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Band V (1993)Spalten 388-391 Autor: Franziska Mihram

LÜCKE, (Gottfried, Christian) Friedrich, ev. Theologe, * 24.7 1791 in Egeln bei Magdeburg als Sohn eines Kaufmannes und Brauers, + 14.2. 1855 in Göttingen. - Nach der Schul- und Studienzeit in Magdeburg und Halle wurde L. aufgrund einer Preisarbeit (s.u. »Commentatio ...«, 1813) 1813-1816 Repetent in Göttingen, 1814 bekam er den Titel des Dr. phil. in Halle. Über den Kanon des Euseb (s.u.) habilitierte er sich 1816 in Berlin, wo er in regem Kontakt mit Schleiermacher, de Wette und Neander stand und er seinen Weg zwischen Linkshegelianismus und orthodoxem Luthertum suchte, ohne seine herrenhutischen Wurzeln zu vernachlässigen. Ab 1816 war L. o. Professor in Bonn, 1819 wurde er dort zum Dr. theol. promoviert. Seine Kollegen waren August Sack, Gieseler und Nitzsch, und mit den beiden letzteren gab er die ThStKr heraus, die zum maßgeblichen Organ der Vermittlungstheologie in der Tradition Schleiermachers wurden. 1827 nahm L. den Ruf nach Göttingen an, wo er zwar noch Exegese, aber nicht mehr Kirchengeschichte, stattdessen Dogmatik und Ethik lehrte. Die Berufungen nach Kiel und Halle (1838), Jena (1843) und Leipzig (1845) lehnte L. ab, wofür ihn die Regierung 1839 zum Konsitorialrat in Hannover und 1843 zum Abt von Bursfelde ernannte. - Geschwächt durch Krankheit und durch die Erschütterung, daß sechs seiner sieben Kinder frühzeitig verstarben, lehrte L. doch noch bis wenige Wochen vor seinem Tod. - Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit engagierte sich L. bei den Unionsverhandlungen sowie verschiedenen christlichen Vereinen, die den vielfältigen Bedürfnissen und Interessen der Gläubigen Rechnung tragen sollten, ohne die Anbindung an die Kirche zu verlieren. Heutzutage ist L. vornehmlich durch die zwei Sendschreiben bekannt, die Schleiermacher 1829 an ihn richtete, doch darf diese Perspektive seine zeitgenössische Bedeutung als Exegeten, dessen Johannes-Arbeiten als Standartwerke galten und als Vermittlungstheologen, der sich um die Verbindung von Glaube und Wissen sowie Wissenschaft und Kirche mühte, nicht verblassen lassen. Wenngleich seine Position durch stetes Trachten nach Ausgewogenheit nicht spektakulär war, so verhinderte sie doch unreflektierte und vorschnelle Polarisierungen.

