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Verlag Traugott Bautz
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NEUENSCHWANDER, Ulrich; Professor in Bern; * 4. Juli 1922 in Bolligen (Kanton Bern), + 26. Juni 1977 in Zollikofen (Kanton Bern). - Nach Studien in Bern und Zürich promovierte N. 1948 bei Martin Werner, Bern, zum Dr. theol. Von 1949-54 war er Pfarrer in Urtenen, anschließend in Olten. 1949 wurde N. Privatdozent an der evangelisch-theologischen Fakultät in Bern, 1962 Extraordinarius und fünf Jahre später Ordinarius für Systematische Theologie, Religionsgeschichte, Geschichte der Philosophie und Geschichte der neueren protestantischen Theologie. Prägende Gestalten waren für N. sein Lehrer M. Werner, Albert Schweitzer und Paul Tillich. N. nahm das Erbe des liberalen Protestantismus auf, um diesen für die Gegenwart fruchtbar zu machen. In seiner Schrift »Die neue liberale Theologie« skizzierte er eine Standort- und Wegbeschreibung des Neuprotestantismus. Dabei hatte er stets die Krise des Liberalismus nach den politischen und kulturellen Katastrophen des 20. Jahrhunderts im Blick. Die Wandlung des neueren Liberalismus weg vom optimistischen Fortschrittsglauben und von einer harmonischen Welt- und Geschichtsdeutung des alten faßt N. unter der Kategorie der Abgründigkeit: Abgründigkeit der Welt, des Menschen, der Geschichte und Gottes. Ausgehend vom Prinzip des Dialogs fragt N. nach den Möglichkeiten des Christseins in dieser Welt. Ihm geht es darum, gegen eine Trennung von Glauben und Denken jene zusammenzuhalten, erkenntnistheoretisch ein positives Verhältnis zur Philosophie zu pflegen. Die Gestalt des Glaubens darf wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht widersprechen: »Neuprotestantische Theologie bleibt mit dem wissenschaftlichen Weltbild verbunden und ist, indem sie den Glauben im denkenden Bewusstsein zu klären versucht, philosophischer Glaube.« (U.N., Liberale Theologie, 138 f) Dies charakterisiert die liberale Theologie im engeren Sinne. Als konstitutives und kontinuierliches Moment der liberalen Theologie deklariert N. ihre Abneigung gegen autoritative Formulierungen und die Tendenz zu allseitiger Offenheit des Denkens sowie ihre wissenschaftlich-kritische Hermeneutik. Für die Christologie des neuen Liberalismus ist A. Schweitzers These grundlegend, daß Jesus der eschatologische Prophet war, dessen Botschaft auf dem Hintergrund der frühjüdisch-apokalyptischen Weltanschauung zu deuten ist. Christus ist kein himmlisches Personwesen, sondern eine besondere Art und Weise des göttlichen Handelns in der Geschichte. Mit dieser Sicht einher geht ein Neopaulinismus. Religiöse Existenz heißt für N.- im Sinne P. Tillichs-, nach dem Sinn des Lebens zu fragen, offen für Antworten zu sein, auch wenn diese erschüttern sollten. Religion wird so zu etwas universal Menschlichem. Glauben ist diejenige Existenz, die sich als verdankte weiß. In seiner bedeutenden Schrift »Glaube« versucht N. den Glauben nicht inhaltlich, sondern in seiner geistigen Struktur zu begreifen, um ihn von jeder objektivierenden Aussage zu unterscheiden. - N. zeigte einen eigenständigen Weg zu einer neuen liberalen Theologie und gilt als einer ihrer führenden Vertreter. Seine Liberalität erwies er durch eine ausgeprägte Dialogbereitschaft mit den Denkern in Geschichte und Gegenwart. Verdient machte sich N. um das Erbe Albert Schweitzers, da er begann, dessen theologischen und philosophischen Nachlaß herauszugeben.
