LAKANAL, Joseph, französischer Bildungs- und Wissenschaftspolitiker,
* 14.7. 1762 in Serres als Sohn eines Schmieds, + 17.2. 1845
in Paris. Nach dem Eintritt in ein Oratorianerkolleg, wahrscheinlich
in Toulouse, wurde L. mit 18 Jahren Grammatiklehrer der Kongregation
in Lectoure, danach lehrte er in Moissac, Gimont und Castelnaudary,
Périgeux und Bourges. Beim Ausbruch der Revolution war L. Lehrer für
Logik in Moulins. Er war docteur ès arts der Universität von Angers.
- Nachweislich war L. im Priesterseminar von St-Magloire. Später
beteuerte er immer, nie eine Messe gelesen oder die Beichte gehört
zu haben. Trotzdem wird er wohl zum Priester geweiht worden sein (Dominique
Julia). Immerhin legte er am 30. Mai 1791 den Eid auf die Zivilverfassung
ab und wurde im selben Jahr vicaire épiscopal des konstitutionellen
Bischofs vom Ariège Bernard Font. Am 5. Frimaire II (25.11. 1793)
schwor er seinem Klerikerstand ab. - 1792 wurde L. vom Département
Ariège in den Konvent gewählt und wurde Mitglied des Comité d'Instruction
publique und auch Präsident dieses Ausschusses. L. setzte sich konsequent
gegen den Vandalismus ein, der alle Überreste und Zeichen des Ancient
Régime ungeachtet ihrer künstlerischen und wissenschaftlichen Bedeutung
zerstören wollte. So argumentierte er gegen die Zerstörung von Denkmälern
und bewirkte, daß der Jardin royal des plantes als ein Muséum national
d'histoire naturelle erhalten blieb. Die Auflösung der Akademien 1793
konnte er hingegen nicht verhindern. - Auf Pläne oder Mitwirkung
L.s gingen zahlreiche kultur- und wissenschaftspolitische Entscheidungen
des Konvents zurück, so das Gesetz über das literarische und künstlerische
Eigentum vom 19. Juli 1793. Ebenfalls im Juli 1793 setzte sich L.
für die Errichtung der ersten Telegraphen ein, im August für eine
Reform des Pariser Observatoriums. Von Oktober 1794 bis Juni 1795
bereitete L. die Dekrete vor, mit denen die École normale, die École
des langues orientales, das Bureau des longitudes und die écoles primaires
und écoles centrales eingerichtet wurden. Als Mitglied des Rates der
Fünfhundert organisierte L. das Institut national (später Institut
de France) und wurde Mitglied seiner zweiten Klasse, der section de
la morale. - Am 29. Fructidor II (15.9. 1794) begründete L. die
Aufnahme Rousseaus in das Pantheon. - Vom Konvent und später vom
Direktorium wurde L. mehrmals als Gesandter in die Provinz und an
die Kriegsfront geschickt. 1798 war er zum Beispiel im Département
Rhin und nahm an der Verteidigung von Mainz gegen die Alliierten teil.
- L.s politische Tätigkeit war mit dem Herrschaftsantritt Napoleons
zu Ende. Nach Lehrtätigkeiten in Paris wurde er inspecteur général
des poids et mesures. Die Restauration beraubte L. seines Sitzes im
Institut national. Da L. 1793 im Konvent für den Tod des Königs gestimmt
hatte, fiel er 1816 unter das Gesetz, das alle Königsmörder des Landes
verwies. L. emigrierte in die Vereinigten Staaten. 1822 wurde er Präsident
der Universität von New-Orleans, eine Stelle, die er schon 1823 auf
Druck der ortsansässigen katholisch und bourbonisch gesonnenen Franzosen
aufgeben mußte. 1830 versuchte er vergeblich, Präsident der Universität
von Alabama zu werden. Die liberale Juli-Monarchie vergaß zunächst
den emigrierten Bildungspolitiker L. Erst 1834 erhielt er als ehemaliges
Mitglied des Institut national einen Sitz in der Académie des sciences
morales et politiques. Aber erst 1837 kehrte L. nach Frankreich zurück.
Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte L. in Paris.
Werke: Vollständiges Verzeichnis siehe Catalogue de la
Bibliothèque nationale, Bd. 86, 795-799; vor allem: Exposé sommaire
des travaux de Joseph Lakanal,... pour sauver, durant la Révolution,
les sciences, les lettres et ceux qui les honoraient par leurs travaux...,
Paris 1838; Convention nationale, rapport sur le thélégraphe [sic]
du citoyen Chappe, fait par Lakanal, au nom du Comité d'instruction
publique et de la commission nommée par le décret du 27 avril dernier,
Imprimé par ordre de la Convention nationale (25 juillet 1793), Paris
s.d.
Lit.: Isidore Geoffroy St-Hilaire, Art. Lakanal,
Joseph, in: (Michaud), Biographie universelle ancienne et moderne,
Paris nouvelle édition, Paris 1854 ff.; Bd. 22, 592 ff.; - Édouard
Guillon, L. et'l'instruction publique, Paris 1881; - Henry Jouin,
Lakanal en Amérique d'après sa correspondance inédite, Besançon 1904;
- J. Eros, Lakanal et l'éducation nationale, Paris 1912; -
Henri Labroue, La mission du conventionnel Lakanal dans la Dordogne
en l'an II (octobre 1793 - août 1794), Paris 1917; - J.C. Dawson,
A french Regicid in Alabama 1824-1837, Tuscaloosa, Alabama 1939; -
Dominique Julia, Art. Lakanal, Joseph, in: Soboul, A. (+) (Hrsg.),
Dictionnaire historique de la Révolution française, Paris 1989, 631 ff.
Martin Papenheim
Letzte Änderung: 09.04.2011