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Verlag Traugott Bautz
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MAURICE, Frederick Denison, Literaturwissenschaftler, Theologe und geistliches Haupt des `Christian Socialism' (seine Wortschöpfung vs. `un-Social Christianism' + `un-Christian Socialism'), * 29.8. 1805 in Normanston (bei Lowestoft), † 1.4. 1872 in Cambridge (die Familie lehnte eine Beisetzung in Westminster Abbey seinem Wunsch gemäß ab). - Der Sohn eines unitarischen Predigers (stark bewegt durch frühe Konversionen der älteren Schwestern) studierte seit 1823 am Trinity College in Cambridge und 1830/1 in Oxford schloß sich der anglikanischen Staatskirche an (Taufe 29.3. 1831 zur Church of England) als die die Nation einigende geistige Macht (weshalb er auch in seinem `Educational Magazine' 1839 f. gegen eine Übertragung der Schulaufsicht von der Staatskirche auf den Staat votierte). Der Lutherverehrer Julius Charles Hare (1795-1855) hatte ihn in Cambridge nicht nur in Plato und die griech. Tragiker, sondern auch in die deutsche Literatur eingeführt. Philosophisch (literarisch vor allem von S.T. Coleridge geprägt) war er mit der idealistischen Entwicklung seit Kant wohl vertraut, vor allem mit Schleiermacher. Am 26.1. 1834 wurde er zum Vikar von Bubbenhall (bei Leamingten) ordiniert. In London wirkte er als Kaplan von Guy's Hospital 1836-46 und danach 1846-60 von Lincoln's Inn. Mit der Veröffentlichung der Briefe an einen Quäker in `The Kingdom of Christ' 1838 (im Jahr nach seiner ersten Verheiratung mit der Schwägerin seines Freundes seit der Studienzeit, John Sterling) löste er bis an sein Lebensende anhaltende Attacken der religiösen Presse gegen sich aus. Am King's College lehrte er seit 1840 als `Prof. of Engl. Lit. and History', seit der dortigen Errichtung einer Theologiaal School 1846 auch als Prof. für Theol. Seine wöchentlichen Hausabende der `Christlichen Sozialisten' (an der auch Chartisten-Führer teilnahmen), seine Zugehörigkeit zum Freundeskreis des `Sterling Club' (dem unsinnigerweise atheistisches und unmoralisches Freidenkertum - also `Revolution' - vorgeworfen wurde) wie seine Lehrverantwortung brachten ihn in Spannung zur herrschenden Kirchenlehre. Durch das Erscheinen seiner `Theological Essays', und die Bestreitung der traditionellen Gerichtslehre einer ewigen Verdammung erzwang die Evangelikale Partei von Principal Dr. Jelf 1853 die Suspendierung der Professuren von M. Sein Auskommen hatte er 1860-6 als besoldeter `Chief Commissioner of the Board of Works of Vere Street Chaple of St. Peter' (ohne Sprengelarbeit). Er blieb »der Vater des freigesinnten Hochkirchtums« (Hirsch, 328). - 1859 erschien sein am stärksten polemisches Buch `What is Revelation', gerichtet gegen die Kant-Adaption von H.L. Mansel (The Limits of Religious Thought, 1858), der die Unzugänglickeit des `Infiniten' für Menschen behauptete - mit Ausnahme der durch `Offenbarung' gegebenen Information. Das war für M. Offenbarung, die nichts offenbart (`revelation does not reveal'). Christus ist vielmehr für alle Menschen einsichtig. Die traditionelle Unterscheidung von `natürlicher' vs. `offenbarter' Theologie ist nicht möglich. Alles Begründete ist inspiriert: »History is the subject with which, we believe« (1849: 25). Noch mehr Furore machten die `Essays