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Band IV (1992) Spalten 1078-1083 Autor: Hans-Josef Olszewsky

LANG, Matthäus, Kardinal, Staatsmann und Diplomat, * 1468 in Augsburg, + 30.3. 1540 in Salzburg. - L. entstammte einer verarmten Augsburger Patrizierfamilie. Daß er ein unehelicher Sohn des Kaisers Maximilian I. gewesen sei, gehört in den Bereich der Phantasie, vor allem, wenn man bedenkt, daß dieser im Jahre 1459 geboren wurde. Durch seine Mutter, Margaretha Sulzer, war L. mit der Familie Fugger verwandt. Die Kindheit L.s verlief unter eher drückenden Verhältnissen. Erst seit 1474 hat sich die Situation gebessert, als die Familie durch eine Erbschaft Geld und einen Anteil an der Wellenburg bei Augsburg bekam. Dadurch änderte sich auch die soziale Stellung der Familie, da der Vater Hans L. bald danach Mitglied des Rates der Stadt Augsburg wurde. Der junge L. wurde als Chorknabe in Ingolstadt bei Herzog Georg untergebracht. An der dortigen Universität begann er auch seine Studien, die er im Jahre 1486 mit dem Baccalaureat abschloß. Weitere Studien führten ihn nach Tübingen, wo er 1490 den Magistergrad erwarb und nach Wien, wo er nachweislich im Jahre 1493 immatrikuliert war. Es scheint aber, daß L. als Student noch weiter herumgekommen ist, wohl auch nach Italien und Frankreich, da er beide Sprachen recht gut beherrschte. Vermutlich vor dem Wiener Studienaufenthalt hat er seine erste öffentliche Stellung bekleidet. Er war in die Dienste des Mainzer Erzkanzlers und Erzbischofs Berthold von Henneberg getreten, der damals einer der einflußreichsten Männer des Reiches gewesen ist. Durch seinen Einfluß wurde L. wohl an Kaiser Maximilian I. empfohlen. Dieser erteilte ihm nämlich am 18.12. 1494 die »licentia doctorandi« für Zivilrecht. L. hatte also wahrscheinlich vor, die Hochschullaufbahn einzuschlagen. Doch als der Kaiser einen eigenen Sekretär suchte und L. diese Stellung anbot, nahm er das Angebot an. Neben dem Erzbischof Berthold hatte L. einen weiteren einflußreichen Förderer, den bayerischen Herzog Georg. Wenn die Gerüchte stimmen, so hatte dieser ein Verhältnis mit L.s Schwester Apollonia und war ihm dadurch auf besonders delikate Weise verpflichtet. Unabhängig von derlei Protektion aber besaß L. hohe geistige Fähigkeiten als Voraussetzung für sein Amt. Seine Stellung als persönlicher Sekretär des Kaisers verschaffte L. bald großen Einfluß, insbesondere da Maximilian ihm uneingeschränktes Vertrauen entgegenbrachte. In Verbindung mit L.s grenzenlosem Ehrgeiz mußte dies zu Konflikten führen. Dies war etwa der Fall beim Erzbischof Berthold, der sich bald offen gegen ihn wandte. Andererseits gelang es ihm, durch geschicktes Taktieren sich wichtige Persönlichkeiten durch Einbeziehung in seine eigenen Interessen zu verpflichten, ihre Freundschaft zu gewinnen oder zu erhalten. Da sein Gehalt als Sekretär sehr gering war, sorgte L. durch Forderung und Annahme von Bestechungsgeldern für die materielle Voraussetzung, den von ihm gewünschten aufwendigen Lebensstil zu führen. Seine große Geschicklichkeit bei der Durchführung übertragener Aufgaben und diplomatischer Missionen brachte L. bald erste Ehren ein. Im Jahre 1498 wurde er Kammersekretär und am 29. August desselben Jahres erhob ihn Maximilian in den erblichen Adelsstand. L. nannte sich von da an »von Wellenburg«. Mit dem Jahr 1500 begann dann schließlich seine kirchliche Karriere, als er gegen den Willen des Domkapitels Dompropst von Augsburg wurde. Am 19.11. 