|
Verlag Traugott Bautz
|
![]() |
|
|
||||
|
|
||||
|
|
||||
|
|
NONNOS von Panopolis (Nonnus Panopolitanus), griechischer Dichter des 5. Jh. n. Chr., aus Panopolis in der Thebais (jetzt Achmim in Oberägypten). - N. studierte wahrscheinlich in Berytus und lebte dann in Alexandria, wo er seine »Dionysiaka« schrieb. Ort und Zeit seines Todes sind unbekannt. Der Name ist ägypt. Ursprungs und bedeutet »der Reine«, »Heilige« (vgl. dt. »Nonne«). - In seinen Dichtungen bildete N. den Hexameter zu strengster Gesetzmäßigkeit aus und erstrebte höchste stilistische Feinheit. Sein Epos »Dionysiakß« ist die größte erhaltene Erzähldichtung der antiken griechischen Literatur; es umfaßt 48 Bücher, ebensoviel wie Ilias und Odyssee zusammen. Das Werk stellt den Mythos des Dionysos von der Vorgeschichte und Geburt bis zu seiner Apotheose dar. Das Hauptstück bildet der nach dem Vorbild der Ilias gestaltete Feldzug des Dionysos gegen die Inder, ein verhältnismäßig junger Bestandteil des dionysischen Sagenkreises, der sich erst in hellenistischer Zeit unter dem Einfluß des Alexanderzuges herausgebildet hatte; bei N. macht Zeus dem Dionysos die Unterwerfung der Inder zur Bedingung für seine Aufnahme in den Olymp. Dies drückt den Grundgedanken des Werkes aus, daß der Mensch die Seligkeit nur durch Mühe erlangen könne. Deutlich kommt auch der Einfluß der Astrologie zur Geltung. N. hat entsprechend seiner Ankündigung im Proömium, daß er ein »buntes Lied« singen wolle, in sein Epos viele Episoden eingelegt. Er sucht die Aufmerksamkeit des Lesers durch wirkungsvolle Darstellung der Einzelheiten zu erregen; auch erotische Stellen fehlen nicht, so in der Erzählung von der Najade Nikaia die Verse 16, 34-38. Ferner besitzen wir von N. die »Metabolé (d.h. poetische Paraphrase) des Johannesevangeliums«. Das Werk zeigt stilistische Berührungen mit Gregor von Nazianz, aber auch Einflüsse des Monophysitismus. Als Beispiel für die Art der Paraphrase sei die Wiedergabe von Joh 1, 1 angeführt: »Zeitlos und unfaßbar war in geheimnisvollem Anfang das Wort, eines gleichaltrigen Erzeugers gleichwesentlicher Sohn ohne Mutter; und das Wort, dem durch sich selbst existierenden Gott entsprossen als Licht vom Licht, war untrennbar vom Vater, mit ihm thronend auf ewigem Hochsitz; und Gott von hoher Abkunft war das Wort.« Für die theologische Richtung des N. ist es kennzeichend, daß er den Satz von der Rettung am Ende von Joh 4,22 nicht mitparaphrasiert hat. Die früher und gelegentlich noch jetzt vertretene Ansicht, N. sei erst später Christ geworden und habe die »Dionysiaka« vor seinem Übertritt zum Christentum geschrieben, ist verfehlt. Schon in dem Dionysosepos finden sich christliche Anklänge; umgekehrt werden epische Formeln und antike Bilder, besonders Götternamen aus den »Dionysiaka«, auch in der »Metabole« verwendet. Auch hat Golega (s.u., Lit.) in der Paraphrase des Johannesevangeliums Einflüsse der hellenistischen Aion-Vorstellung nachgewiesen. N. nennt in diesem Werk Maria gern »Gottesgebärerin«; aber er verwendet denselben Ausdruck auch im Dionysosepos zur Bezeichnung der Göttin Rhea. Es kommen also in beiden Werken nicht verschiedene religiöse Überzeugungen zum Ausdruck; vielmehr stellt das Dionysosepos nur eine literarische Wiederbelebung der alten Mythologie dar, während die Paraphrase des Johannesevangeliums als ein Produkt des Bestrebens des Dichters, seine Verskunst auch an einem christlichen Thema zu zeigen, anzusehen ist. - Die geistige Einstellung des N. erlaubte es ihm, auf der Grundlage des Glaubens an eine universale Gottheit sowohl antik-mythologische als auch christliche Stoffe poetisch zu gestalten.
Werke: Dionysiaka: Nonni Panopolitani Dionysiaca, recensuit Arthurus Ludwich, 2 Bde., b. Teubner, Leipzig 1909 u. 1911; dass., recensuit Rudolf Keydell, 2 Bde., b. Weidmann, Berlin 1959; Metabole: MPG 43, 749-942; Nonni Panopolitani Paraphrasis Sti. Evangelii Joannei, ed. Augustinus Scheindler, b. Teubner, Leipzig 1881; Hilfsmittel: Werner Peek, Lexikon z. den Dionysiaka des N. (= Alpha-Omega 3), 4 Lfgn., Hildesheim 1968-1975; Überss.: N., Dionysiaka, verdt. v. Thassilo v. Scheffer, 2 Bde., München 1929 u. 1933, Wiesbaden 19552; N., Werke in 2 Bdn., aus dem Griech. übertr. v. Dietrich Ebener (in: Bibl. der Antike, griech. R.), Berlin 1985.