and Reviews' (1860), die ihm Angriffe von beiden Seiten (Traditionalisten wie Liberalen) eintrugen. Seine zustimmende Rezension zu Renans `Leben Jesu' (unmittelbar nach dessen Erscheinen 1863) verdeutlichen sein Anleegen, in den Evangelien das historische Element in der Theologie als unumgänglich zu werten. Die Bibel verstand er als Interpretation der Menschheitsgeschichte. So erschien auch das Alte Testement nicht mehr als bloße Hinführung zum Neuen Testament und noch weniger als `Religion', sondern als exemplarischer Kommenter zur politischen, ökonomischen und ethischen Geschichte und damit für gegenwärtig anstehende Analysen der Gesellschaft methodisch unumgänglich (Patriarchs and Lawgivers 1851; Prophets and Kings 1853). Ebenso wertete er die Herrschaft Gottes in Christus als Gegenstand des Neuen Testaments und in diesem Sinne nicht `religiös' (ein Wort, das er hierfür als irreführend verabscheute, da er 1847 eine profunde Enzyklopädie der `Religionen' geliefert hatte). Er insistierte darauf, daß die so `nichtreligiös' gesehene Bibel die Grundlage aller rechten Theologie sei (vs. einer Theologie, die mit einer Serie von Abstraktionen einsetzt, eine ewige Wahrheit hinter der Bibel sucht, wie es der Essentialismus der alten Metaphysik tut). Die Prinzipien seines Zugangs zur Bibel sind am klarsten in `The Unity of the New Testement' (1854) dargestellt. Literarkritik lehnte er dabei allerdings ab (vgl. die Kontroverse um die Pentateuch-Analyse seines Bewunderer Bischof Colenso 1863). Er war bewußter Platoniker (vs. Aristoteliker) und der Substanz nach Neo-Platoniker in Analogie zu den älteren `Cambridge Platonists'. Die Idee des Reiches Gottes (1838 vgl. 1864 Lukas-Auslegung) hat er in ihrer gesellschafts- und kirchenkritischen Funktion entdeckt und daraus seit der 48er Revolution aktuelle Folgerungen gezogen (Zs. `Politics for the People'). Nachdem er schon 1848 das `Queen'sCollege for Women' als volkserzieherische Einrichtung gegründet hatte, folgte (nach seiner Suspendierung am King's College) 1854 die analoge Arbeiterhochschule `Working Men's College'. Diese Volkshochschulinitiative hatte Vorbildwirkung. Er blieb auch Principal dieser Einrichtung als er am 25.10. 1866 zum Knightbridge `Prof. of Casuistry, Moral Theology, and Moral Philosophy' in Cambridge gewählt wurde. Hier wirkte er über seinen Rücktritt aus Krankheitsgründen im Okt. 1869 hinaus. 1870-2 war er noch mit der Predigerstelle St. Edwards betraut. Seinem Lehrer, Mitstreiter (seit 1844 auch) Schwager (und 1849 Doppelschwager) Julius C. Hare galt er »as the greatest thinker since Plato'. Zusammen mit seinem Schüler (seit 1844) und Freund Charles Kingsley u.a. setzte er sich also seit 1848 entschiedener für einen christl. Sozialismus ein. Dabei verwarf er allerdings nationale Aktionen zugunsten lokaler. In der Verwendung christl. Konzepte für die Verwerfung einer öffentlichen Kontrolle ökonomischer Gewalt blieb er konservativ. Zwischen seiner universalen Soteriologie und seiner parochial orientierten Sozialreform besteht eine Inkohärenz. Die neue Rezeption seines sozialen Konzepts um 1930 führte denn auch zu einer Entpolitisierung der nach 1920 kurzzeitig erneuerten Tradition der `Christlichen Sozialisten'. Er bleibt dennoch «in some sense the father of modern English theology» (W.M. Davies, IXf).
