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Band IV (1992) Spalten 1052-1054 Autor: Hildegard Ernst

LAMORMAINI, Wilhelm, SJ, Beichtvater Kaiser Ferdinands II., * 29.12. 1570 in La Moire Mannie (Belg. Luxemburg), † 22.2. 1648 in Wien. - Der Bauernsohn L. besuchte die Jesuitenkollegien in Trier und Prag. Als Doktor der Philosophie trat er 1590 ins Noviziat der Jesuiten zu Brünn ein, studierte 1592-96 Theologie in Wien und empfing 1596 in Preßburg die Priesterweihe. 1598-1604 lehrte L. an der Jesuitenuniversität in Graz zunächst Philosophie, dann (1606-14) Theologie und wurde 1613 zum dortigen Rektor berufen. 1622 wurde L. Rektor des Jesuitenkollegs in Wien. 1624 bestellte ihn Ferdinand II. zu seinem Beichtvater. 1639-43 war L. wieder Rektor des Jesuitenkollegs in Wien und wurde 1643 Oberer der österreichischen Ordensprovinz. - L. war ein kompromißloser Kämpfer für die Gegenreformation. Durch seinen großen Einfluß auf den Kaiser erreichte er es, daß die Jesuiten in den habsburgischen Erblanden zahlreiche Kollegien neu gründen oder reaktivieren und einige Universitäten kontrollieren konnten. - Im Zusammenhang mit dem Restitutionsedikt spielte L. eine für das Reich verhängnisvolle Rolle: Auf Drängen der katholischen Kurfürsten bestimmte Ferdinand II. 1629, daß das Kirchengut, das nach 1552 in protestantischen Besitz gekommen war, an die Katholiken zurückzugeben sei. L. hat den Kaiser in seiner Auffassung bestärkt, daß er vor Gott verpflichtet sei, die von Wallenstein erkämpfte Machtstellung für die Beförderung des Katholizismus im Reich ohne Rücksicht auf politische Erwägungen zu nutzen. Auch als bald danach offensichtlich war, daß durch das Edikt die Chance zum Frieden vertan und der kaiserliche Erfolg verspielt war, hielt L. an seiner Haltung fest. - L.s Ideal war eine Koalition der katholischen Mächte gegen die Protestanten. Deshalb versuchte er, allerdings vergeblich, den Kaiser vom Eingreifen in den Mantuanischen Erbfolgestreit zwischen Frankreich und Spanien abzuhalten. In seinem Bemühen, Bayern, Frankreich und den Kaiser in einem antiprotestantischen Bündnis zu vereinen, brachte er Ferdinand II. dazu, auf dem Regensburger Kurfürstentag 1630 den bayerischen und französischen Wünschen nachzukommen: Wallenstein wurde seines Kommandos enthoben und in Mantua wurde der französische Kandidat bestätigt. Trotz dieser Zugeständnisse, die die kaiserliche Machtstellung stark einschränkten, waren die Kurfürsten nicht bereit, den Sohn des Kaisers, Ferdinand (III.), zum Römischen König und damit zum Nachfolger auf dem Kaiserthron zu wählen. Ein Jahr nach Erlaß des Restitutionsedikts stand der Kaiser ohne Heer, ohne Nachfolger und ohne Rückhalt bei den Kurfürsten da. - L.s kompromißlose antiprotestantische Politik lief den Zielen Philipps IV. von Spanien diametral entgegen. Der Neffe Ferdinands II. strebte einen Ausgleich zwischen Katholiken und Protestanten im Reich an, weil er der Illusion nachhing, der Kaiser und die Reichsfürsten würden, sobald im Reich der Friede hergestellt sei, den Reichskrieg gegen die Vereinigten Provinzen der Niederlande, die sich von Spanien losgesagt hatten, und den mit diesen verbündeten König von Frankreich erklären. Der spanische Botschafter Oņate beförderte deshalb nach Kräften den Frieden mit Sachsen (Prager Friede 1635) und sah sich in diesem Bemühen wiederum von L. behindert, der jeden Kompromiß mit den Protestanten ablehnte. L.s Einfluß war aber inzwischen stark zurückgegangen. Der Kaiser war jetzt, trotz der Vorhaltungen seines Beichtvaters, bereit, auf die praktische Durchführung des Restitutionsedikts zu verzichten, um den Frieden mit den protestantischen Fürsten zu erreichen. - Für die spanischen Diplomaten war L. immer ein großes Hindernis gewesen und sie hatten Auftrag, alles zu versuchen, um ihn für ihre Politik zu gewinnen. L. war aber offensichtlich unbestechlich. Mit Ferdinands II. Tod 1637 endete auch L.s Wirken am kaiserlichen Hof.

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Werke: Ferdinandi II. Romanorum Imperatoris Virtutes. Wien 1638. Auch unter dem Titel: Idea Principis Christiani. Köln 1638 u. 1658, Linz 1671. Deutsche Übersetzung von J.J. Curtius SJ: Tugenden Kayser Ferdinandi II. Wien 1638. Abgedruckt bei Franz Ch. Khevenhüller: Annales Ferdinandei, Bd. XII. Leipzig 1726, Sp. 2381-2468; Autobiographie, ed. Franz Christoph Khevenhüller: Annales Ferdinandei, Bd. XI, Leipzig 1623, Sp. 595-601; Korrespondenz mit Ferdinand II., ed. B. Dudik: AÖG 54 (1876), 228-350.

Lit.: Rudolf Stiegele: Beiträge zu einer Biographie des Jesuiten Wilhelm Lamormaini. In: Histor. Jahrb. 28 (1907) 551-569, 849-870; - B. Duhr: Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge, 2 (1911); - Andreas Posch: Zur Tätigkeit und Beurteilung L.s. In: MIÖG 63 (1955) 375-390; - Robert Bireley: Religion and Politics in the Age of Counterreformation, Emperor Ferdinand II, William Lamormaini SJ, and the Formation of Imperial Policy, 1981; - ADB 17; - ECatt VII 866 f.; - Biographie nationale du pays de Luxembourg V, 265-297; - Biographisches Wörterbuch zur deutschen Geschichte II, 1578 f.; - Neue deutsche Biographie XIII, 452 f.; - Lexikon für Theologie und Kirche VI.

Hildegard Ernst

Literaturergänzung

2009

Robert Bireley, The image of Emperor Ferdinand II (1619-1637) in William Lamormaini, S.J.'s "Ferdinandi II Imperatoris Romanorum virtutes" (1638), in: ASHI 78.2009,155, S. 121-140.

Letzte Änderung: 09.04.2011