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Band IV (1992) Spalten 1130-1132 Autor: Thomas Brechenmacher

LANGUET, Hubert, Diplomat, Publizist, Staatstheoretiker, * 1518 in Vitteaux/Bourgogne, Sohn des Germain L., Gouverneur von Vitteaux, + 30. September 1581 in Antwerpen. - Im Anschluß an eine humanistische Grundbildung unter Anleitung des Hellenisten Jean Perelle studierte L. die Rechte, daneben aber auch Theologie und Geschichte in Poitiers und Padua, wo er 1548 promovierte. Zum religiösen Schlüsselerlebnis wurde für ihn die Lektüre der »Loci communes theologiae« Melanchthons, die ihn veranlaßte, sich 1549 dem Kreis des Reformators in Wittenberg und dessen Lehre anzuschließen. Seit 1551 führten ihn längere Reisen durch ganz Europa, teils als Privatmann, teils mit politischen Aufträgen versehen. 1557 hielt er sich als Berater des schwedischen Königs in Stockholm auf, 1559 begleitete er Adolf von Nassau nach Italien. Im darauffolgenden Jahr trat L. schließlich in den Dienst des Kurfürsten August von Sachsen, dem er bis zu seinem Tode verbunden blieb. Als kurfürstlicher Gesandter wirkte er seither hauptsächlich in Paris, bis ihn die Bartholomäusnacht 1572 zur Flucht zwang. Nach weiteren diplomatischen Missionen als Gesandter Kurfürst Augusts, u.a. am Kaiserhof in Wien, zog sich L. 1577 aus der aktiven Politik zurück und siedelte in die Niederlande, wo er seine letzten Lebensjahre im Umkreis Wilhelms von Oranien verbrachte. - Große Bedeutung für die Diplomatie- aber auch die Religionsgeschichte der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts kommt den Briefen und Berichten L.s zu, die er an seine Freunde und Auftraggeber schrieb, v.a. an Joachim Camerarius und dessen gleichnamigen Sohn, an den Dichter Philipp Sidney sowie an Kurfürst August bzw. dessen Rat Mordeisen. Sie zeigen ihn in den Zentren der europäischen Politik, im Kampf um die Durchsetzung protestantischer Positionen. Eigentliche Berühmtheit erlangte der Name L.s durch seinen als wahrscheinlich anzunehmenden Anteil an der Verfasserschaft der »berühmtesten Streitschrift des politischen Calvinismus« (Zimmermann), des unter dem Pseudonym »Stephanus Junius Brutus« 1579 in Basel erstmals erschienenen Traktats »Vindiciae contra Tyrannos«. Eine eindeutige Aufschlüsselung des Pseudonyms ist bis heute nicht gelungen: die Forschung schwankt zwischen einer Zuschreibung an L. einerseits, an dessen Freund Philippe Duplessis-Mornays andererseits, oder an beide zusammen. Zuletzt plädierte G. Stricker für eine alleinige Autorschaft L.s. Im Zentrum des Traktates steht mit deutlichem Akzent gegen »die falsche sowie verderbliche Lehre des Florentiners Nikolaus Machiavelli« (Vorwort) das Bemühen um die staatsrechtliche Begründung eines Widerstandsrechtes der Untertanen gegen einen unrechtmäßig zur Macht gelangten bzw. unrechtmäßig regierenden Herrscher (Tyrannen). Basis der Herleitung dieses Rechtes bildet die Theorie eines doppelten Vertrages. Religiöser Gehorsam regelt die Beziehungen zwischen Gott sowie König und Volk, gerechte Herrschaft gestaltet das irdische Verhältnis zwischen König und Untertanen. Einseitige Vertragsverletzungen durch den Herrscher legitimieren zur Verteidigung, zum Widerstand. Die Schrift »Vindiciae contra tyrannos« repräsentiert beispielhaft die Gedankenwelt der sog. hugenottischen Monarchomachen (»Königsbekämpfer«), zu deren führenden Vertretern neben Theodor Beza, Franz Hotman und Philippe Duplessis-Mornays H.L. ohne Zweifel zählt, unabhängig von der Beantwortung der Frage, welcher genaue Anteil an der Abfassung des Traktates ihm letztlich zufällt.

