NIKOLAUS von Verdun, Lothringischer Goldschmied und Emailmaler,
* um 1130 in Verdun, + nach 1205 vermutlich in Tournai. -
Künstlerisch nachweisbar zwischen 1181 und 1205, bildet sein Œuvre
den Höhepunkt der Goldschmiedekunst im Rhein-Maas-Gebiet um 1200.
Seine Tätigkeit als wandelnder Goldschmied erstreckt sich auf das
Donau-Rhein- und Maasgebiet und den Hennegau. Seine letzte Werkstatt
muß in Tournai gestanden sein, da nach den Bürgerlisten der Stadt
Tournai 1217 die Aufnahme eines Glasmalers Nicolaus, »Sohn des Bürgers
Nicolaus«, verzeichnet ist. - Hauptwerk ist der Altar im Augustinerchorherrenstift
Klosterneuburg b. Wien (sog. Klosterneuburger oder Verduner Altar),
der signiert und 1181 datiert ist: [...] QVOD NICOLAVS OPVS VIRDVNENSIS
FABRICAVIT. Dabei handelt es sich um das bedeutendste und besterhaltene
vollständige Werk der mittelalterlichen Emailkunst, das in drei übereinander
gestellten Reihen von je 15 Grubenschmelzplatten eine typologische
Gegenüberstellung von Szenen des Alten und Neuen Testamentes beinhaltet.
Ursprünglich als Ambo-(Kanzel)verkleidung konzipiert, wurde das Werk
1331 durch Hinzufügung von 6 weiteren Platten und durch 4 Temperagemälde
der Rückseite, die zu den ältesten Beispielen der Tafelmalerei nördlich
der Alpen gehören, zum Altarretabel umgestaltet. Die typologischen
Szenen entsprechen einem geschichtstheologischen Aufbau, wie er dem
Mittelalter allgemein bekannt war, verfügen aber jetzt über eine strenge
Systematik, die die ganze Heilsgeschichte in der typologischen Dreistufigkeit
darstellt: die oberste Reihe umfaßt die Szenen vor dem Gesetz durch
Moses - ante legem -, die untere Reihe unter dem Gesetz - sub lege
- und die mittlere Reihe die Szenen aus dem Neuen Testament - sub
gratia. Auf den gleichmäßig blauen Hintergründen entfaltet sich eine
reiche Farbskala mit vielfältigen Abstufungen und Übergängen. Hinzu
kommt ein ausgesprochen differenzierter, klarer und fließender Linienstil,
der dem Flächencharakter der Figuren eine reliefartige Struktur und
damit eine bemerkenswerte Erfassung des Körperlichen gibt. In der
schöpferischen Umsetzung antiker, byzantinischer, maasländischer und
rheinischer Formvorstellungen wirkt N. v. V. entscheidend auf die
Ausbildung der hochgotischen Plastik ein.
Werke: Augustinerchorherrenstift Klosterneuburg b. Wien,
Klosterneuburger (Verduner) Altar, 1181; Siegburg, Benediktinerabtei
St. Michael, Annoschrein (Entwurf und Teile der Ausführung), um 1183;
Köln, Dom, Dreikönigsschrein (Langseiten), zwischen 1181 und 1200;
Tournai, Notre-Dame, Marienschrein, 1205.
Lit.: O. v. Falke, Der Dreikönigsschrein des N. v. V im
Kölner Domschatz, Mönchen-Gladbach 1911; - V. O. Ludwig, Der Verduner
Altar, Wien 1929; - H. Schnitzler, Der Dreikönigsschrein, Bonn
1939; - A. Weisgerber, Studien zu N. v. V., 1940; - Hans R.
Hahnloser, N. de V., la Reconstruction de son Ambon de Klosterneuburg
et sa Place dans l'Histoire de l'Art, in: Comptes Rendus de l'Académie
des Inscriptions et Belles-Lettres, Paris 1952, 448 ff.; - Katalog
der Ausstellung »Der Meister des Dreikönigsschreins, Köln 1964; -
F. Röhrig, Der Verduner Altar, Wien-München 31965; - V.
Geismeier, N. v. V.; - Überlieferung und Wirklichkeitserlebnis,
in: Wiener Jhb. f. Kunstgeschichte, 25, Wien 1972, 29 ff.; -
E. Doberer, Die ehem. Kanzelbrüstung des N. v. V. im Augustiner-Chorherren-Stift
Klosterneuburg, in Zs. d Dt. Ver. f. Kstwiss., Bd. XXXI, Berlin 1977, 3 ff.;
- P. C. Clausen, N. v. V. Über Antiken und Naturstudium am Dreikönigsschrein,
in: Ornamenta Ecclesiae - Kunst und Künstler der Romanik, Köln 1985,
Bd. 2, 447 ff.
Norbert Werner
Letzte Änderung: 09.04.2011