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Band XXI (2003) Spalten 774-779 Autor: Ronny Baier

LAMY, John Baptist; kath. Missionar in den USA, erster Bischof von Santa Fe, New Mexico; * 8. Oktober 1814 in Lempdes (Diözese Clermont, Auvergne), Frankreich; † 13. Februar 1888 in Santa Fe, New Mexico, USA. John Baptist (urspr. Jean Baptiste) Lamy wurde 1814 als Sohn des wohlhabenden Bauern Jean Lamy und seiner Frau Marie Dié Lamy geboren. Er erhielt seine schulische Ausbildung im Seminar von Clermont - Ferrand. Am 22. Dezember 1838 erhielt er nach dem Abschluß seiner theologischen Studien dort auch die Priesterweihe. Nur ein Jahr später folgten er und sein Freund Joseph Projectus Machebeuf der Einladung von Bischof John Baptist Purcell von Cincinnati, Ohio, in dessen Diözese als Seelsorger zu wirken. Der englischen Sprache noch kaum mächtig erhielt Lamy seine erste Seelsorgstelle 1839 in Sapp's Settlement (heute Danville), Ohio, wo er dank seines offenen Wesens schnell Fuß faßte. Er gründete in den folgenden Jahren zahlreiche Missionsstellen für amerikanische, irische und deutsche Siedler, die er in den folgenden Jahren zu Pfarreien umwandelte und mit Kirchen ausstattete. Bis zum Jahr 1848 wirkte Lamy in Ohio, dann wurde er in die Pfarrei St. Mary's nach Covington, Kentucky, geschickt, welches damals noch zur Diözese Cincinnati gehörte. Doch nur zwei Jahre später wurde Lamy von den amerikanischen Bischöfen zum Apostolischen Vikar von New Mexico ausersehen, das nach dem Krieg mit Mexiko wenige Jahre zuvor an die Vereinigten Staaten gefallen war. Dort warteten große Aufgaben auf Lamy. Seit mehr als achtzig Jahren war dieses Gebiet von keinem Bischof mehr besucht worden. Die Franziskaner, die über Jahrhunderte die spanischen Siedler und Indianer betreut haben, waren im Zuge der mexikanischen Revolution abgezogen worden. Alle kirchlichen Schulen waren geschlossen. Das kirchliche Leben lag am Boden und die Seelsorge war in der Hand weniger spanischer Priester. Um dieser Misere Abhilfe zu verschaffen, beschloß Rom, New Mexico zu einem eigenen Apostolischen Vikariat zu erheben mit Lamy als Bischof. So wurde dieser am 24. November 1850 in Cincinnati für seine große seelsorgerliche Herausforderung im weiten spanisch geprägten Südwesten der USA zum Titularbischof von Agathonica geweiht. Von Cincinnati aus brach Lamy über New Orleans und San Antonio, Texas, Richtung Santa Fe auf. Doch Krankheit und Schiffbruch verzögerten sein Vorankommen, so daß er erst im August 1851 sein Ziel erreichte. Mit Lamy kam auch sein Freund Machebeuf nach New Mexico, wo sich sogleich Schwierigkeiten auftaten. Padre Juan Felipe Ortiz, Landdekan und früherer Vikar des Bischofs von Durango, bestritt Lamy´s Autorität. New Mexico gehörte früher zu Diözese Durango, war aber nun von ihr abgeschnitten worden. Lamy machte sich daher auf den beschwerlichen Weg von über achthundert Meilen nach Durango, um sich mit dem dortigen Bischof zu treffen. Bischof Zurbiría empfing Lamy sehr herzlich und gab ihm für Ortiz und andere Priester Briefe mit, in denen er diese zur Unterstützung Lamy´s aufrief, der jetzt schließlich ihr ordentlicher Bischof sei. Nur für einige Orte im Gebiet um El Paso behielt sich Zurbiría die Jurisdiktion vor. Diese Übereinkunft sollte allerdings später immer wieder für Streitereien sorgen. - Das neue Vikariat umfaßte aber nicht nur New Mexico und Arizona, sondern auch Teile von Colorado und Nevada und sollte 