Werke: I. Selbständige Veröffentlichungen: Protestantische Dogmatik der Gegenwart und das Problem der biblischen Mythologie. Diss. (Bern), Bern 1949 (Nachdruck: London 1980); Die neue liberale Theologie. Eine Standortbestimmung, Bern 1953; Het nieuwe vrijzinnige Protestantisme, Delft 1956; Glaube. Eine Besinnung über Wesen und Begriff des Glaubens, Bern 1957; Die religiöse Krise des 20. Jahrhunderts. Glaube und Unglaube als Grundformen menschlicher Existenz. Zwei Radiovorträge, Bern/Stuttgart 1967; Christsein in dieser Welt, hrsg. v. Verein für freies Christentum der bernischen Landeskirche, Bern/Stuttgart 1970; Vero e falso nell' escatologia christiana, Catania 1972; Denker des Glaubens, Bd. 1: Martin Buber, Albert Schweitzer, Karl Barth, Rudolf Bultmann, Dietrich Bonhoeffer, Gütersloh 1974, 19844; Denker des Glaubens, Bd. 2: Emanuel Hirsch, Emil Brunner, Paul Tillich, Pierre Teilhard de Chardin, Karl Jaspers, Gütersloh 1974, 19853; Glauben und Denken im Lebenswerk Albert Schweitzers. Zum 100. Geburtstag. Vortrag im Berner Münster am 14.1.1975, hrsg. v. Walter Meierhans, Libingen o.J.; Gott im neuzeitlichen Denken, Bd. 1: Pierre Bayle, Jakob Böhme, Giordano Bruno, Nikolaus Cusanus, René Descartes, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, David Hume, Immanuel Kant, Gottfried Leibniz, Blaise Pascal, Jean-Jacques Rousseau, Friedrich Wilhelm Schelling, Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, Baruch Spinoza, Voltaire, Gütersloh 1977; Gott im neuzeitlichen Denken, Bd.2: Henri Bergson, Ernst Bloch, Martin Buber, Hermann Cohen, Ludwig Feuerbach, Johann Gottlieb Fichte, Georg Friedrich Wilhelm Hegel, Martin Heidegger, Karl Jaspers, Sören Kierkegaard, Karl Marx, Friedrich Nietzsche, Jean Paul Sartre, Max Scheler, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Gütersloh 1977. Zwischen Gott und dem Nichts. Beiträge zum christlichen Existenzverständnis in unserer Zeit, Bern/Stuttgart 1981(im folgenden = Zwischen. Dieser Band enthält neben gedruckten auch eine Auswahl bisher ungedruckter Aufsätze bzw. Vorträge.). II. Aufsätze (in Auswahl): Neuprotestantismus und Bibel, in: Schweizerische Theologische Umschau (=SThU) 17 (1947), 97-107; Zur paulinischen Theologie in der Sicht Rudolf Bultmanns, in: SThU 19 (1949), 73-84; Zum Problem der Toleranz, in: SThU 20 (1950), 41-48 (=Zwischen 100-109); Entmythologisierung des Christentums als Prinzip der liberalen Theologie, in: SThU 20 (1950), 145-159; Die Unwandelbarkeit des Glaubens und seine geschichtlichen Wandlungen in ihrem dialektischen Verhältnis zueinander, in: ThZ 6 (1950), 358-375 (=Zwischen 35-49); Die drei Wurzeln des theologischen Denkens, in: SThU 21 (1951), 97-114 (=Zwischen 13-34); Zur Frage der Entmythologisierung des Neuen Testaments, in: SThU 22 (1952), 109-116; Entmythologisierung als Problem der Sprache, in: SThU 23 (1953), 57-60; Das Verständnis der christlichen Freiheit bei Paulus, in: SThU 24 (1954), 104-112; Auswirkungen der Gedanken Albert Schweitzers in der gegenwärtigen Theologie, in: SThU 25 (1955), 16-23; Das Erbe Kierkegaards, in: SThU 26 (1956), 64-72; Zu Buris »Dogmatik als Selbstverständnis des christlichen Glaubens«, in: SThU 26 (1956), 108-119; Die »mündige Welt« als Aufgabe der Theologie, in: SThU 30 (1960), 102-115; Vom Gebrauch neuer Begriffe in der Theologie, in: Der Spannungsbogen. Festg. für Paul Tillich zum 75. Geburtstag, hrsg. v. Karl Hennig, Stuttgart 1961, 63-85; Das sechste Gebot, in: SThU 31 (1961), 89-103; Albert Schweitzer und das 20. Jahrhundert, in: Albert