LANG, Matthäus, Kardinal, Staatsmann und Diplomat, * 1468 in Augsburg,
+ 30.3. 1540 in Salzburg. - L. entstammte einer verarmten
Augsburger Patrizierfamilie. Daß er ein unehelicher Sohn des Kaisers
Maximilian I. gewesen sei, gehört in den Bereich der Phantasie, vor
allem, wenn man bedenkt, daß dieser im Jahre 1459 geboren wurde. Durch
seine Mutter, Margaretha Sulzer, war L. mit der Familie Fugger verwandt.
Die Kindheit L.s verlief unter eher drückenden Verhältnissen. Erst
seit 1474 hat sich die Situation gebessert, als die Familie durch
eine Erbschaft Geld und einen Anteil an der Wellenburg bei Augsburg
bekam. Dadurch änderte sich auch die soziale Stellung der Familie,
da der Vater Hans L. bald danach Mitglied des Rates der Stadt Augsburg
wurde. Der junge L. wurde als Chorknabe in Ingolstadt bei Herzog Georg
untergebracht. An der dortigen Universität begann er auch seine Studien,
die er im Jahre 1486 mit dem Baccalaureat abschloß. Weitere Studien
führten ihn nach Tübingen, wo er 1490 den Magistergrad erwarb und
nach Wien, wo er nachweislich im Jahre 1493 immatrikuliert war. Es
scheint aber, daß L. als Student noch weiter herumgekommen ist, wohl
auch nach Italien und Frankreich, da er beide Sprachen recht gut beherrschte.
Vermutlich vor dem Wiener Studienaufenthalt hat er seine erste öffentliche
Stellung bekleidet. Er war in die Dienste des Mainzer Erzkanzlers
und Erzbischofs Berthold von Henneberg getreten, der damals einer
der einflußreichsten Männer des Reiches gewesen ist. Durch seinen
Einfluß wurde L. wohl an Kaiser Maximilian I. empfohlen. Dieser erteilte
ihm nämlich am 18.12. 1494 die »licentia doctorandi« für Zivilrecht.
L. hatte also wahrscheinlich vor, die Hochschullaufbahn einzuschlagen.
Doch als der Kaiser einen eigenen Sekretär suchte und L. diese Stellung
anbot, nahm er das Angebot an. Neben dem Erzbischof Berthold hatte
L. einen weiteren einflußreichen Förderer, den bayerischen Herzog
Georg. Wenn die Gerüchte stimmen, so hatte dieser ein Verhältnis mit
L.s Schwester Apollonia und war ihm dadurch auf besonders delikate
Weise verpflichtet. Unabhängig von derlei Protektion aber besaß L.
hohe geistige Fähigkeiten als Voraussetzung für sein Amt. Seine Stellung
als persönlicher Sekretär des Kaisers verschaffte L. bald großen Einfluß,
insbesondere da Maximilian ihm uneingeschränktes Vertrauen entgegenbrachte.
In Verbindung mit L.s grenzenlosem Ehrgeiz mußte dies zu Konflikten
führen. Dies war etwa der Fall beim Erzbischof Berthold, der sich
bald offen gegen ihn wandte. Andererseits gelang es ihm, durch geschicktes
Taktieren sich wichtige Persönlichkeiten durch Einbeziehung in seine
eigenen Interessen zu verpflichten, ihre Freundschaft zu gewinnen
oder zu erhalten. Da sein Gehalt als Sekretär sehr gering war, sorgte
L. durch Forderung und Annahme von Bestechungsgeldern für die materielle
Voraussetzung, den von ihm gewünschten aufwendigen Lebensstil zu führen.
