MARCELLINUS COMES, spätlat. Geschichtsschreiber aus dem 6. Jh. -
M. C. stammte aus einer vornehmen Familie in Illyrien, war Leiter
der Kanzlei Justinians I. vor dessen Regierungsantritt (daher der
Beiname »Comes«, d. h. Hofbeamter) und stand auch nachher mit ihm
in näheren Beziehungen. Eine Stelle b. Cassiodor deutet viell. auf
späteren Eintritt in den geistlichen Stand hin. Er verfaßte in Konstantinopel
eine Chronik in lat. Sprache, die an die Weltchronik des Eusebios
und Hieronymus anschließt und von 379 bis 534 (viell. sein Todesjahr)
reicht; sie wurde von einem Unbekannten bis 548 fortgesetzt. Sein
Interesse galt hauptsächlich Ostrom; Nachrichten aus dem Westen, die
er den »Historiae« des Orosius und der Schrift »De viris illustribus«
v. Gennadius entnommen hat, bringt er nur, soweit sie für die byz.
Gesch. von Bedeutung sind. Für die Chronologie dienten ihm die »Fasti
consulares Constantinopolitani« (das Verz. der oström. Konsuln) als
Grundlage. Er berücksichtigt außer der politischen Gesch. auch die
Kirchengesch., wobei er streng orthodoxe Anschauungen bekundet. Das
Werk wurde ausgiebig von Jordanes für seine »Röm. Gesch.« benutzt.
Cassiodor erwähnt zweimal noch ein anderes Werk von M. C.; es handelt
sich dabei wohl nur um eine Schrift, wahrsch. ein Itinerarium mit
topographischen Notizen über Konstantinopel und Jerusalem.
Werke: Der Titel des Geschichtswerks wird gewöhnlich mit
»Chronicon« angegeben, ist aber als »Chronica« (wahrsch. nicht mehr
Neutr. Plur., sondern bereits Fem. Sing.) überl. - Ausgg.: MPL 51,
917-948; Theodor Mommsen, MG AA XI, 37-108.
Lit.: Oswald Holder-Egger, Unterss. über einige annalistische
Quellen z. Gesch. des 5. und 6. Jh. II, in: NA 1, 1876, 213-368, hier
250-253: Die Chron. des M. C.; - Ders., Unterss. usw. w. o. III,
in: NA 2, 1877, 47-109: Die Chron. des M. C. und die oström. Fasten;
- Pierre Courcelle, Les lettres grecques en occident, Paris 1948,
354. 374; - Manitius I, 79 u. ö. (s. Reg.); - Schanz IV/2,
110-112; - Bardenhewer V, 268 f.; - Altaner 233; - LThK
VII, 1; - EC VIII, 9; - NewCathEnc IX, 188 f.
Adolf Lumpe
Letzte Änderung: 09.04.2011