Werke: Theses theologicae VII, Berlin 1806; Commentatio de ecclesia Christianorum apostolica. Göttingen 1813; Ueber den neutestamentlichen Kanon des Eusebius von Cäsarea. Ein Beytrag zur historischen Kritik des neutestamentlichen Kanons und der Kirchengeschichte des Eusebius, Berlin 1816; Apologia Augustanae confessionis latine et germanice, Berlin 1817; Grundriss der neutestamentlichen Hermeneutik und ihrer Geschichte. Zum Gebrauch für akademische Vorlesungen, Göttingen 1817; Ueber den Anfang und Fortgang des seit 1812 bestehenden evangelisch-christlichen Vereines im nördlichen Deutschland, in: Archiv für alte und neue Kirchengeschichte, III/3 1817, 666-697; et Guil. Mart. Leber, de Wette, Synopsis evangeliorum Matthaei, Marci et Lucae cum parallelis Joannis pericopis, Berlin 1818; Kritik der bisherigen Untersuchungen über die Gnostiker, bis auf die neuesten Forschungen darüber von Herrn Dr. Neander und Herrn Professor Lewald, in: Theol. Zeitschr. Berlin 2, 1820, 132-171; Commentar über die Schriften des Evangelisten Johannes, 4 Bde., Bonn 1820-1832; 2. ganz umgearb. Aufl., Bonn 1833-1836; 3. verb. Aufl. 1840-1843. 1852 u. 1856 (postum hrsg. von Ernst Bertheau); Über den richtigen Begriff und Gebrauch der exegetischen Tradition in der Ev. Kirche. Ein Beitrag zur theologischen Hermeneutik und deren Geschichte, in: Theol. Zeitschr. Berlin 1822, 121-170; Ueber das Ansehen der hl. Schrift und ihr Verhältnis zur Glaubensregel in der protestantischen und in der alten Kirche, Teil 3, Bonn 1827; Noch ein Versuch über Gal 3,20, in: ThStKr 1, 1828, 83-109; Einige Bemerkungen gegen Herrn Professor Hagenbach's Erklärung der &xousia 1 Kor 11,10, in ThStKr 1, 1828, 568-572; Ueber die Worte: o:toV &stin 4 #lhqinCV qeCV ka<< zw2 aIwnioV 1. Joh 5,20, in: ThStKr 2, 1829, 147-150; Apokalyptische Studien und Kritiken, in: ThStKr 2, 1829, 285-320; Quaestiones ac vindiciae Didymianae siva Didymi Alexandrini enarratio in epistolas catholicas Latina Graeco exemplari magnam partem e Graecis scholiis restituta, Göttingen, 1829-1830; Übersicht der zur Hermeneutik, Grammatik, Lexikographie und Auslegung des N.T. gehörigen Litteratur von Anfang 1828 bis Mitte 1829, in: ThStKr 3, 1830, 419-454; Vorrede zu: Johannes Tychsen Hemsen, Der Apostel Paulus. Sein Leben, Wirken und seine Schriften, Göttingen 1830; Bedeutung und Ethymologie des Wortes Dermung bei Luther, in ThStKr 4, 1831, 117-125; Übersicht der neutestamentlich exegetischen Litteratur von Johannis 1829 bis Neujahr 1831, in: ThStKr 4, 1831, 887-935; Zum Andenken an Dr. Heinrich Ludwig Planck, Göttingen 1831; Examinatur, quae speciosius nuper commendata est, sententia de mutato per eventa, adeoque sensim emendato Christi consilio, Göttingen 1831; Versuch einer vollständigen Einleitung in die Offenbarung Johannis und die gesamte apokalyptische Litteratur, Bonn 1832; 2. verm. u. verb. Aufl. Bonn 1848. 1852; Übersicht der neutestamentlich exegetischen Litteratur von Neujahr 1831 bis Ende 1832, in: ThStKr 6, 1833, 479-544; Erinnerung an Dr. Friedrich Schleiermacher, in: ThStKr 7, 1834; Dr. Gottlieb Planck. Ein biographischer Versuch. Göttingen 1835; Exegetische Miscellen, in: ThStKr 9, 1836, 643-661; Narratio de Joanne Laurentio Moshemio theologo Helmstadiensi et Gottingensi, Academiae Georgiae Augustae Cancellario, Göttingen 1837; Recension: Christliche Polemik von Dr. Karl Heinrich Sack, ordentlicher Professor der Theologie zu Bonn. Hamburg 1836, in: ThStKr 12, 1839, 243-285; Festrede zur vierhundertjährigen Jubelfeyer der Erfindung der Buchdruckerkunst, Göttingen 1840; Ueber die allgemeine Christenpflicht der Theilnahme am Missionswerke und das besondere Verhältnis der Missionsvereine zur akademischen Wissenschaft und Bildung, Göttingen 1840; Fragen und Bedenken über die immanente Wesenstrinität, oder die trinitarische Selbstunterscheidung Gottes. Ein dogmatisches Sendschreiben an Consistorialrath Dr. Nitzsch in Bonn, ThStKr 13, 1840, 63-112; Missionsstudien oder Beyträge zur Missionswissenschaft, Göttingen 1841; Erinnerungen an Karl Otfried Müller, Göttingen 1841; De invocatione Jesu Christi in precibus Christianorum accuratius definienda 1843; Die zwiefache, innere und äußere, Mission der evangelischen Kirche, ihre gleiche Nothwendigkeit und nothwendige Verbindung, Hamburg 1843; Die dritte Hauptversammlung des Evangelischen Vereins der Gustav-Adolphstiftung in Göttingen, in: ThStKr 18, 1845, 1054-1088; Grundriss der Evangelischen Dogmatik, Göttingen 1845; Die freien Vereine. Ein nothwendiges Capitel in der theologischen Moral. Erster, historischer und litterarischer Artikel, in: Vjschr. f. Theol. u. Kirche 1, 1845, 1-25; Zweiter, systematischer Artikel, in: Vjschr. f. Theol. u. Kirche 2, 1846, 1-33; Über die erste Generalsynode der evangelischen Landeskirche Preussens, Göttingen 1847; Ueber die Nichtannahme des königsberger Disputirten, D. Rupp, auf der berliner Generalversammlung des Gustav-Adolph-Vereins, in: ThStKr 20, 1847, 495-522; Göttinger Sonntagsbetrachtungen, in: MTK II. Folge 1, 1849, 22-47; Bedenken und Wünsche an die kirchlichen Versammlungen in Wittenberg, in: ThStKr 22, 1849, 243-262; W.M.L. de Wette. Zur freundschaftlichen Erinnerung. Hamburg 1850; Über das Alter, den Verfasser, die ursprüngliche Form und den wahren Sinn des kirchlichen Friedensspruches, `In necessariis libertas, in utruque caritas!' Eine litterarhistorische theologische Studie. Nebst einem Abdrucke der Paraenensis votiva pro pace ecclesiae ad Theologos Augustanae Confessionis. Auctore Ruperto Meldenio, Göttingen 1850; Nachträge über den Verfasser des Spruches: In necessarus urutas, in non necessariis libertas, in utrisque caritas, in: ThStKr 24, 1851, 905-938; De eo, quod nimium artis acuminisque est in ea, quae nunc praecique factitatur, sacrae scripturae, maxime evangeliorum interpretatione, Göttingen 1853; Bemerkungen über die Geschichte und die richtige Formulierung sowohl des Unterschiedes als die Vereinigung der Lutherischen und Reformierten Kirche, in besonderer Beziehung auf die akademische Festrede von Dr. Semisch über die Unionsversuche der protestantischen Kirchen, besonders in Preußen, und Dr. Schenkels Abhandlung über das Princip des Protestantismus, in: DZ f. christl. Wissensch. u. christl. Leben 4, 1853, 22-46. 49-53; Johannes der Evangelist, Berlin 1855; Briefwechsel Friedrich Lückes mit den Brüdern Grimm. Mit erläuternden Zusätzen und Zugaben aus dem gemeinsamen Freundeskreise besonders über die akademische Krisis des Jahres 1837, hrsg. von Ferdinand Sander, Hannover 1891.

