NOAILLES, Louis Antoine de, Cardinalerzbischof von Paris, * 27.5.
1651 auf dem Schloß Peynières (Cros-de-Montvert/Cantal), dem Wohnsitz
seiner Eltern, des Grafen Anne-André de N. und seiner Gemahlin Louise,
+ 4.5. 1729 in Paris. - N. verbrachte seine Studienzeit
gemeinsan mit Fénelon im Collège du Plessis und promovierte, nach
bestandenem Lic.theol. am 14.3. 1676 zum Doktor der Theologie an der
Sorbonne. Seine vornehme Herkunft und seine angenehmen Tugenden bereiteten
ihm einen schnellen Aufstieg: mit nur 28 Jahren ernannte ihn Ludwig
XIV. zum Bischof von Cahors und am 18. Juni 1679 wurde ihm durch François
de Harlay, dem Erzbischof von Paris, in Gegenwart von 20 Bischöfen
die höchste Weihe erteilt. Doch noch bevor der junge Prälat seine
Diözese besuchen konnte, hatte ihm der König bereits das Bistum Châlons-sur-Marne
übertragen (21.6. 1680). Damit war N. zum pair écclésiastique de France
avanciert. Seine fromme, umsichtige Hiertensorge in diesem Sprengel
und seine sich bereits damals abzeichnende Aversion gegen die Jesuiten
machten ihn in den Augen der Mme. de Maintenon zum geeigneten Nachfolger
des 1695 verstorbenen Harlay. Durch ihren Einfluß und gegen den Willen
des P. de La Chaisse ernannte Ludwig XIV. N. im August 1695 zum Erzbischof
von Paris. Ebenfalls auf Geheiß des Königs creierte Innozenz XII.
N. am 21.6. 1700 zum Cardinalpriester mit der Titelkirche S. Maria
sopra Minerva, jedoch nahm N. nur am Konklave von 1700 teil, da 1721
und 1724 sein Verhältnis zu Rom nicht das beste war. Dies lag vor
allem in der unentschiedenen Haltung N.s zu den dominierenden Fragen
der Zeit, Quietismus und Jansenismus, sowie den gallikanischen Freiheiten.
1682 hatte N. als Bischof von Châlons an der berühmten Klerusversammlung
teilgenommen und die Position des Königs vertreten. Ebenfalls noch
in Châlons hatte er die `Reflexions morales' Quenels als mit dem Glauben
übereinstimmend approbiert. 1699 jedoch zensierte er auf den Rat der
Professoren der Sor-bonne und Bossuets hin die `Exposé de la foi'
des Abbé Barcos. Aufgrund dieses offensichtlichen Widerspruchs erhob
sich in Paris ein offener Glaubensstreit und es zirkulierten satirische
Blätter mit der Frage, welchem N. denn zu glauben sei. Die Frage nach
`foi divine, oder `foi humaine' ging schließlich bis nach Rom, wo
Clemens XI. am 15.7. 1705 die Bulle `Vineam Domini' erließ, wonach
das factum fidei ohne subtile Unterscheidungen zu glauben war. Obwohl
N. der Bulle eine für den Papst eher beleidigende Restriktionsklausel
beifügen ließ, bestand er doch auf ihrer Annahme in seinem Sprengel.
Als der Konvent von Port-Royal-des-Champs sich weigerte, war dies
der Anfang seiner Katastrophe. Entgegen anderen Versicherungen an
das Kloster stimmte N. der Zerstörung von P.R. am 22.1. 1709 zu. Als
die Jesuiten schließlich die gänzliche Verurteilung des Jansenismus
- mit Unterstützung des Königs - in der Bulle `Unigenitus' vom 8.9.
1713 erreichten, bezog N. eindeutig Stellung und lehnte diese ab,
auch als sie 1713 vom Parlament als Staatsgesetz registriert worden
war. Trotz aller Widrigkeiten, die ihm nun entstanden (Gefahr der
Absetzung, Verbannung) blieb N. unnachgiebig. Die Vermittlungen Plilippe
d'Orléans, des Regenten, schlugen ebenso fehl wie die Bemühungen des
frz. Botschafters in Rom, Lafitau. Erst im Angesicht des nahen Todes
entschloß N. sich am 11.10. 1728 auf den Rat Fleurys hin zur Annahme
der Bulle und der Verurteilung Quesnels. Ebenso standhaft war N. aber
in der Frage des Qiuetismus: über den `Maximes des saints' entfremdete
er sich seinem Studienfreund Fénélon und vertrat die Linie Bossuets.