1853 noch einmal vergrößert werden. In Lamy´s Verantwortungsgebiet lebten mit Abstand die meisten Katholiken im amerikanischen Westen. Nach Lamy´s eigenen Statistiken war er der Oberhirte für etwa 60.000 Weiße (zumeist spanischer Abstammng) und für etwa 8.000 Pueblo Indianer. Fünfundsechzig Kirchen und Kapellen waren von nur neun aktiven Priestern zu betreuen. Trotz der Briefe Zurbirías fuhren die spanischen Priester fort gegen Lamy zu arbeiten. Neben Ortiz war es vor allem Father Gallegos in Albuquerque, der Lamy das Leben schwer machte. 1856 erreichten die Streitereien ihren Höhepunkt und Lamy enthob Ortiz und Gallegos ihrer Ämter. Einen weiteren Priester, Father Martínez von Taos, exkommunizierte er sogar. Dieser clash war teilweise Ergebnis dessen, was die Bestraften den Angriff auf ihren gewohnten Lebensstil und ihre spanische Kultur nannten. Lamy wandte sich nämlich bereits in seinen ersten Hirtenschreiben gegen die hohen Gebühren, welche die spanischen Priester von den Gläubigen für Kasualien erhoben. Des weiteren verbot er auch, daß Pfarreien Gelder für Theater und Tanz und andere profane Dinge ausgeben, die bei den Hispanos jedoch sehr beliebt waren und das kirchliche Leben prägten. Auch in die religiösen Gepflogenheiten der in New Mexico verbreiteten Bruderschaften der "Penitentes" (Büßergemeinschaften, welche Geißelungen praktizierten) griff Lamy ein. Wo er es konnte, wandelte Lamy auch auf architektonischem Gebiet das Gesicht der Kirche von New Mexico. Von den romanischen Kirchen seiner Heimat Auvergne fasziniert, wollte er auch in New Mexico anstelle der von ihm geringgeschätzten Holz- und Lehmkirchen angemessene Gotteshäuser errichten. Besonders schlecht kam aber seine Personalpolitik an. In den ersten Jahren seines Wirkens holte er viele französische Priester, durch die er die bisherigen spanischen ersetzte. Wenn man so will, führte Lamy eine Art Kulturkampf innerhalb der katholischen Kirche New Mexicos. Nur dreizehn Jahre nach seinem Eintreffen in Santa Fe waren von einundfünfzig Geistlichen seines Bistums dreiunddreißig französischer Herkunft und sechs weitere stammten aus anderen europäischen Ländern. - Lamy bemühte sich sodann erfolgreich um die Ansiedlung religiöser Gemeinschaften in seinem Bistum. Bei seiner Rückkehr von der ersten Plenarversammlung der amerikanischen Bischöfe in Baltimore, welche für ihn 1853 das Bistum Santa Fe errichtete, brachte er die Sisters of Loretto mit. 1858 konnte er aus seiner Heimat Frankreich vier Christian Brothers in New Mexico begrüßen, die in Santa Fe ein Jungeninternat mit Schule gründeten, welches später das St. Michael´s College wurde. 1865 gewann er die Sisters of Charity of Cincinnati (Ohio) zur Arbeit im Bistum, welche das erste katholische Hospital und Waisenhaus im Südwesten der USA errichteten. Diesen Pionieren folgten später noch zahlreiche weitere Ordensgemeinschaften. Im Januar 1867 konnte Lamy nach Rom berichten, daß die Sisters of Loretto bereits fünf Schulen sowie ein Noviziat unterhielten, die Christian Brothers drei und die Sisters of Charity eine Schule. 1867 überredete Lamy auch die Jesuiten in Neapel, ihm doch einige Priester und Brüder zu entsenden, die in Albuquerque und Las Vegas seelsorgerlich tätig werden sollten. 