Lit.: D. Bleek, Recension: Versuch einer vollständigen Einleitung in die Offenbarung des Johannes. Von Friedrich Lücke, in: ThStKr 27, 1854, 959-1003; - Fortsetzung in: ThStKr 28, 1855, 159-237; - Friedrich Ehrenfeuchter, Erinnerung an Friedrich Lücke, in: ThStKr 28, 1855, 731-756; - Ferdinand Sander, D. Friedrich Lücke. Abt zu Bursfelde und Professor der Theologie zu Göttingen (1791-1855). Lebens- und Zeitbild aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts, Hannover 1891; - Egon Strauß, Gründung und Anfänge der evangelischen Gemeinde Bonn von 1816 bis zum 14. Februar 1819, Bonn 1916; - Joachim Wach, Das Verstehen. Grundzüge einer Geschichte der hermeneutischen Theorie im 19. Jh., Bd. 2, Tübingen 1929, 153-172; - Johannes Meyer, Geschichte der Göttinger theologischen Fakultät, in: ZGNKG, 42, 1937, 7-107. 50 f.; - Ders., Kirchengeschichte Niedersachsens, Göttingen 1939; - Heinrich Hermelink, Das Christentum in der Menschheitsgeschichte, Bd. 1, Tübingen 1951, 413-415; - Martin Cordes, Freie christliche Aktion als Herausforderung für Kirche und Theologie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ein Beitrag zur Kirchengeschichte Niedersachsens und der Theologie Friedrich Lückes, Göttingen, 1982; - Dietz Lange, Der theologische Vermittler Friedrich Lücke, in: Theologie in Göttingen, hrsg. von Bernd Moeller, Göttingen 1987, 136-156; - Hans-Walter Krummwiede, Konfessionelle Tradition und landeskirchliche Identität in Hannover (luth.) 1814-1869, in: Die lutherische Kirche, Geschichte und Gestalten 13, 1991, 213-268; - RE1 VIII, 525-531; - ADB XIX, 357-359; - RE3 XI, 674-679; - RGG3 IV, 470; - NDB XV, 447.

Franziska Mihram

Literaturergänzung:

Ralf Stolina, "Ökonomische" u. "immanente" Trinität? Zur Problematik e. trinitätstheol. Denkfigur, in: ZThK 105.2008, S. 170-216.

Letzte Änderung: 29.07.2008