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Band XIX (2001)Spalten 1026-1034 Marco Innocenti

NIKOLAUS von Prato (Niccolò da Prato), Provinzialprior der Dominikaner in Rom, Bischof von Spoleto (1299), Kardinal (1303) und Bischof von Ostia (1303), päpstlicher Kardinallegat (1301, 1304, 1312). * um 1250 in Prato (Toscana), † 1.4. 1321 Avignon. Begraben ebenda in der heute zerstörten Klosterkirche der Dominikaner. Merkwürdige und schwerwiegende Persönlichkeit der kirchlich-politischen Geschichte Italiens am Anfang des 14. Jahrhundert, Prälat von imponierendem Äußeren und einnehmendem Wesen, begabtester Kardinal und treuester Freund Papst Benedikts XI., einflußreicher Berater Papst Klemens V., Ghibelline von Geburt und Grundsätzen, später als päpstlicher Legat im Gefolge Kaiser Heinrichs VII. von Luxemburg, den er persönlich in Rom krönte. Nach dem Chronisten Dino Compagni, stammte N. aus niederer Herkunft, obwohl er dem adeligen Geschlecht der Albertini oder der Alberti häufig zugerechnet werde. Auch nach Albertino Mussato war er »plebejo genere«. Von seinen Lehrern wird der besonders durch Francesco Petrarca bekannt gewordene Convenevole da Prato genannt. Mit 16 Jahren tritt N. in den Dominikanerorden ein und zwar in das bekannte Kloster Santa Maria Novella zu Florenz. Nach acht Jahren der ordnungsmäßigen Schulbildung, wurde er auf das Generalstudium der Dominikaner in Paris geschickt. Nach seiner Rückkehr wird N. Lehrer an den Dominikanerklöstern in Florenz und in anderen Orten Mittelitaliens, zuletzt im Konvent Santa Maria sopra Minerva in Rom, wo als Provinzialprior wirkte: »prior provincialis Romanae provinciae Ordinis Praedicatorum«. Am 1.7. 1299 wurde er zum Bischof von Spoleto vom Papst Bonifaz VIII. als Nachfolger des am Anfang 1299 gestorbenen Minoriten Francesco von Spoleto genannt. In der Stadt Umbriens begegnete er zum ersten Mal dem einflußreichen Kardinal Napoleone Orsini († 1342), der als päpstlicher Legat das ghibellinisch gewordene Gubbio mit Hilfe von Perugia und Spoleto zurückerobert hatte. Am 26.2. 1301 wurde er mit einer Gesandtschaftsreise nach England von Bonifaz VIII. beauftragt, um den König Eduard I. durch einen päpstlichen Mahnbrief zum Frieden mit Frankreich aufzufordern. Während seines Aufenthalts in England knüpfte er persönliche Beziehungen mit dem König, die jahrelang nachwirkten. Urkundlich nannte Eduard ihn seinen teuersten Freund. Der Tod Bonifaz' im Oktober 1303 und die schon elf Tage später erfolgte Wahl des früheren Ordensgenerals der Dominikaner Nikolaus Boccasino als Benedikt XI. brachten für N. weitere große Ehren. Der neugewählte Papst ernannte in seinem so kurzen Pontifikat nur drei Ordensbrüder zu Kardinälen: bei der ersten Kreation, am 18.12. 1303, finden wir N., der sich als schätzenswertester Helfer Benedikts auszeichnete. Letzterer betraute N. kurze Zeit nach dessen Aufnahme in das Kardinalkollegium mit der wichtigen Aufgabe, den Frieden in Florenz wieder zu stiften. Er war ghibellinischer Abkunft, bot also keinen Anlaß zur Befürchtung, daß er für irgendeine Partei der rein guelfischen Stadt voreingenommen sein würde. Nach der Vertreibung der Ghibellinen und der Spaltung der Guelfenpartei, hatten sich die nun noch in Florenz gebliebenen schwarzen Guelfen wieder geteilt. Die Führer der Faktionen waren Rosso della Tosa, dessen Anhänger die reich gewordenen Kaufleute waren, und Corso Donati, der sich auf den Adel und das niedrige Volk stützte. Die Straßen waren mit Barrikaden gesperrt, die Häuser befestigt, die Verbindungen in der Stadt aufgehoben. Draußen warteten die weißen Guelfen und die Ghibellinen, die sich inzwischen verbunden hatten, auf die nächste Gelegenheit, in die Stadt zu dringen. Diese Lage fand N. vor, als er am 10.3. 