel- oder Kerzenlicht erhellt werden. Diesen Bildern eignet ein stilles, in sich gekehrtes Eigenleben an, unterstützt durch die Beschränkung von Figuren, Details und Farbgebung. Form und Inhalt auf das Wesentliche konzentriert, die Farbskala reduziert auf fast monochrome braun- weiß tonige Hell-Dunkelwerte, nur dominiert von warmem Zinnoberrot, schafft der Maler Seelenräume, in denen sich die beleuchteten Figuren, vor allem deren Gesichtskontur, in eigenartiger Präsenz konstrastiv vom umgebenden Dunkel abheben. Die Komposition ist stets von strenger Schlichtheit und mutet in der Reduktion oft beinah modern an. Ebenso erstaunlich wie L.T.s Vorliebe für die Helldunkel-Malerei, als die europäische Kunst längst wieder davon abgerückt war, ist auch seine radikale Themenbeschränkung in einem Jahrhundert, das so großen Wert auf künstlerische Invention und eine abwechslungsreiche Darstellungsgabe legte. Es fehlen die damals üblichen "gelehrten Themen", es gibt kein Porträt, keine Landschaft, kein Stilleben, keine mythologische Darstellung, nur Genrestücke und religiöse Sujets. Und auch diese variiert er nur, bringt Repliken mit kleinen Abwandlungen (vgl. die beiden Falschspielergesellschaften), benutzt wenige Modelle, die er wie Caravaggio immer wieder einsetzt. So ist seine Magdalena zugleich auch die "Frau mit dem Floh", der Jesusknabe vom "Hl. Josef als Zimmermann" zugleich der Engel aus "Der Engel erscheint dem hl. Josef". Die Themen selbst sind sämtlich dem Caravaggismus entlehnt, nur im letztgenannten Bild gibt es eine ikonographische Neuerung. Dadurch, daß die biblischen Szenen fast immer auch als Szenen aus dem Alltagsleben interpretiert werden können, gewinnen sie eine Doppeldeutigkeit, die schon den Bildern Caravaggios eigen war. Diese kommt auch dadurch zustande, daß L.T. im Gegensatz zu den Utrechter Caravaggisten weitgehend auf signifikante Attribute verzichtet. Zwei Frauen in versunkener Betrachtung eines Wickelkindes können so als eine "Geburt Christi" verstanden, genau so aber auch mit "Das Neugeborene" betitelt werden. Einige Darstellungen, besonders die "Beweinung des hl. Sebastian" knüpfen direkt an Caravaggios römische Werke an, doch konnte die durch eine Archivnotiz genährte Vermutung, daß L.T. in seiner Jugend als Schüler des Guido Reni in Rom gewesen und dort in direkten Kontakt mit den ital. und ndl. "Tenebrosi" wie ter Brugghen und Honthorst getreten sein soll, von der Forschung bislang nicht verfiziert werden.
Werke: Alter Mann, San Francisco, De Young Memorial Mus.; Alte Frau, ebd.; Der hl. Petrus, 1624; Der hl. Judas Thaddäus, Albi, Mus. Toulouse-Lautrec; Der hl. Jakobus d. J., ebd.; Schlägerei zw. Bettelmusikanten, Malibu, Paul Getty Mus.; Drehleierspieler, Nantes, Mus. des Beaux-Arts (zw. 1620-30?); Der hl. Thomas, Frankreich, Privatbes.; Der büßende hl. Hieronymus mit Kardinalshut, Stockholm, Nat. Mus.; Der hl. Hieronymus mit Heiligenschein, Grenoble, Mus. des Beaux-Arts; Der Falschspieler mit Kreuz-As, Genf, Privatbes.; Der Falschspieler mit Karo-As, Louvre, um 1619-20?; Die Wahrsagerin, NY, Met.Mus. (30er Jahre); Die büßende Magdalena, Paris, Slg. Fabius; Büßende Magdalena, Paris, Louvre; Magdalena der zwei Flammen, NY, Slg. Wrightsman; Magdalena mit der Öllampe (Treff'sche Magdalena), Paris, Louvre; Der hl. Joseph als Zimmermann, Paris, Louvre, um 1638-40; Der Engel erscheint dem hl. Joseph, Nantes, Mus. des Beaux-Arts; Hiob und seine Frau, Epinal, Mus. Départemental des Vosges; Flöhesuchende Frau, Nancy, Mus. Historique Lorrain; Geburt Christi/ Das Neugeborene, Rennes, Mus. des Beaux-Arts; Der hl. Alexius, 1648; Der hl. Sebastian, Berlin, 1649; Beweinung des hl. Sebastian, Broglie, Pfarrkirche, 1634-43?; Petrus verleugnet Christus, 1650, Nantes, Mus. des Beaux-Arts; Die Reue des hl. Petrus, Cleveland, Mus. of Art.
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Ingeborg Dorchenas
Letzte Änderung: 09.04.2011