Lit.: (Ausw. bes. unter Berücks. des rel.-hist. Gesichtspunkts): Radulph Janssen, Das Joh-Ev. nach der Paraphrase des Nonnus Panopolitanus (= TU Bd. 23, H. 4), 1903; - Joseph Golega, Stud. über die Ev.-Dichtung des N. v. P. (= Breslauer Stud. z. hist. Theol. 15), Breslau 1930; - Ders., Zum Text der Joh-Metabole des N., in: ByZ 59, 1966, 9-36; - Viktor Stegemann, Astrologie u. Universalgesch.: Stud. u. Interpretationen z. den Dionysiaka des N. v. P. (= Stoicheia. Stud. z. Gesch. des antiken Weltbildes u. der griech. Wiss. 9), Leipzig 1930; - Otto Weinreich, Zu Virgils 4. Ekloge, Rhianos u. N., in: Hermes 67, 1932, 359-363; - Hans Bogner, Die Rel. des N. v. P., in: Philologus 89, 1934, 320-333; - Hans Gerstinger, Zur Frage der Komposition, literarischen Form u. Tendenz der Dionysiaka des N. v. P., in: Wiener Stud. 61-62, 1943-1947, 71-87; - Ilona Opelt, Alliteration im Griech.? Unterss. z. Dichtersprache des N. v. P., in: Glotta 27, 1958, 205-232; - V. Bulla, Le Dionisiache e l'ermetismo, Catania 1964; - Gennaro d'lppolito, Studi Nonniani, Palermo 1964; - A. Treloar, Kυκλάδι σειρῇ, in: Glotta 50, 1972, 24-28; - Hans Herter, Ovidianum quintum: das Diluvium b. Ovid u. Nonnos, in: Illinois Classical studies 6, Urbana/Illinois 1981, 318-355; - Paola Volpe Cacciatore, Sulla `Parafrasi di Giovanni' di Nonno di Panopoli, in: Studi bizantini e neogreci, hrsg. v. Pietro L. Leone, Galatina 1983, 301-311; - Daria Gigli Piccardi, Dioniso e Gesù Cristo in Nonno, in: Studi in onore di Adelmo Barigazzi I, Rom 1984, 249-256; - Kurt Smolak, Beiträge z. Erklärung der Metabole des N., in: Jb. der östr. Byzantinistik 34, 1984, 1-14; - Simonetta Feraboli, Astrologica in Nonno, in: Corolla Londiniensis 4, Amsterdam 1985, 43-55; - Enrico Livrea, Nonno interprete di Ev. Jo. 18, 4-7, in: Prometheus 11, Florenz 1985, 183-188; - Domenico Accorinti, Una crux nella Parafrasi nonniana, in: Prometheus 12, 1986, 182-188; - P. Chuvin, N. de P. entre paganisme et christianisme, in: Bulletin de l'Association Guillaume Budé, Paris 1986, 387-396; - Pauly-Wissowa XVII, 904-920; - KI. Pauly IV, 154 f.; - Stählin 965-971; - Krumbacher 10. 655; - RGG IV, 1510; - ODCC 964; - RAC V, 1001-1006 (im Art. Epos); - LThK VII, 1028; - DThC XI, 793-795; - NewCathEnc X, 492; - RE XIV, 156-159; - Bardenhewer IV, 122-124; - Altaner 283.
Adolf Lumpe
Werkeergänzung:
2003
Parafrasi del Vangelo di San Giovanni. Canto Quinto. Introd., ed. critica, trad. e commento a cura di G. Agosti. Firenze 2003.
Literaturergänzung:
2005
Claudio De Stefani, Un'emendazione a N. (Dion. 38,324), in: Orpheus N.S. 26.2005, S. 86-88; -
2008
Arianna Rotondo, La voce (phone) divina nella "Parafrasi" di N. di P., in: Adamantius 14.2008, S. 287-310; - Sebastian Matzner, Christianizing the epic - epicizing christianity: N.' paraphrasis and the Old-Saxon Heliand in a comparative perspective. A study in the poetics of acculturation, in: Mill 5.2008, S. 111-145; - Fritz Fajen ; Manfred Wacht, Concordantia Nonni Dionysiacorum = Konkordanz zu den Dionysiaka d. Nonnos. 2 Bde. Hildesheim 2008; - Fritz Fajen ; Manfred Wacht, Concordantia Nonni Dionysiacorum = Konkordanz zu den Dionysiaka d. Nonnos. Bd. 3-5. Hildesheim 2008; -
2009
Thomas A. Schmitz, N. and his tradition, in: Reading the Bible intertextually. Waco, Tex. 2009, S. 171-189.
Letzte Änderung: 31.12.2009