Seine große Geschicklichkeit bei der Durchführung übertragener Aufgaben
und diplomatischer Missionen brachte L. bald erste Ehren ein. Im Jahre
1498 wurde er Kammersekretär und am 29. August desselben Jahres erhob
ihn Maximilian in den erblichen Adelsstand. L. nannte sich von da
an »von Wellenburg«. Mit dem Jahr 1500 begann dann schließlich seine kirchliche Karriere, als er gegen den Willen des Domkapitels
Dompropst von Augsburg wurde. Am 19.11. 1501 erhielt er den Rang eines
kaiserlichen Rates. Im gleichen Jahr wurde er auch als Koadjutor des
Bischofs von Gurk, Kardinal Raimund Peyraudi, eingesetzt. In der Folgezeit
»sammelte« L. geradezu Pfründen. So war er auch Propst in Konstanz,
besaß Kanonikate in Aschaffenburg und Eichstätt und eine größere Anzahl
von Pfarren. Nach dem Tod Peyraudis im Jahre 1505 wurde L. zum Bischof
von Gurk ernannt. In den folgenden Jahren wirkte L. erfolgreich als
Diplomat. Sein erster großer Erfolg war der Abschluß der Liga von
Cambrai mit Frankreich im Jahre 1508. Beim mißglückten Romzug des
Kaisers Maximilian im gleichen Jahr verkündete er dessen Erwählung
zum römischen Kaiser im Dom zu Trient. Im Jahre 1512 führte er die
Verhandlungen für eine erneute Annäherung zwischen Kaiser und Papst
und 1515 schließlich brachte er die Heiratsverhandlungen des Hauses
Habsburg mit Ungarn durch den »Wiener Vertrag« zum Abschluß. Bereits
ein Jahr zuvor war er von Papst Julius II. zum Kardinaldiakon von
Sant'Angelo ernannt worden. Ebenfalls im Jahre 1515 wurde L. zum Koadjutor
des Erzbischofs von Salzburg mit dem Recht der Nachfolge bestimmt.
Dieses Amt hat er dann auch nach dem Tode Erzbischof Leonhards im
Jahre 1519 angetreten. Erst bei seinem Amtsantritt am 26. September
1519 hat L. in Salzburg die Priester- und Bischofsweihe empfangen.
Seitdem hat er auf die Reichspolitik keinen so großen Einfluß mehr
ausgeübt. Vielmehr hat er nun die Amtsgeschäfte in seiner Diözese
fest in die Hand genommen. Sein Episkopat war vor allem charakterisiert
durch die Auseinandersetzung mit den Anhängern Martin Luthers. Dabei
erwies sich L. von Anfang an als ein entschiedener Gegner der Reformation.
Bereits im Jahre 1520 hat er deshalb den Prediger Speratus vom Stift
St. Peter des Landes verwiesen. Dessen Nachfolger wurde Johann Staupitz,
der frühere Freund und Lehrer Luthers. L. hat ihn im Jahre 1522 sogar,
nach dessen Austritt aus dem Augustinerorden und Eintritt in den Benediktinerorden,
als Abt von St. Peter, gegen den erklärten Willen der Ordensbrüder,
eingesetzt. Offenbar bestand zwischen beiden eine Art Einverständnis
in der Notwendigkeit, eine gemäßigte Reform der Kirche durchzuführen.
Ausdruck eines solchen Reformwillens waren die Beschlüsse der Synode
von Mühldorf aus dem Jahre 1522, die allerdings auf großen Widerstand
beim Klerus stießen. Nicht nur in seiner Diözese, sondern auch im
Reich hat L. seine Gegnerschaft zur Reformation entschieden zum Ausdruck
gebracht. Auf dem Reichstag zu Nürnberg im Jahre 1522 war er Mitglied
des die Lutherfrage behandelnden Ausschusses, wobei er sich für ein schärferes Vorgehen gegen Luther engagiert einsetzte.
In seiner eigenen Diözese demonstrierte L. bei vielen Gelegenheiten
sein unnachgiebiges Verhalten. Als es im Jahre 1523 zu einem Aufstand
der Salzburger Bevölkerung kam, schlug er diesen mit Waffengewalt
nieder. In der Folge erließ er eine neue Stadtverordnung, die den
Bürgern härtere Pflichten auferlegte. Im Jahre 1525 kam es auch im
Land Salzburg zu Aufständen der Bauern, die dazu führten, daß sich
L. auf die Festung Hohensalzburg zurückziehen mußte. Erst nach einem
dreimonatigen Aufenthalt konnte er die Festung wieder verlassen. Am
31.8. 1525 kam es zu einem Vertrag mit den aufständischen Bauern.