Schweitzer. Sein Denken und sein Weg, hrsg. v. H.W. Bähr, Tübingen 1962, 568-578 (=Zwischen, 113-124); Theologiegeschichte als Gewissensfrage, in: Wahrheit und Glaube. Festschr. für Emanuel Hirsch zu seinem 75. Geburtstag, hrsg. v. Hayo Gerdes, Itzehoe 1963, 174-192 (=Zwischen 50-66); Jesus von Nazareth nach dem Verständnis der »konsequenten Eschatologie«, in: Jesusbilder in theologischer Sicht, hrsg. v. Karlheinz Deschner, München 1966, 33-67; Die gegenwärtige theologische Lage und der freie Protestantismus, in: SThU 36 (1966), 10-19; Problèmes d'eschatologie, in: RThPh 99 (1966), 145-162; Paul Tillich. Der protestantische Denker, in: Werk und Wirken Paul Tillichs. Ein Gedenkbuch, Stuttgart 1967, 95-105; Strukturwandel in der Kirche, in: Strukturprobleme in der Kirche. Eine Sammlung von Vorträgen, hrsg. v. Synodalrat der ev.-ref. Landeskirche des Kantons Bern, Bern/Stuttgart 1968, 9-25; Die Fragen der heutigen Welt und ihre Bearbeitung in der Theologie Paul Tillichs, in: Evangelische Theologie in den Fraglichkeiten der modernen Welt, hrsg. in Verbindung mit dem Paul-Tillich-Archiv und dem Kreis der Freunde P. Tillichs, Stuttgart 1968, 30-44 (=Zwischen 130-143); Die Bedeutung Martin Werners für die Theologie, in: Weg und Werk Martin Werners. Studien und Erinnerungen, hrsg. v. F.E. Sciuto, Bern/Stuttgart 1968, 123-127; Mensch und Kosmos bei Teilhard de Chardin, in: Alpina 96, 1970, 139-142. 245-251; Gott als Grund und Grenze menschlicher Freiheit, in: Freiheit. Kulturhistorische Vorlesungen, Universität Bern 1971/72, hrsg. von André Mercier, Bern 1973, 97-112; Gedenkrede (vom 27.12.1972 im Berner Münster), in: Humanität und Glaube. Gedenkschrift für Kurt Guggisberg, hrsg. v. U.N. und Rudolf Dellsperger, Bern/Stuttgart 1973, 11-15; Atheismus als Anfrage an die Theologie, in: ders. u.a., Atheismus als Anfrage an die Theologie, Hamburg 1974, 7-22 (=Zwischen 184-198); Ehrfurcht vor dem Leben, in: Zeitwende 45 (1974), 324-333; Zwischen Fortschritt und Bewahrung. Über zwei Triebkräfte in Kirche und Theologie, in: Zeitwende 46 (1975), 26-37 (=Zwischen 67-79); Albert Schweitzers theologische Bedeutung, in: Neue Zürcher Zeitung 196 (11./12.1.1975), Beilage »Literatur und Kunst«, 52 (=Zwischen 125-129); Göttliche Macht und menschliche Freiheit. Göttliche Freiheit und irdische Mächte, in: Freies Christentum 27 (1975), 16-24 (=Zwischen 270-279); Einstellung der Kirche zur Welt, in: Universitas 30 (1975), 379-384; La suite de la philosophie de la civilisation dans les manuscrits posthumes d' Albert Schweitzer, in: RHPhR 56 (1976), 83-96; Gotterfülltes und gottleeres Universum, in: Festg. für Fritz Buri zum 70. Geburtstag, hrsg. v. Bo Reicke, ThZ 33 (1977), 309-317. III. Editionen (Auswahl): Albert Schweitzer, Strassburger Predigten, Bern/München 1966 (jap. Übers.: Shinkyô Shuppansha, Tokyo 1967; norw. Übers.: Ord i takknemlighet, Oslo 1967; frz. Übers.: Vivre, Paris 1970); Albert Schweitzer, Reich Gottes und Christentum, Tübingen 1967 (engl. Übers. The Kingdom of God and Primitive Christianity, London 1968; jap. Übers.: Tokyo 1980); Hans Schär, Was ist Wahrheit?, Zürich/Stuttgart 1970. Bibliographie: Johann Zürcher, Publikationen von Ulrich Neuenschwander, in: Ulrich Neuenschwander, Zwischen Gott und dem Nichts. Beiträge zum christlichen Existenzverständnis in unserer Zeit, Bern/Stuttgart 1981, 289-304. Die Bibliographie umfaßt 170 Publikationen sowie 187 Rezensionen; dazu ergänzend: Ulrich Neuenschwander: Albert Schweitzer als Prediger, in: Berichte aus Lambarene, Basel/Thun 1971, Nr. 33, 19-22.
