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Band V (1993)Spalten 1103-1105 Autor: Karl Dienst

MAY (Mayus), Johann Heinrich, ev. Theologe, Orientalist und Kirchenmann, * 5.2. 1653 in Pforzheim als Sohn eines Pfarrers. + 3.9. 1719 in Gießen. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Durlach bezog M. 1671 die Universität Wittenberg, wo ihn besonders der luth. Theologe Abraham Calov beeinflußte. Seine orientalistischen Kenntnisse erwarb er bei Johannes Fecht (Durlach), Esdras Edzard (Hamburg) und in Straßburg (Sebastian Schmidt). Mit dem Orientalisten Hiob Ludolf zog er nach Frankfurt/M., wo er auch Philipp Jakob Spener kennen lernte. Nach kurzer Hofpredigerzeit in Veldenz wurde M. 1684 Pfarrer und Professor der orientalischen Sprachen in Durlach. Im Jahre 1688 kam M. als Nachfolger des Orientalisten David Clodius an die Gießener Universität. Außerdem wurde er dort Prof. Theol. Extraordinarius und Hofprediger, 1689 dritter Prof. der Theologie und Prediger an der dortigen Stadtkirche. Im Herbst 1689 kündigte M. »biblische Übungen« für Erwachsene in seinem Hause an, was zu einem erbitterten Streit mit dem Gießener Superintendenten und Theologieprofessor Philipp Ludwig Hannecken führte, der Anfang 1693 aus Gießen weichen mußte (Gießener Pietistenstreit). Zusammen mit dem pietistischen Wortführer in Gießen Johann Christoph Bilefeld und im Einvernehmen mit Spener und dem Darmstädter Hof führte M. die Gießener Universität als erste deutsche Hochschule von der luth. Orthodoxie zum Pietismus. Neben dem Zeitgeist spielte hier auch eine gezielte Ämter- und Personalpolitik eine Rolle (vgl. Walther Köhler: »Die Einführung des Pietismus in Hessen-Darmstadt ist ein gut Teil Unterrockpolitik gewesen«). M. wurde Zweiter Prof. der Theologie, Pädagogiarch, Stipendiatenephorus, Superintendent der Diözese Alsfeld und Konsistorialassessor; seine Professur für Morgenländische Sprachen behielt er bei. - M.s u.a. von Johannes Coccejus und Spener beeinflußte, die »praxis pietatis« betonende Bundestheologie mit ihren Stufen der Heilsökonomie Gottes (Biblische Theologie als oeconomia temporum) sah im Judentum - bei aller theologischen Kritik - eine förderungswürdige Vorform des Evangeliums Jesu, was 1695/96 zur Erlaubnis des Baus von Synagogen in der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt führte. 1697 ließ die Universität Gießen Juden zum Medizinstudium zu. - M.s Biographie beruht vor allem auf der Gedächtnisrede, die sein Nachfolger Johann Gottfried Schupart ihm gehalten hat. Über sein umfangreiches, allerdings stark zeitgebundenes literarisches Werk unterrichtet uns Fr.W. Strieder; bei Jöcher-Rotermund finden sich 106 Titel. M. bearbeitete 1692 die hebräische Bibel seines Vorgängers Clodius (1677; 17163 durch G.Chr.Bürklin). In Hessen-Darmstadt gab es keinen Pietismus, wohl aber pietistische Bestrebungen einzelner Gruppen und Pfarrer. Eine Ausnahme bildeten - auch auf Betreiben Speners und der Oberhofprediger - die Universität Gießen und der Darmstädter Hof. Neben den Landesbehörden, den alten Pfarrergeschlechtern und weiten Teilen der Bevölkerung waren es auch die menschlichen Schwächen der Anhänger, die eine weitere Ausbreitung des Pietismus in der Landgrafschaft verhinderten.

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Werke: Oeconomia temporum veteris testamenti, 1706 (17122).

Lit.: Johann Gottfried Schupart,...Monumentum Sionis...honoribus ultimis... Joh. H. Maii oratione solenni...positum... ab Joh. Gottofr. Schupart, Giessae 1723; - Friedrich Wilhelm Strieder, Grundlage zu einer hessischen Gelehrten- und Schriftstellergeschichte VIII, 1788, 326-359 (Bibliographie: 331-350); - Jöcher Bd. IV, 1813, 456-463; - Heinrich Heppe, Kirchengeschichte beider Hessen 2, 1876, 417 ff.; - Walther Köhler, Die Anfänge des Pietismus in Gießen 1689-1695, in: Die Universität Gießen 1607-1907, Festschrift 2, 1907, 149 ff. u. ö.; - Wilhelm Diehl, Kirchenbehörden und Kirchendiener in der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt von der Reformation bis zum Anfang des 19. Jh.s. Hassia sacra 2, 1925, 109 ff.; - Heinrich Steitz, Geschichte der Ev. Kirche in Hessen und Nassau, Marburg 1977, 196 ff.; - Rüdiger Mack, Pietismus und Frühaufklärung an der Universität Gießen und in Hessen-Darmstadt, 1984; - Johannes Wallmann, Der Pietismus, Göttingen 1990, 53 ff. u.ö.; - ADB 21, 123 f.; - RE XII, 471-474; - RGG3 IV, 815.

Karl Dienst

Letzte Änderung: 09.04.2011