Werke: Sketches of Contemporary Authors, London 1828 (= ed. A.J. Hartley, New York 1970); Eustace Conway, or the Brother and Sister. A Novel, London 1834; Subscription no Bondage, London 1835; Moral and Metaphysical Philosophy, (Encyclopaedia Metropolitana), London 1836, in der 2. Aufl. der Encyclopaedia auf drei Bd. erweitert: I Ancient Philosophy, London 1850; II Philosophy of the First Six Centuries, London 1853; III Mediaeval Philosophy, London 1857; ergänzt durch: IV Modern Philosophy, London 1862; zusammen publiziert als: Moral and Metaphysical Philosopby I-II, London 1871/2 = 18862; The Kingdom of Christ, or Hints to a Quaker, Respecting his Principles, Constitution, and Origins of the Catholic Church I-II, London 1838, 18422, 18833 (= ed. Alec R. Vidler, London 1958); Has the Church or the State Power to Educate the Nation?, London 1839; Reasons for not Joining a Party in the Church. A Letter te S. Wilberforce, London 1841; Three Letters te the Rev. W. Palmer. On the Jerusalem Bishopric, London 1842; Right and Wrong Methods of Supporting Protestantism. Letter te Lord Ashley, London 1843; Christmas Day, and other Sermons, London 1843; The New Statute and Dr. Ward, London 1845; Thoughts on the Rule of Conscientious Subscription, London 1845; The Epistle te the Hebrews (Warburtonian Lectures), with Preface on Newman's Theory of Development, London 1846; Religions of the World, and their Relations to Christianity, London 1847; Letter on the Attempt te Defeat the Nomination of Dr. Hampden, London 1847; Thoughts on the Duty of a Protestant on the Present Oxford Election, London 1847; Queen's College, London, its Objects and Methods, London 1848; The Lord's Prayer. Nine Sermons, London 1848; The Prayer Book, considered especially in Reference te the Romish System. Nineteen Sermons at Lincoln's Inn, London 1849, 18572 (= zusammen mit dem voranstehenden: 1880); Introductory Lectures delivered at Queen's College London, London 1849; The Church a Family. Twelve Sermons at Lincoln's Inn, London 1850; Queen's College London, Reply to the Quarterly Review, London 1850; The Old Testament. Nineteens Sermons at Lincoln's Inn, London 1851 (als 2. Aufl.:) The Patriarchs and Lawgivers of the Old Testement, London 1855 = 1885; Theological Essays, London 1853. 18542 (= ed. E.F. Carpenter, London 1957); Sermons on the Sabbath Day, on the Character of the Warrior, and on the Interpretetion of History, London 1853; The Word `Eternal' and the Punishment of the Wicked. Letter to Dr. Jelf, London 1853; The Prophets and Kings of the Old Testament. Sermons at Lincoln's Inn, London 1853, 18862, 18945; The Unity of the New Testement, a Synopsis of the First Three Gospels, and the Epistles of St. James, St. Jude, St. Peter and St. Paul, London 1854; - Ecclesiastical History of the First and Second Centuries, London 1854; The Doctrine of Sacrifice deduced from Scriptures, London 1854; Learning and Working (Six Lectures at Willi's Rooms). Rome and its Influence on Modern Civilisation (Four Lectures at Edinburgh), London 1855; The Epistles of St. John: A Series of Lectures on Christian Ethics, London 1857; The Eucharist. Five Sermons, London 1857; The Gospel of John. Sermons, London 1857 18852; The Indian Mutiny. Five Sermons, London 1857; What is Revelation? With Letters on the Bampton Lectures of Dr. Mansel, London 1859; Sequel to the Enquiry: What is Revelation, London 1860; Essays and Reviews, London 1860; Lectures on the Apocalypse, London 1861; Dialogues on Family Worship, London 1863; Rez. Ernest Renan, La vie de Jesus, Macmillan's Magazine 9 (1863) 190-7; Claims of the Bible and of Science: The Colenso Controversy, London 1863; The Gospel of the Kingdom of Heaven. Eighteen Lectures on the Gospel according te St. Luke, London 1864; The Conflict of Good and Evil in our Day. Twelve Letters to a Missionary, London 1864; The Workman and the Franchise: Chapters from English History on the Representation and Education of the People, London 1866; Casuistry, Moral Philosophy, and Moral Theology. Inaugural Lecture at Cambridge, Cambridge 1866; The Commandments considered as Instruments of National Reformation, London 1866; The Ground and Object of Hope for Mankind. Four University Sermons, London 1867; The Conscience: Lectures on Casuistry, London 1868; Social Morality. Lectures at Cambridge, London 1869; Sermons Preached in Country Churches, London 1873; The Friendship of Bocks, and other Lectures (ed. Th. Hughes), London 1874; Sermons Preached in the Lincoln's Inn Chapel I-II, London 1891. Ed. Zs.: Metropolitan Quarterly Magazine I-IV, Cambridge 1825 f.; Athenäum, London 1828 f.; Educational Magazine, London 1839-41; Politics for the People I-XVII, London 1848; The Christian Socalist, London 1850 ff.; - M.-Bibliogr.: G.J. Gray, London 1885; Stephen 1917, 104 f.; Ramsay 1951, 115 f.; Vidler 1966, 279-82.