Lit.: Walter Nigg, Geschichte des religiösen Liberalismus. Entstehung, Blütezeit, Ausklang, Zürich/Leipzig 1937; - Kurt Guggisberg, Der freie Protestantismus, Bern/Leipzig 1942, Bern/Stuttgart 19522; - Salco Herman Spanjaard, De Christusverkondiging aan de buitenkerkelijke mens, Diss. (Groningen), Groningen 1954, 62-86; - Arthur Rich, Theologischer Liberalismus heute, in: ThZ 10 (1954), 289-307; - Max Huber, Jesus Christus als Erlöser in der liberalen Theologie, Winterthur 1956, 199-222; - Walther von Loewenich, Die Bedeutung des Liberalismus in der gegenwärtigen theologischen Situation, SThU 27 (1957), 25-38; - Karl Barth, Möglichkeiten liberaler Theologie heute, SThU 30 (1960), 95-101; - Textbuch zur deutschen systematischen Theologie und ihrer Geschichte vom 16. bis 20. Jh., Bd.2: 1935-1960, begr. v. Richard H. Grützmacher, hrsg. v. Gerhard G. Muras, Bern/Tübingen 1961, 174-204; - Ernst Walter Schmidt, Der Liberalismus, die Theologie der Zukunft, in: SThU 33 (1963), 38-43; - ders., Fehldeutungen in der Darstellung des theologischen Liberalismus, in: SThU 37 (1967), 11-23; - Willy Schwarz, Zum Gedenken an Prof. Dr. theol. Ulrich Neuenschwander (1922-1977), in: Schweizerisches Reformiertes Volksblatt 111 (1977), 142 f; - Walter Hess, Ulrich Neuenschwander, in: Neue Zürcher Zeitung vom 8.7.1977, 35; - Hans Pribnow, Professor Ulrich Neuenschwander zum Gedenken, in: Freies Christentum, Nr. 10 (1977), 187-190; - Gottfried W. Locher, Ulrich Neuenschwander, in: Nekrologe zum Jg. 1978 des Schweizerischen Pfarrer-Kalenders. Beilage zum Pfarrer-Kalender für die reformierte Schweiz 1978, 22-24 (= ders., in: Berner Tagblatt vom 4.7.1977; - ders. in: Der Bund vom 4.7.1977); - Hans-Hinrich-Jensen, Von der »docta ignorata« zur Vision der providentia dei liberalis. Zum Gedenken an Ulrich Neuenschwander, in: ThLZ 108 (1983), 91-100; - Hans Norbert Janowski, Die jungen Theologen entdecken die Urgroßväter, in: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt Nr. 41 (11.Oktober 1991), 16. Johann Zürcher, Zum Gedenken an Ulrich Neuenschwander, in: Schweizerisches Reformiertes Volksblatt 126, Nr.4 (1992), 4 f.
Thomas K. Kuhn
Werkeergänzung:
Ulrich Neuenschwander, Christologie – verantwortet vor den Fragen der Moderne. Mit Beiträgen zu Person und Werk Albert Schweitzers, herausgegeben und eingeleitet von Werner Zager (Albert-Schweitzer-Studien, Bd. 5), Verlag Paul Haupt, Bern/Stuttgart/Wien 1997, XV + 337 S; - Ulrich Neuenschwander, In Freiheit glauben. Ermutigungen zu einem wahrhaftigen Christsein, herausgegeben von Werner Zager, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1999, IX + 161 S.; - Ulrich Neuenschwander / Werner Zager, Gott denken angesichts des Atheismus, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2001, X + 310 S.
Literaturergänzung:
Werner Zager, Art. Neuenschwander, Ulrich, in: Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Bd. 6, Tübingen 2003, Sp. 218; - Werner Zager, Jesus als Vermittler wahren Lebens. Ulrich Neuenschwanders funktionale Christologie – ein Beitrag zu einem entmythologisierten Christentum, in: Bulletin der Internationalen Fritz-Buri-Gesellschaft für Denken und Glauben im Welthorizont, Nr. 9, Basel 2006, S. 19-37; - Werner Zager, Jesus aus Nazareth - Lehrer und Prophet. Auf dem Weg zu einer neuen liberalen Christologie, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn, 2. Aufl. 2008, S. 89-100.
Letzte Änderung: 05.08.2008