- Als Oberhirte war N. ein umsichtiger, tatkräftiger und frommer
Bischof und ein freundlicher und integrer Mensch. Im Schreckenswinter
1709 verkaufte er all seine Schmuck- und Silberstücke und verteilte
den Erlös unter die Armen von Paris. 1696 stiftete er ein Priesterseminar,
1697 hielt er eine Diözesansynode ab. Auch richtete er die Abhaltung
von öffentlichen Disputationen über Moral- und Glaubensfragen ein.
Auf liturgischem Gebiet leitete er die Neuordnung des Breviers und
schrieb selbst Kommentare zu den einzelnen Tagzeiten. Als echtem Barockfürsten
verdankte ihm Paris die Neugestaltung des Innenraumes von Nôtre-Dame
und das Palais Episcopal. - N. war ohne Zweifel eine der herausragenden
Gestalten der Kirche des Ancien Régime. Als gutem Bischof und Seelsorger
fehlte ihm vielleicht manchmal die letzte theologische Durchdringung
der anstehenden Fragen, so daß er oft auf das Urteil anderer angewiesen
war, jedoch kamen die Zeitumstände erschwerend hinzu. U.U. war er
seiner politischen Aufgabe nicht immer ganz gewachsen (Chapeau), der
ihm häufig gemachte Vorwurf der mangelnden Charakterstärke ist jedenfalls
zu hart. - Das Grab N.s befindet sich vor der Chapelle de la Sainte
Vièrge in Nôtre Dame de Paris.
Werke: aus der unübersehbaren Zahl der Mandements seien
hier nur die wichtigsten herausgenommen: Declaratio... Ludovici Antonii
de Noailles archiep. parisiensis, Jacobi Benigni Bossuet... circa
librum... Explications des Maximes des saints... par messire François
de Salignac de Fénelon, Paris 1697; Status synodaux publiez dans le
synode tenu à Paris... par Monseigneur l'Archévèque de Paris, 1697;
Instruction pastorale de monseigneur l'archevesque de Paris sur la
perfection chrétienne et sur la vie intérieure, Paris 21698;
Lettre de son éminence monseigneur le cardinal de N. aux réligieuses
de Port-Royal des Champs, qui ne sont point encore soumises..., Paris
1711; Lettre du card. de N. au pape Clément XI., 1714; Mandement...
pour ordonner des prières au sujet des calamités publiques, Paris
1720; Actes, terres et discours..., qui montrent l'opposition qui
se trouve entre les sentiments... qu'il a conservez jusqu'à la mort,
et le Mandement d'acceptation de la bulle Unigenitus... qui a paru
sous le nom de son éminence (Pamphletsammlung), Paris 1729 - zu Unigenitus:
Première Instruction pastorale (1719) und Séconde Instruction (1729)
zu den liturgischen Neuerungen: Ceremoniale Parisiense c. 1710.
Lit.: Gallia Christiana vol. I (Paris), 1725, 153 und
vol. VII (1744), 188-191; - Nécrologe des plus célèbres defenseurs
et confesseurs de la vérité au XVIIle siècle I, 1760, 132-134;
- Dictionnaire historique des auteurs écclésiastiques III, 1767,
232sq.; - Honoré Fisquet, La France pontificale I, 1864; -
Victor d'Avenel, Les évèques et archévèques de Paris depuis S. Denys
jusqu'à nos jours I, 1878; - Eduard de Barthélemy Le Cardinal
de N., évèque de Châlons, archévèque de Paris d'après sa correspondance
inédite, 1886; - Armand Jean, Les évèques et les archévèques de
France depuis 1682 jusqu'à 1801, 1891; - Albert le Roy, La France
et Rome de 1700 à 1715, 1892; - Pierre Blet, Les assamblées du
clergé et Louis XIV de 1670 à 1693 (Diss. Rom) 1972; - Louis Cognet,
Le Jansenisme, 1975; - René Taveneaux, Le catholicisme de la France
classique, 2 vols, 1980; - Léon Mention, Documents rélatifs aux
rapports du clergé avec la royauté de 1682 à 1789, (Ndr.) 1983: -
Dict. Théol. Cath X1/1 (1931), 678-681; - Nouv. Biogr. Gén. XXXVIII
(1968), 132-138; - Catholicisme IX (1982), 1296-1298; - Hier.Cath.
V, 150 f., 307.