1501 erhielt er den Rang eines kaiserlichen Rates. Im gleichen Jahr wurde er auch als Koadjutor des Bischofs von Gurk, Kardinal Raimund Peyraudi, eingesetzt. In der Folgezeit »sammelte« L. geradezu Pfründen. So war er auch Propst in Konstanz, besaß Kanonikate in Aschaffenburg und Eichstätt und eine größere Anzahl von Pfarren. Nach dem Tod Peyraudis im Jahre 1505 wurde L. zum Bischof von Gurk ernannt. In den folgenden Jahren wirkte L. erfolgreich als Diplomat. Sein erster großer Erfolg war der Abschluß der Liga von Cambrai mit Frankreich im Jahre 1508. Beim mißglückten Romzug des Kaisers Maximilian im gleichen Jahr verkündete er dessen Erwählung zum römischen Kaiser im Dom zu Trient. Im Jahre 1512 führte er die Verhandlungen für eine erneute Annäherung zwischen Kaiser und Papst und 1515 schließlich brachte er die Heiratsverhandlungen des Hauses Habsburg mit Ungarn durch den »Wiener Vertrag« zum Abschluß. Bereits ein Jahr zuvor war er von Papst Julius II. zum Kardinaldiakon von Sant'Angelo ernannt worden. Ebenfalls im Jahre 1515 wurde L. zum Koadjutor des Erzbischofs von Salzburg mit dem Recht der Nachfolge bestimmt. Dieses Amt hat er dann auch nach dem Tode Erzbischof Leonhards im Jahre 1519 angetreten. Erst bei seinem Amtsantritt am 26. September 1519 hat L. in Salzburg die Priester- und Bischofsweihe empfangen. Seitdem hat er auf die Reichspolitik keinen so großen Einfluß mehr ausgeübt. Vielmehr hat er nun die Amtsgeschäfte in seiner Diözese fest in die Hand genommen. Sein Episkopat war vor allem charakterisiert durch die Auseinandersetzung mit den Anhängern Martin Luthers. Dabei erwies sich L. von Anfang an als ein entschiedener Gegner der Reformation. Bereits im Jahre 1520 hat er deshalb den Prediger Speratus vom Stift St. Peter des Landes verwiesen. Dessen Nachfolger wurde Johann Staupitz, der frühere Freund und Lehrer Luthers. L. hat ihn im Jahre 1522 sogar, nach dessen Austritt aus dem Augustinerorden und Eintritt in den Benediktinerorden, als Abt von St. Peter, gegen den erklärten Willen der Ordensbrüder, eingesetzt. Offenbar bestand zwischen beiden eine Art Einverständnis in der Notwendigkeit, eine gemäßigte Reform der Kirche durchzuführen. Ausdruck eines solchen Reformwillens waren die Beschlüsse der Synode von Mühldorf aus dem Jahre 1522, die allerdings auf großen Widerstand beim Klerus stießen. Nicht nur in seiner Diözese, sondern auch im Reich hat L. seine Gegnerschaft zur Reformation entschieden zum Ausdruck gebracht. Auf dem Reichstag zu Nürnberg im Jahre 1522 war er Mitglied des die Lutherfrage behandelnden Ausschusses, wobei er sich für ein schärferes Vorgehen gegen Luther engagiert einsetzte. In seiner eigenen Diözese demonstrierte L. bei vielen Gelegenheiten sein unnachgiebiges Verhalten. Als es im Jahre 1523 zu einem Aufstand der Salzburger Bevölkerung kam, schlug er diesen mit Waffengewalt nieder. In der Folge erließ er eine neue Stadtverordnung, die den Bürgern härtere Pflichten auferlegte. Im Jahre 1525 kam es auch im Land Salzburg zu Aufständen der Bauern, die dazu führten, daß sich L. auf die Festung Hohensalzburg zurückziehen mußte. Erst nach einem dreimonatigen Aufenthalt konnte er die Festung wieder verlassen. Am 31.8. 