1304 als päpstlicher Legat Florenz betrat, mit Glockengeläute und den größten Feierlichkeiten empfangen. Nach ermutigenden Hoffnungen eine Versöhnung endlich zu erreichen, stürzte N. wieder in äußerste Verzweiflung. Er fürchtete sogar für sein Leben und verließ eilends die Stadt, wo man der Befriedung nach fast hundertjährigem Streit so nahe zu sein geglaubt hatte. Seine Abreise gab das Zeichen zum erneuten Ausbruch des Bürgerkriegs. Am 10.6. ist N. zur Kurie zurückgekehrt. Das Interdikt, das der fliehende Kardinal gegen Florenz, Lucca und sogar gegen seine Vaterstadt Prato verhängte, hatte sehr geringe praktische Wirkungen. Benedikt XI. forderte strengere Bestrafung der Guelfenführer, aber starb plötzlich am 7.7. 1304. Nach einem von ihm selbst geförderten (und gescheiterten) Angriff der Ghibellinen und weißen Guelfen auf Florenz im Sommer 1304, ließ N. die toscanischen Ereignissen beiseite, um wie das ganze Kardinalskollegium an die Wahl des neuen Papstes zu denken. Schon am 10.7. 1304, also zuwider dem Dekret Gregors X., das eine Frist mindestens von zehn Tagen vorschrieb, begann das Konklave in Perugia. Zwei Kardinalsparteien standen sich schroff gegenüber: die eine - überwiegend bestehend aus Nepoten von Bonifaz VIII., wie Francesco Caetani - wollte unbedingtes Festhalten an seiner franzosenfeindlichen Politik; die andere, unter Führung von Napoleone Orsini, erstrebte ein friedliches Verhältnis besonders zu Frankreich. N. erscheint neben Orsini als der Führer der französischen Partei unter den Kardinälen, die unter starker Mitwirkung seiner offenbaren ghibellinischen Politik den Erzbischof von Bordeaux Bertrand de Got als Klemens V. am 5.6. 1305 wählten. Der Chronist Giovanni Villani wies ihm sogar die leitende Stellung im Konklave an. Da Klemens keine Erfahrung in der kurialen Politik hatte, stützte sich der Papst auf die Kardinäle, denen er seine Wahl zu verdanken hatte. Daher stand N. bei dem Gascogner in großer Gunst, wie die zahlreichen Pfründen für ihn selbst und die Unterstützung für seine Nepoten - Lapo Albertini, Kanoniker in Pisa und später Erzbischof von Venedig, Niccolò Albertini, Kanoniker an St. Martin zu Tours, Rainerio Cancellari Erzbischof von Patras - bewiesen. Davidsohn möchte sogar vermuten, daß Napoleone Orsini und N. ihre Wahl Bertrands von gewissen Bedingungen hinsichtlich der italienischen Politik abhängig gemacht hatten, auf jeden Fall war die päpstliche Politik in Italien für die nächste Zeit in der ghibellinischen Richtung festgelegt. Nach der Ermordung Albrechts I. von Habsburg am 1.5. 