1875 gründeten diese dann in Las Vegas eine spanische Zeitung (Revista Católica) und 1877 ein Kolleg (heute die Regis University und Regis Jesuit High School in Denver). Im genannten Bericht Lamy´s, den er 1867 nach Rom sandte, nennt er beachtliche Zahlen, die trotz der Querelen mit einheimischen Geistlichen sein eifriges missionarisches Wirken belegen. Aus den anfangs 65 Kirchen und Kapellen sind 1867 schon doppelt so viele, nämlich 135 geworden. Zu den 110.000 spanischen und 15.000 indianischen Katholiken in New Mexico kamen 8.000 Mexikaner und Amerikaner in Colorado und 7.000 Mexikaner und Indianer in Arizona hinzu. Der rasente Zuwachs ist unter anderem auf die expandierenden Kohleminen in Colorado und Arizona zurückzuführen, die gerne Mexikaner und Indianer für die schlechtbezahlten Jobs einstellten. 1860 sandte Lamy daher seinen Freund Machebeuf und einen weiteren jungen Priester zur Seelsorge nach Colorado. Nach Arizona sandte er einen anderen Landsmann aus der Auvergne, Father Jean Baptiste Salpointe. Als 1868 Arizona und Colorado je ein eigenes Apostolisches Vikariat bildeten, wurden Machebeuf und Salpointe zu Bischöfen für diese Gebiete geweiht. Damit war Lamy der Seelsorger für diese weiten Gebiete entlastet. Und doch wurde er nicht müde auch die weit entfernt gelegenen Gebiete seiner Diözese zu besuchen. Er hat auf dem Rücken seines Pferdes vielleicht mehr Meilen als jeder andere Bischof im amerikanischen Westen zurückgelegt. Neben seinen Reisen innerhalb der Diözese reiste er auch dreimal nach Europa, um finanzielle Mittel für seine Arbeit locker zu machen und um Priester anzuwerben. Bei einem Besuch nahm er auch am I. Vatikanischen Konzil teil, verließ aber Rom wieder, bevor das Unfehlbarkeitsdogma verabschiedet wurde. Dreimal war Lamy auf Bischofsvollersammlungen in Baltimore, zweimal reiste er nach Mexiko und einmal weit in den Westen bis nach Los Angeles. Viele seiner Reisen, vor allem in abgelegene Wüstengebiete waren gefährlich und 1867 galt er sogar einmal für mehrere Wochen als tot. - 1869 begann Lamy mit dem Bau der romanischen Kathedrale St. Franziskus von Assisi in Santa Fe, welche bei seinem Tod 1888 noch immer nicht vollendet war. Am 12. Februar 1875 wurde Santa Fe zum Erzbischofssitz erhoben, Machebeuf und Salpointe wurden Lamy´s Suffraganbischöfe. Salpointe wurde später am 22. April 1884 von Lamy zu dessen Koadjutor bestimmt und als Lamy 1885 aus Altersgründen von seinem Amt zurücktrat, wurde Salpointe zum zweiten Erzbischof von Santa Fe ernannt. Wenige Monate vor seinem Tod durfte Lamy dann auch noch erleben, wie sein Freund Machebeuf zum Bischof von Denver, Colorado, ernannt wurde. - Als Lamy sein Bistum am 18. August 1885 in jüngere Hände legte, konnte er stolz auf das von ihm Erreichte sein. Er übergab seinem Nachfolger ein geordnetes Bistum mit nun mehr 34 Pfarrkirchen und 203 regulären Gottesdienstzentren. 56 Priester betreuten etwa 110.000 Katholiken spanischer Herkunft, gut 3.000 Katholiken englischer Sprache sowie 12.000 Pueblo Indianer. - Lamy hatte einen schönen Ruhestand in seinem Haus am Nordrand von Santa Fe. Der leidenschaftliche Gärtner Lamy verbrachte viel Zeit bei seinen Pflanzen. Am 13. Februar starb Lamy in Santa Fe und wurde schon bald danach vom Staat New Mexico durch eine memorial resolution geehrt, die noch einmal deutlich machte, was New Mexico Lamy´s Engagement in Staat und Gesellschaft verdankt. - Manche Historiker kritisieren Lamy dafür, daß er wie sie sagen, eine Kultur (die spanische) durch eine andere (die französische) Kultur ersetzt habe. Doch vergessen sie, daß er ein Übergangsbischof war, der eine lokale Kirche in die