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Band VI (1993)Spalten 369-370 Autor: Marion Wagner

MURRI, Romolo, Priester, Publizist und Politiker, der dem katholischen Modernismus in Italien zugerechnet wird. * 27.8. 1870 in Montesanpietrangeli bei Ancona, † 12.3. 1944 in Rom. - M. gehörte einer Bewegung an, die - von der Vision einer atheistischen Gesellschaft wie von der Gefahr einer in sich abgekapselten, erstarrten Kirche gleichermaßen abgeschreckt - eine Verbesserung des Verhältnisses von Kirche und Staat und eine Wiederbelebung christlicher Werte in der Gesellschaft anstrebte. Dabei vertrat M. eine Position, die ihn in Konflikt mit dem kirchlichen Lehramt brachte: Er forderte nicht nur eine Reform des Staates, sondern ebenso eine innere demokratische Erneuerung der Kirche. M. verlangte ferner eine von der kirchlichen Hierarchie unabhängige Aktion der Laien auf politisch-sozialem Gebiet mit eigenverantwortlichen, von denen des Klerus klar unterschiedenen Aufgaben. Sein Programm lief auf eine gegenseitige Durchdringung von Katholizismus und Sozialismus hinaus: M. wollte einerseits den Sozialismus mit den Wertvorstellungen des Katholizismus durchdringen und seine atheistischen Tendenzen bekämpfen, andererseits aber das, was ihm am Sozialismus für eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse nutzbar erschien, für die katholische Aktion fruchtbar machen. Um seiner Idee einer »Christlichen Demokratie«, die er in den von ihm gegründeten Zeitschriften »Vita Nuova« und »Cultura Sociale« in zahlreichen Beiträgen darlegte, auf demokratischem Wege zum Durchbruch zu verhelfen, gründete er 1905 die »Lega democratica nazionale«. 1906 wurden M. und seine Anhänger durch Papst Pius X. in der Enzyklika »Pieni l'animo« des praktischen bzw. politischen Modernismus beschuldigt und verurteilt. Am 15.4. 1907 wurde M. suspendiert. Da M. zwar zu gewissen Zugeständnissen, aber nicht zum völligen Abrücken von seinen Anschauungen bereit war, folgte am 19.3. 1909 die Exkommunikation. Im selben Jahr zog M. als Abgeordneter ins Parlament ein und schloß sich der Linken an. 1912 heiratete er und lebte in den folgenden 30 Jahren als freier Journalist und Schriftsteller. 1943 wurde M. von Papst Pius XII. wieder in die kirchliche Gemeinschaft aufgenommen. - M. war ein begabter Publizist, der sein Ziel einer Aussöhnung der Kirche mit dem modernen Staat leidenschaftlich, eigenwillig und mit großem sozialem Engagement verfolgte. Seine Forderung nach einer Ausdehnung des demokratischen Prinzips auf die Kirche mußte allerdings Anstoß erregen. Die Frage, ob M. ein Anhänger des theologischen Modernismus war, ist differenziert zu beantworten.

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Werke: Battaglie d'oggi, 4 Bde. (1903-1904); Kämpfe von heute. Das christiche Leben zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts (1908); Della religione, della Chiesa e dello stato (1910); Kirche und Demokratie oder Der politische. Modernismus, in: P. Sabatier, R.Murri, A.Lilley, Ph.Funk, Der Modernismus. Vier Vorträge (1911); La croce e la spada (1915); Dalla Democrazia cristiana al Partito popolare italiano (1920); L'ulivo de Santena (1930); Democrazia cristiana (1944).

Lit.: F. Olgiati, La storia dell'Azione Cattolica in Italia, 19222, passim; - E.Vercesi, Il Movimento cattolico in Italia, 1923, passim; - G.Petrocchi, R.M. e il modernismo, in: Il commento 3, 1946, 101-104.; - F. Magri, La Democrazia cristiana in Italia I, 1954, 36-42.; - R. Scoppola, R.M. e la prima democrazia cristiana, in: Il Mulino 6, 1957, 99-115; - Ders., Il modernismo politico in Italia: La Lega democratica nazionale, in: Rivista storica italiana 69, 1957, 61-109; - Ders., Dal neoguelfismo alla Democrazia cristiana, 19612; - Ders., Crisi modernista e rinnovamento cattolico in Italia, 1961; - B. Brogi, La Lega democratica nazionale, 1959; - Oskar Schröder, Aufbruch und Mißverständnis. Zur Geschichte der reformkatholischen Bewegung, 1969; - Rudolf Lill, Der Kampf der Kurie gegen den praktischen Modernismus, in: Erika Weinzierl (Hrsg.), Die päpstliche Autorität im katholischen Selbstverständnis des 19. Jahrhunderts, 1970, 109-123; - Martin Greschat (Hrsg.), Große Gestalten der Kirchengeschichte 10.1, 1986, 150-162; - EC VIII, 1534 ff.; - HdKG VI/2, passim; - LThK VII, 697 f.; - NewCathEnc. X, 88.

Marion Wagner

Literaturergänzung:

2006

Matteo Caponi, Un secolo di murrismo, in: RSLR 42.2006, S. 163-173; -

2009

Matteo Caponi, Organizzare una democrazia di massa. Il radicalismo di R.M., in: RSTC 6.2009, S. 239-249; - Lorenzo Bedeschi, La Fondazione R.M., in: "In wilder zügelloser Jagd nach Neuem". Paderborn 2009, S. 33-38; -

2010

Vittorio Carrara, Antonietta Giacomelli, M. e i farisei del modernismo, in: Il modernismo in Italia e in Germania nel contesto europeo. Bologna 2010, S. 79-97.

Letzte Änderung: 09.04.2011