1525 kam es zu einem Vertrag mit den aufständischen Bauern. Da aber L. in der Frage der freien Religionsausübung keine Zugeständnisse machte, gingen die kämpferischen Auseinandersetzungen weiter und konnten erst 1526 beendet werden. Im gleichen Jahr erließ L. eine neue Landesordnung, die für seine Zeit vorbildlich war und bis zur Säkularisation in wesentlichen Teilen Gültigkeit hatte. Im Jahre 1527 bekämpfte L. die Wiedertäufer, von denen er 38 hinrichten ließ. Auch auf dem Reichstag von Augsburg 1530 hat er sich für eine weitere gewaltsame Unterdrückung der Reformation ausgesprochen. Als im Jahre 1534 ein neuer Papst (Paul III.) gewählt wurde, hat L. an dieser Wahl in Rom teilgenommen. Ein Jahr später wurde ihm der Titel eines Bischofs von Albano verliehen. Damit war er einer der letzten Deutschen, die ein suburbikarisches Bistum innehatten. Die L. noch verbleibenden Lebensjahre verliefen ohne besondere Ereignisse. Wenige Monate vor seinem Tod soll er schwachsinnig geworden sein. - Zwei einander widersprechende Wesenszüge bestimmen den Charakter L.s. Die eine Seite zeigt einen ehrgeizigen, vor keiner Gewalttat zurückschreckenden, nachtragenden, aber auch einsamen Politiker. Wenn er eine Richtung als für seine Interessen richtig erkannt hatte, verfolgte er diese unnachgiebig und konsequent bis zum Ende. Auf diese Weise mußte es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit den Anhängern einer gegenteiligen Meinung kommen. Man darf allerdings bei aller negativen Bewertung dieser Haltung nicht vergessen, daß aus seiner Kompromißlosigkeit auch positive Entwicklungen entstanden sind, die die politische und religiöse Zukunft des Salzburger Territoriums betrafen. Besondere Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang seine Verwaltungsreform, die bis ins 19. Jahrhundert hinein bestanden hat. Die andere Seite seines Wesens dagegen zeigt L. als Freund der Wissenschaften und Künste, besonders der Musik. Auch stand er dem Humanismus nahe. Daß ihm zahlreiche Werke von Humanisten gewidmet wurden, mag eher seiner Stellung als seiner Person zuzuschreiben sein, aber sein Eintreten für Reuchlin zum Beispiel macht deutlich, daß er den humanistischen Ideen auch persönliches Interesse entgegenbrachte. Bald nach seinem Regierungsantritt als Bischof in Salzburg gründete er dort eine eigene Musikkapelle, die er vor allem aus Mitgliedern der Kapelle des 1519 gestorbenen Kaisers Maximilian I. unter der Leitung Wilhelm Waldners zusammengestellt hatte. Für kurze Zeit gehörte auch der bedeutende Organist und Komponist Paul Hofhaimer zu den Musikern am Hof L.s. Aber schon nach den Bauernkriegen mußte er die Kapelle wieder auflösen, da ihm die finanziellen Mittel zu deren Unterhalt fehlten. Aufgrund seines widersprüchlichen Wesens ist L. sowohl von Zeitgenossen wie auch von der Nachwelt verschieden beurteilt worden. Dabei überwiegen die negativen Urteile. Gleichwohl bleibt die Tatsache bestehen, daß L. aus eigenen Fähigkeiten heraus den Aufstieg aus Armut zu politischer Führung und zu hohen Ämtern, besonders dem des Bischofs von Salzburg, dem bedeutendsten deutschen Bischofsstuhl, geschafft hat.