Lit.: (Sohn:) J. Frederick Maurice, The Life of F.D.M. I-II, chiefly told in his own Letters, 18843 (dt. 1885); - John Tulloch, Movements of Religious Thought in Britain during the Nineteenth Century, 1885 = 1971; - (Schüler:) J. Llewelyn Davies, The Working Men's College 1854-1904, 1904; - Charles Frederic Gurney Masterman, F.D.M., 1907; - Richard Henry Tawney, Equality, 1931; - Ders., Religion and the Rise of Capitalism, 1937, 21942 (dt.: Religion und Frühkapitalismus, 1946, 21974); - Claude Jenkins, M. and the New Reformation, 1938; - Charles Richard Sanders, Coleridge and the Broard Church Mouvement: Studies in S.T. Coleridge, Arnold of Rugby, J.C.Hare, T.Carlyle and F.D.M., 1942 (= 1972); - Francis Higman, F.D.M., 1947; - Alec R. Vidler, The Theology of F.D.M., 1948; - Ders., F.D.M. and Company: Nineteenth Century Studies, 1966; - Arthur Michael Ramsey, F.D.M. and the Conflict of Modern Theology, 1951; - Emanuel Hirsch, Gesch. d. neueren prot. Theol. III, 1951, 19755 325-8; - John F.C. Harrison, A History of the Werking Men's College 1854-1954, 1954; - Torben Christensen, Logos og inkarnation. En studie in F.D.M.s teologi, 1954 = E.T.: The Divine Order: A Study in F.D.M.'s Theology (AThD 1l), 1973; - Ders., Origin and History of Christian Sociaism 1848-54 (AThD 3), 1962; - Ders., F. D.M. and the Contemporary Religious World. In: G.J. Cuming (ed.), Papers read at the Second Meeting of the Ecl. Hist. Soc. (Studies in Church Histrory 2), 1966, 69-90; - W. Merlin Davies, An Introduction to F.M.D.'s Theology, 1964; - Rolf Ahlers, Die Vermittlungstheol. des F.M.D., Diss. theol. Hamburg, 1967; - Gordon R. Dunstan, A Digger Still: The First Inaugural lecture in the F.D.M. Chair of moral and Social Theology, King's College London, 1968; - Arthur D. Murray (ed.), John Ludlow: The Autobiography of a Christian Socialist, 1982; - Edward Norman, The Victorian Christian Socialists, 1987 (dazu kritisch Rez. John Kent, JTS 39 [1988] 329-31); - Ieuan Ellis, F.D.M., Anticipations of a Synchronic Approach to Scripture?, in: B.P. Thompson (ed.), Meaning and Methode (FS A.T. Hanson), 1987, 153-67; - DNB XXXVII (1894) 77 ff. (Leslie Stephen) = XIII (19172 = 1963/4) 97b-105a; - ERE VIII ( 1915 = 1951) 499 f. (J.E. Symes); - EncBrit XVII 910; - ODCC (1957) 877 f.; - RGG III (19292) 2052 (Eva Eoll); RGG IV ( 19603) 812 (Ernst Wolf).
Wolfgang Schenk
Literaturergänzung:
Jeremy N. Morris, A social doctrine of the trinity? A reappraisal of F.D.M. on eternal life, in: AEH 69.2000, S. 72-100; - Michael C. Busk, F.D.M.: the radically inclusive God, in: AEH 78.2009, S. 67-83.
Letzte Änderung: 16.04.2009