universale einbetten wollte. Auch wollte er New Mexico bei aller Achtung vor dem spanischen Erbe der Vergangenheit in den Staatenverbund der USA integrieren und seinen Bewohnern - was Lamy´s Schulpolitik und die englische Unterrichtssprache deutlich zeigen- die Anbindung an nationales Niveau sichern. Heute geht man sehr sensibler mit ethnischen Gruppen innerhalb der amerikanischen Kirche um. Heute wendet sich die katholische Kirche New Mexico´s durch eine völlig andere Situation dazu veranlaßt (es strömen Jahr für Jahr mehr Zuwanderer aus Mexiko ins Land), mehr denn je dem spanischen Erbe zu. Die spanische Sprache ist in den Gottesdiensten New Mexico´s selbstverständlich. Von Seelsorgern wird heute verlangt, daß sie in New Mexico, Arizona und anderswo neben Englisch Spanisch sprechen. Und auch für alte Traditionen wie Prozessionen und Heiligenfeste ist man aufgeschlossener als zur Zeit Lamy´s. Sieht man Lamy´s Arbeit mit den Augen des 19. Jhds., dann kann man ihm allerdings keine Vorwürfe machen. Er war Vertreter eines aufgeklärten und durch den Rationalismus "gereinigten" Katholizismus seiner Zeit. Doch ungeachtet solcher Dinge erfährt Lamy bis heute in New Mexico gerade auch von den spanischen Katholiken Anerkennung und Respekt für seine aufrechte und durch und durch gerechte Art, für seinen einfachen Lebensstil, seine tiefe Frömmigkeit und für die Hingabe an die Menschen, die ihm anvertraut waren.

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Editionen: Thomas J. Steele, S.J. (Hrsg.), Archbishop Lamy: In his own Words, Denver 2000.

Quellen: Jean Baptiste Salpointe, Soldiers of the Cross: Notes on the Ecclesiastical History of New Mexico, Arizona and Colorado, Banning, California, 1898; Albuquerque, New Mexico, 1967; - Fray Angelico Chavez, Archives of the Archdiocese of Santa Fe, 1678-1900, Washington D.C. (Academy of American Franciscan History) 1957; - John Tracy Ellis, Documents of American Catholic History, Bd.1: 1493-1865, Wilmington 1987, 301-304.

Lit.: James H. Defouri, Historical Sketch of the Catholic Church in New Mexico, San Francisco 1887; - William Howlett, Life of Bishop Machebeuf, Pueblo, Colorado, 1908; Denver 21953, 31987; - Willa Cather, Death Comes for the Archbishop, New York 1927; 21931; - Louis H. Warner, Archbishop Lamy: An Epoch Maker, Santa Fe, New Mexico, 1936; - Thomas Francis Feely, Leadership in the Early Colorado Catholic Church, Ph.D. dissertation, University of Denver 1973; - Fray Angelico Chavez, My Penitente Land: Reflections on Spanish New Mexico, Albuquerque, New Mexico, 1974; Santa Fe 21979, 31993; - Paul Horgan, Lamy of Santa Fe: His Life and Times, 2 Bde. New York 1975; - Ray John De Aragon, Padre Martinez and Bishop Lamy, Las Vegas, New Mexico, 1978; - Robert E. Nordmeyer u.a., Shepherds in the Desert: A sequel to Salpointe, Tuscon 1978, - John Kessell, The Missions of New Mexico Since 1776, Albuquerque, New Mexico, 1979; - John Tracy Ellis, Catholic Bishops: A Memoir, Wilmington, Delaware 1983; - Thomas J. Noel, Colorado Catholicism and the Archdiocese of Denver, 1857-1989, Denver 1989; - Catholicisme, VI, 1754; - DAB, X, 566-567; - The Encyclopedia of American Catholic History, Collegeville, Minnesota, 1997, ("Lamy, John Baptist")793-95, ("Machebeuf, Joseph") 831-832, ("New Mexico, Catholic Church in") 1038-1043, ("Salpointe, Jean Baptiste") 1252-1253; - The New Catholic Encyclopedia, VIII, 355-56.

Ronny Baier

Letzte Änderung: 09.04.2011