1308, bemühte sich der König Frankreichs Philipp IV. der Schöne um die Kandidatur seines Bruders Karl von Valois für den deutschen Thron. Diese Eventualität war den Ghibellinen - wie N. - ein Dorn im Auge. N. benutzte seine mächtige Stellung, um den Papst in seinem Widerstand gegen Philipps IV. Werbungen zu bestärken. Er empfiehlt den Grafen Heinrich von Luxemburg, der in N. den wichtigsten Förderer von nun an fand, als geeignetsten Kandidaten für den Kaiserthron. Diese Wahl befriedigte seine politischen Projekte. Schon damals dachte N. höchstwahrscheinlich an die Möglichkeit eines Italienzugs Heinrichs, an eine Förderung seiner ghibellinischen Pläne, vielleicht im Einverständnis mit den italienischen »Parteigenossen«. Dem Prateser war der neue König nicht unbekannt. Schon 1305 hatte der Luxemburger der Weihe Klemens' V. zu Lyon beigewohnt und der Einfluß des Kardinals erwies sich wohl entscheidend zur Erlangung des päpstlichen Dispenses für die Erhebung des zu jungen Balduin von Luxemburg, des Bruders Heinrichs, in die erzbischöfliche Würde zu Trier. Im Sommer 1311 bat Heinrich den Papst durch Gesandte um die Festsetzung des Krönungstermins in Rom und um die Entsendung von Legaten, die die Krönung vollziehen könnten. Sie waren Arnaud de Falguières Kardinalbischof von Sabina als Führer der Legation, Leonardo Kardinalbischof von Albano (er starb aber bei Lucca am 7.12. 1311), Francesco Orsini Kardinaldiakon der St. Lucia in Silice (gestorben Anfang 1312), Luca Fieschi († 1336) Kardinaldiakon der St. Maria in via lata und N., den der deutsche König schon als seinen treuesten Vertreter an der Kurie und seinen ersten Ratgeber anläßlich der späteren Romfahrt betrachtete und der die Gesandten Heinrichs in Avignon stets und kräftig unterstützte. Die Kardinallegaten erreichten das königlichen Heer während der Belagerung von Brescia (19.5. bis 18.9. 1311). Bei der Ankunft in Rom am 7.5. 1312 konnte man zwar das Kapitolium, keineswegs aber den Vatikan unter königliche Gewalt bringen. Da die Hoffnung eines siegreichen Durchbruches nach St. Peter und auf die Kaiserkrönung an der heiligen Stätte vernichtet war, fand die Zeremonie am 29.6. 1312 im Lateran statt, obwohl die päpstlichen Gesandten sie in der St. Peterskirche abspielen wollten. Aber der Papst hatte schon den Kardinälen erlaubt, Heinrich, allerorts er wünschte, zu krönen (»ut darent coronam praedicto Henrico ubique vellet«). In der Basilika San Giovanni im Lateran salbte N. den Kaiser und zelebrierte die feierliche Messe, dann setzten die drei Kardinäle die Krone auf Heinrichs Haupt und übergaben ihm Zepter und Reichsapfel. Während der Kaiser noch bis 20.8. in Rom blieb, konspirierte N. wieder mit den Ghibellinen und bewegte sich mit 400 Rittern nach Arezzo, um dort die Ghibellinen zu sammeln, Florenz zu erobern und eine beherrschende Stellung in Mittelitalien einzunehmen. Aber viel konnte der Kardinal nicht mehr erreichen. Unerwartet starb Heinrich am 24.8. 1313. Der Traum einer Erfüllung der ghibellinischen Hoffnungen war verschwunden. Nach dem Scheitern der Romfahrt hatte N. in Italien nichts mehr zu tun und kehrte nach Avignon zurück. Im April 1314 starb auch Klemens V., aber im Konklave, aus dem der durchaus guelfisch orientierte Johann XXII. hervorgehen sollte, und unter dessen Regierung nahm der Ghibellinenkardinal N. nicht mehr die gleiche hervorragende Stellung ein, wie unter dem Vorgänger. Die Führung der italienischen Kardinäle hatte nun Napoleone Orsini. In seinen letzten Lebensjahren scheint N. sich ganz von den Geschäften zurückgezogen zu haben. Er starb am 1.4. 1321 in der Klosterkirche der Dominikaner zu Avignon, wo er auch begraben wurde.

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Marco Innocenti

Letzte Änderung: 09.11.2001