Da aber L. in der Frage der freien Religionsausübung keine Zugeständnisse
machte, gingen die kämpferischen Auseinandersetzungen weiter und konnten
erst 1526 beendet werden. Im gleichen Jahr erließ L. eine neue Landesordnung,
die für seine Zeit vorbildlich war und bis zur Säkularisation in wesentlichen
Teilen Gültigkeit hatte. Im Jahre 1527 bekämpfte L. die Wiedertäufer,
von denen er 38 hinrichten ließ. Auch auf dem Reichstag von Augsburg
1530 hat er sich für eine weitere gewaltsame Unterdrückung der Reformation
ausgesprochen. Als im Jahre 1534 ein neuer Papst (Paul III.) gewählt
wurde, hat L. an dieser Wahl in Rom teilgenommen. Ein Jahr später
wurde ihm der Titel eines Bischofs von Albano verliehen. Damit war
er einer der letzten Deutschen, die ein suburbikarisches Bistum innehatten.
Die L. noch verbleibenden Lebensjahre verliefen ohne besondere Ereignisse.
Wenige Monate vor seinem Tod soll er schwachsinnig geworden sein.
- Zwei einander widersprechende Wesenszüge bestimmen den Charakter
L.s. Die eine Seite zeigt einen ehrgeizigen, vor keiner Gewalttat
zurückschreckenden, nachtragenden, aber auch einsamen Politiker. Wenn
er eine Richtung als für seine Interessen richtig erkannt hatte, verfolgte
er diese unnachgiebig und konsequent bis zum Ende. Auf diese Weise
mußte es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit den
Anhängern einer gegenteiligen Meinung kommen. Man darf allerdings
bei aller negativen Bewertung dieser Haltung nicht vergessen, daß
aus seiner Kompromißlosigkeit auch positive Entwicklungen entstanden
sind, die die politische und religiöse Zukunft des Salzburger Territoriums
betrafen. Besondere Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang seine
Verwaltungsreform, die bis ins 19. Jahrhundert hinein bestanden hat.
Die andere Seite seines Wesens dagegen zeigt L. als Freund der Wissenschaften
und Künste, besonders der Musik. Auch stand er dem Humanismus nahe.
Daß ihm zahlreiche Werke von Humanisten gewidmet wurden, mag eher
seiner Stellung als seiner Person zuzuschreiben sein, aber sein Eintreten für Reuchlin
zum Beispiel macht deutlich, daß er den humanistischen Ideen auch
persönliches Interesse entgegenbrachte. Bald nach seinem Regierungsantritt
als Bischof in Salzburg gründete er dort eine eigene Musikkapelle,
die er vor allem aus Mitgliedern der Kapelle des 1519 gestorbenen
Kaisers Maximilian I. unter der Leitung Wilhelm Waldners zusammengestellt
hatte. Für kurze Zeit gehörte auch der bedeutende Organist und Komponist
Paul Hofhaimer zu den Musikern am Hof L.s. Aber schon nach den Bauernkriegen
mußte er die Kapelle wieder auflösen, da ihm die finanziellen Mittel
zu deren Unterhalt fehlten. Aufgrund seines widersprüchlichen Wesens
ist L. sowohl von Zeitgenossen wie auch von der Nachwelt verschieden
beurteilt worden. Dabei überwiegen die negativen Urteile. Gleichwohl
bleibt die Tatsache bestehen, daß L. aus eigenen Fähigkeiten heraus
den Aufstieg aus Armut zu politischer Führung und zu hohen Ämtern,
besonders dem des Bischofs von Salzburg, dem bedeutendsten deutschen
Bischofsstuhl, geschafft hat.
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