LAMI (LAMY), François, Benediktiner (1636-11.4. 1711). - L. wurde
im Schloß Monthireau in der Perche (Normandie) als Sproß einer adligen
Familie geboren. Sein Vater war Messire Charles Lami, Seigneur und
Baron de Monthireau, seine Mutter Isabelle de Graffard, welche, nach
dem frühen Tod ihres Mannes, den Marquis Jean d' Angennes, Seigneur
de Fontaines-Riant, in zweiter Ehe heiratete. Seine Schwester Elisabeth
war die spätere Gräfin de Durcet, seine Halbschwester Catherine die
spätere Gräfin d' Haqueville, Mutter des Feldmarschalls de Montesquiou.
L. erhielt seine erste Erziehung zu Hause und hatte als Lehrer einen
gewissen Rouhaut, der sich später in der medizinischen Fakultät von
Paris einen Namen machte. Er studierte anschließend Literatur und
Philosophie in Paris. Er trat dann in den Militärdienst ein und nahm
an einer Expedition unter dem Herzog de Richelieu teil. Als er einmal
duellieren mußte, fing angeblich die Ordensregel des hl. Benedikt,
die er zufällig in der Tasche hatte, einen gefährlichen Hieb des Gegners
auf. Durch dieses Ereignis offenbar beeindruckt, quittierte L. 1658
den Militärdienst, um in den Orden der Benediktiner (Congrégation
de Saint-Maur) einzutreten. Sein Noviziatjahr verbrachte er im Kloster
S.Remi in Reims, sein Gelübde legte er am 30. Juni 1659 ab. Anschließend
diente er im Kloster Saint Faron in Meaux, wo er sich mit dem berühmten
Kanzelredner und späteren Bischof von Meaux, J.B. Bossuet, befreundete.
In der Zwischenzeit wurde L. von der Kongregation beauftragt, Philosophie
und Theologie in den Klöstern des Ordens zu unterrichten. In den Jahren
1672-1675 unterrichtete er in den Klöstern des Berges Saint Quentin
und im Kloster Saint Médard in Soissons, in den folgenden drei Jahren
in Saint Germain des Prés. Während dieser Zeit entdeckte L. die Philosophie
von R. Descartes, die damals als sehr modern galt, und führte sie
als erster Philosophiedozent überhaupt in den öffentlichen Unterricht
ein. Dies kostete ihm aber seinen Posten, da er bald durch königliches
Dekret Lehrverbot erhielt. In der Folgezeit (1687 und später) verbrachte
er einige Jahre in Rebais, anschließend kam er in das berühmte Kloster
Saint Denys, wo er bis zu seinem Tode blieb. Dort besuchten ihn namhafte
Gelehrte seiner Zeit, wie Bossuet, Fénelon u.a., die seine Meinung
über wichtige Fragen hören wollten. Während der Vorbereitung der Augustinedition
konsultierte ihn der Herausgeber Thomas Blampin des öfteren über schwierige
Stellen des Textes. In seinem Briefwechsel mit Fenelon besprach L.
wichtige Fragen der Religion. Während der letzten Jahre seines Lebens
litt er stark an Asthma.
Werke: Pater L. war ein Meister in der Kunst, die christliche
Religion durch philosophische Beweise zu untermauern. So hat er auch
versucht, atheistische Theorien seiner Zeit (von Spinoza u.a.) zu
widerlegen. Er hat sich außerdem durch seinen sprachlichen Ausdruck,
vor allem in seinen Briefen, hervorgetan und dem französischen epistolographischen
Stil neuen Glanz verschafft. Von seinen zahlreichen Schriften seien
hier folgende wichtige Arbeiten erwähnt: 1) De la connoissance de
soi-même, Bd. 1-6 (Bd. 1-2: Paris 1694; Bd. 3-4: 1697; Bd. 5-6: 1698;
zweite, neubearbeitete Auflage: Paris 1700). Das Werk zerfällt in
drei Teile und gilt als gründliche Einführung in das asketische Leben.
2) Sentimens de piété sur la profession religieuse, applicables à
la profession des Chrétiens dans le Baptême. Paris 1697. Das Buch
wird oft als sein Meisterwerk bezeichnet. 3) Vérité évidente de la
Religion chrétienne, ou Élite de ses preuves, et de celles de sa liaison
avec la divinité de Jesus-Christ. Paris 1694. Das Buch ist der Prinzessin
de Salm gewidmet. Es handelt sich um eine Streitschrift gegen den
Jesuiten Carascoet. 4) Le nouvel Athéisme renversé, ou Réfutation
du systême de Spinosa, tirée pour la plupart de la connoissance de
la nature de l' homme. Paris 1696 (zweite Auflage: Bruxelles 1711,
zusammen mit der Abhandlung von F. Fénelon, Réfutation de Benoît de
Spinosa). Es handelt sich um eine Auseinandersetzung mit dem philosophischen
System von Spinoza. 5) Lettres du R.P. Lami, Religieux Bénédictin,
pour repondre à la critique du R.P. Malebranche, prêtre de l' Oratoire,
sur les trois derniers éclaircissemens de la connoissance de soi-même
touchant l' amour désintéressé. Paris 1699. In den Briefen setzt sich
L. mit Malebranche, der ihn des Quietismus bezichtigt hatte, auseinander.
6) Lettres théologiques et morales sur quelques sujets importants.
Paris 1708. Acht Briefe moralischen Inhalts. 7) De la connoissance
et de l' amour de Dieu, avec l' art de faire un bon usage des afflictions
en cette vie. Paris 1712. Die Abhandlung zerfällt in zwei Teile: Im
ersten Teil wird die Existenz Gottes theologisch bewiesen, im zweiten
werden die christlichen Tugenden von der Liebe Gottes abgeleitet.
Lit.: R.-P. Tassin, Histoire littéraire de la Congrégation
de Saint-Maur, ordre de S. Benoît. Paris 1770, 351 f.; - H. Wilhelm/U.
Berlière/A. Dubourg/A.M.P. Ingold, Nouveaux Supplément à l'Histoire
Littéraire de la Congrégation de Saint-Maur, I. Paris 1908, 319 f;
- C. de Lama, Bibliothèque des écrivains de la Congrégation de
Saint-Maur. München 1882 (Nachdr. Genf 1971), 103 f.; - E. de
Broglie, Mabillon et la société de l' abbaye de Saint-Germain des
Prés. Paris 1888, I 23 f.; II 145 f.; - J. Baudot, in: DTC 8 (1924)
2552 f.