NORIS, Enrico, OESA, bedeutender Historiker, führender Vertreter der
sog. Jüngeren Augustinerschule, Kardinal, * 29.8. 1631 in Verona,
† 23.2. 1704 in Rom. - Mit fünfzehn Jahren kam er an das
Jesuitenkolleg in Rimini, um Rhetorik und Logik zu studieren. Schon
hier erwachte in ihm die Liebe zu den Kirchenvätern, vor allem zu
Augustinus. 1647 trat er in Rimini in den Augustinerorden ein. 1650-54
studierte er am Generalstudium des Ordens in Rom Philosophie und Theologie.
Nach bestandenem Lektoratsexamen und zweijährigen philosophischen
Vorlesungen wirkte er als Studienregens 1658-62 in Pesaro, 1662-63
in Perugia, - seit 1663 Magister der Theologie - 1664-66 in Florenz,
1666-71 in Padua und 1671-72 in Rom. 1673 erschien in Padua sein dreiteiliges
Hauptwerk »Historia Pelagiana«, »Dissertatio de Synodo V. oecumenica«
und »Vindiciae Augustinianae«, eine umfassende Darlegung und Verteidigung
der Lehre Augustins in der Auseinandersetzung mit Pelagius und seinen
Schülern. Gegen den Vorwurf des Bajanismus und Jansenismus, der gegen
den Verfasser mehrfach erhoben wurde, konnte er sich stets mit Erfolg
verteidigen. Auch eine Überprüfung seines Werkes durch die Römische
Inquisition 1676 und eine nochmalige Untersuchung durch eine päpstliche
Theologenkommission 1694 endeten zu seinen Gunsten. 1674-92 wirkte
N. als Professor für Kirchengeschichte an der Universität von Pisa.
Es waren Jahre, wo er sich ziemlich ungestört kirchen- und profangeschichtlichen
Studien widmete. Bedeutsam sind vor allem seine Veröffentlichungen
auf dem Gebiet der Numismatik, Chronologie und Archäologie. 1692 wurde
er zum Kustos der Bibliothek Vaticana ernannt und 1695 zum Kardinal
erhoben. N. gehörte ohne Zweifel zu den großen Gelehrten seiner Zeit,
begabt mit scharfem Verstand und unermüdlichem Fleiß, im Umgang liebenswürdig
und in den ihm übertragenen Aufgaben sehr gewissenhaft. Übrigens sind
auch nach seinem Tod die Angriffe auf sein Hauptwerk nicht verstummt.
1747 wurde es sogar auf den Index der spanischen Inquisition gesetzt,
wogegen der damalige Papst Benedikt XIV. sofort Einspruch erhob.
Werke: Opera omnia I-IV, Verona 1729-32, V (Briefe), Mantua
1741 und I-III (theologische Werke) Bassano 1769. - Die einzelnen
Drucke der Werke bei Rojo (s. unten) und Wernicke (s. unten S. XVIII
f).
Lit.: Für die ältere Literatur siehe Fernando Rojo, Ensayo
bibliogrßfico de Noris..., in: Anal.Aug. 26,1963, 296-330; - Agustín
Martínez, Introduccion en la teología del card. E.N., 1946; -
Agostino Trapè, De gratuitate ordinis supernaturalis apud theologos
augustinenses, in: Anal.Aug. 21, 1950, 217-265; - Winfried Bocxe,
Introduction to the teaching of the Italian Augustinians of the 18th
century on the nature of actual grace, Löwen 1958; - Michael Wernicke,
Das Verhältnis von Natur und Gnade in der Theologie des E.N., in:
Cor Unum 29, 1971, 71-84; - ders., Kardinal E.N. und seine Verteidigung
Augustins, 1973; - ders., Die Belagerung Wiens im Spiegel einiger
Briefe (des E.N.), in: Anal.Aug. 47, 1984, 137-215; - Julius Gross,
Geschichte des Erbsündendogmas IV, 1972, 165-172; - Benigno A.L.
van Luijk, L'ordine agostiniano..., 1973, passim; - J.Bignani-Odier,
La Bibliothèque vaticane..., 1973, passim; - Daniel Simón Rey,
Aportación a la historia del Jansenismo español, in: Burgense 28,1987,
449-82, passim; - Encicl. Ital. XXIV, 925; - DThC XI,796-802;
- LThK 2VII, 1036; - Encicl. Catt. VIII, 1935 f.;
- NewCathEnc X, 496; - Catholicisme IX, 1378-80.
Adolar Zumkeller
Werkeergänzung:
Nove lettere inedite di Frà E.N. A cura di Gian L. Bruzzone, in: AnAug 62.1999, S. 179-211.
Literaturergänzung:
Michael K. Wernicke, Die Belagerung Wiens im Spiegel einiger Briefe aus Florenz, die von E.N. an Diodato Nuzzi geschrieben worden sind, in: AnAug 47.1984, S. 137-215.
Letzte Änderung: 09.04.2011