Werke: Historica descriptio susceptae a Caesarea Majestate executionis Augusto Saxoniae septemviro duce contra S.Rom. Imperii rebelles et captae urbis Gothae [...], Gotha 1567; Dass., ex architypo edita ab E.G. Coldewey, Bremen 1735; Vindiciae contra tyrannos sive de principis in populum, populique in principem legitima potestate, Stephano Junio Bruto Celta auctore, Edinburg [d.i. Basel] 1579; weitere Ausg.: u.a. Basel 1580, 1589, Hanau 1595, Montbeliard 1599, Oberursel 1600; dt. u.d.T. »Über die gesetzliche Macht des Fürsten über das Volk und des Volkes über den Fürsten« von Richard Treitschke, Leipzig 1846; wiederabgedruckt u.d.T. »Wider die Tyrannen« in: Carl Bernhard Hundeshagen, Calvinismus und staatsbürgerliche Freiheit, hrsg. von Laure Wyss, Zürich 1946; ebenfalls dt. in: Jürgen Dennert (Hrsg.), Beza, Brutus, Hotman. Calvinistische Monarchomachen. Übersetzt von Hans Klingelhöfer, Köln 1968, 61-202 (mit ausführlicher Bibliographie); Faks.-Neudruck der frz. Ausgabe von 1581: Arlette Jouanna u.a. (Hrsg.), De la puissance legitime du prince sur le peuple, et du peuple sur le prince [...] écrit en latin par Estienne Junius Brutus, Genf 1979; Apologie ou défense de Guillaume, Prince d'Orange, 1581; lat.: Apologia illustrissimi Principis Wilhelmi Principis Auriacae, 1581; engl.: The apologie or defense of the most noble Prince William, Delft 1581; Epistolae politicae et historicae ad Philippum Sydnaeum, Frankfurt/M. 1633, 2. Aufl. Leiden 1646; engl.: The correspondence of Sir Philipp Sidney and H.L. [...] translated by Stewart A. Pears, London 1845; Epistolae ad Joachim Camerarium patrem et Joachim Camerarium filium, Groningen 1646, 2. Aufl., Leipzig / Frankfurt/M. 1685; Lettres de M. Languet écrites en latin à Auguste, Electeur de Saxe. Trad. en français par J.Chr. Lunig, Köln 1695; Arcana saeculi XVI. Epistolae secretae ad Principem Augustum Saxoniae ducem, ed. J.P. Ludovicus, 2 Bde., Halle 1699; Decades tres Epistolarum L., Camerarii, Cratonis et Peuceri, hrsg. von E. Weber, Frankfurt/M. 1702;

Lit.: Philibert de la Mare, Vie d'H.L.; lat von J.P. Ludwig, 1700; - Henri Chevreul, Etude sur le 16e siècle. H.L., 2. Aufl. 1856; - Eugène u. Emile Haag, La France protestante VI, 1856, 264-278; - Ignaz Blasel, H.L., Teil l, 1872; - Oskar Scholz, H.L. als kursächsischer Berichterstatter und Gesandter in Frankreich während der Jahre 1560-1572, 1875; - Max Lossen, Die Vindiciae contra tyrannos des angeblichen Stephanus Junius Brutus, 1887 (Zuweisung der Verfasserschaft nicht an L., sondern an Duplessis-Mornay); - Albert Elkan, Die Publizistik der Bartholomäus-Nacht und Mornay's »Vindiciae contra Tyrannos«, 1905 (ebenfalls Zuweisung an Duplessis-Mornay; Dokumentation der älteren Diskussion über die Verf.schaft der »Vindiciae«); - G.T. van Ysselsteyn, L'auteur de l'ouvrage Vindiciae contra tyrannos, in: Revue Historique 167 (1931), 46-59; - Carl Bernhard Hundeshagen, Calvinismus und staatsbürgerliche Freiheit, hrsg. von Laure Wyss, 1946; - Clémy Vautier, Les théories relatives à la souveraineté et à la résistance chez l'auteur des Vindiciae contra tyrannos (1579), 1947; - Lisle Cecil John, The first edition of the letters of H.L. to Sir Philip Sidney, in: The Journal of English and Germanic Philology 48 (1949), 361-366; - Pierre Mesnard, l'Essor de la philosophie politiqe au XVIe siècle, 2. Aufl. 1952, 340-347; - Günter Stricker, Das politische Denken der Monarchomachen. Ein Beitrag zur Geschichte der politischen Ideen im 16. Jh., 1967; - Gunter Zimmermann, Konziliaristische Ideen in einer calvinistischen Streitschrift. H.L.'s Vindiciae contra tyrannos, in: ZRG KA 74 (1988), 412-435; - Ders., Politische Theorie und Heilige Schrift in der »Vindiciae contra tyrannos«, in: ZRG KA 76 (1990), 286-309; - ADB XVII, 692-694; - Nouvelle Biographie Générale XXIX, 435-441; - Biographisch Woordenboek der Nederlanden XI, 144-146; - Nieuw Nederlandsch Biografisch Woordenboek V, 310/311; - RGG VI, 230/231; - LThK VI, 790; - RE XI, 274-280.

Thomas Brechenmacher

Literaturnachtrag:

Béatrice Nicollier-de Weck, Hubert Languet (1518-1519): un réseau politique international de Melanchthon à Guillaume d'Orange, Genève, 1995.

Literaturergänzung:

Béatrice Nicollier-de Weck, Hubert Languet (1518-1519): un réseau politique international de Melanchthon à Guillaume d'Orange, Genève, 1995.

Letzte Änderung: 26.06.2001