Lit.: Richard Bartholinus, Hodeporicon Matthaei Gurcensis, 1515; - Johann David Köhler, Hist. Münzbelustigungen V, 1733; - Paul von Stetten, Lebensbeschr.en zur Erweckung und Unterhaltung bürgerl. Tugend, Zweite Sammlung, 1782, 73-168; - Franz Anton Veith, Bibliotheca Augustana, 12 Tle., 1785-1796, V, 25-115; VI, 208; XII, 155; - Judas Thaddäus Zauner, Chronik von Salzburg, 6 Tle., 1796-1810, IV, 309-456; V, 3-224; - Joseph Freiherr von Hormayr (Hrsg.), Archiv für Geographie, Historie, Staats- und Kriegskunst XI, 1820, 72; - Xaver Liske, Der Congreß zu Wien im Jahre 1515, in: FDG VII, 1867; - A. Schopf, Ein Diplomat Kaiser Maximilians I., 1882; - W. Hauthaler, Cardinal M. L. und die religiös-soziale Bewegung seiner Zeit (1517-1540), in: MGSL XXXV, 1895, 149-201, 317-402; - v. Pastor III, 1895; IV/1, 1906; IV/2, 1907; V, 1909; - J. Schmid, Des Cardinals und Erzbischofs von Salzburg (1519-1540) M. L.s Verhalten zur Reformation, in: Jb. d. Ges. f. Gesch. d. Protestantismus in Österreich XIX, 1898, 171-205; XX, 1899, 28-50, 154-184; XXI, 1900, 1-41, 138-158; XXII, 1901, 113-147; - Ders., Ber. über Des Cardinals ..., in: ThRv I, 1902, 493-495; - Paul Legers, Kardinal M. L., in: MGSL XLVI, 1906, 436-517; - Aloys Schulte, Kaiser Maximilian als Kandidat für den päpstl. Stuhl 1511, 1906; - Heinrich Schrörs, Leo X., die Mainzer EB-Wahl und der dt. Ablaß für St. Peter im Jahre 1514, in. ZKTh XXXI, 1907, 267-302; - Hans Widmann, Gesch. Salzburgs III, 1914, 1-72; - Ders., Zur Beurteilung des Salzburger Erzbischofs M. L., in: MGSL LV, 1915, 105-112; - Franz Martin, Eine Zeitung über den Einzug M. L.s in Rom, in: MIÖG XLI, 1926, 210-215; - Ders., Von Sammlern und Sammlungen im alten Salzburg, in: MGSL LXXV, 1935, 33-80; - K. Eder, Das Land ob der Enns vor der Glaubensspaltung, 1932, 326 f.; - Albert Hollaender, Studien zum Salzburger Bauernkrieg 1525, mit bes. Berücksichtigung der reichsfürstl. Sonderpolitik, in: MGSL LXXII, 1932, 1-44; LXXIII, 1933, 39-99; - E. v. Waechter, Ambrosius Volland und EB M. L. von Salzburg, in: Württemb. Vierteljahreshefte für Landesgesch. XLII, 1936, 93-106; - Hermann Spies, Btrr. z. MG Salzburgs im Spät-MA und zu Anfang der Renaissancezeit, in: MGSL LXXXI, 1941; - H. Jedin, Gesch. d. Konzils von Trient I, 1949; - Götz Freiherr von Pölnitz, Jakob Fugger, 2 Bde., 1949, 1951; - Ders., Anton Fugger und die röm. Königswahl Ferdinands I., in: ZBLG XVI, 1951, 317-349; - Ernst Tomek, KG Österreichs II, 1949, 136-147, 213-220; - K. Stückler, L. und die Wiederherstellung der Reichsrechte in Italien, Diss. Graz, 1955; - Hans Wagner, Kardinal M. L., in: Lebensbilder aus dem Bayer. Schwaben V, 1956, 45-69; - Jakob Obersteiner, Ein Ber. über die Eroberung von Brescia an den Gurker Bischof M. L. aus dem Jahre 1512, in: Carinthia I. Zschr. für gesch. Landeskunde von Kärnten CLXXVII, 1987, 219-237; - Wurzbach XIV, 95 f.; - ADB XX, 610-613; - LThK 2VI, 783.

Hans-Josef Olszewsky

Letzte Änderung: 09.06.1998